Der Luftschutz
Bereits 1940 wurden die ersten Luftschutzmaßnahmen ergriffen und das auch in Sinnersdorf. Mit der Verdunkelung fing alles an. Auch wenn es zu dieser Zeit in Sinnersdorf noch keine Straßenbeleuchtung gab und es dort ohnehin schon dunkel war, gab es trotzdem noch einiges zu tun. Die Fenster mußten so hergerichtet werden, daß kein Licht nach außen drang. Hierfür wurde unter anderem auch Verdunkelungspapier, das besonders zugeteilt wurde verwendet. Es handelte sich um schwarzes lichtundurchlässiges Papier, das mit Klebeband auf der Innenseite der Fensterscheibe befestigt wurde. Räume, die bei Dunkelheit beleuchtet wurden, aber kein Tageslicht benötigten, wie zum Beispiel Schlafzimmer, wurden so nach außen hin vollständig verdunkelt. Besonders in den Städten, damals hatten nur wenige Fenster Rollos, waren fast alle Fensterscheiben schwarz beklebt. In Sinnersdorf hatten die meisten Fenster Blendladen, aber auch hier mußten noch so manche Ritze irgendwie abgedichtet werden. Ging man also nach Einbruch der Dunkelheit durch Sinnersdorf, so konnte es je nach Wetterlage stockdunkel und auch etwas unheimlich sein. Große Angst hatte ich immer dann, wenn ich nachts zum unbeleuchteten Klohäuschen mußte, daß wie damals üblich, im Garten stand.
Findige Köpfe waren auf die Idee gekommen, Leuchtplaketten an den Mann zu bringen. Das waren runde Pappdinger, die mit Phosphor beschichtet waren und bei Dunkelheit leuchteten. Sie sollten an die Kleidung geheftet werden und verhindern, daß sich Fußgänger im Dunkeln gegenseitig die Köpfe einrennen. Das war natürlich dummes Zeug und schnell waren die Dinger auch wieder verschwunden.
Autoscheinwerfer wurden so mit Verdunkelungspapier beklebt, daß nur ein ganz schmaler Schlitz etwas von der Lichtquelle nach außen dringen ließ. Ähnlich verfuhr man auch mit Scheinwerfern anderer Fahrzeuge, wie zum Beispiel, Eisenbahn, Straßenbahn und natürlich auch Fahrrädern. Alles wirkte etwas geisterhaft und ein Fahrzeug bei Dunkelheit zu bewegen war mit Sicherheit eine gefährliche Angelegenheit.
In Sinnersdorf wurde auch in Bezug auf den Brandschutz rechtzeitig vorgesorgt, obwohl das zu diesem Zeitpunkt noch nicht so eng gesehen wurde. So wurden in bestimmten Abständen Feuerwehrübungen durchgeführt. Diese fanden am Spritzenhaus auf der Horst-Wessel-Straße, der heutigen Kölner Straße, statt. Das Spritzenhaus stand rechts neben dem Bauernhof Pütz, heute Hildenhagen. Die Übungsgeräte waren hier untergebracht. Die Brandübungen gingen so von statten: Irgendwelcher Papierkram wurde in Brand gesteckt und dann mit Wasser gelöscht. Hierfür wurde eine Menschenschlange, überwiegend aus Frauen bestehend gebildet, die von Hand zu Hand die mit Wasser gefüllten Eimer weiter reichten. Das Wasser wurde in einen großen Kübel gekippt und mittels einer Handpumpe, der so genannten Luftschutzpumpe, zum Brandherd befördert. Für uns Kinder als Zuschauer immer eine tolle Sache, zumal es dabei immer lustig zuging. Einmal so erinnere ich mich, wurde Ernst daraus, denn irgend ein fremder Mann in Uniform hatte eine Brandbombe mitgebracht und gezündet. Das sah so aus, als hätte er eine riesengroße Wunderkerze in der Hand. Um zu demonstrieren, das man so ein Ding einfach in die Hand nehmen und wegwerfen kann, dort hin, wo es keinen Schaden anrichtet, sollte die Brandbombe von Hand zu Hand weitergereicht werden. Da hatte er aber die Rechnung ohne die Sinnersdorfer gemacht, keiner war dazu zu bewegen, die Bombe anzufassen, worüber der uniformierte sehr ärgerlich wurde.
Damit nun auch immer genug Löschwasser vorhanden war, wurde in der Kesselsgasse, in der Nähe der Einmündung Zehnthofstraße ein Löschteich angelegt, ein betoniertes Bassin. Die Frage, wie man das Wasser im Notfall zum Beispiel zur Roggendorfer Straße transportiert, blieb ungelöst. Das Becken war mit einem Maschendraht eingezäunt, für uns Kinder kein Hindernis, dort kleine Holzboote fahren zu lassen. Im Winter war das Becken die ideale Schlittschuhbahn. Nach dem Krieg baute die Familie Sikora an dieser Stelle ein Wohnhaus.
Allen Haushalten wurden Luftschutzutensilien zugeteilt: Eine Luftschutzpumpe, einen Zinkeimer und pro Person eine Volksgasmaske. Die Volksgasmasken waren gelinde ausgedrückt ganz fiese und unangenehme Dinger. Sie bestanden aus dünnem grünen Gummi, zwei Bullaugen und einen Schraubverschluß für den Gasfilter. Man mußte sie ganz über den Kopf ziehen, das war das eigentliche Unangenehme daran. Zudem sah es so aus, als hätte man sich als Marsmensch kostümiert. Es gab Volksgasmasken in zwei Größen, eine Ausführung für Erwachsene und eine Ausführung für Kinder. Wer nun einen besonders dicken Kopf hatte, war eben diesbezüglich ein Pechvogel, denn es war beileibe nicht einfach, so ein Ding überhaupt über den Kopf zu streifen, selbst wenn es dabei auch einige Trick´s gab. War es geschafft, stand man auch schon blind in der Gegend herum, denn prompt beschlugen die Bullaugen von innen. Ohne Filter waren die Dinger noch halbwegs zu ertragen, aber wehe, der Gasfilter wurde angeschraubt, dann war auch schon der Ofen aus, die Luft wurde dünn und dünner. Weil das alles so unangenehm war, ist auch aus den befohlenen Übungen nicht viel geworden. Mein Großvater, der auch gleichzeitig unser Nachbar war, hielt von Volksgasmasken nicht viel. Er hatte einen Giftgasangriff bei einem Fronteinsatz im ersten Weltkrieg noch in schlechter Erinnerung und war der Meinung, dann wäre ohnehin alles zu spät. Aufbewahrt wurden die Volksgasmasken bei uns zu Hause in flachen Pappkartons oben auf dem Kleiderschrank. Zum Glück wurden sie nie benötigt. Nach dem Krieg haben wir sie sofort entsorgt, wir waren froh, die Dinger nicht mehr länger wahrnehmen zu müssen.
Aber nicht nur jeder Haushalt wurde mit Luftschutzutensilien bestückt, an die Kirche hatte man auch gedacht. So standen oben im Kirchturm mehrere mit Wasser gefüllte Behälter, Eimer und Luftschutzpumpen.
Unsere wichtigste Luftschutzeinrichtung war der Luftschutzkeller. Wenn auch damals viele Leute in Sinnersdorf der Meinung waren, es gäbe wichtigere Bombenziele als Sinnersdorf und ein Luftschutzkeller sei das letzte was gebraucht würde, hat mein Vater trotzdem mit dem Umbau eines Kellerraumes begonnen und das nicht zu unrecht. Als erstes hat er eine Kelleraußenwand durchbrochen, eine Luke eingebaut und so einen Notausgang, der übrigens auch vorgeschrieben war, geschaffen. Dann hat er mit Rundhölzern die Decke abgestützt und plötzlich sah der Kellerraum aus wie ein Labyrinth. Entlang der Außenwände zimmerte er Bettkästen so groß, daß wir Kinder alle darin Platz zum Schlafen hatten. Die Bettkästen hat er mit Strohsäcke bestückt. Wir waren eine Menge Leute, das kann man schon so sagen. Bei uns im Hause wohnte auch meine Tante mit ihrer fünf köpfigen Familie, wir mit drei Personen und Großvater und Großmutter von nebenan. Eingerichtet war der Luftschutzkeller ordentlich, erfüllte er aber im Ernstfall auch seinen Zweck? Wie auch immer, wir hatten unseren Luftschutzraum, das war die offizielle Bezeichnung dafür, und haben uns auch dort während der Bombenangriffe sicher gefühlt.
Auf dem Dach der Schule wurde eine Luftschutzsirene installiert, etwas fürchterliches. Gut kann ich mich noch daran erinnern, wie der erste Probealarm ausgelöst wurde. Die Töne gingen durch Mark und Knochen. Dieses schreckliche Geheule mußten wir nun jahrelang bei Tag und auch bei Nacht ertragen. Heute noch ist mir das Geheule einer Sirene höchst unangenehm, anders ausgedrückt zuwider.