Die Geschichte der Mnemotechnik und deren Anwendung für einen Gymnasiasten heutzutage

sebastiangfeller’s log: Meine Maturarbeit

Die Geschichte der Mnemotechnik und deren Anwendung für einen Gymnasiasten heutzutage

Burgdorf, 2002. Von Sebastian Gfeller, Betreuung: Armin Roos.

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung in den Problemkreis
    1. Fragestellung und Zielsetzung
    2. Schwerpunkte und Abgrenzungen
    3. Zur Quellen- und Literaturlage
    4. Aufbau und Methodik der vorliegenden Arbeit
  2. Der geschichtliche Hintergrund der Mnemotechnik
    1. Begriffsdefinition «Mnemotechnik»
    2. Der Ursprung der Mnemotechnik in der Antike
    3. Die Wiederaufnahme im Mittelalter bis in die Renaissance
    4. Mnemotechnik und Okkultismus
    5. Weiterentwicklung der Kunst in der Neuzeit
  3. Anwendungsgebiete für einen Gymnasiasten im 21. Jahrhundert
    1. Ziel dieses Kapitels
    2. Die Bedeutung des Auswendiglernens heutzutage
    3. Vorteile der Mnemotechnik gegenüber einfacheren Systemen
    4. Die Idee des Gedankenpalastes
    5. Nutzen der Mnemotechnik im Vortrag
    6. Das Erinnern von Zahlen
  4. Schlussfolgerungen
  5. Literaturliste
    1. Quellen
    2. Weiterführende Literatur
    3. Internet
  6. Anmerkungen

1 Einführung in den Problemkreis

1.1 Fragestellung und Zielsetzung

In dieser Maturarbeit werde ich versuchen, die Geschichte der Mnemotechnik aufzugreifen und zu erklären, wieso diese Technik bis heute bekannt ist. Dies sollte die eine Hälfte der Arbeit sein.

Die andere Hälfte der Arbeit ist der praktischen Anwendung der Techniken gewidmet. Hier werde ich eigene Erfahrungen mit den verschiedenen Techniken beschreiben und deren Nützlichkeit bewerten.

Nach dem Lesen dieser Arbeit sollte der Leser einen Einblick in die Mnemotechnik erhalten haben und in der Lage sein, diese selbst auszuprobieren.

1.2 Schwerpunkte und Abgrenzungen

Der Schwerpunkt der Arbeit soll darin liegen, die Entstehung der Mnemotechnik zu beschreiben, sowie praktische Beispiele für eine Anwendung heutzutage zu liefern.

Um die Grösse der Arbeit abzugrenzen, war ich gezwungen, grosse Teile der Geschichte der Mnemotechnik nicht aufzugreifen. Raimond Lull wird nicht erwähnt, Giordano Brunos Werk nur in einem Absatz zusammengefasst, ebenso dasjenige von Pierre de la Ramée. Sicher hätte jedes dieser Gebiete mehr Aufmerksamkeit verdient, doch dies wäre nur in Form einer eigenen Arbeit über die jeweilige Strömung zu realisieren gewesen.

1.3 Zur Quellen- und Literaturlage

Es gibt viele neue Bücher über Mnemotechnik, in denen in einfachen Worten beschrieben wird, wie die einzelnen Methoden funktionieren. Als Beispiel dazu die Angaben über das Erinnern von Zahlen und dem Kartenset vor allem aus dem Buch, Der Einfache Weg zu einem besseren Gedächtnis von Dominic O'Brien.

Als Quelle für die Geschichte der Mnemotechnik verwendete ich Frances Amelia Yates Gedächtnis und Erinnern. Dieses gut recherchierte Buch über die Geschichte der Mnemotechnik lieferte mir auch viel Inspiration beim Ausprobieren der hauptsächlich genannten Methode, der von Orten und Bildern. Die Zitate von Quintillian, Cicero und Boncomapgno da Signa stammen aus diesem Buch.

Als drittes Buch las ich The Memory Palace of Matteo Ricci von Jonathan D. Spence. Jedoch war es mir für meine Arbeit nicht von sehr grosser Hilfe, da der biographische Teil zu gross ist und die Erkenntnis seiner Arbeit zu wenig ausgeführt wird.

1.4 Aufbau und Methodik der vorliegenden Arbeit

In einem ersten Teil werde ich auf die verschiedenen Abschnitte der Geschichte der Mnemotechnik eingehen. Am Schluss des jeweiligen Abschnittes werden jeweils die neuen Erkenntnisse dieser Periode der Geschichte zusammengefasst.

In einem zweiten Teil werde ich aufgrund dieser Erkenntnisse versuchen, Methoden zu skizzieren, wie die Mnemotechnik von einem Gymnasiasten in der heutigen Zeit genutzt werden kann.

2 Der geschichtliche Hintergrund der Mnemotechnik

2.1 Begriffsdefinition «Mnemotechnik»

Das menschliche Gehirn leistet uns im täglichen Leben ungeheure Dienste, doch in manchen Situationen lässt es uns auch im Stich. Dies ist meistens erkennbar, wenn wir verzweifelt versuchen, uns an etwas zu erinnern und uns doch nichts einfällt. Jeder hat sich im Verlauf seines Lebens Methoden angeeignet, um diesem Vergessen vorzubeugen, sei dies mit Hilfe von Agenda, Notizzetteln, Taschencomputern oder durch den einfachen Knoten im Taschentuch.

In meiner Arbeit werde ich versuchen, auf die Mnemotechnik einzugehen. Mnemotechnik bedeutet eigentlich die «Technik des Erinnerns», der Begriff stammt von der griechischen Göttin Mnemosyne, der Göttin des Erinnerns. Die Technik, die ich vorstellen werde, basiert jedoch nicht auf Hilfsmitteln (die ja meistens nicht zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden, sondern ist ein Versuch, die aufgenommenen Informationen so aufzubereiten, dass wir uns diese besser merken können. Diese Technik hat sich über Jahrhunderte, ja gar Jahrtausende entwickelt, dennoch ist sie heute kaum bekannt. In der Schule wird uns nicht beigebracht, wie wir das Wissen, das wir in der Schule vermittelt bekommen, auch wirklich behalten können. Meist bleibt der Versuch, solches Wissen zu vermitteln bei (sicher gut gemeinten doch unpräzisen) Ratschlägen, wie dass man sich schriftlich mit der Materie auseinandersetzen solle. Dass sich schon viele mit dem Problem des Auswendiglernens befasst haben, zeigt schon allein die Fülle der Quellen, die zu diesem Thema von der Antike bis in die Neuzeit entstanden sind. In den folgenden Abschnitten werde ich auf einige dieser eingehen.

2.2 Der Ursprung der Mnemotechnik in der Antike

Die erste Aufzeichnung über die Gedächtnistechnik findet sich in Ciceros De oratore.

Cicero berichtet von einem Festmahl, das einst von dem thessalischen Edlen Skopas veranstaltet wurde. An diesem Festmahl sollte ein Simonides von Keos seine Gedichte vortragen, die er den Zwillingsgöttern Kastor und Pollux gewidmet hatte. Nachdem er die Gedichte vorgetragen hatte, wurde er aus dem Festsaal gerufen, zwei Männer erwarten ihn am Eingang. Als er sich jedoch dort einfand, konnte er niemanden sehen. In der Zwischenzeit stürzte das Dach des Festsaals ein und begrub die Gäste unter sich. Die Körper waren bis zur Unkenntlichkeit zermalmt, doch Simonides konnte die Opfer identifizieren, da er sich noch an deren Position im Raum erinnern konnte.1

Mit dieser Geschichte wurde Simonides von Keos zum Erfinder der Mnemotechnik, da er erkannt hatte, dass eine planmässige Anordnung der Dinge, die man sich merken wollte, sehr nützlich für deren Wiedererinnern sei.

Aus dieser Grundidee entwickelte sich die Mnemotechnik. Die Technik wird in drei Büchern erwähnt. De oratore stammt von Cicero und beschreibt die Kunst der Rhetorik. Für einen Redner war es sicher besonders wichtig, sein Gedächtnis so zu erweitern, dass er auch längere Reden auswendig vortragen konnte. Um das Gedächtnis so zu erweitern, beschreibt Cicero die Kunst der Mnemotechnik als eine der fünf Teilen der Rhetorik.2

Auch das zweite Werk, Ad Herennium geht auf die fünf Teile der Rhetorik ein. Er beschreibt diese recht trocken, doch bei dem Teil über das Erinnern wird er sehr ausführlich.

Quintillians Text brachte keine neuen Erkenntnisse, jedoch wurde in diesem das System des Raumes und der Bilder genauer erklärt.

Die Grundidee der klassischen Mnemotechnik ist, dass die zu erinnernden Sachen (res) besser gemerkt werden können, wenn an bestimmten Orten im vorgestellten Raum (loci) Bilder (imagines) «aufgehängt» werden, die an die Sache erinnern sollen. Ein solcher Raum könnte zum Beispiel zu dieser Zeit eine geräumige Villa mit all ihren Räumen sein oder auch nur deren Innenhof, im einfachsten Fall nur ein Altar.3

Dies ist sehr abstrakt. Cicero gibt uns kein Beispiel für diese Technik. Glücklicherweise finden wir im Ad Herennium ein solches. Darin muss der Redner sich also an einen Sachverhalt erinnern.

Beim ersten Beispiel will der Autor, dass wir uns vorstellen, wir wären Verteidiger in einem Rechtsprozess. Der Ankläger hat behauptet, der Beschuldigte habe einen Menschen vergiftet, und vorgetragen, dass das Motiv für das Verbrechen die Gier nach Erbschaft war, und erklärt, dass es für diese Tat viele Zeugen und Mitwisser gibt.

Wir sollen uns den Mann krank im Bett liegend vorstellen, wenn wir ihn persönlich kennen. Kennen wir ihn nicht, so nehmen wir irgendeinen Kranken, nicht vom niedrigsten Rang, damit er uns schnell einfallen kann. Den Angeklagten stellen wir an sein Bett, in der Rechten den Becher, in der Linken die Schreibtafel und am vierten Finger Widderhoden haltend. Auf diese Weise haben wir den Vergifteten, die Zeugen und die Erbschaft im Gedächtnis.4

In diesem Beispiel wird als Ort das Bett gewählt. Nun wird der Vergiftete hineingelegt. Neben dem Bett steht der Ankläger. Der Becher in der Rechten Hand soll uns an das Vergiften erinnern, die Schreibtafel an das Testament. Was die Widderhoden in dem Bild zu suchen haben, erscheint dem Leser von heute unverständlich. Im Lateinischen übersetzen sich Widderhoden mit testiculi. Dieses Wort hat eine Klangähnlichkeit mit testes, den Zeugen. Kommen nun im Verlauf des Prozesses neue Behauptungen und Fakten hinzu, so können an diese Orte rund um das Bett weitere Bilder angebracht werden, die uns an etwas erinnern sollen. Hier lernen wir auch schon einiges über die Beschaffenheit der Bilder. Sie müssen uns berühren, sei es wie bei dem Vergifteten, «nicht vom niedrigsten Rang, damit er uns schnell einfallen kann»5, der uns in Erinnerung bleibt, weil wir das Bild einer realen Person, die wir kennen für ihn verwenden, oder dadurch, dass die Bilder sonderbar sind und sich deswegen hervorheben (Die Widderhoden in der Linken).

Neben dieser Technik sich Sachverhalte zu merken, wurde auch eine Technik entwickelt, sich Sätze wortgenau zu merken. Um dies zu erreichen, bediente man sich der Klangähnlichkeit der Wörter, so dass dramatischere Bilder konstruiert werden konnten. In Ad Herennium steht dazu ein Beispiel. Folgende Zeile soll auswendig gelernt werden:

Iam domus itionem reges Atridae parant.6

Sie bedeutet auf deutsch: «und nun machen sich die Könige, die Söhne des Atreus, zur Heimkehr fertig». Mithilfe zweier merkwürdiger Bilder merkt sich der Autor die Zeile: Im ersten Bild sieht er «Domitius, der seine Hand zum Himmel reckt, während er von den Marcii Reges gepeitscht wird». Die Familie der Reges waren eine der bedeutendsten Familien der Marcianer und somit zur Zeit der Schriftlegung des Buches bekannt und damit gut geeignet, in diesem eindrücklichen Bild aufzutreten. Zu diesem Bild sollte einem sofort «Domitius-Reges» in den Sinn kommen, was eine sehr hohe Klangähnlichkeit mit «domum itionem reges» hat. Das zweite Bild ist «Äsop und Cimber, kostümiert für ihre Rollen des Agamemnon und Menealos in Iphigenie». Äsop war ein bekannter Schauspieler zur Zeit Ciceros, Cimber war wohl nur den Zeitgenossen bekannt. Das Schauspiel, in dem sie auftreten wollen, existiert nicht. Dennoch ist es ein gutes Beispiel für ein Bild um sich den Rest des Satzes, «Atridae parant» im Gedächtnis zu behalten (Agamemnon und Menealos sind die Söhne des Atreus).7

Also kann man sich vorstellen, dass es Ciceros und Quintillians Zeitgenossen geholfen hat, sich zu erinnern, indem sie sich diese Bilder merkten und an verschiedenen Orten in ihren (auch vorgestellten) Villen und Tempeln ablegten, um sich dann später beim «Wiederaufsuchen» dieser Orte wieder an sie zu erinnern. Diese Technik scheint recht komplex und schwierig zu verstehen zu sein, und der heutige Leser muss sich fragen, ob dieser Sachverhalt nicht einfacher zu merken sei und ob die Textzeile nicht durch ein mehrmaliges Repetieren effizienter gelernt werden konnte. Jedenfalls wurde diese Technik von den Zeitgenossen angewendet und sie schienen von ihr überzeugt gewesen zu sein.

2.3 Die Wiederaufnahme im Mittelalter bis in die Renaissance

Mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches ging viel Wissen über die Gedächtnistechniken (mindestens zeitweise) verloren.

Diese wurde erst Ende des 13. Jahrhunderts wieder entdeckt und zwar nicht nur mehr als Teil der Rhetorik, sondern als Teil der Kardinaltugend Prudentia, der Vorsicht, die ein gläubiger Mensch haben muss, um den Sünden zu entgehen. Dies kann er aber nur, wenn er sich, so schreibt Boncompagno da Signa, Verfasser zweier Werke über Rhetorik,«beständig an die unsichtbaren Freuden des Paradieses und die ewigen Qualen der Hölle erinnert»8. Zu dieser Zeit war die einzige Quelle, die den Zeitgenossen zur Verfügung stand das Ad Herennium. Darin wurde beschrieben, wie man sich Bilder schaffen konnte, die im Gedächtnis haften blieben und nun einem frommen Katholiken helfen konnten, auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Um zu begreifen, wieso die frommen Menschen zu dieser Zeit das Werk Ad Herennium als Quelle akzeptierten, muss man verstehen, dass es zu dieser Zeit Tullius zugeschrieben wurde, der zusammen mit Sokrates und Aristoteles die Grundlagen lieferte für das damalige katholische Weltbild.

Die ersten Niederschriften, die sich wieder mit der Mnemotechnik befassten waren De Bono, ein Buch über die Ethik, geschrieben von dem Mönch Albertus Magnus. In diesem liefert Albertus die Grundlagen für die Argumentation, dass das Erinnern und somit die Gedächtnissysteme zur Prudentia gehören. Er argumentiert, dass wir Lehren aus der Vergangenheit nur ziehen können und uns dadurch von zukünftigen Sünden bewahren würden, wenn wir uns erinnern könnten. Dies sei der Grund, wieso die Mnemotechnik nicht zusammen mit der Rhetorik zu den freien Künsten gehört. Diese Argumentation wurde auch in der Summa theologiae von Thomas von Aquin, der einst bei Albertus Magnus sein Gedächtnis schulte, wieder aufgenommen. Er beruft sich auf Tullius, der das Erinnern zu einem Teil der Prudentia zählt und nach der damaligen Ansicht auch Ad Herennium geschrieben hatte.

Also wurde die Mnemotechnik im Mittelalter vor allem verwendet, um sich die Bilder des Himmels und der Hölle im Gedächtnis zu halten? Nicht nur. Es wurden auch mit der Erfindung des Buchdruckes, sofort Bücher gedruckt, die einem helfen sollten, sich alltägliche Sachen zu merken. Es entstanden Leitfäden zu den Regeln der Mnemotechnik (zweifelsohne direkt aus Quintillians institutio oratoria abgeschrieben), aber auch merkwürdige Varianten wie Buchstaben-Bilderkombinationen, in denen jeder Buchstabe mit einem Tier gleichgesetzt wurde, das man sich dann merken musste (Man stelle sich vor, was es für ein Aufwand gewesen wäre, mit solchen Techniken sich überhaupt einen Satz zu merken).

Für diese Ausformung der Bilderwelt im Mittelalter gibt es ein prominentes Beispiel. Der Franziskanermönch John Ridevall zeigt dies anhand eines Szenarios. Ein Pfarrer solle in seiner Predigt auf die Idolatrie, die Götzenanbetung, eingehen. Dazu schafft er sich in seinen Gedanken ein Bild von einer Prostituierten. Sie ist krank und blind, ihre Ohren sind verstümmelt. Sie wird durch Trompeten angekündigt.

Mit diesem Aufsehen erregenden Bild sollte man also an die Götzenanbetung erinnert werden. Als Person wird eine Prostituierte gewählt, weil «Bildverehrer den wahren Gott verlassen haben, um mit Götzenbildern Unzucht zu treiben»9. Blind- und Taubheit sollen daran erinnern, dass sie aus Schmeichelei entstand, deren Folgen dies ist. Da die Idolatrie eine Art ungeregelte Liebe ist, ist sie krank. Sie wird als Verbrecherin angekündigt (mit der Trompete), da Übeltäter versuchen, in der Götzenverehrung Vergebung zu finden.

Dieses Gedächtnisbild hinterlässt einen starken Eindruck. Durch das auffällige, berührende Bild können die Argumente gut erinnert werden. Man kann sich vorstellen, dass für einen gläbigen Menschen im Mittelalter viele solche Bilder existierten, die er sich in Gedanken in einem Raum an eine bestimmte Position stellte, vielleicht stellte er sich das Bild sogar in einer Kirche vor. Durch dieses Vorhandensein des Sinnbildes für die Idolatrie war schliesslich auch sichergestellt, dass jener Mensch sich immer an die Sünden erinnerte, um sie später nicht selbst zu begehen.

Doch diese Bilderwelt wurde nicht nur in Werken über die Tugenden oder das Erinnern an sich verwendet, sondern auch in der damaligen Literatur. Aufsehen erregende Bilder tauchten auch in Dantes Göttlicher Komödie auf, welche eindrücklich Dantes Reise durch die Hölle, das Purgatorio und den Himmel beschreibt. Es wäre vielleicht anmassend, Dante als Mnemotechniker zu bezeichnen, doch die realen Personen und fantastischen Figuren, die Dante verwendete, waren sicher sehr einprägsam. Auch bringt dieser Reisebeschrieb all die Informationen in eine Reihenfolge, Orte lassen sich gut merken.

Die klassische Technik der Antike, weiterentwickelt im Mittelalter, niedergeschrieben von Albertus Magnus und Thomas von Aquin, wurde auch wieder verwendet von Matteo Ricci, einem Missionar, der versuchte, Chinas Begeisterung für den katholischen Glauben zu wecken, indem er ihnen die Künste der Mnemotechnik demonstrierte. In seinem Werk über das Gedächtnis beschreibt er, wie man sich durch das Anlegen von grösseren Gedächtnis-Gebäuden allerhand Praktisches merken kann, wie zum Beispiel die Bräuche der Chinesen, die nicht gerade einfach waren.10.

2.4 Mnemotechnik und Okkultismus

Fast seit ihrer Entstehung hatte die Mnemotechnik auch etwas mystisches, magisches an sich. Bereits Quintillian erwähnte einen gewissen Metrodorus von Skepsis, der seine ungeheure Gedächtnisleistung, so behauptete er, aus den zwölf Tierkreiszeichen bezog, mit denen er 360 Orte bilden konnte, um sich Dinge zu merken. Man kann sich dies schwer vorstellen, da diese Orte doch viel zu wenig Unterscheidungsmerkmale haben, doch für jemanden, der gut geübt war in den Tierkreiszeichen und deren Bedeutung wie Metrodorus war dies sicher sehr einfach.11

Die Idee, dass die Sterne einem ein besseres Gedächtnis bescheren könnten, wurde in der Renaissance wieder aufgegriffen von Giulio Camillo Delminio, welcher um 1480 geboren wurde. Die Idee des Giulio Camillo war der Bau eines «Gedächtnistheaters», das mit der Macht der Sterne jedem Betrachter helfen konnte, das ganze Wissen der Welt zu erinnern. Dieses Theater wurde von Camillo wirklich gebaut, allerdings nie fertiggestellt. Die Idee des Theaters war es, dass wenn man von der Bühne aus auf die verschiedenen Ränge und Reihen, welche nach den sieben damals bekannten Planeten benannt waren und sich weiter unterteilten in die sieben Zustände derjenigen, als engelähnliches Geschöpf in der Kabbala, der hebräischen Mystik bis zu der Aufgabe des Planeten als Gott der Griechen.12

Stand der Betrachter nun auf der Bühne dieses Theaters, so konnte er neben den Rängen von Apollo, Venus usw. auch in Richtung des Ranges von Jupiter sehen. In der dritten Reihe dieses Abschnittes des Theaters fand er dann mehrere Bilder, die dort hingestellt waren. Die Bilder erhielten durch ihre Positionierung, durch ihren Kontext eine besondere Bedeutung, die einem helfen sollte, etwas bestimmtes zu erinnern. Auf dem Platz, den wir gerade betrachten sind also diese Bilder. Die Überschrift dieser Reihe des Theaters lautet «die Höhle». Auf dem Platz sind Bilder zu folgenden Stichworten zu finden, welche alle mit der Luft zu tun haben: Die «hängende Juno» soll alles beinhalten, was mit Luft als vermischtes Element zu tun hat, während ein zweites Bild die «Hörner der Leiter» darstellt, welche wiederum alles Wissen beinhalten soll, das mit luftgetragenen Tönen zu tun hat13.

Wie diese Bilder genau ausgesehen haben, ist mir nicht bekannt, leider wurde Camillos Theater nie fertiggestellt und die beiden Entwürfe, die er gebaut hatte sind heute beide verschwunden. So bleibt nur die Beschreibung des Theaters von verschiedenen Besuchern Camillos.

Dieses Theater war ein faszinierendes und geniales System und der König von Frankreich versprach Camillo viel Geld für die Fertigstellung des Theaters. Jedoch ist es auf okkulten Gedanken gegründet und verliert so viel von seiner Seriösität.

Ein weiterer grosser Autor der Mnemotechnik (auf den ich aber nicht grösser eingehen will,allein seine Arbeit würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen) ist Giordano Bruno, geboren 1548. Er schuf als Symbiose der Kunst, wie sie niedergeschrieben wurde von Albertus Magnus und Giulio Camillo, ein Gedächtnissystem, das auf verschiedenen Kreisscheiben beruhte, die gegeneinander verdreht wurden und somit fast beliebig viele Kombinationen ergaben. Allerdings beruft er sich, während er die klassischen Gedanken von Orten und Bildern beibehält, auf eben jene Macht der Sterne. Während seine Kunst am Anfang noch bestaunt wurde und er ein geachteter Mensch war, wurde er später zu einem Opfer der Inquisition aufgrund seiner okkulten Gedanken.14

Als Gegenbewegung zu Giordano Bruno und der Bilderwelt, die auch in den klassischen Systemen verwendet wird, schuf der Protestant Pierre de la Ramée ein System, das auch gleich half, die scholastischen Gedanken aus der Mnemotechnik zu verbannen. Sein System, der Ramismus, gründete nicht auf Bildern und Orten, mit denen abstrakte Begriffe umgesetzt wurden und in extremer Form einen Ansatz nur über Sinnbilder und Wortähnlichkeiten zu dem Begriff lieferte. Dies war vor allem ein Problem weil sich so die Lernenden nicht Gedanken zu dem Sachverhalt machten, sondern nur, wie sie diesen merken könnten. Dies wurde mit dem Ramismus angegangen. In diesem System wurde der Sachverhalt nicht mit berührenden Bildern gemerkt, sondern indem man ein Schema, eine Tafel, auf der die verschiedenen Eigenschaften des Sachverhalts und dessen Ursprung angeordnet sind, memorierte.15

Die Mnemotechnik entwickelte im Mittelalter und in der Renaissance viele Variationen, welche manchmal (vielleicht auch durch die Falschinterpretation der Quellen der Antike) komische Züge annahmen.

2.5 Weiterentwicklung der Kunst in der Neuzeit

Nach Giordano Bruno haben sich noch viele Autoren mit der Mnemotechnik befasst. Robert Fludd baute sein Gedächtnissystem zur Zeit Shakespeares aufgrund der Orte, die er aus den Sternzeichen gewinnen konnte, ähnlich wie Metrodorus von Skepsis. Auf diese Scheibe der Sternzeichen (eine mögliche Art, sich dieses Erinnern aufgrund der Sternzeichen vorzustellen) stellte er sich Theaterbühnen vor, die in der reellen Welt existierten (Darunter auch das abgebrannte Globe Theater, dem Aufführort von Shakespeares Schauspieltruppe.

Auch Descartes befasste sich mit der Mnemotechnik, jedoch nicht all zu intensiv, für ihn war der logisch-mathematisch funktionierende Teil des Gehirns wichtiger.

Bei der Zusammenstellung seiner universellen Enzyklopädie behalf sich Leibniz der Ausformung der Mnemotechnik durch Lull.

Noch ungezählte Weitere befassten sich mit der Kunst bzw. Tugend der Mnemotechnik, sie diente sogar als Grundlage von Sekten. Hier werde ich einen weiteren Zeitsprung machen, denn es wurden nicht viele neue Ideen niedergeschrieben.

Nun möchte ich noch auf die weitere Entwicklung der Mnemotechnik im 20. Jahrhundert zu sprechen kommen. Die Mnemotechnik geriet im Verlaufe der Jahrhunderte in Vergessenheit. Dies lag auch an der Forschung über das Gehirn, der technische Weg des Lernens wurde viel wichtiger. Doch auch in der Lernpsychologie wurden Fortschritte gemacht. Es wurde (wieder)erkannt, dass der Mensch sich Informationen nicht einfach in ihrer «ursprünglichen Form» einprägen kann, sondern, dass er sie in eine gewisse Form bringen muss, um sie dauerhaft zu behalten.

Während in den Rhetorikschulen um 500 vor Christus wie in den Klosterschulen um 1400 nach Christus noch die Kunst der Mnemotechnik unterrichtet wurde, werden heute dem Schüler solche Methoden nicht mehr beigebracht. Dies vielleicht auch, da ein dogmatisches Beharren auf einer Methode wie die des Wortgedächtnisses der Antike wahrscheinlich keinen Erfolg mit sich bringen würde. Dennoch sollten wir heute immer noch in der Lage sein, grössere Mengen von Informationen zu speichern. Deswegen werde ich nun einige Techniken im nächsten Teil erklären.

3 Anwendungsgebiete für einen Gymnasiasten im 21. Jahrhundert

3.1 Ziel dieses Kapitels

In diesem zweiten Teil werde ich versuchen, Anwendungsgebiete der mit der Geschichte kurz umrissenen Methoden für den heutigen Gymnasiasten zu finden, und danach diese Methoden eingehend erklären. Doch zuerst werde ich mich mit dem Stellenwert des Auswendiglernens heutzutage befassen und versuchen zu ermitteln, wie sich die Anforderungen im Laufe der Zeit geändert haben.

3.2 Die Bedeutung des Auswendiglernens heutzutage

Die Aufgabe des heutigen Schülers ist es nicht, Gedichte auswendigzulernen, auch nicht, sich die ewigen Qualen der Hölle vor Augen zu führen. Das Auswendiglernen in dieser Form hat ausgedient, simples Aufzählen von Fachbegriffen (wozu sich die Methoden übrigens auch hervorragend eignen) ist höchstens noch in einem Arztstudium angesagt (und wird auch dort stetig abgebaut).

Was jedoch in der heutigen Zeit immer noch Wichtigkeit hat, ist das Erkennen von Zusammenhängen, in gewisser Weise das Kategorisieren, die Selektion der Informationen, die man täglich aufnimmt. Ausserdem bereitet es uns auch heutzutage noch Mühe, einen Text einmal durchzulesen und danach noch etwas über das Gelesene zu wissen. In diesen Punkten können die Techniken der Mnemotechnik helfen. Jedoch gibt es auch viele Anwendungsgebiete, die in der heutigen Zeit nicht nötig, aber praktisch sind, wie zum Beispiel das Auswendiglernen eines Vortrages. Auf diese verschiedenen Gebiete werde ich in diesem Teil eingehen.

3.3 Vorteile der Mnemotechnik gegenüber einfacheren Systemen

Die meisten Leute verstehen unter Auswendiglernen ein simples Repetieren der Informationen, bis man sich diese merken kann. Doch diese Methode (die einfachste aller Methoden, jedoch verbunden mit einem vergleichsweise grossen Zeitaufwand) stösst schnell an ihre Grenzen. Sie wird dann durch Eselsbrücken und Ähnliches erweitert.

In einem ersten Selbstversuch probiere ich die Vorteile einiger simpler Methoden der Mnemotechnik gegenüber dem Repetieren aufzuzeigen.

Ein sehr imposantes, wenn auch wenig nützliches Beispiel für die Mnemotechnik ist das Auswendiglernen eines Kartensatzes. Dazu versuche ich, wie es die Mnemotechnik beschreibt, mit Orten und Bildern zu schaffen. Dieses Beispiel entdeckte ich zuerst im Buch Der einfache Weg zu einem besseren Gedächtnis von Dominic O' Brien, einem Gedächtniskünstler.

Das Ziel des Experimentes ist es, sich einen kompletten, gemischten Kartensatz zu merken und dann die Karten in der richtigen Reihenfolge wieder aufzusagen. Bei eigenen Versuchen konnte ich mir, ohne Anwendung einer bestimmten Technik, fünf bis zehn Karten merken. Mir fiel es einiges schwerer, die Zahlen 6-10 zu merken, als die Bilder.

Nun versuchte ich die Technik, wie sie im Buch vorgeschlagen wurde. Ich merkte mir für jede Karte eine Person, die dann sozusagen als «Schlüssel» dienen sollte, um den Kartenwert zu erinnern. Dies war der schwierigste Teil des Experimentes, das wirklich jede Karte mit einer Person verbunden werden musste, die mir sofort einfiel. Der zweite Teil war nun die Wahl einer Route. Im Gegensatz zu konventionellen Methoden war dies nicht ein Raum, der verwendet wurde, sondern eine Strecke, da es nicht nötig war, nach der fünften Karte die siebzehnte zu wissen, sondern nur die sechste. Also eignete sich am besten ein Weg, an dessen markanten Punkten dann die Orte sein sollten. Nun ging es ans eigentliche Auswendiglernen. An jeden Ort, einem markanten Punkt auf der Route, den ich mir gemerkt hatte, stellte ich die Person, die ich dem Kartenwert zugeordnet hatte. Nun versuchte ich, die Karten in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben, was nach einigen Versuchen auch mit 36 Karten klappte (am Anfang herrschte Unsicherheit, mit welcher Person ich welche Karte verbunden hatte). Mit genau der gleichen Leichtigkeit war es möglich, die umgekehrte Kartenreihenfolge wiederzugeben sowie in der Mitte des Sets zu beginnen.

Es stellt sich nun die Frage, wieso die Methode mit Orten und Bildern so viel besser funktionierte. Einerseits ist dies wahrscheinlich mit unserem besseren Vermögen, uns etwas bildlich vorzustellen als uns Zahlen und Worte zu merken, zu begründen, andererseits spielt hier sicher auch die Kapselung eine Rolle. Die Methode wird in der Lernpsychologie auch als enkodieren bezeichnet. Um uns Informationen zu merken, enkodieren wir diese meistens automatisch. Ein Beispiel dafür ist das Telefongespräch, das man vor fünf Minuten geführt hat und an das man sich erst wieder erinnern kann, wenn man wieder vor dem Telefon steht. Die Informationen des Telefongespräches wurden mit dem Ort des Gespräches verknüpft. Dies ist sehr wichtig für das Gehirn. So fällt uns zu einem Thema meistens nur das naheliegendste ein, die Informationsbeschaffung geschieht schrittweise und nicht in einem grossen Stück, welches wir gar nicht verarbeiten könnten. Andererseits kann diese Kapselung auch ein Hindernis sein, zum Beispiel wenn uns zu einer Information, die wir suchen, einfach kein «Schlüssel» einfällt, mit dem wir die Schatzkiste dieser Information öffnen könnten. Dies geschieht meistens, wenn wir diese Kapselung unbewusst machen. Ein grosser Teil der Mnemotechnik zielt darauf ab, diese Kapselung bewusst zu machen.

3.4 Die Idee des Gedankenpalastes

Für die folgenden Beispiele wird für die Orte mehr benötigt, als nur eine Route, da die zu merkenden Informationen jeweils gruppiert werden müssen, was mit einem «eindimensionalen Ansatz» wie die Route nicht möglich ist.

Der Missionar Matteo Ricci schlug Mitte des 16. Jahrhunderts vor, für jegliche Information, die gemerkt werden musste, Platz zu schaffen in einem System von Räumen, die mit ihren Ecken und Säulen Platz für sehr viele Orte liefern. Er selber schuf sich einen solchen Gedankenpalast, wie es in Jonathan D. Spences The Memory Palace of Matteo Ricci beschrieben ist. Dieses Verfahren ist noch einiges schwieriger und bedarf einer guten Vorstellungskraft, da solche architektonischen Orte sehr schwierig zu visualisieren sind, vor allem zu Beginn der Übung. Im Gegensatz zu einem System mit einer Route, die man sehr gut kennt, ist es schwierig, sich die Dimensionen eines Raumes vorzustellen. Jemandem, der jahrelang gezeichnet hat, wird dies leicht fallen, doch am Anfang bereitete die Technik mir einige Schwierigkeiten.

Dieses System ist erweiterbar, das heisst, an einen einzelnen Raum, den man sich vorstellen kann, ist es möglich, andere Räume anzuhängen, auch solche, die vielleicht gar nicht wirklich existieren, denn sind wir in der Lage, reale Räume zu erfassen, so ist dies auch einfach mit selbst geschaffenen möglich. Als erster Schritt sollte ein zentrales Zimmer gewählt werden, vielleicht eine Eingangshalle oder etwas in der Form. Als erster Raum in meinem eigenen System von Räumen verwendete ich die Eingangshalle des Ägyptischen Museums in Berlin, das ich zu der Zeit, da ich mich zum ersten Mal für solche Systeme zu interessieren begann, gerade besuchte. Auch hier ist es wichtig, sich das Zimmer genau vorzustellen, sich an die Details zu erinnern versuchen, allerdings auch die Dimensionen des Raumes nicht ausser Acht zu lassen. Wie bereits erwähnt, ist dies zu Beginn sehr schwierig, doch lässt sich unser Vorstellungsvermögen gut trainieren.

Nachdem der Raum geschaffen ist, kann das Ausschmücken beginnen. Je nach Information, die gemerkt werden muss, sei das die Adresse der Gemeindeverwaltung oder nur der Name der neuesten CD der Lieblingsband des Bruders, muss eine andere Methode gewählt werden, um diese zu behalten. Ein sehr einfaches Beispiel ist ein Einkaufszettel. Hier erreicht man schon allein durch das mentale «abstellen» der Gegenstände, die einzukaufen sind und das Vorstellen derjenigen, dass diese einfacher im Gedächtnis bleiben.

Eine Herausforderung ist es jedoch zum Beispiel, Telefonnummern zu merken. Doch auf die verschiedenen Systeme, sich Zahlen zu merken, werde ich später eingehen, da diese Technik in der heutigen Zeit der elektronischen Adressbücher viel an Stellenwert verloren hat und sich die Frage nach dem Sinn solcher Informationen stellt.

Wichtig für einen Schüler wäre es zum Beispiel, die Gedanken, die im Unterricht vollzogen wurden, wieder nachzuvollziehen, ohne dazu immer Notizen nötig zu haben. Es ist nicht nötig, Formeln auswendig zu lernen, oder auch nur Fachbegriffe, doch sollte der Zusammenhang im Thema klar sein. Dies erreiche ich für mich persönlich, indem ich mir die Informationen auch als Bilder in verschiedenen Zimmern, jeweils für ein Thema ein Zimmer, merke. Mag dies die Literaturgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts sein oder die Vererbungsregeln in der Biologie. Die Bilder zu erklären, die ich mir zu den einzelnen Themen merke, wäre eine schlechte Idee, da sie so gewählt wurden, dass die Verknüpfung mit der Information mir logisch erscheint, dies jedoch nicht für jemand anderes sein muss. Wichtig ist es, sich Bilder zu merken, die einem auffallen. Auch mit der besten Vorstellungskraft werden wir uns ein Abbild eines Computers in der Ecke eines vorgestellten Zimmers nur schlecht merken können, geschweige denn eine Information damit verknüpfen wie zum Beispiel, welche Schnittstellen ein Computer haben kann. Dazu eignen sich besser Bilder, die irgendeine Verbindung zu der Information haben, sei das nur durch deren Ähnlichkeit im Namen (ein leerer Geldsack mit dem Logo der UBS wäre sicher geeignet, um den Namen USB (Universal Serial Bus, eine Computerschnittstelle) sowie dessen Vorteil - billig, deswegen kein Geld im Geldsack - zu merken). Nun stellt sich die Frage, wie die Informationen verbunden werden können. Dies ist durch eine mentale räumliche Anordnung möglich. Durch den Abstand der Objekte voneinander kann die Beziehung deutlich gemacht werden. Ein gutes Beispiel ist etwa das wichtigste Werk eines Autors in die Nähe des «Abbilds» des Autors zu stellen, welcher dann wiederum in einem Raum gemerkt wurde, in dem nur Autoren des Impressionismus zu finden sind.

3.5 Nutzen der Mnemotechnik im Vortrag

Einen Nutzen hat die Mnemotechnik sicher heute noch in Arbeit des Vortragens, schliesslich war dies das Fachgebiet, das den Anlass bot, solche Techniken zu entwickeln. In einem Vortrag, so hörte ich von den meisten Lehrern, ist es weder gut, allen Text abzulesen, noch den Text auswendigzulernen, und danach abzustottern. Stattdessen wird immer wieder die Methode empfohlen, sich Stichworte aufzuschreiben, und dann den Vortrag anhand dieser Notizen auszuformulieren. Dies hat einige Vorteile, doch treten Probleme auf wie die Orientierungslosigkeit in den eigenen Notizen und der fehlende Blickkontakt mit den Zuhörern. Da nun gezeigt wurde, dass mit Hilfe der Mnemotechnik sehr viele Informationen zu merken sind, sollte es auch möglich sein, die Idee eines Stichwortes in einem Vortrag zu merken. Quintillian beschreibt dies in Institutio oratoria am Beispiel eines Vortrages über Kriegskunst und Schiffahrt. Der Vortragende geht durch seine Räume und legt dort die Objekte hin, die ihn an das Vorzutragende erinnern sollen, in seinem Beispiel Anker und Waffen (Natürlich sind in einem richtigen Vortrag spezifischere Bilder nötig). Beginnt nun der Vortrag, werden die Räume innerlich abgeschritten und die Informationen zu dem jeweiligen Objekt formuliert, bevor das nächste aufgegriffen wird. Diese Methode hat gegenüber dem kompletten Auswendiglernen den Vorteil, dass man einfacher Pausen machen kann und bei Rückfragen auch die Reihenfolge des Vortrages laufend ändern kann. Gegenüber den Stichworten bietet dies auch den Vorteil der variablen Reihenfolge. Auch fällt es sicher leichter, eine Idee auszuformulieren, als aus einem Stichwort einen Satz zu bilden.

3.6 Das Erinnern von Zahlen

Zum Erinnern von Zahlen kannten weder Cicero noch Giordano Bruno eine einfache Methode. Dies mag auch daran liegen, dass Zahlen zu dieser Zeit noch keine so grosse Bedeutung hatten, man denke schon nur an Telefonnummern. Eine Möglichkeit ist das Merken der Zahl durch ein Objekt, das eine ähnliche Form hat wie die Zahl, wie zum Beispiel einem Schwan für die Ziffer 2. Eine Telefonnummer könnte dann die als Abfolge von einem Segelschiff (4), zwei Schwänen (2), einem Rettungsring (0) in dem einer der sieben Zwerge steckt (7), wieder gefolgt von einem Schwan (2) und einem verzweifelt um sich schlagenden Schweinchen (9, Form des Schwanzes). Diese Reihenfolge kann nun zum Beispiel in eine Geschichte verpackt werden oder an einem Ort gemerkt werden.

Mit dieser einfachen Methode schliesse ich den praktischen Teil ab und werde nun meine Schlüsse über die Methoden ziehen.

4 Schlussfolgerungen

In dieser Arbeit habe ich versucht, einige Gedächtnistechniken zu erläutern und umzusetzen. Heutzutage ist es nicht mehr nötig, sich so viel im Kopf zu behalten wie im Mittelalter. Dank Agenda, Palm und billigem Schreibmaterial müssen wir viel weniger Vertrauen in unsere Gedächtnisleistung setzen.

Es stellt sich nun aber die Frage, ob all diese Techniken in der heutigen Zeit eine Bedeutung haben. Ich bin der Meinung, dass viel Arbeit erspart wird, wenn in der Schule nicht zu jedem Thema Notizen gemacht werden müssen, die dann zu Hause noch einmal bearbeitet werden müssen - eine doppelte Arbeit. Auch ist das Zusammenfassen von Texten mit Markierstift wenig sinnvoll, denn so wird wieder versucht, einen gleichmässig dick gepackten Text mit einigen Worten aus dem Text zu beschreiben. Hier hilft es, wenn man versucht, sich nicht alles aufzuschreiben, sondern die Informationen selbst zu ordnen und zu merken. Das menschliche Gehirn ist dazu ohnehin in der Lage.

Durch diese Techniken lässt sich die Zeit verringern, die benötigt wird, um Informationen aufzunehmen (wiederholt werden müssen auch diese) und dies ist besonders bei anstehenden Themen wie der Maturlektüre sehr wichtig. Ich habe den Entschluss gefasst, vor allem in diesem Gebiet die Mnemotechnik zu nutzen, da sie mir ermöglichen soll, den Ablauf der Geschichte, die verschiedenen Charaktere in Erinnerung zu halten. Ob mein System also auf diesem Gebiet wirklich funktioniert, werde ich wohl erst nach der Matur sehen können.

5 Literaturliste

5.1 Quellen

Der einfache Weg zu einem besseren Gedächtnis von Dominic O' Brien
3-485-00850-8 Nymphenburger München, 2000
Gedächtnis und Erinnern - Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare von Frances A. Yates
3-527-17714-0 Akademie-Verlag, 1966
The Memory Palace of Matteo Ricci von Jonathan D. Spence
New York: Viking, 1985

5.2 Weiterführende Literatur

Zuerst einige Quellen zur klassischen Kunst der Mnemotechnik:

De Oratore von Marcus Tullius Cicero
Reclams, 1991
Institutio oratoria XI von Marcus Fabius Quintillian
,
Ad C. Herennium von Marcus Tullius Cicero
Harvard University Press, London, 1977

Zum Mittelalter sind vor allem zwei Quellen aufzuführen, die Summa von Thomas von Aquin und De bono von Albertus Magnus. Jedoch war es mir nicht möglich, Informationen über Ausgaben dieser zwei Bücher zu finden.

In Bezug auf «Mnemotechnik und Okkultismus» sind vor allem die Werke von Giordano Bruno zu erwähnen. Ich selber hatte hier nicht die Möglichkeit, mich gross einzulesen. Dieses Werk ist ein imaginärer Dialog Brunos geführt während der Reise zu einem Aschermittwochsmahl in London. Dieses Buch werde ich von Giordano Bruno als Erstes lesen.

Das Aschermittwochsmahl von Giordano Bruno
Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1969

Auch das Lullsche System wurde in meiner Arbeit nicht erwähnt.

Ramon Lull and Lullism in fourteenth-century France von Jocelyn Hillgarth
Oxford: Clarendon Press, 1971

5.3 Internet

Viele Quellen des Internets bieten nur Informationen zu Gedächtnis-Wettkämpfen oder Buch-Bestellungen. Herauszuheben ist jedoch die kleine Site http://www.mnemotechnik.info, von dort habe ich das System zum Zahlenmerken gelernt.

6 Anmerkungen

  1. Seite 11 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  2. Siehe auch Kapitel 1+2 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  3. Seite 12 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  4. Seite 19 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  5. Seite 19 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  6. Seite 21 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  7. Seiten 21 ff Gedächtnis und Erinnern. 1966
  8. Seite 61 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  9. Seite 92 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  10. Siehe auch The memory palace of Matteo Ricci. 1985
  11. Seiten 29 ff Gedächtnis und Erinnern. 1966
  12. Seiten 123 ff Gedächtnis und Erinnern. 1966
  13. Anhang Gedächtnis und Erinnern. 1966
  14. Siehe auch Kapitel 9,11,12,13 Gedächtnis und Erinnern. 1966
  15. Siehe auch Kapitel 10 Gedächtnis und Erinnern. 1966