Conrad Ferdinand Meyer - IV. Reise - Teil 1
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Conrad Ferdinand Meyer
Gedichte
IV. Reise
Teil 1


»Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!«

Tag, schein herein! Die Kammer steht dir offen!
Holdsel'ger Lenzesmorgen, schein herein!
Schon glitzert, von der Sonne Strahl getroffen,
Das Tintenfaß, der eichne Bücherschrein.
Vogt Winter muß dem Lenze Rechnung geben,
Dem schönen Erben, über Hof und Haus -
Auch mir zugut geschrieben ist ein Leben -
Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!

Ich war von einem schweren Bann gebunden.
Ich lebte nicht. Ich lag im Traum erstarrt.
Von vielen tausend unverbrauchten Stunden
Schwillt ungestüm mir nun die Gegenwart.
Aus dunklem Grunde grüne Saat zu wecken
Bedarf es Sonnenstrahles nur und Taus,
Ich fühle, wie sich tausend Keime strecken.
Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!

Ein Segel zieht auf wunderkühlen Pfaden,
In Flutendunkel spiegelt sich der Tag.
Was hat die Barke dort für mich geladen?
Vielleicht ist's etwas, das mich freuen mag!
Entgegen ihr! Was wird die Barke bringen
Durch blauer Wellen freudiges Gebraus?
Entgegen ihr! Mit weitgestreckten Schwingen!
Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!

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La Röse

Als der Bernina Felsentor
Durchdonnerte der Wagen
Und wir im Süden sahn empor
Die Muschelberge ragen,
Blies schmetternd auf dem Rößlein vorn
Der in der Lederhose -
»Wen grüßest du mit deinem Horn?«
»Die Rose, Herr, die Rose!«

Mit flachem Dach ein Säulenhaus,
Das erste welsche Bildnis,
Schaut Röse, weinumwunden, aus
Erstarrter Felsenwildnis -
Es ist, als ob das Wasser da
In weichern Lauten tose,
Hinunter nach Italia
Blickt der Balkon der Rose.

Nun, Herz, beginnt die Wonnezeit
Auf Wegen und auf Stegen!
Mir strömt ein Hauch von Üppigkeit
Und ew'gem Lenz entgegen -
Es suchen sich um meine Stirn
Zwei Falter mit Gekose -
Den Wein bringt eine Junge
Dirn Mit einer jungen Rose.

Noch einmal darf in südlich Land
Ich Nordgeborner wallen,
Vertauschen meine Felsenwand
Mit weißen Marmorhallen.
Gegrüßt, Italia, Licht und Lust!
Ich preise meine Lose!
Du bist an unsrer Erde Brust
Die Rose, ja die Rose!

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Die Schlacht der Bäume

Hier am Sarazenenturme,
Der die Straße hielt geschlossen,
Ist in manchem wilden Sturme
Deutsch und welsches Blut geflossen.

Nun sich in des Tales Räumen
Länger nicht die Völker morden,
Ringen noch mit ihren Bäumen
Hier der Süden und der Norden.

Arvbaum ist der deutschen Bande
Bannerherr, der düsterkühne,
Üppig Volk der Sonnenlande,
Rebe führt's, die sonniggrüne.

Ohne Schild- und Schwertgeklirre,
Ohne der Drommete Schmettern
Kämpfen in der Felsenirre
Hier die Nadeln mit den Blättern.

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Der Triumphbogen

Ein leuchtend blauer Tag. Ein wogend Ährenfeld
Daraus ein wetterschwarzer Mauerbogen steigt.
In seinem kurzen Schatten schläft das Schnittervolk.
Allein emporgerichtet sitzt die schönste Maid,
Des Landes Kind, doch welchen Lands? Italiens!
Ein strenggeschnittnes, musenhaftes Angesicht,
Am halbzerstörten Sims des Bogens hangt der Blick
Als müht, er zu enträtseln dort die Inschrift sich.
(Wenn nicht des Auges Dunkel von dem Liebsten träumt!)
Sie hebt die erste sich, erweckt die Schnitterschar,
Ergreift die blanke Sichel, die im Schatten lag,
Und schreitet herrlich durch das Goldgewog des Korns,
Umblaut vom Himmel, als ein göttliches Gebild
's ist Klio, die das Altertum enträtselnde,
Vergilbten Pergaments und der Archive müd,
Gelockt vom Rauschen einer überreifen Saat,
Wird sie zur starken Schnitterin. Die Sichel klingt.

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Venedigs erster Tag

Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande,
An Giorgione lehnt die Blonde mit dem roten Samtgewande.
»Giorgio, deiner Laute Saiten hör ich leise, leise klingen -«
»Julia Vendramin, Erlauchte, was befiehlst du mir zu singen?«

»Nichts von schönen Augen, Giorgio! Solches Thema sollst du lassen!
Singe, wie dem Meer entstiegen diese wunderbaren Gassen!
Feßle kränzend keine Locken, die sich ringeln los und ledig!
Giorgio, singe mir von meinem unvergleichlichen Venedig!«

»Meine süße Muse will es! Es geschieht!« Er präludierte.
»Weiland, eh des heil'gen Markus Flagge dieses Meer regierte,
Drüben dort, wo duftverschleiert Istriens schöne Berge blauen,
Sank vor ungezählten Jahren eine Dämmrung voller Grauen.

Durch das Dunkel huschen Larven, angstgeschreckte Hunde winseln,
Schreie gellen, Stimmen warnen: "Löst die Böte! Nach den Inseln!"
In den Lüften haucht ein Odem, wie es in den Gräbern modert -
Schaurig tagen Meer und Himmel! Aquileja brennt und lodert!

Von der Stätte, wo die stillen, ungezähmten Flammen wogen,
Kommt ein dumpfes Menschenbrausen nach dem freien Strand gezogen:
Attila, die Gottesgeißel, jagt auf blutbesprengten Pfaden
Krieger mit zerbrochnen Schwertern, Fraun mit Schätzen schwer beladen.

Wie zum Hades Schatten wandern, ziehn zum Meere die Gescheuchten,
Das die purpurrot gefärbten Wolken weit hinaus beleuchten,
Witwen, Waisen schreiten jammernd, schweigend stürzen wunde Männer,
Mitten im Gewühle bäumen Wagen sich und scheue Renner.

Kniee wanken, Füße gleiten, Kästchen brechen, draus die hellen
Goldnen Reife rollend springen und die weißen Perlen quellen.
Nackte Küstenkinder starren gierig auf das rings zerstreute
Gold, und doch betastet's keines - Etzels ist die ganze Beute!

Schiffer rüsten dunkle Nachen, drüber Wogen schäumend schlagen,
Durch die weiße Brandung werden bleiche Fraun an Bord getragen -
Mit der Rechten an die phryg'sche Mütze langt der Meerplebejer,
Beut zum Sprung ins Boot die Linke dem behelmten Aquilejer.

Schon entflieht ein Schiff mit wehnden Segeln, flatternden Gewanden,
Drin sich weitgetrennte Lose sonder Wahl zusammenfanden,
Unbekannte Hände drücken sich in angstbeklommnem Traume,
Aquilejas Überbleibsel schmiegen sich in engem Raume.

Letzte Scheideblicke wendend, sehn sie noch den Himmel bluten,
Aber tiefer stets und ferner brennen die gesunknen Gluten.
Still verglimmt der Heimat müde Todesfackel. Auf die Ruder
Beugt sich Unglück neben Unglück, Bruder seufzend neben Bruder.

Eine Fürstin küßt ein Knäblein, ein dem Edelblute fremdes,
Eine Sklavin wärmt ein fürstlich Kind im Schoß des Wollenhemdes -
Unter ihnen eine Tiefe, über ihnen eine Wolke-
Liebe taut vom Himmel, Liebe wächst in diesem neuen Volke.

Über eines Mantels Flattern, sturmverwehten greisen Haaren
Will das Schweben einer Glorie einen Heil'gen offenbaren,
Dieses ist der heil'ge Markus, rüstig rudernd wie ein andrer -
Nach den nahenden Lagunen lenkt die Fahrt der sel'ge Wandrer.

Neben ihm der Jugendschlanke schlägt die Wellen, daß sie schallen,
Wirren Locken sind die Kränze schwelgerischer Lust entfallen.
Der Bacchant wird zum Äneas. Niederbrannte Trojas Feuer.
Mit den rudernden Genossen sucht er edles Abenteuer.

Mählich lichtet sich der Osten. In der ersten Helle schauen
Kecke Männer tief ins Antlitz morgenbleicher schöner Frauen -
Lieblich Haupt, das blonde Flechten wie mit lichtem Ring umwinden,
Bald an einem tapfern Herzen wirst du deine Heimat finden!

Scharfgezeichnet neigt sich eines Helden narb'ge Stirne denkend,
In das göttliche Geheimnis ew'gen Werdens sich versenkend;
Rings in Stücke sprang zerschmettert Romas rost'ge Riesenkette,
Neue Weltgeschicke gönnen junger Freiheit eine Stätte...

Wie geworfen aus dem Himmel, heiter spielend, von Auroren,
Schwimmt ein lichter Kranz von Inseln in die blaue Flut verloren,
Durch die Brandung gehn die Kähne mit beseelten Ruderschlägen,
Fischer stehen, schaumgebadet, und sie rufen sich entgegen:

"Fleh'nde kommen wir, Veneter! Drüben flammt ein weit Verderben!
Unsre Seelen sind entronnen einem ungeheuern Sterben!"
"Freuet euch! Ihr lebt und atmet! Hier ist euch Asyl gegeben!
Friede sei mit euren Toten! Freude denen, die da leben!"

Machtvoll, Schwert und Ruder tragend, wallen Genien vor den Böten;
Auch ein Schwarm von Liebesgöttern flügelt durch die jungen Röten -
Über das Gestein der Inseln geht ein Hauch von Lust und Wonne,
Ahnungsvollem Meer entsteigend, prangt Venedigs erste Sonne.

Blonde Julia, deiner Heimat Ursprung hab ich dir verkündet,
Liebe hat die Stadt Venedig, Liebe hat die Welt gegründet
Deiner Augen strahlend blauer Himmel würde bleichen ohne
Liebesfeuer und verstummen, wie die Laute des Giorgione.«

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Venedig

Venedig, einen Winter lebt ich dort
Paläste, Brücken, der Lagune Duft!
Doch hier im harten Licht der Gegenwart
Verdämmet mehlig mir die Märchenwelt.
Vielleicht vergaß ich einen Tizian.
Ein Frevel! Jenen doch vergaß ich nicht,
Wo über einem Sturm von Armen sich
Die Jungfrau feurig in die Himmel hebt,
So wenig als den andern Tizian -
Doch kein gemalter war's - die Wirklichkeit:
Am Quai, dem nächt'gen, der Slavonen war's.
Im Dunkel stand ich. Fenster schimmerten.
Zwei dürft'ge Frauen kamen hergerannt.
Hart an die Scheibe preßt' das junge Weib
Die bleiche Stirn. Was drinnen sie erblickt,
Das sie erstarren machte, weiß ich nicht.
(Vielleicht den Herzgeliebten, welcher sie
An eines andern Weibes Brust verriet.)
Ich aber sah den feinsten Mädchenkopf
Vom Tod entfärbt! Ein Antlitz voller Tod!
Die Mutter führte weg die Schwankende...
Die beiden Tiziane blieben mir
Stets gegenwärtig; löschen sie, so lischt
Die Göttin vor dem armen Menschenkind.

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Auf dem Canal grande

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.
In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kurze, kleine Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

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Die Narde
(Nach einem venezianischen Bilde)

Die brave Marthe tat, was sie vermocht'
Sie rupfte, spickte, briet und sott und kocht'.
Sie schob dem Herrn die braunsten Kuchen zu,
Und: »Diesen«, sagt, sie, »Herr, versuche du!«

Maria nahte, die den schlanken Krug,
Gefüllt mit einer seltnen Narde, trug.
Sie neigt, das Knie, den Krug. Die Narde floß.
Sie neigt, das Herz, das strömend sich ergoß.

In der beseelten Hand Mariens ruht,
Der edle Fuß. Drauf quoll der Narde Flut.
Ihn abzutrocknen, löste sie des Haars
Geschlungnen Knoten. Blond und seiden war's.

Ein spitz Geflüster regte sich am Tisch,
Wie der getretnen Viper scharf Gezisch:
»Das duftet! Tausend oder mehr Denar
Verduften mit! Ich wollt, wir hätten's bar!

Bei Levi legten wir's auf Zins geschwind
Und draus erzögen wir ein Waisenkind -«
»Still«, sagt, der Göttliche, »laß unentweiht,
Judas! Wer liebt, verschwendet allezeit.«

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Nach einem Niederländer

Der Meister malt ein kleines zartes Bild,
Zurückgelehnt, beschaut er's liebevoll.
Es pocht. »Herein.« Ein flämischer Junker ist's.
Mit einer drallen, aufgedonnerten Dirn,
Der vor Gesundheit fast die Wange birst.
Sie rauscht von Seide, flimmert von Geschmeid.
»Wir haben's eilig, lieber Meister. Wißt,
Ein wackrer Schelm stiehlt mir das Töchterlein.
Morgen ist Hochzeit. Mahlte mir mein Kind!«
»Zur Stunde, Herr! Nur noch den Pinselstrich!«
Sie treten lustig vor die Staffelei:
Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt
Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister setzt
Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch
Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand.
- »Nach der Natur?« - »Nach der Natur. Mein Kind.
Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst.«

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Ja
(Nach einer alten Skizze)

Als der Herr mit mächt'ger Schwinge
Durch die neue Schöpfung fuhr,
Folgten in gedrängtem Ringe
Geister seiner Flamenspur.

Seine schönsten Engel wallten
Ihm zu Häupten selig leis,
Riesenhafte Nachtgestalten
Schlossen unterhalb den Kreis.

»Eh ich euern Reigen löse«,
Sprach der Allgewalt'ge nun,
»Schwöret, Gute, schwöret, Böse,
Meinen Willen nur zu tun!«

Freudig jubelten die Lichten:
»Dir zu dienen, sind wir da!«
Die zerstören, die vernichten,
Die Dämonen, knirschten: »Ja.«

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Die Kapelle der unschuldigen Kindlein

Aus Henkerfäusten flogen zum Himmel sie empor,
Sie treten zwei und zweie hinein ins sel'ge Tor,
Einand' am Händchen haltend und singend wohlgemut,
Sie tragen in den Locken ein leuchtend Mal von Blut.

»Wir kommen in den Himmel - und solches ist uns lieb -
Weil das gelobte Kindlein statt unser unten blieb!
Wir litten für das Büblein den herben Todeskuß,
Den es am bittern Kreuze statt unser leiden muß!«

Die Engel alle kommen heran in hellem Flug,
Sie bringen schönes Spielzeug und Blumenlust genug.
Jetzt führen sie den Reigen mit Fiedel und Schalmei...
Es klagt aus ferner Tiefe der Mütter Wehgeschrei.

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Die Kartäuser

Ich sehe sie auf Sackes süßem Bilde
Beschreiten ihrer toten Brüder Grüfte,
Gegürtet mit dem Knotenstrick die Hüfte,
In weißen Kleidern, festlich, göttlich milde -
Manch einer schleppte sich mit Schwert und Schilde,
Gepanzert saust' zu Roß er durch die Lüfte,
Bevor er suchte die verlornen Klüfte
Und weltentsagend trat in diese Gilde.
Sie alle wollen hier in öder Wildnis
Vergessen ein verführerisches Bildnis,
Sie alle wollen hier ein Stündlein büßen,
Um mit den Reinen rein sich zu begrüßen,
Sie alle wollen hier ein Stündlein beten,
Bevor sie vor den strengen Richter treten.

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