Dr. Eva Hahn
evahahn@gmx.de
Offener Brief an die Mitglieder des Collegium Carolinum
13. Februar 2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
erlauben Sie mir, an Sie einen Abschiedsbrief zu richten. Die nahezu zwei Jahrzehnte, in denen ich im und für das CC tätig war und damit auch eng mit den meisten von Ihnen zusammenarbeitete, sind der Grund für meine Annahme, Ihre Aufmerksamkeit für ein solches Schreiben beanspruchen zu dürfen.
Es fällt mir nach wie vor schwer, zu begreifen, daß meine Tätigkeit im CC ein so abruptes und nach meinen eigenen moralischen und intellektuellen Maßstäben enttäuschendes Ende gefunden hat. Wie Sie wissen, sollte ich wegen der Veröffentlichung eines Beitrags in der Diskussion "Osteuropaforschung im Umbruch" durch die am 22. 4. 1999 gegen mich ausgesprochene fristlose Kündigung bestraft und dem CC durch meine Entfernung günstigere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Meinem Rechtsverständnis entsprach diese Aktion nicht, und so erhob ich dagegen Klage bei dem zuständigen Arbeitsgericht. Das Münchner Arbeitsgericht schloß sich am 10.12.1999 der in meiner Klage gegen diese Kündigung vertretenen Auffassung von der Unrechtmäßigkeit dieser Entlassung an und bestimmte, daß ich vom CC 150.000 DM als Abfindung für den Verlust des Arbeitsplatzes erhalten soll. Leider wurde die Kündigung schon aus formalen Gründen für unrechtmäßig erklärt, so daß es zu einer Verhandlung der von Herrn Professor Seibt ins Feld geführten Begründung gar nicht kommen konnte. Sie werden verstehen, daß mir die gerichtliche Prüfung der Begründung lieber gewesen wäre; als Trost kann ich mich nur auf künftige Historiker verlassen, die einmal bei der Aufarbeitung der Geschichte des CC die umfangreichen, dem Münchner Arbeitsgericht vorgelegten Schriftsätze - wohl mit distanziertem Schmunzeln - studieren werden.
Mein Beitrag scheint die Gefühle einiger von Ihnen verletzt zu haben, und dafür bitte ich um Verzeihung. Als mir in den letzten 20 Jahren immer wieder vorgeworfen wurde, ich würde mit meinen kritischen Bemerkungen zum Werk von Thomas G. Masaryk die Gefühle vieler seiner Bewunderer verletzen, habe ich immer mit dem Hinweis auf die wissenschafts-ethische Verpflichtung eines Historikers argumentiert, die Veröffentlichung seiner Erkenntnisse von emotionalen Befindlichkeiten seiner Zeitgenossen nicht abhängig zu machen. Ich bitte Sie deshalb, auch meinen Beitrag in OSTEUROPA auf diesem Hintergrund zu sehen und sich in Ihrer Urteilsbildung nicht allein von Ihren Emotionen leiten zu lassen. Für ein besseres Verständnis möchte Ihnen gerne (soweit es nicht ohnehin schon längst in persönlichen Gesprächen geschah) eine kurze Erklärung meiner Motive beim Verfassen dieses Beitrags geben:
Wie Sie wissen, fühlte ich mich seit Beginn meiner wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Ideengeschichte und Zeitgeschichte den analytischen Methoden des kritischen Rationalismus verbunden.
Ähnlich wie es Peter Burke formulierte, könnte auch ich mein Credo als Historikerin mit folgendem Bild zum Ausdruck bringen: "Herodot sah in den Geschichtsschreibern die Wächter der Erinnerung und verstand darunter das Gedächtnis rühmenswerter Taten. Ich sehe im Historiker lieber den Wächter beunruhigender Fakten, den Wächter der Anomalien im Gehäuse des sozialen Gedächtnisses."
Viele von Ihnen haben meine Arbeiten über Jahre hin begrüßt und bejaht. Daß ich mich nach zwei Jahrzehnten der kritischen Beschäftigung mit tschechischen problematischen Meinungen und Haltungen nun auch den analog problematischen und die gegenwärtigen deutsch-tschechischen Beziehungen belastenden Erscheinungen in Deutschland zugewandt habe, dürfte kaum überraschend sein. Wer sich ernsthaft mit beziehungsgeschichtlichen Fragen auseinandersetzt, weiß, daß Beziehungsprobleme nie nur den vermeintlichen Fehlleistungen einer Seite zu entspringen pflegen. So wie ich bisher bemüht war, den tschechischen Überbleibseln diverser Denkweisen, Geschichtsbilder und Stereotypen aus der Ideenwelt des nationalen Chauvinismus und Kommunismus mit offener, expresis verbis formulierter kritischer Auseinandersetzung zu begegnen, meine ich, daß eine ähnliche ausführliche Auseinandersetzung mit vergleichbaren deutschen Überbleibseln aus der Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus dringend erforderlich ist. Daß eine solche Auseinandersetzung nicht von einem einzelnen Historiker oder einem einzelnen Kreis von Historikern für abgeschlossen erklärt werden kann, sondern immer wieder von Neuem zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen zu werden pflegt, hat nicht zuletzt die Geschichte der Bundesrepublik deutlich gezeigt.
Darüber hinaus halte ich auch eine kritische Selbstreflexion des eigenen wissenschaftlichen Tuns für einen unabdingbaren Bestandteil jeder seriösen wissenschaftlichen Tätigkeit. Die für Ministerien zur Begründung finanzieller Forderungen verfassten Tätigkeitsberichte sollten meiner Meinung nach nicht mit wissenschaftlicher Berichterstattung und Diskussion verwechselt werden, wenn man der Verbürokratisierung wissenschaftlicher Diskussionen nicht huldigen will. Wer den Unterschied zwischen einem Finanzbeamten und einem Fachkollegen als Adressaten eines Textes zu würdigen weiß, weiß auch den Unterschied zwischen einer selbstdarstellenden Leistungsschau einerseits und einer wissenschaftskritischen Betrachtung der eigenen Tätigkeit andererseits zu würdigen. Und gerade um das letztere ist es mir gegangen, als ich meinen Beitrag zu der Diskussion in der Zeitschrift OSTEUROPA schrieb.
Ich habe – anders als verbreitet wird – keineswegs "hinter dem Rücken" des CC meinen Artikel veröffentlicht, sondern Herrn Professor Seibt in der seit eh und jeh üblichen Form über mein Vorhaben, über den Gang meiner Arbeiten daran sowie über Einzelheiten meines Textes ausführlich und durchgehend informiert. Herr Professor Seibt teilte in diesen Gesprächen nicht immer meine Meinung, ließ aber nicht erkennen, daß er etwas dagegen hätte, daß ich auch diesmal, wie schon so oft zuvor, meine von ihm nicht geteilten Meinungen veröffentlichen würde. Nicht zuletzt war es auch meine Initiative, zwischen der Redaktion von OSTEUROPA und Herrn Professor Seibt zu vermitteln, als ich gebeten wurde, mögliche Interessenten zur Fortführung der Diskussion zu nennen. Ich habe mich über Herrn Professor Seibts Bereitschaft gefreut, eine Replik zu meinem Artikel zu verfassen, und das war auch der Grund, warum ihm mein Text schon lange vor der Veröffentlichung von der Redaktion zugeschickt wurde. Daß die Sendung seinen Briefkasten gerade während seines Amerika-Aufenthalts erreichte, kann wohl kaum mir, wie wiederholt geschehen, zur Last gelegt werden.
Ich habe keinen Artikel, und erst recht keinen Angriffsartikel über das CC geschrieben. Meine Beobachtungen und Überlegungen zur deutschen Bohemistik wurden in Form eines Diskussionsbeitrags über "Deutsche Bohemistik – von außen gesehen" präsentiert, in dem auch das CC erwähnt wurde. Meinen Artikel mögen die einen von Ihnen für besser oder schlechter gelungen und die anderen für mißlungen halten. Die wortlose Beseitigung meiner Person aus Ihrem Kreise, die Veröffentlichung falscher Beschuldigungen (z.B. daß in meinem Artikel Fehler und Falschaussagen zu finden seien) ohne auch nur grundlegende Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Handwerks (wie z.B. ein Anmerkungsapparat) zu beachten, die Verbreitung unwahrer Informationen über den Vorgang der Veröffentlichung bis zu der vollkommen irrationalen Errichtung einer "Homepage Eva Hahn" im Internet durch das CC mit einem Bibelzitat – das alles sind Reaktionen und Verhaltensweisen, die meinen eigenen Vorstellungen von wissenschaftlichen Diskussionskultur auch dann nicht entsprechen, wenn man sich von bestimmten Aussagen emotional betroffen, enttäuscht oder gar verraten fühlen sollte. Daß dabei die "fristlose Kündigung" nicht einmal in der gesetzlich vorgesehenen Form ausgesprochen wurde, wie das Gericht festellte, dürfte kaum verwunderlich sein.
Wenn jemand glaubt, den ihm persönlich emotional unangenehmen oder gar seines Erachtens verfehlten Worten, Sätzen, Gedanken und Aussagen nicht mit Argumenten, sondern mit der Ausgrenzung und Beseitigung von Personen begegnen zu müssen, dann hat er aus den Erfahrungen zumindest des 20. Jahrhunderts andere Lehren gezogen als ich, bekennt sich zu einer anderen Auffassung des wissenschaftlichen Tuns, und seine moralischen Wertvorstellungen hinsichtlich des menschlichen Umgangs eines Arbeitsgebers mit dem Arbeitnehmer unterscheiden sich von den meinen. Sollte tatsächlich die Mehrheit von Ihnen, international angesehenen Wissenschaftlern, die von der gegenwärtigen Leitung des CC gewählte Form, auf einen 8 Seiten langen Artikel einer wissenschaftlichen Angestellten zu reagieren, für adäquat halten, dann muß ich zugeben, diesen Abchiedsbrief nicht nur mit Trauer, sondern auch mit Stolz zu schreiben; mit Stolz darauf, mich solchen Praktiken nicht angepasst zu haben.
Ich hatte über mehr als zwei Jahrzehnte meiner gesamten Zusammenarbeit mit dem CC andere Vorstellungen vom wissenschaftlichen Ethos dieser Institution gehabt. Als ich 1977 meine ersten Arbeiten Herrn Professor Bosl aus meinem damaligen Wohnsitz in London schickte, mein Interesse an der Tätigkeit des CC bekundete und ihm meine Mitarbeit anbot, beeindruckte mich seine menschlich und wissenschaftlich aufgeschlossene Reaktion sehr. Ich habe es für ein großes Glück gehalten, in den Kreis des CC aufgenommen worden zu sein und dort wirken zu dürfen. Ich habe unter Ihnen sehr viel gelernt und habe auch nach meinem besten Wissen und Gewissen meine Kräfte zugunsten des CC eingesetzt. Ich danke all denjenigen von Ihnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe und von denen ich lernen durfte, und insbesondere danke ich all denjenigen, die mir auch in der schweren Zeit der enttäuschenden Trennung menschliche Unterstützung zukommen ließen; daß es nur im Verborgenen geschehen ist, halte ich für vielleicht das traurigste Symptom der gegenwärtigen Gepflogenheiten im Umkreis des CC. Mögen dort Toleranz, Friedfertigkeit und intellektuelle Aufgeschlossenheit, ohne die keine produktive Wissenschaft betrieben werden kann, wieder bald Einzug halten.
Mit freundlichen Grüßen
Eva Hahn