junge Welt vom 28.04.1998 - Schwarzbuch contra "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung"
livre noir du communisme

junge Welt vom 28.04.1998

Schwarzbuch contra "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung"

Ex-Maoist Stephane Courtois ortet Gegner seines Machwerkes

Man weiß: Die größten Feinde der Elche waren früher selber welche. Einer dieser Elche ist Herr Stephane Courtois, als Maoist ehemals überzeugter Stalin-Fan, bekanntgeworden aber erst als Autor der Einleitung zum berüchtigten "Schwarzbuch des Komunismus".

Seinerzeit hatte L. D. Trotzki, der als Drahtzieher aller konterrevolutionären Übeltaten für die Stalinschen Prozesse der 30er Jahre herhalten mußte und der sehr wohl die im Namen des Kommunismus begangenen Verbrechen kannte und einem von diesen schließlich selbst zum Opfer fiel, den Begriff der "stalinistischen Schule der Fälschung" geprägt. Das "Amalgam" war die bevorzugte Technik dieser Schule. Es bestand darin, daß einem Korn Wahrheit ein ganzer Sack voll Lügen und Fälschungen hinzugefügt wurde. Diese Technik ist auch die des Herrn Courtois, dessen Gleichsetzung von Stalinismus und Kommunismus und die damit einhergehende Zusammenzählerei von Äpfeln und Birnen nur deshalb beim Publikum leicht durchgeht, weil es an dieses Amalgan seit langem gewöhnt wurde.

Aber was machen all diese Ungereimtheiten schon aus, wenn die einzige Kritik am Buch vermeintlich von Linksextremisten und Juden stammt? Das jedenfalls ist die Auffassung von Stephane Courtois, wie er sie in einem Interview in der Zeitschrift "Diagonales Est-Ouest" (Nr. 51, janvier-fevrier 1998) darlegt. Dort heißt es auf die Frage: Wie analysieren Sie insgesamt die Kritik, die Ihre Arbeit erregt hat? "Was die Kritiken an meinem Einleitungskapitel betrifft, so stammen sie im wesentlichen von zwei Kreisen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Interesse daran haben, daß man Nazismus und Kommunismus miteinander vergleicht: auf der einen Seite die extreme Linke im weiten Sinne (PCF, L.C.R. [Trotzkisten - L.A.H.] usw.), die seit Jahrzehnten die revolutionäre Idee hinter dem Antifaschismus versteckt hat und es deshalb nicht erträgt, daß man aufzeigen kann, daß die kommunistische Revolution Verbrechen gegen die Menschheit begangen hat; auf der anderen Seite gibt es einen Teil der jüdischen Gemeinschaft, die es nicht akzeptiert, den moralischen (und oft politischen) Gewinn eines >Monopols< des Verbrechens gegen die Menschheit, wie es durch Auschwitz symbolisiert wird, zu verlieren. Die einen wie die anderen wehren sich deshalb mit allen Mitteln dagegen, daß man die Ähnlichkeiten zwischen Hitler und Stalin unterstreicht."

Daß es Courtois keineswegs nur um Stalin geht, hatte er allerdings schon zuvor bekräftigt. Nicht nur hatte er Lenin als den Erfinder praktisch aller Methoden der Stalinschen Zeit ausgemacht; auch bezüglich Marx konnte er sich zu nichts anderem durchringen als festzustellen, daß er "sehr viel zurückhaltender" dabei sei, "eine direkte Verbindung zwischen Marx und Lenin/Stalin" herzustellen.

Zufällig etwa gleichzeitig mit dem "Livre Noir" war in Frankreich bei Fayard ein neues Buch eines bekannten "Linksextremisten", des Historikers Pierre Brou' "L'Histoire de L'Internationale Communiste", erschienen, das deshalb von einem Teil der dortigen Kritik sogleich als eine Art Gegenwerk aufgenommen wurde. In der gleichen Ausgabe der erwähnten Zeitschrift wird P. Brou interviewt. Über das "Schwarzbuch" sagt er: "Ich habe ohne Vergnügen die traditionellen Methoden der Fälscher gefunden. Jeder weiß, daß man nicht Möhren und Kohl addieren kann, aber man kann sie durcheinanderrühren und eine Suppe daraus kochen; genau das haben sie gemacht. Aber ihre Suppe schmeckt >zum Kotzen<. Was mich überrascht hat, ist die orchestrierte Medienkampagne." Salut Monsieur Courtois, salut Monsieur Gauck!

Lothar A. Heinrich