 | gleichheit, Nr. 3/98, 26. Februar 1998 60 Jahre seit den Moskauer Prozessen Vor sechzig Jahren, am 13. März 1938, ging der letzte der drei Moskauer Prozesse zu Ende. Der erste hatte im August 1936, der zweite im Januar 1937 stattgefunden. Zusammen bildeten die drei Prozesse, deren Hauptangeklagte die engsten Mitarbeiter Lenins aus der Zeit der Oktoberrevolution waren, den zeitlichen und propagandistischen Rahmen für eine beispiellose Welle des staatlichen Terrors. Neben den offiziell Angeklagten, die meist noch in der Nacht der Urteilsverkündung per Genickschuß hingerichtet wurden, starben Hunderttausende nach kleineren, oft geheimen Prozessen, wurden ohne Urteil erschossen oder gingen in den stalinistischen Lagern dem sicheren Tod entgegen. Die Moskauer Prozesse bilden einen historischen Einschnitt in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Bedeutung in der Regel unterschätzt wird, obwohl er bis heute nachwirkt. Durch die Vernichtung einer ganzen Generation hochgebildeter und politisch erfahrener revolutionärer Sozialisten wurde die marxistische Kultur ausgerottet, die sich in der internationalen Arbeiterbewegung in den vorangegangenen neunzig Jahren herausgebildet hatte. Zu den Angeklagten gehörten - um nur einen stellvertretend für viele zu nennen - so außergewöhnliche Persönlichkeiten wie Christian Rakowski, der von 1893 bis 1914 der Führung der Zweiten Internationale angehört und die sozialdemokratischen Parteien auf dem Balkan organisiert hatte. Er kannte Engels persönlich und war in dieser Zeit mit Guesde und Jaurès, Plechanow und Axelrod, Bebel, Kautsky, Wilhelm und Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Trotzki befreundet. 1915 gehörte er zu den Organisatoren der Zimmerwalder Konferenz. 1917 schloß er sich den Bolschewiki an, spielte eine herausragende Rolle im Bürgerkrieg, war Präsident der Ukraine, Gründungsmitglied der Kommunistischen Internationale und einer der glänzendsten Diplomaten der Sowjetunion. Er unterstützte die Linke Opposition gegen den Stalinismus, die er nach Trotzkis Ausweisung innerhalb der Sowjetunion leitete - bis er schließlich 1934 unter unerträglichem Druck als einer der letzten kapitulierte. Rakowski bildete nur die Spitze einer breiten Pyramide, bestehend aus Zehntausenden Parteiarbeitern, die den Idealen des Sozialismus treu geblieben waren, und aus parteilosen Arbeitern und Akademikern, die ihre eigene Kreativität in den Aufbau der Sowjetunion einbringen wollten. Die herrschende Bürokratie betrachtete jede selbständige Idee als tödliche Bedrohung und vernichtete - ein historisch einmaliger Vorgang - die gesamte politische, militärische und intellektuelle Elite des Landes. Ihre Plätze wurden durch Bürokraten eingenommen, die lediglich zwei Eigenschaften vorweisen mußten: Mangel an eigenständigem Denken und das Fehlen jeglichen Rückgrats. Die sowjetische Arbeiterklasse hat sich von diesem Schlag nie wieder erholt. Es gab zwar auch in der nachstalinischen Ära gesellschaftliche Konflikte, aber es fehlten die politischen Vordenker, die dem Widerstand gegen die herrschende Bürokratie eine gezielte Richtung hätten geben können. Nur daraus läßt sich auch die scheinbare Leichtigkeit erklären, mit der die sozialen Errungenschaften der sowjetischen Arbeiter nach 1990 zerstört werden konnten. Die stalinistischen Wendehälse, korrupten Neureichen und Mafiosi, die das Schicksal des heutigen Rußlands bestimmen, haben das politische und intellektuelle Vakuum ausgenutzt, das der Große Terror hinterlassen hat. Die Folgen der Moskauer Prozesse beschränken sich jedoch nicht auf die Sowjetunion. Der Terror richtete sich auch gegen die internationale kommunistische Bewegung. Kaum ein Emigrant, der in der Sowjetunion Zuflucht gesucht hatte, überlebte ihn. Hinter den Fronten des spanischen Bürgerkriegs wütete Stalins Geheimpolizei gegen überzeugte Sozialisten, die der spanischen Revolution aus der ganzen Welt zu Hilfe geeilt waren. Und schließlich, im August 1940, traf ihr langer Arm im fernen Mexiko auch den hartnäckigsten marxistischen Gegner des Stalinismus, Leo Trotzki. Hinzu kommen die politischen und moralischen Folgen des Stalinschen Terrors. Nach der siegreichen Oktoberrevolution hatte die Kommunistische Internationale die Begeisterung von Millionen geweckt. Die selbstlosesten Arbeiter, die redlichsten Intellektuellen und die talentiertesten Künstler wurden von ihr angezogen. Zwanzig Jahre später hatte sie sich in eine Quelle von Lüge, Zynismus und Duckmäusertum verwandelt. Sie trieb die Arbeiter in die Arme der Sozialdemokratie zurück und Künstler und Intellektuelle in die Arme der Bourgeoisie, und stärkte so weltweit die Reaktion. Professionelle Antikommunisten haben die Moskauer Prozesse ausgeschlachtet, um den angeblich verbrecherischen Charakter kommunistischer Ideen nachzuweisen. Diese Bemühungen haben auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht nachgelassen. Das jüngste Machwerk aus dieser Schule ist ein in Frankreich veröffentlichtes "Schwarzbuch des Kommunismus". Das Vorwort dieses Buches, verfaßt von Stéphane Courtois, einem ehemaligen Maoisten, zählt alle Toten zusammen, die "im Namen des Kommunismus" umgebracht wurden. Dabei werden so unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene wie der Bürgerkrieg von 1918-21, die Zwangskollektivierung und der Große Terror in der Sowjetunion, die Herrschaft Maos in China und die Diktatur Pol Pots in Kambodscha, das Militärregime in Äthiopien, sowie verschiedene lateinamerikanische Bewegungen - von den Sandinistas in Nicaragua bis zum "leuchtenden Pfad" in Peru - wahllos durcheinandergemischt... und eine Zahl von 65 bis 85 Millionen Opfern errechnet. Dem wird eine nach wesentlich restriktiveren Kriterien ermittelte Zahl der Opfer des Faschismus gegenübergestellt und daraus der Schluß gezogen, daß der Kommunismus ebenso verbrecherisch, wenn nicht verbrecherischer sei als der Faschismus. Vom Standpunkt einer ernstzunehmenden Geschichtsschreibung ist dieses Buch völlig wertlos. Es sieht einfach über die unterschiedliche Klassengrundlage und sozialen Interessen der Bewegungen hinweg, die es als "kommunistisch" bezeichnet. Zählte man nach derselben Methode alle Leichen zusammen, die "im Namen des Christentums" ins Jenseits befördert wurden - von den Kreuzzügen über die Inquisition bis zu den zahlreichen Religionskriegen , ließe sich leicht nachweisen, daß Jesus von Nazareth die größte kriminelle Organisation der Weltgeschichte gegründet hat. Daß dieses "Schwarzbuch" dennoch ernstgenommen wird, sagt mehr über den - durch die Moskauer Prozesse erheblich mitverschuldeten - allgemeinen Niedergang der politischen Kultur aus, als über das Wesen des Kommunismus. Die wirkliche Bedeutung der Moskauer Prozesse läßt sich nur ermessen, wenn man den von den Anklägern gewobenen ideologischen Schleier der Lüge und Fälschung durchdringt und zu ihren wirklichen Beweggründen vordringt - dann erweisen sie sich nicht als ein Verbrechen des Kommunismus, sondern als das größte historische Verbrechen am Kommunismus. "Niemand, Hitler inbegriffen, hat dem Sozialismus so tödliche Schläge versetzt wie Stalin", schrieb Leo Trotzki, der abwesende Hauptangeklagte der Prozesse. "Das ist auch nicht verwunderlich: Hitler hat die Arbeiterorganisationen von außen attackiert. Stalin - von innen. Hitler attackiert den Marxismus. Stalin attackiert ihn nicht nur, sondern prostituiert ihn auch. Nicht ein ungeschändetes Prinzip, nicht eine unbefleckte Idee sind übriggeblieben. Selbst die Worte Sozialismus und Kommunismus sind grauenhaft kompromittiert, seit wildgewordene Gendarmen unter der Titular 'Kommunisten' ihr Gendarmenregime Sozialismus nennen. Eine abscheuliche Lästerung!" (Schriften 1.2, Hamburg 1988, S. 1100) Trotzki zog in seinen scharfsinnigen Analysen des Stalinismus wiederholt den Vergleich zum Thermidor, jenem Monat im französischen Revolutionskalender von 1794, in dem die Jakobiner-Herrschaft gestürzt und die politische Reaktion eingeleitet wurde. Unter den Thermidorianern befanden sich nicht wenige ehemalige Jakobiner, die sich aus Revolutionären in Vertreter einer neuen privilegierten Klasse verwandelt hatten. Dasselbe war mit den sowjetischen Thermidorianern der Fall. Stalin handelte als Vertreter einer neuen privilegierten Kaste, die im schärfsten Widerspruch zur Masse der Bevölkerung stand und ihre Macht nur behaupten konnte, indem sie alles ausrottete, was die Tradition der Oktoberrevolution verkörperte. "In der Geschichte hat es keine soziale Klasse gegeben", bemerkte Trotzki, "die jemals in ihren Händen in so kurzer Zeit derartig viel Besitz und Macht vereinigt hat wie die Bürokratie im Verlauf der zwei Fünfjahrespläne. Aber eben aus diesem Grunde hat sie sich in immer stärkeren Gegensatz zur Bevölkerung gesetzt, die drei Revolutionen und den Sturz der zaristischen Monarchie, des Adels und der Bourgeoisie mitgetragen hat. Die Sowjetbürokratie vereinigt nun gewissermaßen in sich selbst die Charakterzüge all der gestürzten Klassen, doch ohne deren soziale Wurzeln oder Traditionen. Sie kann ihre ungeheuerlichen Privilegien nur durch organisierten Terror verteidigen, und sie kann ihren Terror nur durch lügenhafte Anklagen und Fälschungen rechtfertigen." (ebd. S. 1146) Das "Schwarzbuch des Kommunismus" ist in Frankreich auf erheblichen Widerspruch gestoßen. Doch viele der dagegen angeführten Argumente sind nicht besser als die darin enthaltenen, laufen sie doch auf eine Apologie für den Stalinismus hinaus. Typisch ist ein Artikel, den der französische Schriftsteller Gilles Perrault in Le monde diplomatique / taz veröffentlicht hat. Er wendet sich gegen den Vergleich von Stalinismus und Faschismus mit den Worten, daß "schließlich die kämpfenden Kommunisten einem Projekt zugehörten, das universelle und befreiende Ziele hegte. Daß diese Ideale vom Weg abkamen, ändert nichts an den ursprünglichen Motiven, durch die allein sie sich schon hinreichend vom nationalsozialistischen Gegner unterschieden." Anders gesagt: Die vermeintlich edleren Motive der Stalinisten heiligten deren abscheuliche Verbrechen. Diese Argumentation ist nicht nur zynisch, sie stimmt auch mit der Grundvoraussetzung des "Schwarzbuchs" überein, daß der Stalinismus eine Form - oder zumindest eine Abart - des Kommunismus darstelle und nicht die politische Verkörperung einer neuen Aristokratie, die ihre Privilegien mit allen Mitteln verteidigt und lediglich aus Angst vor dem Volk gezwungen ist, sich zu maskieren. Allein die heftige Auseinandersetzung über das "Schwarzbuch des Kommunismus", die längst über die französischen Grenzen hinausgedrungen ist, zeigt, daß die Aufarbeitung und das Verständnis der Moskauer Prozesse eine zentrale Aufgabe bleibt, um einer sozialistischen Perspektive wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Die deutsch- und englischsprachige Veröffentlichung des Buchs "1937 - Jahr des Terrors" von Wadim Rogowin, über die wir in dieser Ausgabe berichten, ist dazu ein Beitrag von unschätzbarer Bedeutung. Die Partei für Soziale Gleichheit wird außerdem eine öffentliche Vortragsreihe diesem Thema widmen, die Anfang April an der Humboldt-Universität in Berlin stattfindet. Diese Ausgabe der gleichheit beginnt außerdem mit der Veröffentlichung einer Reihe wichtiger theoretischer Beiträge, die die Grundprobleme dieses Jahrhunderts aus marxistischer Sicht beleuchten. Den Auftakt bildet eine Vorlesung von David North zum Thema "Leo Trotzki und das Schicksal des Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert". Er richtet sich gegen die Auffassung, die Oktoberrevolution habe zwangsläufig zum Stalinismus geführt, und verhilft der Bedeutung des subjektiven Faktors, des bewußten Handelns von Individuen und Parteien, zu neuer Geltung. |