Schiller - Gedichte bis 1785
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Friedrich Schiller
Gedichte

Gedichte bis 1785



{1776}
DER ABEND

Die Sonne zeigt, vollendend gleich dem Helden,
Dem tiefen Tal ihr Abendangesicht
(Für andre, ach! glückselgre Welten
Ist das ein Morgenangesicht)
Sie sinkt herab vom blauen Himmel,
Ruft die Geschäftigkeit zur Ruh,
Ihr Abschied stillt das Weltgetümmel,
Und winkt dem Tag sein Ende zu.

Jetzt schwillt des Dichters Geist zu göttlichen Gesängen,
Laß strömen sie, o Herr, aus höherem Gefühl,
Laß die Begeisterung die kühnen Flügel schwingen,
Zu dir, zu dir, des hohen Fluges Ziel.
Mich über Sphären, himmelan, gehoben,
Getragen sein vom herrlichen Gefühl,
Den Abend und des Abends Schöpfer loben,
Durchströmt vom paradiesischen Gefühl.
Für Könige, für Große ists geringe,
Die Niederen besucht es nur -
O Gott, du gabest mir Natur,
Teil Welten unter sie - nur, Vater, mir Gesänge.

Ha! wie die müden Abschiedsstrahlen
Das wallende Gewölk bemalen,
Wie dort die Abendwolken sich
Im Schoß der Silberwellen baden;
O Anblick, wie entzückst du mich!
Gold, wie das Gelb gereifter Saaten,
Gold liegt um alle Hügel her,
Vergöldet sind der Eichen Wipfel,
Vergöldet sind der Berge Gipfel,
Das Tal beschwimmt ein Feuermeer,
Der hohe Stern des Abends strahlet
Aus Wolken, welche um ihn glühn,
Wie der Rubin am falben Haar, das wallet
Ums Angesicht der Königin.
Schau, wie der Sonnenglanz die Königsstadt beschimmert,
Und fern die grüne Heide lacht;
Wie hier in jugendlicher Pracht
Der ganze Himmel niederdämrnert;
Wie jetzt des Abends Purpurstrom,
Gleich einem Beet von Frühlingsrosen,
Gepflücket im Elisium,
Auf goldne Wolken hingegossen,
Ihn überschwemmet um und um.

Vom Felsen rieselt spiegelhelle
Ins Gras die reinste Silberquelle,
Und tränkt die Herd und tränkt den Hirt,
Am Weidenbusche liegt der Schäfer,
Des Lied das ganze Tal durchirrt,
Und wiederholt im Tale wird.
Die stille Luft durchsumßt der Käfer;
Vom Zweige schlägt die Nachtigall,
Ihr Meisterlied macht alle Ohren lauschen,
Bezaubert von dem Götterschall
Wagt itzt kein Blatt vom Baum zu rauschen;
Stürzt langsamer der Wasserfall.
Der kühle West beweht die Rose,
Die eben itzt den Busen schlose,
Entatmet ihr den Götterduft,
Und füllt damit die Abendluft.

Ha, wie es schwärmt und lebt von tausend Leben,
Die alle dich, Unendlicher, erheben,
Zerflossen in melodischem Gesang,
Wie tönt des Jubels himmlisdier Gesang!
Wie tönt der Freude hoch erhabner Klang!
Und ich allein bin stumm - nein, tön es aus, o Harfe,
Schall Lob des Herrn in seines Staubes Harfe!

Verstumm Natur umher, und horch der hohen Harfe,
Dann Gott entzittert ihr,
Hör auf, du Wind, durchs Laub zu sausen,
Hör auf, du Strom, durchs Feld zu brausen,
Und horcht und betet an mit mir:
Gott tuts, wenn in den weiten Himmeln
Planeten und Kometen wimmeln,
Wenn Sonnen sich um Adisen drehn,
Und an der Erd vorüberwehn.

Gott - wenn der Adler Wolken teilet,
Von Höhen stolz zu Tiefen eilet,
Und wieder auf zur Sonne strebt.
Gott - wenn der West ein Blatt beweget,
Wenn auf dem Blatt ein Wurm sich reget,
Ein Leben in dem Wurme lebt,
Und hundert Fluten in ihm strömen,
Wo wieder junge Würmchen schwimmen,
Wo wieder eine Seele webt.

Und willst du, Herr, so steht des Blutes Lauf,
So sinkt dem Adler sein Gefieder,
So weht kein West mehr Blätter nieder,
So hört des Stromes Eilen auf,
Schweigt das Gebraus empörter Meere,
Krümmt sich kein Wurm, und wirbelt keine Sphäre -
O Dichter, schweig: zum Lob der kleinen Myriaden,
Die sich in diesen Meeren baden,
Und deren Sein noch keines Aug durchdrang,
Ist totes Nichts dein feurigster Gesang.

Doch bald wirst du zum Thron die Purperflügel schwingen,
Dein kühner Blick noch tiefer tiefer dringen,
Und heller noch die Engelharfe klingen;
Dort ist nicht Abend mehr, nicht Dunkelheit,
Der Herr ist dort und Ewigkeit!

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{1777}
DER EROBERER

Dir Eroberer, dir schwellet mein Busen auf,
Dir zu fluchen den Fluch glühenden Rachedursts,
Vor dem Auge der Schöpfung,
Vor des Ewigen Angesicht!

Wenn den horchenden Gang über mir Luna geht,
Wenn die Sterne der Nacht lauschend heruntersehn,
Träume flattern - umflattern
Deine Bilder, o Sieger, mich

Und Entsetzen um sie - Fahr ich da wütend auf,
Stampfe gegen die Erd, schalle mit Sturmgeheul
Deinen Namen, Verworfner,
In die Ohren der Mitternacht.

Und mit offenem Schlund, welcher Gebirge schluckt,
Ihn das Weltmeer mir nach - ihn mir der Orkus nach
Durch die Hallen des Todes -
Deinen Namen, Eroberer!

Ha! dort schreitet er hin - dort, der Abscheuliche,
Durch die Schwerter, er ruft (und du Erhabner hörsts)
Ruft, ruft: tötet und schont nicht,
Und sie töten und schonen nicht.

Steigt hoch auf das Geheul - röcheln die Sterbenden
Unterm Blutgang des Siegs - Väter, aus Wolken her
Schaut zur Schlachtbank der Kinder,
Väter, Väter, und fluchet ihm.

Stolz auf türmt er sich nun, dampfendes Heldenblut
Trieft am Schwert hin, herab schimmerts, wie Meteor,
Das zum Weltgericht winket -
Erde, fleuch! der Erobrer kommt.

Ha! Eroberer, sprich: was ist dein heißester
Dein gesehntester Wunsch? - Hoch an des Himmels Saum
Einen Felsen zu bäumen,
Dessen Stirne der Adler scheut,

Dann hernieder vom Berg, trunken von Siegeslust,
Auf die Trümmer der Welt, auf die Erobrungen
Hinzuschwindeln [,] im Taumel
Dieses Anblicks hinweggeschaut.

O ihr wißt es noch nicht, welch ein Gefühl es ist,
Welch Elisium schon in dem Gedanken blüht,
Bleicher Feinde Entsetzen,
Schrecken zitternder Welt zu sein,

Mit allmächtigem Stoß hoch aus dem Pole dann
Auszustoßen die Welt, fliegenden Schiffen gleich
Sternenan sie zu rudern,
Auch der Sterne Monarch zu sein.

Dann vom obersten Thron, dort wo Jehova stand,
Auf der Himmel [Ruin], auf die zertrümmerte
Sphären niederzutaumem -
O das fühlt der Erobrer nur!

Wenn die blühendste Flur, jugendlich Eden gleich,
Überschüttet vom Fall stürzender Felsen traurt,
Wenn am Himmel die Sterne
Blassen, Flammen der Königsstadt

Aufgegeißelt vom Sturm gegen die Wolken wehn,
Tanzt dein trunkener Blick über die Flammen hin.
Ruhm nur hast du gedürstet,
Kauf ihn Welt, - und Unsterblichkeit.

Ja, Eroberer, ja - du wirst unsterblich sein.
Röchelnd hofft es der Greis, du wirst unsterblich sein,
Und der Wais, und die Witwe
Hoffen, du wirst unsterblich sein.

Schau gen Himmel, Tyrann - wo du der Sämann warst,
Dort vom Blutgefild stieg Todeshauch himmelan,
Hinzuheulen in tausend
Wettern über dein schauendes

Haupt! wie bebt es in dir! schauert dein Busen! - Ha!
Wär mein Fluch ein Orkan, könnt durch die Nacht einher
Rauschen, geißeln die tausend
Wetterwolken zusammen; den

Furchtbar brausenden Sturm auf dich herunterfliehn,
Stürmen machen, im Drang tobender Wolken dich
Dem Olympus itzt zeigen,
Itzt begraben zum Erebus.

Schauer, schauer zurück, Würger, bei jedem Staub,
Den dein fliegender Gang wirbelnd gen Himmel weht,
Es ist Staub deines Bruders,
Staub, der wider dich Rache ruft.

Wenn die Donnerposaun Gottes vom Thron itzt her
Auferstehung geböt - aufführ im Morgenglanz
Seiner Feuer der Tote,
Dich dem Richter entgegen riss',

Ha! in wolkichter Nacht, wenn er herunterfährt,
Wenn des Weltgerichts Waag durch den Olympus schallt,
Dich, Verruchter, zu wägen
Zwischen Himmel und Erebus,

An der furchtbaren Waag aller Geopferten
Seelen, Rache hinein nickend vorübergehn
Und die schauende Sonne
Und der Mond, und die horchende

Sphären und der Olymp, Seraphim, Cherubim,
Erd und Himmel hinein stürzen sich, reissen sie
In die Tiefe der Tiefen,
Wo dein Thron steigt, Eroberer!

Und du da stehst vor Gott, vor dem Olympus da,
Nimmer weinen, und nun nimmer Erbarmen flehn,
Reuen nimmer, und nimmer
Gnade finden, Erobrer, kannst,

O dann stürze der Fluch, der aus der glühenden
Brust mir schwoll, in die Waag, donnernd wie fallende
Himmel - reiße die Waage
Tief er, tief er zur Höll hinab,

Dann, dann ist auch mein Wunsch, ist mein gefluchtester
Wärmster heißester Fluch ganz dann gesättiget,
O dann will ich mit voller
Wonn, mit allen Entzückungen

Am Altare vor dir, Richter, im Staube mich
Wälzen, jauchzend den Tag, wo er gerichtet ward,
Durch die Ewigkeit feiren,
Will [ihn*] nennen den schönen Tag!
*(Originalabdruck: ich)

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{1780; spätere Fassung}
AMALIA

Schön wie Engel voll Wallhallas Wonne,
Schön vor allen Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick wie Maiensonne,
Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.

Seine Küsse - paradiesisch Fühlen!
Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
Harfentöne in einander spielen
Zu der himmelvollen Harmonie -

Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten, zitterten,
Seele rann in Seele - Erd und Himmel schwammen
Wie zerronnen um die Liebenden!

Er ist hin - vergebens ach vergebens
Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!
Er ist hin und alle Lust des Lebens
Wimmert hin in ein verlornes Ach!

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(1780; spätere Fassung)
HEKTORS ABSCHIED
Andromache
will sich Hektor ewig von mir wenden,
Wo Achill mit den unnahbarn Händen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?

Hektor
Teures Weib, gebiete deinen Tränen,
Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus.
Kämpfend für den heilgen Herd der Götter
Fall ich, und des Vaterlandes Retter
Steig ich nieder zu dem stygschen Fluß.

Andromache
Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
Müßig liegt dein Eisen in der Halle,
Priams großer Heldenstamm verdirbt.
Du wirst hingehn wo kein Tag mehr scheinet,
Der Kozytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.

Hektor
All mein Sehnen will ich, all mein Denken,
In des Lethe stillen Strom versenken,
Aber meine Liebe nicht.
Horde! der Wilde tobt schon an den Mauern,
Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern,
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.

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{1780}
BRUTUS UND CÄSAR

Brutus
Sei willkommen, friedliches Gefilde,
Nimm den letzten aller Römer auf,
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte,
Schleicht mein gramgebeugter Lauf.
Cassius, wo bist du? - Rom verloren!
Hingewürgt mein brüderliches Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes Toren!
Keine Welt für Brutus mehr.

Cäsar
Wer mit Schritten eines Niebesiegten
Wandert dort vom Felsenhang? -
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten?
Das ist eines Römers Gang. -
Tibersohn - von wannen deine Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt?
Oft geweinet hab ich um die Waise,
Daß sie nimmer einen Cäsar hat.

Brutus
Ha! du mit der dreiundzwanzigfachen Wunde!
Wer rief, Toter, dich ans Licht?
Schaudre rückwärts, zu des Orkus Schlunde,
Stolzer Weiner! - Triumphiere nicht!
Auf Philippis eisernem Altare
Raucht der Freiheit letztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus' Bahre,
Brutus geht zu Minos - Kreuch in deine Flut!

Cäsar
O ein Todesstoß von Brutus' Schwerte!
Auch du - Brutus - du?
Sohn - es war dein Vater - Sohn - die Erde
Wär gefallen dir als Erbe zu,
Geh - du bist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen drang,
Geh - und heul es bis zu jenen Pforten:
Brutus ist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust sein Eisen drang;
Geh - du weißts nun, was an Lethes Strande
Mich noch bannte -
Schwarzer Schiffer, stoß vom Lande!

Brutus
Vater, halt! - Im ganzen Sonnenreiche
Hab ich e i n e n nur gekannt,
Der dem großen Cäsar gleiche,
Diesen e i n e n hast du Sohn genannt.
Nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn.
Brutus will Tyrannengut nicht erben;
Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben,
Geh du linkswärts, laß mich rechtswärts gehn.

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