Mozarts Fantasien KV 594 und KV 608 für Orgelwalze

Mechanische Mozart

Posch Mozart-Relief Diese Seite ist einige der fesselndsten späten Instrumentalwerke Mozarts geweiht: die zwei großartigen f-moll ‘Fantasias’ KV 594 und KV 608 komponiert für automatisch spielende Orgel oder Flötenuhr. Die Bezeichnung Fantasien wird hier gewählt, weil sie gewohnheitshalber schon mit dem zweiten Stück verbunden ist, aber beiden dreiteiligen Werke könnten ebensowohl ‘Partiten’ oder ‘Ouvertüren’ genannt werden: tatsachlich gehören sie keiner gefestigten Gattung. (Um Mp3 herunter zu laden bitte wählen Sie nach Rechtsklick auf den Hyperlink den Kontextmenü-Befehl Verknüpfung kopieren (Firefox: Linkadresse kopieren) dann im Adresszeile des Browsers einfügen und und mit [Enter] bestätigen.)

Das Stück KV 594 wurde 1790 beauftragt durch einen Herr Müller—vormalig Joseph Graf Deym von Stritez, der gezwungen worden war Wien zu verlassen wegen eines Duells bei dem er seinen Gegner tötete, und der seit kurzem unter einem Deckname zurückgekehrt war. Mozart hat ihn wahrscheinlich kennen gelernt durch den Bildhauer Leonhard Posch—Autor des 1788er Wachsreliefs, das diese Seite schmuckt—der auch fürs vom Deym hergestellten Müller'schen Kunstkabinett arbeitete. In diesem Multimedia Ausstellung wurden Wachsfiguren von einem exotischen oder heroischen Art dargestellt, während Orgelwalzen und anderen Musikautomaten Atmosphäre brachten.

Unter anderem gab es eine Pyramide mit läutenden Uhr, ein singender, mechanischer Kanarienvogel, zwei Flöte spielenden Jungen in der spanischen Kleidung, eine lebensgroße Dame en negligée sitzend an einem selbst-spielenden Klavier, und sogar ein Schlafgemach der Grazien, welches nach Ansicht eines Augenzeugens eine voyeuristische, halb-erotische Ausstellung war: eine schöne Schlafenden auf einem des Abends durch alabasternen Lampen sanft beleuchteten Bett, aufgepasst durch Venus selbst. ‘Eine herrliche Flötenmusik ertönt, als wenn eingeflößen durch den Atem der Liebe selbst… es ist ein Adagio des unvergeßlichen Mozart.’ War das vielleicht eine mechanische Ausführung des schmachtenden, ätherischen C-dur Adagios KV 356(617a) für Glasharmonika? Haselböck entscheidet für KV 616, das dritte von Mozarts Flötenuhr-stücke, ein passend galantes F-dur Andante. Unter die freundliche, reichlich versierte Rokoko-oberfläche flutet eine dringende, fast agitierte Unterströmung, die in der hier präsentierten mitteltönigen Version gut herausgebracht wird.

Müller-Deym zeigte sich als ein Mann mit einem Sinne sowohl für Eros als auch Thanatos. Zusammen mit jugendlichen Schönheit gebildet im regungslosen Wachs, gab es Totenmasken—er besaß deren Kaiser Josephs II und sollte bald auch Mozarts nehmen—und Denkmäler, denen vor kurzem gestorbenen Prominenter gewidmet waren. Am 26. März 1791 kündigte die Wiener Zeitung an, dass Herr Müller am Nr.1355 Himmelpfortgasse zu den Publikum geöffnet hat sein Mausoleum gewidmet Feldmarschall Gideon von Laudon, Eroberer von Belgrad, der im Juli 1790 gestorben war:

‘Von früh 8 Uhr bis Nachts 10 Uhr herrlich beleuchtet zu sehen…, wird der Anblick dessen gewis jedermann überraschen, welcher dieses Mausole besuchen und damit das Andenken dieses verdienstvollen großen Mannes erneueren… Die Sitze werden in der bestmöglichen Weise arrangiert und man zahlt fl.1 jedes für einen ersten Rangplatz, aber nur xr.30 an zweitem Rang. Mit Schlag jeder Stunde lässt sich eine Trauer Musique hören, und wird alle Woche eine andere seyn. Diese Woche ist die Composition von Hrn. Kapellmeister Mozart.’

Laudons Mausoleum (Stich) Die Szene bestand aus des Feld­marschalls Wachsfigur, eingehüllt in einem Glassarg, der in einem durch Klageleute umgebenen, neoklassischen Mausoleum ausgestellt war. Die klang­volle Musik, besonders entworfen um die tombeau-Wirkung zu steigern, wurde hervor­gebracht durch eine Uhrwerk-getriebenen, Walze-bedienten Orgel innerhalb der Struktur.

Mozart nahm vermutlich den Auftrag Deyms im September 1790 an, kurz bevor er abreiste nach Frankfurt, wo er die Festlichkeiten auf der Krönung von Leopold II auszunutzen hoffte. Dass er sich kaum zur Aufgabe setzen könnte, zeigt sich aus einem Brief an Constanze vom 3. Oktober:

‘Ich habe mir so fest vorgenommen, gleich das Adagio für den Uhrmacher zu schreiben, dann meinem lieben Weibchen etwelche Ducaten in die Hände zu spielen; that es auch—war aber, weil es eine mir sehr verhaßte Arbeit ist, so unglücklich, es nicht zu Ende bringen zu können.—Ich schreibe alle Tage daran—muß aber immer aussetzen, weil es mich ennuirt—und gewis, wenn es nicht einer so wichtigen Ursache willen geschähe, würde ich es sicher ganz bleiben lassen—so hoffe ich aber doch es so nach und nach zu erzwingen;—ja, wenn es eine große Uhr wäre und das Ding wie eine Orgel lautete, da würde es mich freuen; so aber besteht das Werk aus lauter kleinen Pfeifchen, welche hoch und mir zu kindisch lauten.’

King betrachtete den Widerspruch zwischen des Komponisten Abneigung und dem großartigen endgültigen Opus als ‘ein beachtenswerter Triumph des Geistes über die Materie.’ Weil der Klang des Mediums ihm zuwider war, so soll Mozart es in eine sublime absolute Musik Haltung entstiegen sein: der zentrale Abschnitt von KV 594 ist ein in heiteren Galopp vorübersprengendes, brillantes Kontrapunktisches Allegro, das einrahmende lamento Adagio wird charakterisiert durch ein aushaltendes chromatisches Pathos, das bemerkenswert fortschrittlich anmutet.

Jedoch reizt es zu glauben, dass Mozart auf der Reisen überhaupt nicht viel geschrieben hat, und nachdem er im mittleren November Heimgekehrt war—vielleicht waren die neun Takten des d-moll Skizzes KV Anh.35(593a) alles dass er tatsächlich zeigen könnte,—hat er, anstatt sich ab zu plagen, allem Anschein nach den Deym überredet ein großeres Instrument zu beschaffen, vorzugsweise versehen mit tief klingenden Gedacktpfeifen. Offensichtlich Zeugen die fabelhaften Noten des KV 594s von erneuerten Sinne und Gusto.

Das Stück für ein Orgelwerk in einer Uhr wurde spät 1790 als Nr.121 in Mozarts eigen Verzeichnis eingetragen, flankiert durch zwei seiner köstlichsten Werke, das D-dur Streichquintett KV 593 und das B-dur Klavierkonzert KV 595. Die nächsten Monate folgten einigen Lieder und ein Paar Dutzend Hoftänze, am 3. März 1791 verzeichnete Mozart dann eine weitere ‘Maschine Komposition:’ das gewaltige KV 608, Ein Orgel Stück für eine Uhr. ‘Ein pompöses Vorspiel, in welchem einem Schleifermotiv durch dröhnenden Akkorden bekräftigt wird… geht über in eine der überzeugendesten Fugen, die Mozart je geschrieben hat; eine zärtliche und würdevolle langsame Bewegung folgt… und dann kehrt die Fuge zurück mit einem neuen Gegenmotiv und einem noch übersteigenderen Bau, wie es der Schluss eines bedeutenden Werkes passt.’ (Hutchings)

Obwohl es keinen unmittelbaren Beweis gibt, wird vermutet dass auch KV 608 durch den Deym für Gebrauch in seinem Panoptikum beauftragt wurde. Haselböck meint, dass es seiner Erstaufführung anlässlich der Wiedereröffnung der Müllerschen Galerie Mitte August 1791 hatte. Jahre hindurch wurden die Flötenuhr-stücke mit ihren verblüffenden Vorführung von übermenschlichen mechanischen Virtuosität die Besucher in Staunen gesetzt haben. Von einer 1799er Beschreibung der ‘durch den Herrn Hofstatuarius Müller errichteten Kunstgalerie in Wien,’ ist es klar dass wenigstens ein der Kompositionen Mozarts damals noch immer im Gebrauch war:

‘Man hört alle Stunden eine durch den unvergeßlichen Tonkünstler Mozart eigends dazu komponierte passende Trauermusik, die acht Minuten lang dauert, und an Precision und Reinigkeit alles übertrifft, was man bey dieser Art von Kunstwerken je schickliches anzubringen suchte.’

Es hat den Anschein, dass der Deym schließlich das Instrument demontieren lassen hatte. Wie Landon behauptet, wurden 1801 zwei der Mozart-walzen vom Haydns Freund Primitivus Niemecz besessen; nachher waren sie spurlos. Bis dahin jedoch, war die Musik bereits im Druck erschienen. Übertragungen von KV 594 und KV 608 für Klavier zu vier Hände wurden beziehungsweise in 1800—vom Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel—und 1799 von Johann Traeg in Wien herausgegeben. Die beiden Autographen Mozarts sind verschollen, nur Abschriften auf vier Systemen aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert sind erhalten.

Weil die Fantasien nicht für menschliche Aufführung konzipiert werden, sind sie sogar für vier Hände äußerst schwierig zu spielen. Schleppen ist an Orten beschwerlich zu vermeiden und die Anstrengung ist mühsam zu verhüllen. So habe ich sie in eine authentischere Weise erfassen: ohne Flötenuhr zu meiner Verfügung, habe ich mir entschließen um die Kennzeichen eines mechanischen instrumentes nach zu ahmen durch das Kodieren von den Stücke für Wiedergabe über einem Sound card, welches die einfache OPL3 FM-Synthese fähig ist. Ohne Stocken tickt das Timer die Noten aus, das Silizium singt in seinem klingelnden Stimme des Blechs und der geschlagenen Saiten—eine klare und freie kontrapunktische Wechselwirkung bevorzugend. Als Bonus werden die Stücke aufgenommen im 1/6 Komma mitteltönigen Temperatur, die zu Mozarts Zeiten noch immer zur Stimmung der Orgel üblich war.

mp3-Dateien:

Flötenuhr Skizze

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Spiegel Seite: zonnet.nl (in English)

Es gibt auch einen Anhang: Elektrisierende Mozart.

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Copyright © März 2002 Sjoerd J. Schaper