Sonntagsblatt 16.6.98 - Das "Schwarzbuch des Kommunismus"
livre noir du communisme

DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 16. Juni 1998 Nr. 25/1998

Das "Schwarzbuch des Kommunismus"

Blick zurück im Zorn


VON JOACHIM KÄPPNER

Eine neue historische Debatte: Warum sich die Verbrechen von Kommunisten und Nationalsozialisten vergleichen, aber nicht gleichsetzen lassen

Was haben sich deutsche Intellektuelle amüsiert! Unvergessen ist die Rede, in der US-Präsident Ronald Reagan Anfang der achtziger Jahre den kommunistischen Teil der Welt das "Reich des Bösen" nannte. Reagans in der Bundesrepublik vielverspotteter Satz war sicher naiv - und doch, normativ betrachtet, zutreffend. Was heute nach Politbüro- und Mauerschützenprozessen, Aktenöffnung und Zeitzeugenberichten als selbstverständliches Wissen gilt - die Verbrechen des Kommunismus -, war damals Richard Löwenthals düsterem "ZDF-Magazin" vorbehalten. Oder den Büchern des CSU-Politikers Hans Graf Huyn. Die politische Rechte hatte das Thema besetzt, aber einen aufgeklärten, demokratisch begründeten Antikommunismus bot sie nicht. In den achtziger Jahren interessierte sich die liberale bis linke Öffentlichkeit kaum noch für den Kommunismus. Er hatte, anders als die Konservativen fürchteten, zwar kaum noch Anziehungskräfte, aber auch im Bösen interessierte man sich kaum für ihn. Friedensdemonstranten ängstigten sich öffentlich vor der atomaren Nachrüstung der NATO. Und die östliche Vorrüstung? Sie geschah irgendwo da drüben in einer fernen Welt. In der verfaßten Studentenschaft dominierten DDR-hörige Gruppen, aber die Studenten interessierten sich ohnehin nicht für ihre eigenen Vertreter. Wenn es das Wort "political correctness" schon gegeben hätte, dann war es in der SPD mächtig pc, die "Zentrale Erfassungstelle" für DDR-Straftaten in Salzgitter als "Relikt des Kalten Krieges" zu schmähen und ihre umgehende Schließung zu verlangen. Helmut Kohl empfing Erich Honecker wie einen Staatsgast. Damals also, in den achtziger Jahren, wäre ein "Schwarzbuch des Kommunismus" eine Sensation gewesen.

Heute könnte es noch immer eine Bereicherung sein. Es könnte den Horizont erweitern für die Verbrechen eines Systems, mit dem man sich nolens volens in friedlicher Koexistenz eingerichtet hatte. Das Schwarzbuch ist das beklemmende Kompendium einer aus den Fugen geratenen Zeit. Und dennoch wirkt es wie ein Ärgernis.

Schuld daran ist St‚phane Courtois, ehemaliger Maoist, Forschungsdirektor am Centre national de la recherche scientifique, Koordinator des Schwarzbuch-Projekts - und ein Mann, der sich von seinem Glauben gelöst hat. Er wollte das radikal Neue, den Tabubruch, die Provokation.

Mit dem Furor des Renegaten - und ohne Wissen seiner Koautoren - stellte Courtois dem Buch ein Vorwort voran, über das jetzt die meisten reden, ohne das über 900 Seiten dicke Gesamtopus gelesen zu haben. Seine These: Der Terror war "ein Grundzug des modernen Kommunismus". Weil das so war, errechnet Courtois, verschuldete der Kommunismus zwischen 1917 und 1989 "100 Millionen Tote" - "während es im Nationalsozialismus rund 25 Millionen waren". Und schließlich, sagt Courtois, sei es nicht einfach, der Welt diese Wahrheiten ins Gesicht zu schreien. Nach 1945 nämlich "erschien der Genozid an den Juden als das Paradigma moderner Barbarei, und zwar so sehr, daß er allen Raum für die Wahrnehmung von Massenterror im zwanzigsten Jahrhundert beanspruchte". Die Kommunisten hätten "diese Besonderheit" (den Holocaust) raffiniert für "die Mobilisierung des Antifaschismus" genutzt. Wer neuerdings die "Einzigartigkeit" des Mordes an den Juden betone, betreibt in dieser Logik die rote Ablenkungsstrategie fort, er "behindert ebenfalls die Wahrnehmung vergleichbarer Tatsachen in der kommunistischen Welt".

Doch Courtois ist kein neuer Solschenyzin. Eher spielt er den Goldhagen des Kommunismus. Es scheint, als provoziere das Ende der Ideologien und weltanschaulichen Tabus den künstlich inszenierten Tabubruch. Courtois relativiert den Nationalsozialismus und den Holocaust, um als Enthüller noch schlimmerer Verbrechen dazustehen.

In Frankreich gelang die Provokation leicht. Der Kommunismus als das absolute Böse - das mußte die letzte westeuropäische KP von Gewicht treffen. Zwar hatten die französischen Kommunisten Stalin gehuldigt, aber an seinen Verbrechen fühlten sie sich unschuldig. Sie leben vom Mythos der R‚sistance und der Glorie des antifaschistischen Kampfes. Mörder und Terroristen, hätte man sie je zur Macht kommen lassen? Niemals, dekretierte der sozialistische Premierminister Lionel Jospin: Er sei "stolz" auf die kommunistischen Minister seiner Regierung.

Das ist, in ihren ideologischen Gegensätzen, eine geradezu altmodische Frontstellung. In Deutschland, wo die kommunistische Idee seit dem Ende des Mauerstaates endgültig diskreditiert ist, hätte die Aufregung kaum gelohnt. Wäre da nicht das ominöse Vorwort.

Darum dreht sich jetzt alles. Das ist gut für den Verkauf des Buches und nicht illegitim, aber ziemlich unergiebig für die historische Erkenntnis. Courtois' Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus verhindert geradezu, daß sich die Debatte tatsächlich um die Verbrechen des Kommunismus dreht. Es geht wieder um uns. Um Vergangenheit, die nicht vergeht, um Selbstbespiegelung und die ermüdenden rhetorischen Rituale von links und rechts.

Für die Konservativen ist die Sache einfach: Jetzt wird den Linken der Spiegel vorgehalten. "Schwatzbuch" höhnt dagegen die "Frankfurter Rundschau", "Windei 98" die "Zeit". Rudolf Walther bescheinigt in der "taz" ganzen Teilen des Buches "propagandistisches Niveau". Selbst ein so renommierter Historiker wie Hans-Ulrich Wehler sieht im Streitgespräch mit Courtois "die Gefahr der Apologetik" heraufziehen. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um das Schwarzbuch, sondern um einen Mann, den sich Courtois zum Vorbild nahm: Ernst Nolte. Der Berliner Faschismusforscher hatte 1986 den "Historikerstreit" ausgelöst mit seiner These vom "kausalen Nexus" zwischen Sowjetterror und Holocaust. Seither ist Nolte der Held einer dubiosen rechtslastigen Anhängerschar. Sie haben verstanden, was er sagen wollte: Der Holocaust war nicht einzigartig, kein Grund zur Schuldbeladenheit, andere haben auch und vor uns Verbrechen begangen. Obwohl sich Nolte im Historikerstreit überhaupt nicht durchsetzen konnte, fürchten ihn viele liberale Historiker, als sei er die Speerspitze einer rechtsnationalen Gegenrevolution und nicht ein in seinen Thesen versponnener alter Mann.

Die Erinnerung an Nolte und an die späten Identitätsdebatten der alten Bundesrepublik machen den deutschen Streit um das Schwarzbuch so fruchtlos. Nolte bestritt die "Einzigartigkeit" des Holocaust, um den Deutschen die Last dieses dunklen Teils ihrer Geschichte leichter zu machen. Courtois tut es für sich selbst, um die eigene These zu überhöhen. Seine Behauptung, wer auf der "Einzigartigkeit" des Mordes an den Juden beharre, verdunkle die Erinnerung an die Opfer des Kommunismus, grenzt an Apologie. Diese Argumentation ist noch immer die des marxistischen Dogmatikers, nun aber als Negativ. Früher lehnten es die Kommunisten ab, sich mit dem Holocaust näher zu beschäftigen, weil das nur vom Kampf der Antifaschisten ablenke. Heute will Exkommunist Courtois nichts vom Mord an den Juden mehr hören, weil die Verbrechen des Antifaschismus das wichtigere Thema seien. In einem Interview spricht er sogar vom Schlußstrich, der endlich nötig sei.

Die Dynamik des großen Terrors

Einzigartig war nicht der "technische Vorgang der Vergasung" (Nolte), das "Ingangsetzen eines industriellen Prozesses" (Courtois). Die Mordmethode ist es nicht, die den deutschen Versuch einer "Endlösung" so einzigartig macht. Es ist ihr Ziel, ihr Programm: eine Bevölkerungsgruppe aus ideologischen Motiven restlos und ohne jede Ausnahme auszulöschen, gleich wie deren Mitglieder sich verhalten. Diese Erkenntnis ist auch ein Produkt des Historikerstreites. "Das biologistisch verfaßte Konzept von Mensch, Politik und Gesellschaft", sagt Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, "macht den Aussonderungsprozeß so gnadenlos. Das ist eine neue Qualität." (Siehe Interview auf Seite 14.)Das macht den Terror der Kommunisten nicht besser. Es tut auch wenig zur Sache, daß der Kommunismus das Gute wollte, aber das Böse tat. Die Fallhöhe zwischen Ideal und Wirklichkeit ist nur um so erschreckender. Der Erinnerung an die Opfer der Kommunisten hilft es auch nicht, die Einzigartigkeit des Mordes an den Juden zu bestreiten, mit der sich die Deutschen als Teil ihrer Geschichte eben beschäftigen müssen. Sie ist ein Schlüsselbegriff bei der Erforschung des Holocaust. Die dogmatische Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus im Stile der simpelsten Totalitarismustheorie ist die große Schwäche des Schwarzbuches und nicht allein seines Vorworts. Das Buch blendet fast aus, wie sehr sich die Sowjetunion nach Stalins Tod veränderte. Der Kommunismus dort blieb zwar ein gewalttätiger und missionarischer Gegenentwurf zur freien Welt, doch die Jahre des großen Schreckens waren vorüber.

Dennoch markiert das Schwarzbuch einen erheblichen wissenschaftlichen Fortschritt. Vor allem gilt das für den Beitrag von Nicolas Werth über die UdSSR. Sorgfältig belegt er, wie die Bolschewiken von Beginn an jede Freiheitsregung durch äußerste Gewalt erstickten, belegt er Phasen und Ziele des Staatsterrors unter Lenin und Stalin "als Mittel der wirtschaftlichen und sozialen Umwandlung". Interessant ist eine Parallele zur westlichen Debatte über die Entstehung des Plans zur Ermordung aller Juden - jene nämlich, daß auch das große Töten unter Stalin nicht selten Folge von Chaos und Hierarchiekämpfen in den Institutionen des Terrors war statt stets die Verwirklichung zentraler Planung. Am Ende entstand eine solche Dynamik, "daß die Macht sich nur über eine wachsende Radikalisierung der Terrorpraktiken in der Illusion wiegen kann, diese zu kontrollieren".

Auch für die deutsche Diskussion bietet das Buch weiteren Stoff - vor allem für jene, die den Kommunismus lange Jahre verharmlosten, nicht nur jenen in der DDR oder im Ostblock. Wer einst rührselige Lobgesänge auf Nordkorea hielt oder die linken Einparteiendiktaturen der Dritten Welt im Zeichen der internationalen Solidarität bejubelte, sollte heute das Schwarzbuch lesen. Es eignet sich als Gegengift - gegen den Wahrnehmungsverlust der Wirklichkeit.