Selbstmord bei Kindern

Selbstmord bei Kindern

Ihr könnt mich nicht feuern. Ich kündige!

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Kalifornien setzen ihrem Leben gewaltsam ein Ende - und die Opfer werden immer jünger. Sucht man nach der Wirklichkeit hinter der Selbstmord-Statistik, findet man Teenager ohne Halt, gebrochene Familien und ratlose Experten.

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Scott Klepitar war ein Junge mit fahlblondem Haar und bleicher Haut, die unter der Sonne Kaliforniens nicht bräunte. Seine Eltern hatten ihn vor seiner Geburt zur Adoption freigegeben, und die Sehnsucht nach ihnen schnürte ihm das Herz zu. In der Schule stotterte er, und das Gelächter der Kinder schallte nachts in seinem Kopf.

An einem Mittwochabend öffnet der Achtjährige die Tür seines Kleiderschranks und knotet das Ende eines Lassos um den Griff. Das andere Ende wirft er über die Tür und stellt einen Stuhl darunter. Dann wickelt er ein Handtuch um seinen Hals, damit der Strick keine Narben in seine Haut presst - er will seinen Adoptiveltern bei der Totenwache keine Schande machen. Dann steigt er auf den Stuhl und streift die Schlinge über den Kopf.

Auf dem Bildschirm seines Computers leuchtet einer der 40 Abschiedsbriefe, die Scott in den Wochen zuvor geschrieben hat. Er bittet darin seine Adoptiveltern um Verzeihung für den Kummer, den er ihnen bereitet hat. Im letzten Absatz teilt er seine liebsten Spielzeuge unter seinen Freunden auf. Es tut mir leid, Scott.

Minuten vergehen, in denen der Junge in einem Frotteeschlafanzug auf der Stuhlkante steht und schluchzt. Dann wischt er sich die Tränen von den Wangen und springt. Der Griff an der Schranktür bricht, und nach einem Augenblick in der Dunkelheit erwacht Scott im selben Leben. Er schraubt den Türgriff wieder an, schaltet den Computer aus. Er versteckt das Lasso, faltet das Handtuch. Dann beißt er in sein Kopfkissen und weint sich in den Schlaf. Als er am nächsten Morgen aufwacht, sitzt die Adoptivmutter lächelnd auf der Bettkante und streichelt sein Haar. Sieben Jahre lang schwieg Scott und erzählte niemandem von dem Selbstmordversuch. Bis sich sein Freund Kevin einen Gewehrlauf in den Mund schob und eine Wolke Schrot durch seinen Kopf fuhr.

Scotts Geschichte illustriert ein Phänomen, das Selbstmordforschern in Amerika Rätsel aufgibt: die Opfer werden immer jünger. Kinder, manche von ihnen noch zu jung für die High School, erhängen sich mit einem Karategürtel am Etagenbett. Stürzen sich von einem 50 Meter hohen Kliff. Schneiden sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf. Packen die Pistole des Vaters in den Rucksack und schießen sich vor dem Schultor in den Kopf. Zurück bleiben verstörte Freunde und gebrochene Eltern. Los Angeles und der Süden Kaliforniens sind Amerika voraus, wie so oft. Hier wächst eine Generation heran, die mit Selbstmord immer früher in Berührung kommt. Und hier registriert eine Armada von Selbstmordexperten Erschütterungen, die später das ganze Land spürt.

Mehr und mehr Kinder sehen Selbstmord als letzten Ausweg aus einem Leben, das ihnen immer seltener erlaubt, einfach nur Kinder zu sein. Sie rauchen immer früher, sie trinken immer früher. Sie schlafen immer früher miteinander. Und irgendwann zerbrechen sie unter der Last ihrer Probleme, die sie meist ohne die Hilfe ihrer Eltern schultern müssen. 16 Prozent aller High-School-Schüler in Los Angeles versuchten im vergangenen Jahr, sich das Leben zu nehmen, fast doppelt so viele wie im Rest des Landes. Das berichtet die "American Association of Suicidology". Was diese Zahlen nicht erzählen, ist die Geschichte der Jahre vor der Sekunde, in der ein Kind entscheidet, dass es sterben will.

Joey Ortiz träumt immer wie der einen Traum. Darin er scheint dem siebenjährigen Jungen ein alter Mann namens Gott, der ihm erzählt, seine Eltern sollten zusammenleben. Oft erwacht er aus diesen Träumen in einer Lache Urin. Wenige Wochen zuvor hat Joey eines Nachts Schreie aus dem Wohnzimmer gehört und durch einen Türspalt beobachtet, wie seine Mutter den betrunkenen Vater aus der Wohnung stößt.

70 Stunden pro Woche schuftet die Mutter in der Folgezeit in drei verschiedenen Jobs als Krankenschwester, damit sie Joey auf eine private katholische Schule schicken und das Haus in der sicheren Nachbarschaft in East Los Angeles halten kann. Der Junge, sagt sie immer, soll es einmal besser haben. An Geld fehlt es nicht, doch die Einsamkeit verzehrt Joey. Manchmal kriecht er zu seiner Mutter ins Bett, küsst ihren Hals und zupft am Ärmel ihres Nachthemds. "Mommy, umarme mich", flüstert er.

Mit 14 Jahren beschreibt Joey seine Schmerzen in einem Gedicht: "Ich bin immer im Schatten", schreibt er, "nie im Licht." Doch dann, bei einem Ball an seiner Schule, öffnet sich ein Spalt im Schatten. Sie heißt Candie und sie fühlt Joeys Schmerz - ihr Vater verließ ihre Familie, als sie zehn war. Die Verliebten telefonieren Dutzend Mal am Tag, sie schreiben sich lange Briefe, sie halten einander.

Für Candie geht ein Wunsch in Erfüllung, als sie schwanger wird. Für Joey stirbt ein Traum. Er liebe Candie und sei glücklich über das Baby, erzählt er einem Freund. Doch er sei zu jung, um die Schule abzubrechen und für ein Kind zu sorgen. Und eine Abtreibung koste 600 Dollar, die habe er nicht.

Joey erzählt seinen - mittlerweile wieder zusammenlebenden - Eltern nichts von der Schwangerschaft. Er bemüht sich, seine Verzweiflung zu verbergen. Doch der Lebenswille des Jungen schwindet mit jedem Tag, an dem das Versprechen eines Lebens in Candies Bauch wächst. Es fehlt nun nur noch der Hauch einer Enttäuschung, um Joey zu fällen. Als er eines Abends das Haus verlassen will, um Candie zu besuchen, ist der Moment gekommen.

Der Vater lässt ihn nicht gehen, nicht bevor der Sohn endlich sein Zimmer aufgeräumt habe. Joey greift zum Telefon, wählt die Nummer von Candies Funkrufempfänger und sendet ihr eine Nachricht: "187187187". Es ist ihr gemeinsamer Code für "Tod, Mord, getötet". Als Joeys Schwester am nächsten Morgen die Tür öffnet, stößt sie einen langen Schrei aus. Der 15jährige hängt mit einem Strick um den Hals an der Stange in der Kleiderkammer, starr. Unter ihm liegt ein Kruzifix. Auf dem Kreuz kleben Tropfen seines Bluts.

Drei Monate nach Joeys Selbstmord bringt Candie einen sieben Pfund und 340 Gramm schweren Jungen mit braunen Augen zur Welt. Sie nennt ihn Joey.

Drei von vier Kindern wachsen in Kalifornien ohne ihre leibliche Mutter oder ihren leiblichen Vater auf. Und selbst wenn die Eltern mit ihren Kindern unter einem Dach leben, verbringen sie oft wenig Zeit mit ihnen. Die Arbeit der Eltern bestimmt das Leben der Familie, in dem für ausführliche Gespräche über die Probleme und Ängste der Kinder selten Platz ist.

"Wir wollen, dass unsere Kinder schön und erfolgreich sind, aber wir bringen ihnen nicht bei, wie sie ihr Leben bewältigen können", sagt Dr. Michael Peck, Vorsitzender des "Suicide Prevention Institute" in Los Angeles. Peck untersucht seit Ende der sechziger Jahre Selbstmorde von Jugendlichen in Kalifornien. Als eine der Hauptursachen für die hohe Zahl der Suizide sieht er die Explosion des Drogenkonsums, die damals zündete. Die Mädchen und Jungen, die sich heute das Leben nehmen, sind die Kinder einer Generation, in der Drogen, Scheidungen und das Trauma des Krieges in Vietnam viele Familien zerrissen haben. "Ich glaube, dass wir in den Sechzigern das Tor zur Hölle aufgestoßen haben", sagt Peck. Alkohol und Drogen sind für viele Kinder die Eintrittskarte in ein Partyleben, das um Spaß, Rebellion und Abenteuer kreist. Der Rausch betäubt ihre Einsamkeit, doch er verzehrt auch ein Urteilsvermögen, das in ihrem Alter ohnehin eingeschränkt ist. "Wenn ein Zwölfjähriger Marihuana raucht", sagt Peck, "ist das Ausmaß der Zerstörung zehnmal größer als bei einem Erwachsenen." Die Nachwehen dieser Zerstörung treffen die Kinder mit einer Wucht, die sie überwältigt.

Eine Glocke schrillt in der Mittagsstille an der 68th Street in South Central, einem der ärmsten Stadtteile von Los Angeles. Dunkelhäutige Mädchen und Jungen in blau-weißen Uniformen stürmen aus den Klassenräumen der 68th Street Elementary School und ziehen eine Wolke aus Geschrei und Gelächter hinter sich her. Die Jungen rennen auf rote Dreiräder zu, die vor dem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun stehen, der den Schulhof säumt. Die Mädchen packen ihre Springseile aus und hüpfen über Hinkelkästchen.

Die Jungen tanzen einen Tanz, den sie suicide nennen. Sie schrauben sich dabei kraftvoll in die Luft und prallen mit ihren Brustkörben hart aufeinander. Wenn die Nacht auf South Central fäll, schwirren die Polizeihubschrauber über die Häuserdächer, spüren fliehende Verdächtige mit Wärmedetektoren auf und schneiden mit ihren Suchscheinwerfern Lichtkegel in die Finsternis.

In Zimmer 23 A beugt sich Jessie Freeman, Psychologin an der 68th Street Elementary School, über ihren zerkratzten Schreibtisch, von dem eine Galerie gerahmter Kindergesichter sie anlächelt, und nimmt ein Foto in beide Hände. "Teslyn", sagt sie und streicht mit einer Hand über den Rahmen. "Zu ihrem Geburtstag habe ich ihr einen Kuchen gebacken und sie in ein Restaurant ausgeführt - sie hatte noch nie ein Geschenk bekommen." Teslyn ist eines der Kinder, die irgendwann an die Tür von Zimmer 23A klopfen, wenn Lehrer sich um sie sorgen und sie zu Freeman schicken. Manchmal jedoch sind die Kinder so verzweifelt, dass sie aus eigenem Entschluß zu der Frau laufen, auf deren Visitenkarte ein blaues Herz leuchtet.

Wie unter einem Mikroskop verdeutlicht sich an der 68th Street Elementary School, einer ausschließlich von hispanischen und schwarzen Kindern besuchten Grundschule, die Armut amerikanischer Innenstädte. Für viele der hispanischen Kinder beginnen die Probleme mit einer Sprache, die ihnen fremd ist. Ihre Eltern schotten sich in Enklaven ab, in denen fast ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Für viele schwarze Kinder beginnen die Probleme mit Eltern, die ihnen fremd sind. Einige dieser Väter und Mütter kauern nur ein paar Straßenblöcke entfernt von der Schule in Abbruchhäusern, zittrig, und saugen den Rauch aus Crack-Pfeifchen in ihre Köpfe.

Nicht weit von Free mans Büro entfernt, an der 49th Street Ele mentary School, ging ein zehnjähriger Junge namens Jorge David Licea zur Schule. Er war ein Kind wie jedes andere. Weil er während des Unterrichts ein "schlechtes Wort" gesagt hatte, erteilt seine Klassenlehrerin ihm eines Tages Spielverbot für die Pause. Statt dessen soll er auf einer Bank sitzen und zusehen. Doch ein Freund überredet Jorge, trotzdem mitzuspielen. Als die Lehrerin entdeckt, daß Jorge sich über ihr Verbot hinweggesetzt hat, stellt sie ihn zur Rede: "Warum sitzt du nicht auf der Bank?" ruft sie aufgebracht und kündigt Konsequenzen an. Später gibt sie dem Jungen einen Brief, in dem sie seine Eltern zu sich zitiert. Mit Tränen in den Augen nimmt Jorge den Brief entgegen.

Der Brief wird die Eltern nie erreichen. Als Jorge von der Schule nach Hause zurückkehrt, geht er in das Schlafzimmer seiner Eltern und greift unter die Matratze, wo sein Vater eine halbautomatische Pistole aufbewahrt. Dann steigt er auf einen Stuhl, stellt sich auf Zehenspitzen und zieht vom obersten Regal eine Schachtel Munition herunter. Er öffnet die Schachtel, schiebt die Patrone in das Magazin und versteckt die Pistole in seinem Rucksack.

Am nächsten Morgen steht Jorge vor dem Schultor und weint. Dann zieht er die Pistole aus dem Rucksack und reicht sie zwei Freunden. Er bittet sie, ihn zu erschießen. Sie lehnen ab und sagen, er solle aufhören mit dem Unsinn. Jorge drückt den Pistolenlauf an seine Schläfe. Dann hallt ein Schuss über den Schulhof und Jorge kippt zu Boden.

Das Bild des toten Jorge vor dem Schultor erschüttert eine Stadt, die die täglichen Opfermeldungen aus South Central zur Kenntnis nahm wie ein Tief im Wetterbericht. Hier lag ein scheinbar ganz normales zehnjähriges Kind aus einer scheinbar ganz normalen Familie in seinem Blut - eine Kugel im Kopf, den Finger am Abzug einer Pistole. Es war ein Bild, das zum Symbol wurde für ein Problem, für das viele Eltern blind oder einfach zu beschäftigt sind. Es erinnerte Eltern daran, dass auch in ihrer Familie ein Jorge leben und sterben könnte.

Es ist nicht wahr, dass Kinder resistenter gegen Gedanken an Selbstmord sind, wenn sie in einer Welt des Wohlstands aufwachsen. Eine Villa mit Meerblick ist kein Schutzschild gegen das emotionale Wirrwarr der frühen Jugendjahre. Im Gegenteil: Statistiken zeigen, dass Selbstmordraten überproportional hoch sind unter Jugendlichen aus wohlhabenden, wohlgebildeten Familien.

Heidi Chamberlain lebte in einer solchen Wohlstandswelt. Sie erwachte jeden Morgen unter einem Fenster, das die Wellen des Pazifiks rahmte. Sie verfügte über eine Haushälterin, die ihr das Zimmer aufräumte und das Essen aufwärmte. Sie ritt auf dem Rücken eines Pferdes, das allein ihr gehörte. Ihr Vater, obwohl beruflich ambitioniert und erfolgreich, nahm sich Nachmittage frei, um Heidis Football-Mannschaft zu trainieren.

Doch im Hause Chamberlain im vornehmen Rancho Palos Verdes, südlich von Los Angeles, herrscht ein strenges Regelwerk aus Geboten und Verboten. Hausbesuche muss die Tochter ankündigen, Verstöße gegen Regeln ahnden die Eltern mit empfindlichen Strafen. Es sind erstickende Vorschriften, gegen die Heidi immer häufiger rebelliert.

Manchmal stiehlt sie sich nachts im elterlichen Auto davon und kreuzt mit Freunden durch die Nacht. Als Heidi 15 wird, erlauben die Eltern ihr, am Wochenende abends auszugehen; um 22 Uhr muss sie wieder zu Hause sein. Doch als sie mitten in der Woche zu einem vermeintlichen Abendspaziergang mit Mädchen aus der Kirchegemeinde aufbricht, folgt ihr die Mutter heimlich. Sie entdeckt, dass Jungen die Gruppe begleiten, und zerrt Heidi nach Hause: "Du hast gelogen!"

Die Eltern verschärfen die Verbote, bestrafen jeden Verstoß mit längeren Hausarresten. In dieser Zeit lernt Heidi Christopher kennen. Er ist 16 und spielt Gitarre in einer Punkband. Sein Held heißt Kurt Cobain, der Sänger der Band "Nirvana", der mit einem Gewehrlauf im Mund starb. Christopher öffnet Heidi ein Fenster in eine andere Welt. Er jobbt an einer Tankstelle und surft auf den Kronen des Pazifiks. Heidis Herz flimmert.

Als das Pärchen immer mehr Zeit miteinander verbringt, stellen sie eine neue Regel auf: Christopher darf Heidi nur besuchen, wenn die Eltern zu Hause sind. Schon bald aber berichtet die Putzfrau der Mutter, dass sie die beiden allein im Haus erwischt habe. Heidi streitet ab, doch ihre Mutter beschimpft sie als Lügnerin und setzt ein Zeichen: drei Wochen Hausarrest. Heidi beschließt, dass sie diese Strafe nicht verbüßen wird.

Gegen Mitternacht greift sie den Zündschlüssel für den weißen Plymouth Horizon der Eltern, schleicht sich aus dem Haus und fährt zu Christopher. Christopher verlässt sofort das Haus mit ihr, versichert seinem Bruder, er sei gleich wieder zurück. Das Licht in seinem Zimmer lässt er brennen.

Dann fahren die beiden zurück nach Rancho Palos Verdes und parken den Wagen in der Nähe eines Kliffs. Christopher zieht ein Blatt Papier hervor und schreibt: "Ihr könnt mich nicht feuern. Ich kündige!" Er lässt den Zettel im Auto zurück, und dann steigt er mit Heidi einen felsigen Pfad hinab zum Kliff. Sie schlüpfen durch ein Loch im Zaun und stehen nun nur Schritte entfernt vom Abgrund.

Niemand weiß, was sich in den folgenden Minuten abspielt. Sicher ist nur, dass Heidi und Christopher hier noch einige Zigaretten rauchen. Aus den Stummeln und einem blauen Feuerzeug formen sie schließlich einen Pfeil in Richtung Abgrund. Dann treten sie an die Klippe und springen in die Dunkelheit. Ihre Körper stürzen 50 Meter tief und zerbrechen auf den Uferfelsen.

Als Heidis Mutter am nächsten Morgen das Zimmer ihrer Tochter betritt, findet sie ein Blatt Papier mit einer Nachricht für sie: "Zu dumm, dass du der Putzfrau geglaubt hast und nicht mir", steht darauf. Es ist Heidis Handschrift. Sie schließt mit einem letzten Gruß an ihre Schwester: "I love you Heather. Bye." Für die Eltern kein Wort der Liebe. In der Einfahrt vor dem Haus parkt an diesem Morgen ein fabrikneuer Jeep. Die Eltern wollten ihn Heidi zu ihrem 16. Geburtstag schenken.

Dr. Norman Farberow, ein Pionier der Selbstmordforschung, sitzt auf einem weißen Sofa über weißem Teppichboden in seinem Haus in Bel Air und sucht nach Antworten. Er nimmt einen Bleistift und zeichnet eine steigende Kurve auf ein Blatt Papier, die die Entwicklung der Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen darstellen soll. Nach Angaben der staatlichen "Centers for Disease Control and Prevention" hat sich die Selbstmordrate unter den 10- bis 14jährigen in Amerika seit 1980 mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung machte Amerika zu dem Industrieland mit der höchsten Selbstmordrate für Kinder unter 14 Jahren. Und die Dunkelziffer ist hoch: Wenn ein Kind sich das Leben nimmt, verdrängen viele Eltern die wahre Todesursache und klammern sich an Szenarien, die den Suizid als tragischen Unfall darstellen. "Oft funktioniert das", sagt Farberow, "je nachdem, wie beeinflussbar der örtliche Sheriff ist."

Farberow, ein bedächtiger Analytiker mit zwei Kugelschreibern und einem Bleistift in der Hemdtasche, hat wie kaum ein anderer Wissenschaftler sein Leben der Erforschung von Selbstmorden verschrieben. Seinen prominentesten Fall untersuchte er 1962, als in Brentwood eine Blondine namens Norma Jean Baker leblos auf ihrem Bett lag, die Hand am Telefon. Die Welt verehrte sie als Marilyn Monroe.

Gemeinsam mit einem Kollegen gründete Farberow vor 40 Jahren das Suicide Prevention Center, die erste Einrichtung ihrer Art. Was mit einem einzigen Telefon in einem Krankenhaus begann, entwickelte sich zu einem Modell für Krisenzentren und Hotlines in aller Welt. Heute rufen jedes Jahr mehr als 16.000 Menschen die 24-Stunden-Hotline im Suicide Prevention Center an, um Gehör zu finden für die Probleme, die sie quälen.

Statistiken sind ein wichtiges Instrument der Selbstmordforschung, doch dies ist keine Wissenschaft, in der die Experten Zahlen addieren, subtrahieren, dividieren können und zu Ergebnissen kommen. Daher fällt es ihnen so schwer, eine Verbindung zu erkennen zwischen lebensmüden Kindern wie Scott, Joey, Heidi und Jorge, die wenig gemeinsam haben außer ihrem jungen Alter und der Zeit, in der sie aufwuchsen. Selbst ein herausragender Experte wie Farberow glaubt, dass sich kein Selbstmord lückenlos aufklären lässt, dass jeder Suizid zu einem Teil ein Mysterium bleiben wird.

Es gibt Theorien und Erklärungen, die nahe liegen. Dr. Jay Nagdimon, ein Psychologe im Suicide Prevention Center, betreut Eltern, deren Kinder sich das Leben nahmen. Er hat in der Zeit nach Heidis Selbstmord lange Gespräche mit ihren Eltern geführt. Was er hörte, klang vertraut. "Kinder verbringen heutzutage weniger Zeit damit, einfach nur Kinder zu sein", sagt er. Im rasenden Tempo der neunziger Jahre vollziehe sich der Übergang zwischen Kindheit und dem Leben als Erwachsener immer früher.

Als eine Ursachen für die hohe Zahl junger Selbstmörder wird auch die extrem hohe Schusswaffendichte in den USA angenommen. Experten schätzen, dass in 41 Prozent aller Haushalte im Land Schusswaffen lagern; griffbereit in Nachttischen und Wandschränken, um den Einbrecher in der Nacht und den Autodieb in der Einfahrt niederzustrecken. Statistisch gesehen unternehmen Mädchen doppelt so viele Selbstmordversuche wie Jungen. Doch mehr Jungen sterben, weil sie häufiger Schusswaffen benutzen. In acht von zehn Fällen endet ein Selbstmordversuch mit einer Schusswaffe tödlich; Versuche mit einer Überdosis Pillen gelingen nur in drei von zehn Fällen.

Apparat 1610 klingelt. In einem fensterlosen Raum im zweiten Stock des Cedars Sinai Medical Centers beugt sich Katie Campos über eines von neun schwarzen Telefonen. Langsam hebt die 16jährige den Hörer ab. Es ist Dienstag, die Uhr zeigt 20.38 in Raum E 205 des Krankenhauses in West Hollywood.

Niemand antwortet. Doch ein leises Rauschen signalisiert Katie, dass jemand am anderen Ende der Leitung keine Worte oder keinen Mut findet. "Teen Line hier, ich höre dir zu", sagt Katie noch einmal.

"Hallo", wispert plötzlich eine Mädchenstimme. "Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll." "Das ist schon in Ordnung", sagt Katie. "Wie alt bist du?" "14." "Etwas bedrückt dich, nicht wahr?" "Es ist wegen dem Freund meiner Eltern." "Was ist mit ihm?" "Er hat mich angefasst." "Auf eine Weise, die dir unangenehm war?" "Ja ... Er ... er ... wollte mich zwingen ..."

In diesem Moment erstickt die Stimme, und das Mädchen bricht in Tränen aus. In der Mitte des Raums erhebt sich Jill Hahn hinter ihrem Monitorpult. Die Therapeutin beaufsichtigt Katie und die anderen Jugendlichen, die die Anrufe bei "Teen Line" entgegennehmen. Mit aufgesetztem Kopfhörer, über den sie die Gespräche mithören kann, geht sie zu Katies Platz herüber und kniet sich neben sie. Hahn kennt die Signale, sie weiß, dass dies einer jener Anrufe sein könnte, bei denen ein falsches Wort eine tragische Wende auslösen kann. Sie weiß, dass die Anrufer manchmal so verzweifelt sind, dass sie bereits die Hand um ein Messer oder eine Pistole klammern.

"Frage sie nach ihrer Familie", schreibt Hahn mit schwarzem Filzstift auf einen Notizblock und hält ihn in Katies Blickfeld. "Hast du ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern?" fragt Katie. Ihre Eltern würden ihr wahrscheinlich kein Wort glauben. Sie schäme sich und fühle sich schmutzig. Ihre Eltern hätten sie streng katholisch erzogen und immer gewarnt, dass Sünden fürchterliche Folgen haben können. "Komme ich jetzt in die Hölle?" fragt sie ängstlich. Dann ist es wieder still in der Leitung.

Im Hintergrund ist ein unregelmäßiges Pochen zu hören. "Was ist das für ein Geräusch?" fragt Katie. "Das sind Streichhölzer", sagt das Mädchen. "Ich habe mich mit Benzin übergossen."

"Okay, ich habe dich verstanden", versucht sie das Mädchen zu beruhigen, während sie flehend zu Hahn herüberblickt. "Zeige ihr, dass du auf ihrer Seite stehst", kritzelt Hahn auf ihren Block. "Sag ihr, sie soll die Schachtel weglegen und sich duschen." Hastig unterstreicht sie "duschen" zweimal.

Katie offenbart der Anruferin, dass sie selbst mit 13 Jahren einen Selbstmordversuch unternahm. "Es war keine Lösung", warnt Katie, "es macht die Schmerzen nur schlimmer." Langsam scheint das Mädchen Vertrauen zu fassen. Minuten vergehen, in denen die beiden Mädchen die Schwierigkeiten im Leben einer 14jährigen besprechen. Schließlich überredet Katie das Mädchen, die Streichholzschachtel beiseite zu legen. "Versprichst du mir, dass du duschen und dann zurückrufen wirst?" fragt Katie. "Versprochen", sagt das Mädchen. Dann macht es klack, und die Leitung ist tot.

An diesem Abend nimmt Katie als eine von vier Jugendlichen die Anrufe bei "Teen Line" entgegen, die hier unter der Nummer 310-855-HOPE eingehen. Zwei Plätze neben ihr sitzt Christian und tröstet einen Jungen, der seine Freundin beim Sex mit einem anderen erwischt hat. Charlene hört einem Jungen zu, der seit über drei Jahren seine Eltern nicht gesehen hat.

Für Katie hat unterdessen die Zeit des Wartens begonnen. Bis halb zwölf in dieser Nacht harrt sie unter dem fahlen Licht leise summender Neonröhren aus und wartet auf den Rückruf des Mädchens, das sich mit Benzin übergossen hatte. Aber Apparat 1610 klingelt nicht.

 

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