Gerald Grassl
"Zum Schwarzen Mohren"
mit Beiträgen von
Giacomo Casanova
Eva-Maria Geisler
Hans Hautmann
Theodor Kramer
Karin Mack
Robert Musil
Herzmanovsky-Orlando
Karl Renner
und anderen
Erstauflage Wien 1994
E D I T O R I A L
"Zum Schwarzen Mohren" heißt ein Haus und darin ein kleines Café am Spittelberg in Wien Neubau (Burggasse 19), in dem sich jeden Dienstag abend eine Gruppe von Autoren, bildenden Künstlern und deren Freunden trifft. Aber weshalb heißt dieses Kaffeehaus so? Das Haus soll ehemals dem schwarzen "Diener" Angelo Soliman der Fürsten Lobkowitz und Liechtenstein gehört haben, erzählt die Frau Wirtin. Nach seinem Tod wurde er auf Wunsch des Kaisers ausgestopft und öffentlich ausgestellt! Und der "Spittelberg"? Warum heißt dieses Viertel so? Auf unseren Erkundungen fanden wir die "Schmauswaberl" und den "Lieben Marx Augustin", fanden das "Kleinste Haus von Wien", Tunnelsysteme aus der Zeit Kara Mustafas, die 68 Strophen der legendären "Spittelberglieder" und in vergessenheit geratene Beiselnamen in einer der verruchtesten Gegenden im damaligen Wien, aber vor allem auch Wurzeln des ganz "normalen" Rassismus. Der "Spitalberg", auf dem sich die Gastarbeiter vergangener Zeit und die Außenseiter auf engstem Raum ansiedelten, eine Gegend, in der die Geschichte von Krieg, Tod und Lust geschrieben wurde. Wir entdeckten die Geschichte eines Wiener Grätzels, wir sprachen mit den Menschen, die heute noch hier leben, und begegneten der Neugier derer, die meinen, daß an diesem Platz ein "ganz besonderer Boden" sein müsse . Aus diesem Wissenwollen, was scheinbar "kleine Geschichte" ist, was und wie Menschen leben, die man zufällig an der Budel eines kleinen Kaffeehauses trifft, entstand diese Publikation.
Epilog:
Semiramis ist nicht die Schöpferin der "hängenden Gärten"... Die Geschichte vom "gordischen Knoten" ist ganz anders... Wilhelm Tell und Geßler haben nie gelebt... Nero hat Rom nicht anzünden lassen und beim Anblick der brennenden Stadt den Untergang Trojas besungen... Der "Gang zu Canossa" war in Wirklichkeit ein Erfolg und keine Demütigung... Der berühmte Sängerkrieg auf der Wartburg hat nie stattgefunden... Friedrich der Große hat die Hinrichtung seines Freundes v. Katte nicht mit angesehen... Der Begriff "Potemkinsche Dörfer" ist eine üble Nachrede aus gekränkter Eitelkeit... Historische Ereignisse, die sich nie ereignet haben; Taten berühmter Männer, die nie begangen, Aussprüche, die nie gesagt wurden - als "Treppenwitze der Weltgeschichte" sind sie unsterblich geworden und im Gedächtnis der Menschen fest verankert. Überliefert durch Biographen und Historiker, haben sie Eingang gefunden in Anekdote, Epos, Drama, Gedicht und Roman, in die darstellende Kunst ebenso wie in die Musik. Geschichtliche Fälschungen sind so alt wie die Geschichtsschreibung selbst. Schon berühmte Geschichtsschreiber wie Plutarch, Herodot und Thukydides haben Taten und Worte der Herrschenden für die Nachwelt geschönt
In William Lewis Hertslet und Winfried Hofmann, "Der Treppenwitz der Weltgeschichte", Berlin, Frankfurt/Main, Wien, 1984.
Die Suche nach Geschichte & Geschichten
Woher komme ich, wo lebe ich, was ist die Geschichte der Straße, des Hauses, in dem ich lebe und wohne. Woher kommt der Name der Straße, durch die ich täglich gehe, welche Bedeutung haben alte Hausnamen? Woher stammt die Sehnsucht, die Lebensgeschichte der Eltern, Groß- und Urgroßeltern zu erfahren? Und woher stammt der seltsame Name des "Café Zum Schwarzen Mohren"?
Angeblich soll das Haus dem Angelo Soliman gehört haben, einem Schwarzen, der im 18. Jahrhundert nach einer Odyssee nach Wien gekommen, hier zu einigem Wohlstand gekommen sei und nach seinem Tod im Naturalienkabinett des Kaisers ausgestopft ausgestellt worden sei. Warum hatte der Vorort Spittelberg keine Kirche und keinen Hauptplatz wie sonst üblich?
Nun, es gibt verschiedene Methoden, Geschichte zu erforschen: Der traditionelle Weg der Wissenschaft, mit dem genauen Recherchieren von Daten und Fakten oder auf dem Wege von "oral history" Geschichten über die Geschichte in Erfahrung bringen und sie gebündelt weiterzuerzählen.Beide Zugänge haben einen Vor- und Nachteil: Die Wissenschaft droht sehr
leicht, sich in "Faktenhuberei" zu verfangen, sodaß das Interessante an der Geschichte in der Fadesse und "Blutleere" eben der Wissenschaftlichkeit untergeht. Wer erinnert sich nicht an diesbezügliche Erlebnisse in der Schule? Die andere Methode, Art und Weise der Geschichte zu vermitteln, birgt demgegenüber die Gefahr in sich, es mit den Fakten und Zahlen nicht ganz so ernst zu nehmen. Sie hat vielleicht den Vorteil, daß Geschichte lustvoller, anschaulicher und g´schmackiger weitergegeben wird. Aber eben deshalb
geschieht es dann auch allzuleicht, daß derartige "Geschichtswerke" oft gerne unkritisch übernommen werden, falsche Informationen bedenkenlos weitererzählt bzw. von späteren Historikern abgeschrieben, an Schulen und Universitäten gelehrt werden usw.
Die folgende Broschüre wurde nicht von einem Historiker verfaßt, sondern - auch - wegen der Faszination des Themas, aus einer vor allem journalistischen Neugier heraus geschrieben, dennoch mit dem Bemühen um größtmögliche Seriosität im Umgang mit den Informationen und Quellen. Die journalistische Herangehensweise bedingt daher auch, daß die Geschichte des Hauses "Zum Schwarzen Mohren" und seines (angeblichen) ehemaligen Besitzers und die Geschichte des umliegenden Spittelberges nicht schematisch und stringent erzählt, sondern daß es eine Gesamtgeschichte geworden ist, die sich aus einer Vielzahl von kleinen Geschichten (die manchesmal auf den ersten Blick auch gar nicht zusammengehörig erscheinen mögen) wie ein Puzzle zusammenzufügen beginnt. Wien, 6. 11. 1994
MOHR, m. Maurus, Aethios.
ahd. mór, plur. mórí, eigentlich nur von den schwarzbraunen bewohnern Mauretaniens, lat. Mauri, aber auch auf die dunkelfarbigen bewohner Nordafricas überhaupt übertragen: Aethyops, gens sub occasu, moori chunni incagan sunnun sedale...
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm
1885
"Zum Schwarzen Mohren"...
...nennt sich ein kleines Lokal in einem weiß getünchten, trotz der zwei Stockwerke nieder wirken-den Barockhaus gleichen Hausnamens am Spittelberg, in der Burggasse 19, Ecke Spittelberggasse 19, das laut Dokumenten bereits 1680, nach anderen Quellen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut und 1740 aufgestockt wurde. Anzunehmen ist, daß sich bereits am Anfang des 17. Jahrhunderts in diesem Vor-städtchen an dieser Stelle ein Gebäude befand, das dann später umgebaut wurde. Sicher wurde es vor der II. Türkenbe-lagerung 1683, wie die anderen Häuser der Umgebung auch, bis auf die Grundmauern zerstört und, nach dem Abzug des Türkenheeres von Wien, wieder neu aufgebaut. Auf einer alten Fotografie, die das Haus nach dem Ende des I. Weltkrieges zeigt, ist zu sehen, daß sich da-mals in den Räumen des heuti-gen Cafés eine Bauspenglerei befunden hatte. Später wurde aus diesem Geschäftsraum eine "Likörstube". In der Umgebung wurde die Ausschank (nach dem Vor-namen des Besitzers) "beim Michel" genannt, bis das Lokal Ende der 80-er-Jahre von den heutigen Besitzern, der Familie Neisser übernommen und nach der Revitalisierung des Hauses, 1989, in den derzeitigen Zustand als kleines Kaffeehaus umge-widmet wurde. Noch bis 1983 gab es im Haus "Zum Schwarzen Mohren" auch eine "Weiß-Schwarz-Feinbäckerei" (gegründet 1749). Heute gibt es in diesen Räumlichkeiten nur mehr einen Abstellraum für die Hausbewohner. Oberhalb des Haustores steht eine ca. 1 Meter hohe Skulptur eines Mohren auf einem vorspringenden Sims. Das Haus besitzt übrigens einen zwar sehr engen, auf den ersten Blick aber ungemein hübsch wirkenden Innenhof mit Paw-latschen. Rechts vom Haustor belehrt ein kleines Schild aus Pappendeckel in einem Fenster ratlose Touristen, vor allem US-amerikanische Besucher, die sich auf einen englisch-sprachigen Wienreiseführer verlassen, in dem scheinbar bis heute ein Druckfehler - e statt u - nicht korrigiert wurde, daß sich das Sigmund-Freud-Museum in der Berggasse 19, 1090 Wien befindet.
Der Spittelberg
Die erste Häuseransammlung in der Nähe des heutigen Spittel-berges hieß Zeismannsbrunne. Dieser Ort wurde schon um 1000 urkundlich erwähnt. Zwischen 1302 und 1425 wurde das Dorf in "St. Ulrich" umbe-nannt, nach einer in Verehrung dieses Heiligen 1211 erbauten Kapelle. Zu dieser Zeit umfaßte die Gemeinde etwa 50 Anwe-sen, vorwiegend von Wein-hauern bewirtschaftet. Unweit entfernt, in der Neubaugasse und Kirchengasse, fand man römische Münzen aus dem 4. Jahrhundert. In der Gegend zwischen Burggasse und Ler-chenfelderstraße, die ebenfalls zum St.Ulrichsgrund gehörte, soll - so wird angenommen - der Leichnam des im Lager Vindobona im Jahre 180 n. u. Z. verstorbenen Kaisers Marc Aurelius mit großem Pomp verbrannt worden sein.
Das Gebiet des heutigen Spittelberges war Weideland. 1525 erwarb das Bürgerspital diese Gründe. Die älteste bekannte Bebauung am "alten" Spittelberg selbst stammt nach historischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1568. 1675 kaufte Sigmund Freiherr von Kirchberg die Gründe, parzellierte sie und gab einen Klafter (1,90 x 1,90m) um einen Gulden jährlich an Neuansiedler weiter. Zum Vergleich: Ein Architekt ver-langte für seinen Hausbauplan 5 Gulden.1692 kaufte das Bürger-spital den Erben Kirchbergs die Gründe wieder ab. Innerhalb kurzer Zeit entstanden 120 Häuser. Das kleine Dorf, das sich in diesem Vorland Wiens heranbildete, nannte man auch "Crobotendörfl", da die Bewoh-ner hauptsächlich "Gastarbeiter" aus Kroatien (aber es gab auch Bewohner aus Spanien, Italien oder der Türkei und Ländern der alten Monarchie) waren, die vor allem in den umliegenden, aus steuertechnischen und anderen Gründen vor Wien entstandenen Manufakturen beschäftigt wur-den. Man nennt heute den Spittelberg gerne "das Dorf in der Stadt", seine Entwicklungs-geschichte hingegen ist die eines Slums, bewohnt von Außen-seitern, eine Gegend voll Not und Elend, die aufgrund der ständigen Armut ihrer Bewohner heute noch über viele alte Häuser verfügt. Die Leute hatten einfach nicht genügend Geld für Um- oder Neubauten.
Der Spittelberg war nie ein Dorf. Da gab es nie einen Dorfplatz, eine Kirche, ein Wirtshaus am Hauptplatz. Der Spittelberg war der Ort der Verelendeten, der Außenseiter, die vor den Stadttoren Wienes darauf warteten, eine Chance zu bekommen, hineinzudürfen, um in der Stadt arbeiten und sozial aufsteigen zu können. Daß der Spittelberg im alten Zustand bis heute (oberflächlich gesehen) im Kern bewahrt werden konnte, ist das Ergebnis von seltsamen Zufällen, denn ab der Jahrhundertwende gab es immer wieder Bemühungen, das Viertel aus Spekulationsgründen abzu-reißen. Später wurde aus Spekulationsgründen saniert.
Der Spittelberg war also der Ort, an dem sich die Leute sammel-ten, um auf die Chance zu lauern, in die Stadt aufge-nommen zu werden. Mitglied der Gemeinschaft derer, die viel weiter außerhalb der Stadt, in den schönsten Gegenden, Schlösser bauen ließen. Die Stadt und mit ihren Bewohnern schien reich zu sein (Die Armut vieler Städter war nicht so sichtbar wie der Glanz der Adeligen...) Die Stadt brauchte Nahrung, Kleidung und andere Waren. Aber die Stadt produzierte nur wenig davon - und war trotzdem reich. Alles kam von "draußen". Die Fuhrleute, die die Waren heranschafften, mußten an den Stadttoren Zölle bezahlen. Das Essen und Übernachten war außerhalb der Stadtmauern, in den Vororten billiger. An einem Ort wie dem Spittelberg kehrten
sie ein, warteten auf den Morgen und kehrten am Abend wieder zurück, bevor sie mit dem Fuhrwerk in Richtung Heimat aufbrachen.
Der Spittelberg ist kein gewachsener Ort, sondern auch ein militärisch-strategisch wich-tiger Punkt, ein Berg, von dem aus man Einsicht hatte auf das "Bollwerk Wien". Und so ist die Geschichte dieses Häuserge-viertes, das noch an die "gute alte Zeit" erinnert, geprägt von auffälligen Ähnlichkeiten mit Problemen der sogenannten 3. Welt unserer Zeit: Trotz Arbeit und Produktivität außerhalb der Städte geht es den Landarbei-tern, den Manufakturarbeitern schlecht. Keine Rechte aber viele Pflichten gegenüber den Grund- und Manufakturherren, die Sitz oder Wohnung in der Stadt hatten. Das Landproleta-riat hoffte auf eine Verbesserung der Lebenssituation in den Städten. Die Stadt ist scheinbar die Zukunft! Und vom Berg des Bürgerspitals aus konnte man diesen Luxus schon sehen, war ihm schon sehr nahe. Das er-kannten aber auch die Feld-herren. Und so wurde die Ge-schichte des Spittelberges eine Historie zwischen Prostitution, Pest und Massenelend. Die Geschichte des Spittelberges ist die vom "Lieben Augustin", Türken- und anderen Kriegen und den Spittelbergliedern. Wieder und wieder bauten die Leute ihre Häuser hier auf und schauten hinunter auf die Stadt der schützenden Mauern, wo sie die Chance auf ein besseres Leben witterten. Als um 1850 die Menschen, die da so dicht aneinander hausten wie kaum anderswo in und um Wien, sich auf eine eigenständige "Spittel-berg"-zugehörigkeit einschwör-ten, waren sie bereits von der Stadt wegen neuer ökono-mischer Notwendigkeiten einge-meindet worden. Nach dem Ersten Weltkrieg "öffnet" sich die Stadt. Der Spittelberg als Vorort verliert seine Bedeutung. Die Fuhrleute sattelten recht-zeitig auf andere Tansport-geschäfte um. Die Huren folgten ihnen. Ein Grätzel wie der Spit-telberg war zu verlottert, um abgerissen zu werden. Als sich die Stadt zur "City" entwickel-te, waren diese Häuser schon so alt, daß sie aus musealen Gründen erhalten werden mußten.
Neues Leben -
alte Geschichte
Das Haus "Zum Schwarzen Mohren" wurde in den Jahren 1987-89 von der Baufirma ... renoviert. Diese Arbeit wurde nach Abschluß der Sanierung mit dem 1. Preis des Stadterneue-rungspreises 89/90 ausgezeichnet. Dem Architekten und seinem Team sei der Preis gegönnt, trotzdem bleibt der Eindruck, daß ...(der folgende Teil darf nicht mehr veröffentlicht werden...)
Vor allem an der Theke des Cafés "Zum Schwarzen Mohren", das in dieser Form erst seit Abschluß der Renovierungs-arbeiten existiert - früher war hier ein (sogenannter) Brannt-weiner, der "Michel" -, sammelt sich regelmäßig und zu allen Tageszeiten, geöffnet ab 10 Uhr vormittag, (nicht nur) das Stammpublikum. Neben Schauspielern aus dem nahen Volkstheater, Lehrern aus der Pädagogischen Akademie in der Burggasse bzw. der Schule schräg gegenüber, Geschäfts-leuten der Umgebung, Arbeitern, Angestellten, Künstlern und Autoren, die übrigens jeden Dienstag hier ihren Stammtisch abhalten, zählen auch Historiker bzw. historisch interessierte Leute zu jener illustren Runde, in die man auch als Fremder relativ leicht und gerne aufgenommen wird.
Und eben diese an Geschichte Neugierigen unter den Stammgästen sind es dann auch, die Auskunft über die Geschichte des Hauses "Zum Schwarzen Mohren" geben, über den Hintergrund des seltsamen Namens des Hauses berichten und eine Vielzahl von Geschichten aus und über den Spittelberg erzählen können.
Kein Bezirkskaiser
(gestorben 2000)
Der Herr Kommerzialrat Franz Peterlin beispielsweise, als Landtagsabgeord-neter a.D. noch immer so etwas wie ein "Bezirkskaiser", ist schon seit geraumer Zeit in Pension und bleibt trotzdem ein "ewig Jugendlicher". Er kann das Politisieren (mit tiefer Baß-stimme) noch immer nicht lassen. Nein, er führt keine großen agitatorischen Volks-reden, vielmehr sammelt eine Freundesgruppe um sich, mit der er eine neu gegründete Initiative mit "g´standenen alten Herren" aufbaut, die sich "Österreich-Club Rot-Weiß-Rot" nennt, weil er sich mit den neuen, politischen "Führern" jener Partei, deren Mandatar er einst gewesen war, nicht mehr identifizieren kann.
Letztens kaufte er einen alten Omnibus um 40.000.- Schilling und lud alle möglichen Leute aus dem Lokal - vowiegend die "hungerleidenden" Künstler unter den Gästen -, zur "Jungfernfahrt" in die Wachau zu einem Volksfest ein. Die Konsumation beim Fest war für die Teilnehmer dieser Fahrt frei. Nur die Zigaretten hatten sich die Ausflügler selbst zu bezahlen.
"Also Bezirkskaiser bin ich aber wirklich keiner", brummt er unwillig. "Wenn Sie wollen, stelle ich Sie aber jemandem vor, auf den diese Bezeichnung sehr wohl zutrifft. Kommen Sie mit..."
Wir wandern die Gardegasse hinab. "Obwohl sich jetzt am Spittelberg viel mehr tut als früher, könnte doch noch wesentlich mehr geschehen. Das Viertel müßte sich zu einem Montmartre von Wien entwickeln. Früher war das auch
schon einmal ein Künstler-viertel..." Nach einer kurzen Pause fährt er fort: "Na ja, nicht nur, es hat auch einen anderen, nicht so schmeichelhaften Ruf gehabt. Aber es kann wohl doch kein Zufall sein, daß ausge-rechnet am Beginn des Spittel-bergs das Volkstheater und das Kunsthistorische Museum errichtet wurden. Sie wollen doch Schmankerln aus unserer Gegend wissen. Also - wußten Sie, daß der Strauß und der Lanner einmal eine Wette abgeschlossen hatten, bei der sie wissen wollten, wer von ihnen im Winter schneller als ein nackerter um die Ulrichskirche herumlaufen kann? Der Lanner hat gewonnen, aber leider hat er sich dabei eine Lungenent-zündung geholt, an der er dann auch gestorben ist."
Dort, wo die Gardegasse in die Neustiftgasse mündet, biegen wir links ab, gehen ein Stückchen stadtauswärts, und dann beginnt der Herr Kom-merzialrat zu erzählen: "Da war früher auch ein kleiner Platz, und Am Platzel Nr. 56, später Nr. 4, an der heutigen Adresse Neustiftgasse 19, war die legendäre Schmauswaberl mit ihrem Wirtshaus ´Zum goldenen Schiff´ daheim. Für mich ist übrigens die Frau Neisser vom ´Schwarzen Mohren´ ein ´Schmauswaberl´ unserer Zeit..."
Über die "Schmauswaberl"...
...wurden schon vielerlei (inzwischen vergessene) Geschichten und Legenden erzählt. Man stilisierte sie beispielsweise zu einer Art kochendem Robin Hood, einer Frau also, die als Köchin von der Tafel des Kaiserhauses Lebensmittel abgezweigt hätte, um sie am Spittelberg an vor allem arme Menschen zu verteilen. Um ihre aufopfernde Frömmigkeit zu dokumentieren, wurde immer wieder behauptet, diese Frau habe sogar in der Kapuzinergruft gelebt und auch
gewohnt. Die Wahrheit dürfte allerdings wesentlich profaner gewesen sein. Als die Witwe eines herrschaftlichen Husaren, Barbara (Waberl ist der Kosename für Barbara) Roman (geborene Wißmayer) am 30. Oktober 1813 an Bauchwasser-sucht im 79. Lebensjahr verstarb, hiterließ die kinderlose Frau ihrer Universalerbin, der bei ihr wohnenden Nichte, der 50-jährigen Zuckerbäckers-witwe Barbara Eßlinger, kein Bargeld (wobei jedoch nicht auszuschließen ist, daß das Bare aus steuertechnischen Gründen mittels Schenkung schon früher weitergegeben worden war), sondern ein beträchtliches Vermögen in Form von kostbarem Schmuck, für dama-lige Verhältnisse umfang-reichem Hausrat, gediegenen Einrichtungsgegenständen und einem Haus, dessen Wert auf 11.500 Gulden geschätzt wurde.
In einem bereits am 13. Jänner 1812 mit drei Kreuzen gezeichneten Testament verfügte die Analphabetin Barbara Roman, daß ihr zu Ehren nach ihrem Ableben in der ihrem Haus gegen-überliegenden Mechitari-stenkirche (damals übrigens von
den Kapuzinern geführt) 10 Totenmessen gelesen werden müßten (was ebenfalls auf ziemlichen Reichtum schließen läßt). Aber wie konnte eine normale Küchenhilfe am kaiserlichen Hof zu so großem
Wohlstand gelangen? Durch die prasserische Hofhaltung unter Maria Theresia mit üppigen Gelagen (erst Joseph II. veranlaßte diesbezüglich drama-tische Sparmaßnahmen) fielen vor allem für die Beschäftigten der Küche "Abfälle" in reichem Umfang als Aufgeld ab.
Die Roman hatte nun die Idee, ihren Kollegen diese gut erhaltenen Küchenabfälle günstig abzukaufen und in ihrem eigenen Wirtshaus "Zum goldenen Schiff" weiterzuver-werten. Wenngleich der Begriff "Küchenabfälle" freilich gering-schätzig klingt. Tatsächlich handelte es sich um hoch-qualitative Waren, die entweder erst gar nicht bei Hof verwertet wurden und (aufgrund der mangelndenTiefkühlmöglichkeiten) zu verderben drohten oder auch fertige Gerichte, die unangetastet von der kaiserlichen Tafel in die Küche zurückkamen.
Die "Schmauswaberl" erwarb sich als Gastwirtin innerhalb kurzer Zeit einen so guten Ruf, daß sie bald zur Leiterin eines der beliebtesten Ausflugs-wirtshäuser aufstieg, wo man den "Geschmack" und "Duft" des Hofes sinnlich zelebrieren konnte.
Chronisten berichten
Die Schriftstellerin Karoline Pichler berichtete über den müh-seligen Anmarsch von der Innenstadt hinaus zum Spittel-berg: "Also beim "goldenen Schiff" auf dem Platzel im heutigen 7. Wiener Gemeinde-bezirk war der Treff-punkt aller Feinschmecker, die um verhält-nismäßig billiges Geld große Herren spielen wollten und hier stand die Wiege aller Schmaus-waberln, die in ununter-brochener Folge von damals bis vor einigen Jahren inmitten all dieser Herrlichkeiten als begeh-renswerte, wenn auch ältere Feen thronten, schalteten und walteten. Wer die damaligen Wegverhältnisse in Altwien nach den heutigen beurteilen würde, der möchte sagen, daß die Schmauswaberl nahe der Stadt seßhaft war. Aber zu jener Zeit galt der Weg von der Stadt übers Schottentor zur Alser-kirche als weit und gefährlich und ebenso war der Weg vom Stadtwall bei der Hofburg oder von der Löwelbastei aus über Wiens damalige Luftbehälter, die Glacis, mit ihren Wiesen-flächen und nahrhaften Ziegen, zur heutigen unteren Neustift-gasse, in der das Platzel aufging, also zur Gegend hinter dem Deutschen Volkstheater ein weiter zu nennen und mußten all die leckeren Genüsse bei der Schmauswaberl durch einen tüchtigen Marsch erkauft werden."
Der Herausgeber der Eipeldauerbriefe, Josef Richter, schwärmte über diese Küche: "... da derzähln s´, daß hietzt aus den Hofkucheln Kapäuner und Fasaner sogar g´rupfter und g´bradner davon flieg´n, und d´Hasen g´spickter, und bradner davon laufen, und d´kälbernen Schlägeln rocher und zuegrichter aufn Schlägel-ban davon hupfen, und da d´Fisch schun hasagsodner und g´bachner davon schwimmen, und was glaubt der Herr Vetter wohin? - ´s is zun Todtlachen! - zu der Schmauswaberl auf Spitelberg lassens dö g´kochten Vieher hinflieg´n und hupfen und schwimmen, und da sagen s´ sogar, d´ Kapäuner und Fasanflügel fliegen nach der Hoftafel sogar von Dellern weg und zu der Schmauswaberl aussi..."
In einem wehmütigen, etliche Jahre nach ihrem Tode abgedruckten Artikel über die Person der "schmauswaberl" stand in einer Zeitung zu lesen:
"Ja, die Schmaus-Wawerl beim "goldenen Schiff" auf dem Platzel!Eldorado der Gour-mandise. Untergegangen längst bist du, Goldschiff, mit all deinen Leckerbissen, mit der feisten, lächelnden Patronin selbst, mit den meisten der Passagiere.. Eine moderne unter den Tuchlauben ist nur ein Nachdruck. Schmaus-Wawerl aber, dein Name lebt."
Aus Pezzl Johann "Skizze von Wien", ed. Gustav Gugitz, Anton Schlosser
Speisekarte
Sobald man sich also zu Tisch setzt, so stellt sich der Kellner vor den Gast, und nach einem: Wos schoffens Ihr Gnoden? fängt er , die Litaney von den verschiedenen Arten des ersten Gerichts herzubeten, und nachher von allen andern, wie sie folgen. Einem Fremden kommen die mancherley Namen
anderwärts Gerichte, und noch dazu in der kauderwälschen Wiener Sprache sehr geschwind hintereinander ausgesprochen, anfänglich ganz seltsam vor. Zu
Bedienung meiner Leser, welche wissen möchten, wie etwa ein solcher wienerischer Küchen-zettel lautet, will ich die Namen der Gerichte hierhersetzen, wo-runter uns, in einem Speise-hause, wo man für 45 Kr. speiste, am Mittage eines Fast-tages die Wahl überlassen ward:
1) Suppen.
A Arbis-(Erbs-) Suppen. - A Einbrennsuppen (braune Mehlsuppe). -
A Beuschelsuppen (Fischein-geweide). - A Nockerlsuppen (Suppe mit Mehlklößen). - An Aarspeiß (Eyerspeise). - Gsetzte Aar. - Aarenschmalz.
2) Mehlspeiß.
A Grießschmarrn.- A Knödel (Klöße). - A Milchrahmstrudl. - A Nockerl (Mehlklöße in Butter).
3) Zuspeiß.
A Kölch (Kohl). - A heurigs Kraut. - Scherübel (kleine Rüben). - Fissolen (grüne Bohnen).
4) Fisch.
Aan Einmachfisch. - Hecht mit Müscherl (Muscheln). - Aan haas (blau) abgesottnen Schiel (Perca Lucio - perca Linn. Ein sehr wohlschmeckender
Fisch). - Aan Schaden mit Limonsoß. - Aan Donaukarpfen mit Green (Meerrettig).
5) Andere Fastenspeisen.
Schlampete Schnecken. - Rohrhändl. - Beuschel.
6) Gebratene Fische.
Aan Haußen (Beluga, Stör). - Aan Dick. - Aan Backfisch.
Aus Friedrichs Nicolais "Beschreibungen einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781" (1785, Berlin) in "Unvergängliches Wien" (Wien, 1964)
Der Bezirkskaiser
(inzwischen verstorben)
Mit dem Herrn Kommerzialrat wandere ich wieder stadt-einwärts. Vor einem von außen eher unscheinbar wirkenden Lokal, Neustiftgasse Nr. 5, bleiben wir stehen und treten ein. Es ist neu und unkon-ventionell renoviert (mit teuren Lüstern aus grünem Murano-glas). Die Speisekarte bietet gediegene Altwiener Küche an, wie man sie in der Stadt nur mehr äußerst selten findet. Dazu ausgewählte, mit Gold prämierte Weine vom Stammwinzer.
Der Herr Kommerzialrat begrüßt seinen alten Freund Pepi Karrer: "Servus, habe di´ Ehre, ich hab´ meinem neuen, jungen Freund gesagt, daß du ein Bezirkskaiser bist. Hast du etwas gegen eine solche Bezeichnung?"
"Aber nein, ich stehe dazu."
Und dann beginnt der Bezirksvorsteher a.D. (1978 - 1991) aus seinem Leben zu berichten: Schon 1935 hatte der gelernte Koch und Kellner das alte Traditionswirtshaus in der Neustiftgasse übernommen und mit einer kurzen Unterbrechung bis vor zwei Jahren geführt, als er sich zur Ruhe setzte. Die Küche leitet noch immer seine Frau. Für das Service ist nun ein junger, quirliger Mann zuständig, der auf den Betriebsablauf achtet, als wäre es sein eigenes Lokal.
Immer schon haben sich hier Politiker vom Rathaus, Parlament und (Star-) Schau-spieler aus dem Volkstheater zum Essen eingefunden, aber auch die Maronibrater hatten hier früher ihren eigenen Stammtisch. Aber Herr Karrer möchte lieber über seine politische Arbeit erzählen: "Ich war ursprünglich eigentlich gegen die Sanierungsarbeiten des Spittelbergviertels, weil bei den meisten der betreffenden Häuser die Bausubstanz schon ziemlich kaputt war. Aber wie dann damit begonnen wurde, bin ich voll dahintergestanden, und ich meine, daß man auch die restlichen Häuser viel zügiger neu renovieren müßte.
Jetzt tut sich ja da so viel an Kultur im Viertel - für meinen Geschmack noch immer zu wenig -, daß man sich überlegen sollte, für eine bessere Koordination der Aktivitäten einen eigenen Intendanten zu beschäftigen..."
Und der Herr Bezirksvorsteher a.D. erzählt vom "Kleinen Opernball", der seit Kriegsende im Bezirk parallel zum "großen" Opernball abgehalten wird. Mit
dem Unterschied, daß sich diese Tanzveranstaltung nicht so gut verdienende, ja sogar arme Leute leisten können sollten. Um dies zu gewährleisten, brauchen Bezirksbewohner für den "Kleinen Opernball" keinen Eintritt zu bezahlen, und sogar die Taxifahrten gehen auf Kosten des Bezirks - aber nur bis zur Bezirksgrenze. Auch hier treten Stars aus Volks- und Staatsoper auf. Und jedesmal spielen auch die "Deutsch-meister" auf, bei denen Herr Karrer noch dazu Dirigent ist.
Künstler, Originale und Sagengestalten
Der Spittelberg, ein kleines Grätzel in einem der kleinsten Bezirke Wiens, war
die Heimat der Schmauswaberl, des Malers Friedrich Amerling und (vielleicht)
des "Lieben Augustin". Der Bezirk Neubau ist am ehesten als Geburtsort der
Walzerkomponisten Strauß Sohn, Lanner und Ziehrer bekannt, wenn auch
Strauß´s Geburtshaus in St. Ulrich Nr. 76 heute jedoch zur Josefstadt gehört
(Lerchenfelderstraße 15).
Und sonst?
Wahrscheinlich vergessen ist die Sage der "Wasserl Reserl" aus der Zeit der 2.
Türkenbelagerung, die "...am Neubau sitzt´s im Hof aus Stein,/ ganz still und
allein;/ auf Westbahnstraße 8 ist Rast,/ und hält dort dauernd Wacht./ Als die
Entsatzheere vor Wien,/ die Türken hab´n vertrieb´n!/ Da ist der Wasserreserl
Herz - / für´s Gute ´s Triebwerk blieb´n./ Sie nahm ihr Wasserfasserl her,/ und
lief dem Heer entgegen./ Konnte keinen Verwundeten/ am Schlachtfeld seh´n..."
begeisterte sich der Ottakringer Volksschriftsteller Karl Hauswirth in einem
schier unendlichen schwärmerischen Gedicht für die frühe Marketenderin.
Eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten des Bezirkes Neubau in der
Vergangenheit war sicher der aus Györ stammende (ursprüngliche Militär-) Arzt
Dr. Ludwig Wilhelm Mautner (1806 - 1858), der aufgrund eines persönlichen
Erlebnisses das erste Wiener Kinderspital in der Kaiserstraße Nr. 47 eröffnete,
das jedoch wegen Straßenerweiterungen später in die Kinderspitalgasse 6 ("St.
Anna-Kinderspital"), im 9. Bezirk verlegt werden mußte.
In einem Mansuskript mit dem Titel "Sie alle lebten auf dem Neubau" von
Elisabeth Lein, das am Bezirksamt aufliegt, erfährt man weiters, daß Christoph
Willibald Gluck 1750 in der Ulrichskirche geheiratet und der berühmte
Jugendstilmaler Gustav Klimt am 6. Februar 1918 in der Westbahnstraße Nr. 36
gestorben ist.
Auf Breitegasse 4 und 10 waren die letzten Wohnstätten des heute nahezu
vergessenen Meisters der Porträtlithographie, Josef Kriehuber, der zu seiner
Lebzeit eine ähnliche Bedeutung genoß wie seine Kollegen Schwind,
Gauermann, Daffinger oder Amerling. Er starb am 30. Mai 1876 in der
Breitegasse Nr. 4.
Weiters erfahren wir, daß Ludwig Anzengruber in der Burggasse 55 ein Jahr
lang gelebt hat und daß auf der Lerchenfelderstraße Nr. 5 die Großeltern des
Anton Wildgans wohnten.
Auffallend aber logisch ist, daß in diesem Bezirk eine Vielzahl von zu ihrer
Zeit berühmten, heute jedoch längst in Vergessenheit geratene Schauspieler rund
um das Volkstheater herum lebten.
In der Neustiftgasse 11 wohnte beispielsweise die zu ihrer Zeit berühmte
Schauspielerin Helene Odilon, die von 1893 bis 1895 mit Alexander Girardi
verheiratet war und durch ihre Affairen immerzu Stoff für Klatschgespräche im
alten Wien lieferte.
An Hansi Niese (1875 - 1934) erinnert ein Denkmal vor dem Volkstheater.
Sie lebte im Wohnhaus Mariahilfer Straße 88a. Sie war Publikumsliebling am
Raimundtheater und Josefstädter Theater.
Ecke Stiftgasse und Siebensterngasse 13 (nach anderer Quelle Lindengasse 4)
hatte der Dichter Ignaz Franz Castelli gewohnt, er war 1811 bis 1841
Hoftheaterdichter, wurde wegen seiner "Wehrmannlieder" von den Franzosen
verfolgt, verfaßte ca. 200 Theaterstücke, Lustspiele und Operntexte und war
nebenbei noch der Gründer des Tierschutzvereines.
In der Neustiftgasse 67-69 wohnte der Kabarettist Karl Farkas (1893 - 1971)
Weiter: "Nummer 3 und 8 der Sigmundsgasse gehörten den Nachkommen
Andreas Hofers, nämlich seinem einzigen Sohn Johann von Hofer und dessen
Tochter Karoline, die Gemahlin des akademischen Malers Ignaz von Seyfried..."
Der Kriegsminister (geb. 1780) Theodor Graf von Baillet-Latour wohnte, bis
er vom rebellierenden Volk am 6. Oktober 1848 gelyncht wurde, in der Karl-
Schweighofergasse 5.
Und noch jemand kommt aus dem 7. Bezirk - Burggasse 55: Dort kaufte der
Stuck- und Glockengießer Johann Achammer (eigentlich Aichhammer, geb.
1650, gest. 9. 9. Dezember 1712) eine Brandstatt und erbaute darauf ein Haus,
das er "Zum Goldenen Stuck" benannte und auf diesem Grundstück schuf er im
Jahre 1684 im Auftrag Kaiser Josefs I. aus den 180 erbeuteten türkischen
Kanonen eine große Glocke für den Stephansturm, genannt die Pummerin, die
leider im Jahre 1945 bei dem großen Brand zu Grunde ging.
Auf keinen Fall soll in unserer Aufzählung der Metzger Johann Georg Lahner
vergessen werden. Als der Fleischhauer nach Wien kam, kaufte sich am
Schottenfeld 272 (heute Neustiftgasse 111) eine eigene Selcherei. Dort
produzierte er laut Überlieferung eine besonders feine Wurstsorte (eine
Mischung aus Schweine- und Rindfleisch), die als "Frankfurter Würstchen"
berühmt wurde. Er gab den Würstchen den Namen jener Stadt, in der er sein
Handwerk als Fleischhauer gelernt hatte. Und das ist auch der Grund, weswegen
die Frankfurter in aller Welt "Wiener Würstchen" und nur in Wien "Frankfurter
Würstchen" heißen. Johann Georg Lahner erwarb 1842 das Wiener Bürgerrecht
und starb am 23. April 1845.
Sein Urenkel Leopold Lahner war der letzte aus dieser Fleischhauerdynastie.
Er starb 1958 im Alter von 82 Jahren und war in seiner Jugend als Sportler
einigermaßen erfolgreich, stellte zwischen 1903 und 1906 einige Rekorde im
Kugelstoßen und Hammerwerfen auf und belegte bei den Olympischen Spielen
in Athen 1906 den vierten Platz im Kugelstoßen. Seine Frau führte den Betrieb,
dessen Anschrift mittlerweile Kaiserstraße 99 war, noch bis zu ihrem Tode im
Jahr 1967 weiter.
Rezept der Frankfurter:
12 kg Brät, 8 kg. geilen Wurstspeck (Putzfett), zusammen 20 kg; Gewürz auf
einen Kilo Wurstmasse: 3 g weißen Pfeffer, Knoblauch nach Geschmack und
sehr wenig Piment.
Annäherung an der Grenze
Wir verabschieden uns von unserem Gastgeber und verlassen das Lokal.
Schräg gegenüber der Eingangstür, Ecke Neustiftgasse/Museumstraße, befindet
sich das von Fischer von Erlach für den Fürsten Johann Leopold Trautson 1710
neu aufgebaute Palais, heute Sitz des österreichischen Justizministeriums, auf
dem eine Inschrift daran erinnert, daß dies unter Maria Theresia das "Palais der
Ungarischen Garde" (1760-1918), ihrer Leibgarde, war.
Vor dem Palais gibt es erst seit wenigen Jahren eine der wenigen größeren
Parkanlagen im Bezirk, den Weghuber-Park.
Im Eckhaus gegenüber (Neustiftgasse 3) befand sich früher das Traditions-
Café Weghuber. Heute sind in einem der oberen Stockwerke des Hauses die
Zentrale der Sozialistischen Jugendorganisationen und die "Aktion kritischer
Schüler/innen" untergebracht.
Das Haus Burggasse Nr. 6 (Kirchberggasse 31) hat den Namen "Zur
Kaiserkrone". Das 1892 erbaute Haus hat eine Eckkuppel die mit einer
Nachbildung der Kaiserkrone bekrönt ist.
Die Museumstraße den Berg hinauf, vis a vis der Rückseite des Volkstheaters,
auf Nr. 5, bemüht sich immer noch die Redaktion des NEUEN FORVM, eine
längst vergessen geglaubte Form des kritischen Journalismus aufrechtzuerhalten.
Im Haus daneben befindet sich das "Bellaria"-Kino, gleichermaßen Hort für
schrullige Cineasten wie auch für ältere Leute, die ihre Träume nach der
angeblich so "guten alten Zeit" nicht aufgeben wollen.
Wir wandern aber wieder die Neustiftgasse, also eine der "Grenzen" des
Spittelbergs, stadtauswärts. Im Haus Neustiftgasse Nr. 6 war bis vor kurzem das
"Österreischische Kulturservice" beheimatet. Rechterhand passieren wir erneut
das Kloster und die Kirche der Mechitaristen. Die Kirche wurde 1873 von
Camillo Sitte erbaut. Das Haus wurde bis ins Jahr 1813 von den Kapuzinern
geleitet. Von ihren Nachfolgern, den Mechitaristen, heißt es, daß sie sich große
Verdienste im Bereich der Sprachforschung im Gebiet des Vorderen Orients
erworben hätten.
Im Hause Mechitaristengasse 5 wurde 1801 Josef Lanner geboren, nicht weit
davon entfernt, im Jahre 1825 im Hause Lerchenfelder Straße Nr.15, sein
späterer Freund und Widerpart Johann Strauß Sohn.
Linkerhand führt die kurze Faßziehergasse den Berg hinauf. Eine Fotografie
von Moritz Nähr aus dem Jahre 1885 (sie ist im Besitz des Historischen
Museums Wien) zeigt den berühmten Aquarellisten Rudolf von Alt (1812 -
1905) in der Gasse auf einem Schemel sitzend und das Faßzieherhaus (Nr. 2),
auch Rondellenhaus genannt, malend. Laut Text eines Ausstellungskataloges des
Historischen Museums soll es das älteste Haus am Spittelberg und einst das
Jagdschloß des Herzog Heinrich II. Jasomirgott gewesen sein (was von seriösen
Historikern allerdings bezweifelt wird). Hier und in der Umgebung hatten vor
allem die Faßzieher ihre Wohnungen und Werkstätten. Das Rondellenhaus
wurde um 1900 abgerissen.
Im Grätzel hatten sich seit etwa 1800 zahlreiche Handwerker wie Sattler,
Riemer und Tischler angesiedelt. Auf dem Rondellenhaus bot z.B. ein
Passepartout-Schneider auf einem großen Schild seine Dienste an.
Wandert man die Neustiftgasse weiter stadtauswärts, kommt zur Linken die
Pfarrkirche von St. Ulrich. Sie wurde 1720 von Reymund an Stelle einer
mittelalterlichen Kirche erbaut (sehenswert ist ein schön geschwungener
Treppenaufgang im Inneren).
An der Adresse Neustiftgasse 29 (St. Ulrichsplatz 5) steht das in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaute "Schmidthaus". Man nimmt an, daß es das
älteste erhaltene Gebäude im 7 Bezirk ist. Es diente bis 1802 als Gemeindehaus.
Es rentiert sich gewiß, noch zwei Gassen weiter stadtauswärts bis zur
Neustiftgasse 40, Ecke Döblergasse 2 (erbaut 1909/10, unter dieser Adresse
können sich heute Ratsuchende bei Mietproblemen an den Mieterschutzverband
Österreichs wenden) und Döblingergasse 4 (1911/12) zu spazieren. Die beiden
auffallend schönen und architektonisch ungewöhnlichen Jugenstilbauten wurden
von Otto Wagner (1841 - 1918) erbaut. Der letztgenannte Bau war Wagners
letztes errichtetes Miethaus, das er als eigener Bauherr schuf. Im ersten Stock
richtete er für sich und seine Frau eine Wohnung ein, im hofseitigen Trakt
brachte er sein Atelier unter. Die Eingangstüre wurde "zum Schutz" mit
Aluminium beschlagen. In diesem Haus starb Otto Wagner am 12. April 1918.
An der Bezirksgrenze steht noch außerdem die ehemalige Stadtbahnstation, nun
U-6-Station Burggasse. Sie ist ebenfalls ein Otto-Wagner-Bau.
Zurück in Richtung Spittelberg. Im Mittelalter war hier Weideland, später
entstanden Weingärten.
1525 erwarb das Bürgerspital den Grund dieses Gebietes, 1568 entstanden die
ersten acht Bauten. 1675 erwarb Christoph Sigmund Freiherr von Kirchberg um
1 Gulden Klafterzins die Gründe. 1692 kaufte das Bürgerspital den Erben
Kirchbergs die Gründe wieder ab. Spittelberg heißt demnach "Spitalberg". Ältere
Menschen hingegen wissen noch, daß man früher zum Wirtshausbesuch auch
"gehn wir ins Spittel" (was vom Sprachstamm an Spelunke erinnert) gesagt habe.
Erst ab 1800 bürgerte sich für diesen Vorort in Neubau der Name Spittelberg
ein. Als Spittelberg bezeichnet man heute die Gegend im 7. Wiener
Gemeindebezirk zwischen der Breitegasse und Stiftgasse, Burggasse und
Siebensterngasse. Das Spittelberggrätzel war die erste Häuseransammlung mit
rund 120 Bauten auf engem Raum. Aber aus verständlichen Gründen, die später
noch erläutert werden, sagten in früheren Zeiten die meisten Wiener
Biedermänner oft lieber, daß sie nur nach Ulrichsberg (zur Kirche) gehen
würden, wenn sie tatsächlich dem Spittelberg einen Besuch abstatten wollten.
Aber weiter: Auf dem Grund des alten Berchtesgadner Hofes am Ulrichsplatz
2 wurde während der Zeit des Barock das Haus "Zu den 12 Himmelszeichen"
erbaut, das vor allem wegen seines stimmungsvollen Arkadenhofes sehenswert
ist.
Die Arkaden des ehemaligen "Neudegger Hofes" (St. Ulrichplatz 4) stammen
aus dem 16., die Fassade selbst aus dem 19. Jahrhundert. Der Neudegger Hof
spielte oft eine Rolle als Stützpunkt feindlicher Truppen. Im Jahr 1462 war er
auch Zufluchtsort Kaiser Friedrichs III., als er vor den aufständischen Wienern
unter Bürgermeister Holzer flüchten mußte.
Der Herr Kommerzialrat kehrt im Gasthaus "Spatzennest" am Ulrichsplatz
ein. Es ist das Stammlokal einiger Rathauspolitiker. Allein setze ich meinen
Spaziergang fort. An vielen Gebäuden sind alte Hauszeichen, freigelegte Fresken
oder schön gearbeitete Kleinplastiken zu entdecken. Besonders auffallend ist
etwa eine aus dem 18. Jahrhundert stammende illusionistische Fassadenmalerei
am Haus Spittelberggasse 9.
Unterirdisches
Die Zeit, die das Gelände zwischen Ulrichs- und Spittelberg bis hin zur
Hofburg am nachhaltigsten geprägt haben dürfte, ist wohl die der Zweiten
Türkenbelagerung Wiens. Es gibt das glaubwürdige Gerücht, daß es in früheren
Zeiten vom Keller des Hauses Burggasse 19 aus, also dem Haus "Zum Mohren",
einen Tunnel gegeben hätte, der direkt in die Innenstadt geführt habe. Großwesir
Kara Mustafa, Oberbefehlshaber des Osmanischen Heeres, hatte während der II.
Türkenbelagerung 1683, in unmittelbarer Nähe des Hauses "Zum Schwarzen
Mohr", am Ulrichsberg, heute Ecke Kellermanngasse /Neustiftgasse, seinen
Befehlsstand aufgeschlagen (während sich sein Hauptquartier auf der Schmelz
im heutigen 15. Bezirk befand). Es gab sowohl Laufgräben und Tunnels von den
Türken zur Stadt als auch Tunnels von Seiten der Stadtverteidiger in Richtung
des türkischen Heeres und wahrscheinlich erst recht in Richtung des Zeltes des
Oberkommandierenden des türkischen Heeres. Gut vorstellbar also, daß beim
Wiederaufbau der zerstörten Häuser die Bauten über den Tunnels, die bei
etwaigen neuen Angriffen gegen die Stadt ausgezeichnete Fluchtwege hinter die
schützenden Stadtmauern abgegeben hätten, errichtet wurden. Hartnäckig wird
noch heute erzählt, daß es direkt von der Hofburg einen Gang zum Spittelberg
gegeben hätte, den der Kaiser benützte, wenn er sein Volk besonders hautnah
erleben wollte.
Auffallend an Österreichs Sagenkultur ist, daß in vielen Orten, vor allem dort,
wo es Burgen oder Schlösser gibt (aber nicht nur), zahlreiche Legenden
existieren, die glauben machen wollen, daß es einst jeweils von den
Herrscherhäusern weg unterirdische Gänge gegeben habe. Ja, sogar unter
gewaltigen Flüssen hindurch hätte es (in manchen Berichten gläserne) Stollen
gegeben. Viele dieser Sagen stammen aus den Alpen und hier wiederum aus der
Nähe von Orten, in denen es früher Bergbau gegeben hatte. Auffallend ist
außerdem, daß insbesondere in jenen Gegenden, in denen während der
Türkenkriege Soldaten des Osmanischen Heeres aufgetaucht waren, sich oft bis
heute Erzählungen über unterirdische Tunnelsysteme aufrechterhalten.
Logisch, daß da erst recht das dichte Katakombensystem der Wiener
Innenstadt Anlaß für eine Vielzahl von Sagen und Legenden war. Ältere
Menschen berichten, daß es ganz sicher noch während des II. Weltkrieges in der
Inneren Stadt und den angrenzenden Bezirken ein dichtes Tunnelsytem gegeben
habe, das von der Bevölkerung als Luftschutzkeller benützt wurde. Manche
Keller am Spittelberg waren (oder sind?) bis zu vier Stockwerke tief. Vor den
Renovierungsarbeiten im Gebiet prangte beispielsweise noch auf den Häusern
Schrankgasse 6, Stiftgasse 33, Spittelberggasse 26, Spittelberggasse 5 oder
Gutenberggasse 21 ein deutliches "LSK" für Luftschutzkeller. Es waren Häuser
mit besonders tiefen Kellergewölben.
Gerhard Roth
Die zweite Stadt
..."Die Verbindungsgänge", erklärte der Archäologe, ein lebhafter Mensch
mit Hornbrille, seien aber nur eine Wiener Legende, die sich hartnäckig halte.
Die legendärste dieser Legenden sei der unterirdische Gang zwischen der
Hofburg im ersten Bezirk und dem Schloß Schönbrunn im dreizehnten. Von der
Hofburg existieren allerdings Verbindungsgänge zu einem "Regierungsbunker"
in der Stiftskaserne, zur Oper, zum Burgtheater und dem Messepalast und - so
wird vermutet - sogar zur Kapuzinergruft. Auch soll es einen Gang zwischen dem
Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum geben. Darüber hinaus
ist die Ansicht weit verbreitet, daß die ganze Innenstadt von einem
unterirdischen Verbindungsnetz durchzogen ist.
Tatsächlich hat es dieses sagenumwobene Labyrinth gegeben. Die
Voraussetzungen wurden nach den beiden Türkenbelagerungen von Wien - in
den Jahren 1529 und 1683 - geschaffen, als man unterirdische Zysternen und
Magazine anlegte, um in Zukunft auf eine Belagerung besser vorbereitet zu sein.
Es entstanden Säle, die Ausmaße von mittleren Bahnhofshallen hatten,
zweihundert bis fünfhundert Quadratmeter groß, zehn Meter hoch und zwei oder
drei Geschosse tief. Der tiefste Keller endete sieben Stockwerke unter der Erde.
Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Anlagen als Luftschutzräume verwendet.
Man brach die Wände zwischen ihnen durch, um Fluchtwege offenzuhalten.
Inzwischen sind die Durchgänge wieder zugemauert, aber man findet in
manchen Kellern noch Hinweispfeile Richtung Oper oder Urania-Sternwarte.
Ein Atlas des unterirdischen Wien ähnelte den Abbildungen eines Menschen
in einem anatomischen Lehrbuch, auf denen die Nervenbahnen, Venen, Arterien
und Organe dargestellt sind...
Aus Gerhard Roth, "Eine Reise in das Innere von Wien -
Die Archive des Schweigens", Frankfurt a. Main 1991
Der Spittelberg als Kriegsschauplatz
Erstmals wird der Spittelberg 1469 erwähnt, als Georg von Podiebrad, König
von Böhmen, von diesem Platz aus mit der Beschießung von Wien beginnt.
Dieser kleine Berg, nur "einen Steinwurf" von den Stadtmauern Wiens entfernt,
war in der Geschichte immer wieder ein strategisch günstiger Platz, um von hier
aus die Stadt anzugreifen:
1477 durch Matthias Corvinus.
1529, während der I. Türkenbelagerung, durch Sultan Soliman.
Nach dem "Bruderzwist im Hause Habsburg" beschießt von hier aus Graf
Matthias Thurn 1619 Wien, zieht aber nach fünf Tagen Belagerung mangels
geeigneter Geschütze wieder ab.
Einer der wohl gefährlichsten Angriffe gegen die Stadt erfolgte 1683,
während der II. Türkenbelagerung, durch Kara Mustafa.
Noch 1809 erfolgte unter Kaiser Napoleon Bonaparte ein Bombardement und
vollkommene Zerstörung des alten Burgtores, die Hofstallungen wurden von 578
Kanonenschüssen getroffen..
Von hier aus beschoß Fürst Windischgrätz 1848 die Aufständischen Wiens
und leitete damit die Niederlage der Märzrevolution ein.
Um zukünftige Revolutionen von Anfang an verhindern zu können, wurden
an strategisch wichtigen Punkten Wiens neue Kasernen errichtet. In diesem
Zusammenhang widmete und baute man auch 1850 das alte Stiftungshaus für
Knaben aus armen Familien in eine Militärkaserne um.
Der Spittelberg ist also auch für die Stadtgeschichte ein historisch
bedeutender Platz in Wien und ein bis heute wohl in jeder Hinsicht zu wenig
beachteter Forschungsgegenstand für Historiker.
Als 1683 das Spittelbergviertel, neben anderen Vorstädten Wiens,
niedergebrannt wurde, waren übrigens nicht die Türken die Brandstifter. Die
Wiener selbst veranlaßten die Brandschatzung der Häuser am Spittelberg, damit
die anrückenden Türken zum einen keine festen Unterkünfte vorfinden sollten,
und zum anderen die Stadtverteidiger über ein freies Schußfeld auf diesen
strategisch gefährlichen Angriffspunkt des Gegners verfügen konnten. Zudem
wollte man die Bewohner des Viertels - durchwegs "verdächtige Zugezogene" -
aus der Gegend vertreiben, da man eben die "fremden" Kroaten, aber auch
andere Viertelbewohner, die aus Ländern des Ostens oder Südens stammten,
verdächtigte, möglicherweise für die Türken zu spionieren.
1692 standen um die engen Gassen bereits wieder etwa 120 Häuser, die
meisten ohne Innenhöfe, mit schlechtem Licht und zweifelhaften sanitären
Anlagen. Erst 1821 erhielt der Spittelberg beispielsweise seinen ersten
öffentlichen Brunnen.
Der "Schwarze Tod"
zunächst die morgenländische beulenpest (bubonenpest), dann überhaupt eine
ansteckende und verheerende seuche, die oft mit mehr oder minder lebendiger
personification aufgefaszt wird...: wie es züpfet an der pesste, so soll man
heusern nichts stinkets haben...
Aus "Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 13",
Leipzig 1889
Wien wurde zwölfmal von großen Seuchen heimgesucht, davon siebenmal im
16. und zweimal im 17. Jahrhundert. Für die große Pestepidemie 1679 gibt es
Schätzungen, daß zwischen 12.000 bis 125.000 Opfer, die Wissenschaft einigte
sich schließlich auf die Zahl 60.000, zu beklagen waren. Man schätzt, daß das
mindestens ein Drittel der Wiener Bevölkerung war. Die Eruierung der
tatsächlichen Opferzahlen ist deshalb so schwierig, weil sie die Behörden geheim
hielten, um eine Panik unter der Bevölkerung zu vermeiden (die trotzdem nicht
zu vermeiden war, als die Toten massenweise von den Straßen aufgelesen
werden mußten). Als die Pest zuerst in Ungarn ausgebrochen war,
beschwichtigten die Behörden mit einer Erkenntnis der Ärzte: "Kein
Formalinfection, doch ein Morbus contagiosus" (?).
Trotzdem wagte niemand mehr seine Wohnung zu verlassen. Fürst Eusebius
Schwarzenberg, der "Pestkönig", ließ Bader und Barbiere, in Eisen geschlossen,
in die Lazarette abführen, damit sie dort als Pfleger Dienst machen sollten.
Sträflinge wurden zwangsweise als Siechknechte zur Beseitigung der Leichen
eingesetzt.
Der wüste Antisemit Abraham a Sancta Clara predigte von der Kanzel herab,
daß die Juden Schuld am hereingebrochenen Unglück gehabt hätten. Er sah im
Alltag Wiens "nichts als Tote tragen, Tote führen, Tote schleifen..."
Das Straßenbild war davon geprägt, daß auf Karren die Leichen
abtransportiert wurden und heulende Kinder hinten nach liefen, die um ihre toten
Eltern trauerten.
Übelkeit, Kopfschmerz und Kraftlosigkeit sind die ersten Symptome der
Krankheit. Dann bilden sich knotige Beulen an den Leisten-, Achseln-, und
Kieferdrüsen. Wenn die Pesterreger in die Blutbahn gelangen, wird die
Peulenpest zur tödlichen Lungenpest.
Vor allem in den Vorstädten mit den sonnenarmen Gassen, dem Dreck auf
den Straßen, fehlender Kanalisationen, Friedhöfen mit seichten Gräbern, von
denen das Leichengift in die schlecht gemauerten Brunnen sickerte, konnten sich
Rattenplagen und Seuchen sehr leicht ausbreiten. Arg- und achtlos hob man am
Rande der Vorstädte Wiens 77 Massengräber, die sogenannten "Siechgräben",
für die Toten aus. Das 1. Massengrab für den Spittelberg befand sich nahe dem
Ulrichsberg. Weitere Gräber wurden in der Mondscheingasse, Zollergasse und
Siebensterngasse ausgehoben. Anfangs waren nur die Armen aus den Vorstädten
vom "Schwarzen Tod" betroffen.
Als die Seuche auch in den Palais der reichen Bürger und des Adels ihre
Opfer fand, begann eine Massenflucht der Oberschicht aus der Stadt. Allen voran
flohen Kaiser Leopold I. (der "Heilige") samt Hofstaat, dem Staatsvermögen und
600 Eimern Wein nach Prag.
Die wenigen Ärzte, die sich dieser Epidemie und "Gottesgeisel" stellten,
begaben sich nur in Stelzen und Schnabelmasken (die sie vor dem Ungeziefer
auf den schlammigen Straßen und den von der Wissenschaft noch nicht
entdeckten, doch bereits als Möglichkeit der Krankheit erahnten Bazillen in der
Luft schützen sollten) zu ihren Patienten, für die sie jedoch kein Heilmittel
wußten oder hatten.
Dr. Paul de Sorbait wußte es noch nicht genau, ahnte jedoch, daß die
unhygienischen Lebensbedingungen in den Städten und Dörfern die Epidemie
verbreiteten. Anstatt auf ihn zu hören, berief man sich auf Stadt- und
Landesverordnungen, verließ sich auf Gott und die Heiligen, veranstaltete
Prozessionen und Gebetstage, leistete Gelübde - und kam trotzdem dran.
Die Ursache der Krankheit ist in all den Jahrhunderten die gleiche geblieben:
In den Slums der Großstädte werden Menschen von den Flöhen verseuchter
Ratten und anderer Ratten gebissen. Zur raschen Ausbreitung der Seuche
genügte dann, wenn man von jemand bereits Erkranktem angehustet wurde.
Von Beginn des Mittelalters an starben in Europa Millionen Menschen an der
"Pestillenz".
Erst am 20. Juni 1894 gelang dem Schweizer Tropenarzt Alexander Yersin
die Entdeckung des Pesterregers, und, einige Zeit später, die Entwicklung eines
Pestserums.
1897 brachten Ärzte aus wissenschaftlichen Gründen Pestbakterien aus
Bombay nach Wien. Der betrunkene Laborgehilfe Franz Barisch, der mit den
Erregern im Allgemeinen Krankenhaus unsachgemäß hantierte, starb ebenso an
der Lungenpest wie der ihn behandelnde Arzt und eine Krankenschwester.
Im Pfarrsprengel St. Ulrich, zu dem auch das "Krobotendörfl" gehörte,
wurden 3269 Pestopfer registriert (um Vergleich: Knappe 100 Jahre später, 1774
lebten in 138 Häusern des Spittelberges 5184 Menschen). Ein Jahr später legte
eine Feuersbrunst die Gemeinde in Schutt und Asche. Kaum waren die
notwendigsten Wiederaufbauarbeiten abgeschlossen, standen die Türken zum
zweitenmal amSpittelberg...
Daran, daß der "Schwarze Tod" am Spittel- und Ulrichsberg besonders große
Ernte einholen konnte, erinnert noch heute eine Pestsäule ("Dreifaltigkeitssäule)
aus dem Jahr 1713 an der Rückseite der Kirche St. Ulrich.
Chronisten berichten:
Erstlich hat der Todt seinen Anfang genommen in der Leopoldstadt / so vor
etlichen Jahren wegen der schlimmen Inwohner die Judenstadt genannt ware /
und aldort eine lange Zeit hero / jedoch auf eine gesparsame Manier die
Menschen verzehret / nachgehends ist solche Seuch über die Donau oder
vielmehr über den Arm der Donau / in die anderen Vorstädt geschlichen / und ist
anfänglich das Ansehen gewest / als traue sich der Todt nit in die Residenz Stadt
/ sondern wolle sich mit den Vorstädten befriedigen / wie er dann dieselbe umb
und umb ziemlich verwüst / jedoch solcher Gestalten / daß mehristen Theil die
unsaubere Winkel von diesem Übel angegriffen / und nur gemeiner Pöbel / wie
auch das schlimme Lotter-Gesindel / von welchem keyne Stadt befreyt / dem Tod
unter die Sensen gerathen / das also nicht ohne Freven die Red gangen / der
Todt nehme nur die Spreuer hinweg / duchrsuche die Bettler-Säck / und wolle
seinen Hunger mit gemeinem Gesindl-Brodt in den Vorstätten stillen...
Aus "Mercks Wien", Abraham a S. Clara (1680)
"... biweilen geschahe, dass mit dem Tode allbereit Ringende, auff die Wägen
unter die Todten geleget, unnd miteinander in die hierzu gemachten Gruben
geworffen worden, als wie einem Namens Augustin, der ein Sack-Pfeiffer
gewesen, welcher zwischen der Kais. Burg unnd St. Ulrich auff selbigem Weg
wegen eines starken Rausches gelegen, unnd geschlaffen hat, begegenet ist, denn
dieser Mensch ist von denen Siechknechten ohne einiges Vermerken auff den
Wagen, in Ansehung, dass Er die böse Krankheit hätte, unnd in Todtszügen
allbereit begriffen, geladen, nebenst anderen Todten weggeführet, unnd in eine
Gruben geworffen worden, weil man aber die Cörper nicht eher mit Erden
verschüttet, biss eine Reihe derselben nach der Länge und Breitten völlig
vollgewesen, als ist besagter Mensch, nachdem Er die gantze Nacht unter den
Todten ohne Auffhören geschlaffen erwacht, nicht wissend, wie ihm geschehen,
oder wie er möge dahin kommen seyn, hat aus der Gruben hervorsteigen wollen,
sollches aber wegen der Tieffen nicht zuweg bringen können, wesswegen er dann
auff den Todten solang herumb gestiegen, und überaus sehr geflucht, gescholten
unnd gesagt hat: wer Teufel ihn dahin musste gebracht haben, biss endlich mit
anbrechendem Sonnenschein die Siechknechte mit todten Leuten sich
eingefunden, unnd ihm heraus geholffen haben. So hat ihm dieses Nachtlager
auch nicht das wenigste geschadet..."
Johann Konstantin Feigius 1694
In "Unvergängliches Wien - ein Gang durch die Geschichte
von der Urzeit bis zur Gegenwart", Wien 1964
"Ein echter Wiener geht nicht unter"
Wien wurde seit dem Jahre 1349 mehrmals von der Pest heimgesucht, die
zuerst in den verdreckten Vorstädten, dann aber auch in der Inneren Stadt,
furchtbar wütete. Die Chronisten weisen immer wieder mit Eindringlichkeit
darauf hin, daß die "Gottesgeisel" entweder aus dem Osten (Ungarn) oder dem
Süden gekommen sei.
Während der Pestepedemie 1679 wurden die Ärzte, Krankenpfleger und
Totengräber der Krankheit kaum mehr Herr. Viele Häuser waren menschenleer
geworden. Auf den Gassen wurden die Toten eingesammelt, auf einen Karren
geworfen und zu den Pestgruben am Rande der Vorstädte gefahren, mit
ungelöschtem Kalk überschüttet, und erst wenn die Grube voll war, mit Erde
zugeschüttet. Viele Leute wagten sich nicht mehr aus dem Haus, im irrigen
Glauben, dadurch der Krankheit ausweichen zu können, andere lebten nach der
Devise "Verkaufts mein G´wand, ich fahr in den Himmel" und soffen sich mit
Schnaps, Wein und Bier nieder, um den Tod wenigstens schwer berauscht und
daher relativ schmerz- und gefühllos zu erwarten. In den Schenken spielten dazu
Musiker mit Geigen, Zithern oder Harfen Lieder über die Liebe und das Sterben.
Zu dieser Zeit lebte im alten Wien ein trinkfester Dudelsackpfeifer namens
Augustin, der als Musiker von Weinstube zu Wirtshaus zog, um gegen Geld und
Wein aufzuspielen.
Der Dudelsack war früher in Wien ein beliebtes und sehr verbreitetes
Musikinstrument. Dem, während eine Melodie gepfiffen wird, gleich und
monoton durchklingenden Grundton wurde eine gewisse erotische Wirkung
nachgesagt. Weshalb der Dudelsack vor allem ein beim Klerus verpöntes, laut
Auskunft des Österreichischen Volksliedwerkes, zeitweise sogar verbotenes
Instrument war.
Es wird überliefert, daß er 1643 als Sohn eines heruntergkommenen Wirtes
auf der Landstraße geboren worden sei. Er wurde auf den Vornamen Mark(us)
oder Marx getauft (Siehe im Anschluß an dieses Kapitel "Exkurs I: Heiliger St.
Marx?"). Der Marx Augustin habe eine sehr arme Kindheit verlebt, habe aber
früh, durch seine Musik, auf eigenen Beinen gestanden. Mit seinem
Dudelsackspiel und seinen Liedern zog er als fahrender Musikant durch die
Wirtshäuser Wiens und der Vororte. Als "Bruder Leichtsinn" und tüchtiger
Säufer erhielt er mit der Zeit den Spitznamen "Lieber Augustin". Es wird
berichtet, daß er deshalb überall so beliebt gewesen sei, weil er mit Galgenhumor
seine Schnaderhüpfln und zotigen Lieder sang und die Leute wenigstens für
kurze Zeit vergessen ließ, daß auch sie schon bald zu den Toten zählen könnten.
Ganz sicher gehörte der "liderliche" Spittelberg zu jenen Gegenden, in denen der
Augustin häufig musizierte.
Mit folgendem Erlebnis wurde der damals 36-jährige Augustin berühmt:
Er sei (nach einer durch nichts belegten Sage) nach einem rauschigen Abend
in einem Lokal der Innenstadt (angeblich im Griechen-Beisel, das früher "Zum
roten Dachl" hieß und das älteste Gasthaus Wiens sein soll) stockbesoffen in
Richtung seines Dachzimmers in der Landstraße gewankt (nach einer anderen
Quelle, einem unveröffentlichten Manuskript, das am Bezirksamt Neubau
aufliegt, habe er zu jener Zeit am Spittelberg gewohnt), aber in den dunklen
Gassen (es gab ja noch keine öffentliche Beleuchtung) habe er die Richtung
verfehlt und sei plötzlich über den Kohlmarkt in Richtung Spittelberg gezogen.
Irgendwo sei er dann hingefallen, sei nicht mehr hochgekommen und habe sich
schließlich im Rinnsal einfach langgelegt, um zu schlafen. Da kamen
Pestknechte vorbei, sahen den vermeintlichen Toten liegen, warfen ihn
kurzerhand auf ihren Wagen zu den anderen Leichen und brachten die schaurige
Fuhr nach St. Ulrich hinaus. Dort wurden die Pestopfer in eine Grube gekippt.
Es war damals üblich, daß ein derartiges Massengrab immer erst dann
zugeschüttet wurde, wenn es bis oben hin aufgefüllt war. Durch dieses Glück im
Unglück konnte der Augustin zwar in makabrer Umgebung, aber doch
weitgehend ungestört seinen Rausch ausschlafen. Als er am Morgen nüchtern
erwachte, erschrak er über die grausige Schlafunterlage und die Mitschläfer an
seiner Seite, die nie mehr erwachen sollten.
Die Wände der Pestgrube waren hoch und steil, unmöglich aus eigener Kraft
herauszukommen. Um auf sich und seine Lage aufmerksam zu machen, begann
er auf dem Dudelsack zu spielen. Vorbeikommende Fußgänger hörten ihn und
alarmierten die "Pestknechte".
Als einige Zeit später die Siechknechte mit einer weiteren Leichenfuhre
ankamen, hörten sie ihn schon von weitem aus der Tiefe abwechselnd schimpfen
und krakeelen, dann wieder Dudelsack spielen. Man erkannte sogleich den
stadtbekannten Säufer und Musiker, wunderte sich, daß er inmitten der Pesttoten
die Nacht überlebt hatte und holte ihn endlich heraus. Der Augustin habe zwar
noch einige Zeit weitergeflucht, aber nachdem ihm zwecks Beruhigung seines
Gemüts ein Silberstück zugesteckt worden sei, sei er, ohne sich umzudrehen,
seinen Weg gegangen, um das nächste Wirtshaus aufzusuchen. Er habe auch
rasch zu seiner alten Fröhlichkeit zurückgefunden, überall sein schauerlich-
nächtliches Erlebnis in Versen weiterverbreitet und so selbst eifrig dafür gesorgt,
daß er mit seiner gruseligen Geschichte aus den sensationslüsternen Bürgern
ordentlich viel Geld herausholen konnte, und daß zudem noch zu seinen
Lebzeiten der Mythos um seine eigene Person geschürt wurde.
Marx (oder Mark) Augustin starb im Alter von 62 Jahren und wurde am
Nikolai-Friedhof auf der Landstraße begraben.
Exkurs: Heiliger St. Marx?
Sollte die Wertschätzung der Wiener Arbeiterbewegung für den Autor des
Kommunistischen Manifestes, Karl Marx, so groß gewesen sein, daß sie ihn
sogar heilig sprachen?
Über die in dieser Gegend auf den Donaukanal stoßende Praterstraße ist am
27. August 1848 Karl Marx zu seinem einzigen Besuch nach Wien gekommen,
vom Nordbahnhof her (dessen Bombenruine 1965 gesprengt worden ist), wo er
aus Berlin eingetroffen war. Vermutlich hat er die Innenstadt durch das
Rotenturm-Tor am heutigen Schwedenplatz betreten. Er blieb insgesamt zehn
Tage da, um sich über die revolutionären Entwicklungen zu informieren und um
Vorträge zu halten. Sein Biograph Franz Mehring schreibt, daß es ihm in Wien
nicht gelungen sei, die Massen aufzuklären, da sich die Wiener Arbeiter noch auf
einer verhältnismäßig niedrigen Stufe der Entwicklung befanden, daß aber ihr
"echt revolutionärer Instinkt" hoch einzuschätzen war. Sechs Monate vorher
hatte Marx, als knapp Dreißigjähriger, gemeinsam mit Engels das
"Kommunistische Mandifest" herausgegeben. Bereits am ersten Tag seines
Aufenthaltes nahm er an einer Versammlung des Demokratischen Vereins teil,
der immer im Gasthaus "Zum Engeländer" in der Währingerstraße unweit der
Stadtmauer zusammentraf. Am gleichen Tag fand im Volksgarten eine große
Frauenversammlung statt. Ob Marx da auch dabei war, ist nicht überliefert. Er
sprach weiters zweimal vor dem Ersten Wiener Arbeiterbildungsverein, der seine
Veranstaltungen damals im "Sträußel-Saal" im hinteren Trakt des Josefstädter
Theaters abhielt. Am Sonntag, dem 3. September 1848 war er Zeuge des großen
Demonstrationszuges für die Toten des vierten Wiener Aufstandes in diesem Jahr
(21. - 23. August, der vom Schottentor über die Währingerstraße zum Währinger
Friedhof führte...)
Am 7. September 1848 ist Karl Marx aus Wien abgereist, auf demselben Weg,
auf dem er gekommen war. Dem Namen nach erinnert heute nur der Karl Marx-
Hof an seine Existenz, der erst viel später zu einem zeitgeschichtlichen Objekt
geworden ist. Der Stadtteil St. Marx mit dem großen Schlachthof und dem
ursprünglichen Grab Mozarts hat nichts mit ihm zu tun. Diese Bezeichnung leitet
sich von einer alten Niederlassung venezianischer Kaufleute in dieser Gegend
und von ihrem Symbol, dem St. Markus-Löwen und dem Evangelisten Markus
ab, dessen angebliche Reliquien in der Frühzeit Venedigs zur Bekräftigung von
Machtansprüchen in Alexandria geraubt worden waren. Die Marxergasse im 3.
Bezirk ist wiederum nach einem Bischof (Anton Marxer) benannt.
Aus Christian Reder "Verbindungen zwischen Tat und Sache"
in "Stadt-Buch Wien 1983", Wien 1983.
Das Augustin-Lied...
... ist ein im gesamten deutschen Sprachraum verbreitetes Tanzlied. Die
Melodie soll schon 1670 auf dem Kölner Karneval gesungen worden sein. Text
und Melodie werden immer wieder dem Wiener Spielmann Max Augustin (1643
- 1705) zugeschrieben, wofür es jedoch keine verläßlichen Belege gibt. Dieses
Lied ist beispielsweise auch im Salzkammergut als "Kehraus" zu den "Drei
Schleunigen" heute noch ein beliebtes Scherzlied. Die weite Verbreitung des
Liedes hat auch dazu geführt, daß sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene
Textversionen entwickelt haben. Zwei Beispiele (von vielen):
O du lieber Augustin,
´s Geld is hin, d´Freud is hin;
o du lieber Augustin,
alles ist hin!
Sonst war jeden Tag ein Fest;
aber jetzt? - Pest, die Pest!
Nur ein großes Leichennest,
das ist der Rest!
O du lieber Augustin,
leg nur ins Grab dich hin,
o du mein herzliebes Wien,
alles ist hin!"
II
O du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
o du lieber Augustin, alles is hin!
s Geld is weg, s Mensch is weg,
Augustin liegt im Dreck.
O du lieber Augustin, alles is hin!
O du lieber Augustin, s Geld is hin, s Mensch is hin,
o du lieber Augustin, alles is hin!
Will no von Geld nix sagn,
wann i nur s Mensch kunnt habn!
O du lieber Augustin, alles is hin"
O du lieber Augustin, alles mein Geld is hin,
o du lieber Augustin, alles is hin!
Da Beidl is laar, d Hosn is voll -
nix is nimma, wias sein soll!
O du lieber Augustin, alles ist hin!
Das Augustin-Denkmal und die braune Pest
Auf dem kleinen Platz Neustiftgasse/Kellermanngasse steht ein Brunnen mit
einem kleinen Denkmal, das an den "Lieben Augustin" erinnert.
Im 15. Jahrhundert war hier der "Tandlermarkt". Ab dem Jahre 1679 (Pest)
bis nach 1683 (Türkenkrieg) mußte der Markt zwangsweise aufgehoben werden.
Nach 1683 entstand allmählich wieder ein Markt. Da bei den ersten (wenigen)
Ständen vorwiegend Stroh verkauft wurde, etablierte sich für diesen Ort der
Name "Das Strohplatzl". Zweimal in der Woche brachten Fuhrleute das Stroh,
das vor allem zum Füllen der Strohsäcke und Pölster verwendet wurde. Der
Verkauf dauerte bis Mittag, und die beschränkte Verkaufszeit für offene Stände
hat sich bis heute (jetzt 11 Uhr) auf solchen Märkten erhalten. Listige Käufer
nutzten gerade diese Zeit aus, um die Waren billiger zu bekommen, da sie die
Händler zum Schluß um jeden Preis loswerden wollten.
Auf diesem Platz wurde am 4. September 1908 feierlich der Brunnen mit dem
Augustinstandbild enthüllt. Die Figur von damals war größer und aus Bronze.
Während der Zeit des Faschismus fehlte eines Morgens der Augustin.
Stattdessen war, ganz in der Tradition des fidelen Dudelsackpfeifers, auf dem
nun leeren Sockel zu lesen:
Der schwarzen Pest bin ich entronnen,
die braune hat mich mitgenommen.
Der oder die Spötter konnten nie ausgeforscht werden, die verschwunde
Bronzefigur tauchte auch nach dem Krieg nie wieder auf. Als nach 1945 schon
bald der Wunsch auftauchte, auf das leere Postament wieder einen Augustin
aufzustellen, gab es zur Verwirklichung des Vorhabens zwei Probleme: 1. von
dem alten Denkmal existierte kein Modell mehr, nach dem man einen neuen
Bronzeguß anfertigen hätte konnen; 2. kriegsbedingt herrschte noch großer
Mangel an Edelmetallen.
Man beauftragte den Bildhauer Professor Josef Humplick, eine neue
Augustinfigur zu schaffen. Er schuf eine wesentlich kleinere Figur, die auch
sonst in keiner Weise der einstigen aus Bronze-Plastik ähnelt. Der Künstler
arbeitete mit Sandstein.
Am 18. Oktober 1952 wurde der neue "Liebe Augustin" vom damaligen
Kulturstadtrat Mandl enthüllt.
Kritiker dieser Skulptur bemängeln, daß sie wegen ihrer Kleinheit, aber auch
ihrer Stellung auf dem Stein, nicht richtig hinpaßt und von der Neubauer
Bevölkerung nie wirklich akzeptiert wurde.
Im Reich der Sagen
Die Geschichte (und Politik) einer Stadt, eines Landes spiegelt sich auch in
seinen Legenden und Sagen wider. Die Sagenwelt Wiens ist vor allem durch
Geschichten der Türkenbelagerung, der Pest und Cholera, und durch
Wundersames und Teuflisches aus dem Bereich der Religion geprägt. Wie zum
Beispiel in der Sage
Das Kruzifix des Kaisers Ferdinand II.
Im Jahre 1619 zog Graf Matthias Thurn, Anhänger des Protestantismus, mit
einer starken Streitmacht gegen Wien, um Kaiser Ferdinand seines Amtes zu
entheben und die Stadt zu reformieren. Der streitbare Thurn schlug am
Spittelberg sein Heerlager auf, im Bewußtsein, zahlreiche Adelige auf seiner
Seite zu haben.
Kaiser Ferdinand II. habe schon alle Vorbereitungen getroffen, die Stadt zu
verlassen, als er beim Packen seinen Beichtvater in seinem Schlafzimmer vor
dem Kreuz, das an der Wand gehangen sei, angetroffen habe. Der Pater hätte zu
ihm gesagt, daß er während des Gebetes den Herrgott gehört habe. Er hätte zu
ihm gesagt: "Ferdinand, non te deseram!" (Ferdinand, ich werde dich nicht
verlassen!)
Am nächsten Tag erschienen sechzehn protestantische Adelige der Stände
Niederösterreichs beim Kaiser Ferdinand und verlangten von ihm eine Reihe von
Reformen, die er als persönlich äußerst demütigend empfunden habe. Als er die
Forderungen seiner ungebetenen Gäste nach einem lautstarken Wortgefecht
ablehnte, habe ihn der Freiherr von Thonrädel sogar am Wams gepackt, ihn
angeschrien und ultimativ aufgefordert, den Forderungskatalog der
protestantischen Abordnung zu unterzeichnen.
Genau in diesem Augenblick wäre von draußen das Schmettern von Fanfaren
zu hören gewesen, die den Einzug der Kürassiere des Dampierreschen
Regimentes im Burghof ankündigten.
Als die Aufständischen die bewaffneten Reiter durch die Saalfenster
erblickten, verstummten sie sofort und verließen eiligst die Hofburg. Die
Adeligen empfahlen auch Herrn von Thurn, die Belagerung Wiens besser
abzubrechen und vom Spittelberg wieder abzuziehen.
Ferdinand II. glaubte an ein Wunder, das Kruzifix seines Schlafzimmers
wurde fortan als wunderwirkend und dementsprechend in Andachten verehrt.
Das Regiment des Grafen von Dampierre wurde belohnt und erhielt als ehrende
Auszeichnung vom Kaiser das Privileg zuerkannt, seinen jeweiligen Durchzug
durch den Burghof mit Trompeten anzukündigen und mit klingendem Spiel zu
begleiten.
Das Haus "Zur güldenen Schlange"...
... hieß früher das Haus, wo sich heute die Schule an der Adresse Burggasse
16 befindet. Die Sage berichtet, daß hier ein gewisser Christian Winkelmüller
seine gut gehende Fleischhauerei gehabt hätte.
Als der Anmarsch Kara Mustafas mit seinem riesigen Heer angekündigt
worden war, sei der Christian, dessen Haus dem Grundeigentum des Stiftes
Schotten gehörte, zur Verteidigung der Stadt Wien einberufen worden. Bevor er
sich von seiner Frau verabschiedete, forderte er sie auf, ihm möglichst rasch in
die Innenstadt zu folgen. Aber die Vorhut der Türken erreichte den Spittelberg
rascher als allgemein erwartet und nahm die Frau gefangen. Sie mußte im
Türkenlager "schwere Arbeiten" verrichten.
Erst als die Verteidiger Wiens, und (noch mehr) das deutsche und polnische
Entsatzheer, den Sieg über die Türken errungen hatten, gelang es, viele der
Gefangenen der Türken zu befreien - darunter befand sich auch die Frau
Winkelmüller.
Die Frau machte sich auf den Heimweg. Ein Trupp kaiserlicher, berittener
Soldaten kam ihr entgegen. Einer der Reiter schmiß ihr übermütig und lachend
einen Gegenstand zu, der aussah, als ob er eine tote Schlange sei. Sie hob das
Ding auf, sah, daß es bloß ein komischer Lederschlauch war, wunderte sich über
dessen Gewicht, und nahm ihn als Andenken mit. Als sie bei ihrem Haus am
Spittelberg ankam, fand sie es niedergebrannt.
Nach dem erstem Schock machte sie sich daran, zunächst das Hausgelände
vom Schutt frei zu machen und dann aus den Resten der Mauern eine
Notunterkunft zu bereiten. Nach ein paar Wochen kam auch ihr Mann unversehrt
nach Hause.
Nachdem sie sich von ihren Erlebnissen erzählt hatten, berichtete die Frau
unter anderem von dem Lederschlauch, den ihr der Soldat zugeworfen hatte.
Ihr Mann wurde sogleich hellhörig, denn er ahnte, was für eine Kostbarkeit
die Frau möglicherweise in ihren Besitz bekommen hatte, wunderte sich,
weswegen der Soldat nichts damit anzufangen wußte: "Solche Lederschläuche
hatten die Türken als Geldbörse um den Bauch geschnallt, normalerweise waren
sie mit ziemlich vielen Goldstücken gefüllt..."
Ganz aufgeregt holte die Frau den Lederschlauch hervor und gab ihn ihrem
Mann. Er riß ihn mit zittrigen Händen auf - und wirklich! - ein Goldstück nach
dem anderen kullerte den Eheleuten entgegen.Der Goldschatz war immerhin so
groß, daß damit nicht nur das Haus wieder aufgebaut, sondern es außerdem vom
Stift Schotten als Eigentum abgelöst werden konnte. Sie richteten eine gut
gehende Gastwirtschaft ein und konnten ihren Nachkommen ein ansehnliches
Erbe hinterlassen.
Exkurs: Mythen und Realität
Jahrhundertelang wurden von Generation zu Generation den
heranwachsenden Wienern und Wienerinnen die Geschichten von den
Greueltaten der "heidnischen" Türken während der Belagerung der Stadt in den
Schulen gelehrt und in Sagen erzählt. Gleichzeitig gelang es bis in die heutigen
Tage, ein Bild der tapferen, aufopferungsvollen und christlichen
"Einheimischen" zu bewahren.
Gar keine Frage, daß die Türken eine Aggressions- und Eroberungsarmee
besaßen und in ihrem (erwiesenermaßen) Plündern, Rauben und Brandschatzen
nicht eben zimperlich waren. Dies sollte auch in keiner Weise beschönigt
werden.
Aber ebensowenig soll dabei vergessen werden, daß die
Unterdrückungspolitik der Habsburger gegenüber den von ihnen besetzten und
beherrschten Balkanländern den nahezu ungehinderten Vormarsch des
Osmanischen Heeres bis vor die Stadttore Wiens, dem "Bollwerk des
Christentums" begünstigte.
Und auch das Hohelied von Edel- und Heldenmut der Verteidiger der Stadt
dürfte nicht ganz so stimmen, wie es Schulbücher, Märchen und heutige
"Volksbewahrer" glauben machen möchten.
Als sich Anfang Juli 1683 in Wien die Kunde verbreitete, daß die Türken
unbehindert von den kaiserlichen Truppen in Anmarsch auf die Donaumetropole
seien, setzte zunächst nur allgemeine (durchaus verständliche) Panik ein. Jeder,
der dazu finanziell einigermaßen in der Lage war, versuchte ein Fuhrwerk zu
mieten, um die Stadt zu verlassen. Da gleichzeitig die nahen Vororte
niedergebrannt worden waren, wälzte sich ein Strom von mittellosen Bürgern
hinter die schützenden Stadtmauern. Nur sehr wenige Freiwillige meldeten sich
zur Verteidigung der Stadt.
Inmitten dieses Tumultes verdufteten klammheimlich die kirchliche
Obrigkeit, der Kaiser (nicht ohne auf den Staatsschatz zu vergessen) und sein
Hofstaat.
Mitte Juli war die Stadt vom gegnerischen Heer eingeschlossen. Innerhalb der
Stadt war nun jeder Hausherr "bei Lebensstrafe" aufgefordert, alle im Haus
wohnenden Leute zu melden, da man mit dieser Maßnahme Kampfunwillige,
derer es genügend gab, entdecken wollte. Das Unterkammeramt erhielt "den
Auftrag, sogleich drei Schnellgalgen zu errichten... die vorläufig als
Warnungszeichen für Verräther und Nachlässige dienen sollten." Ebenso war
"Frauenzimmern, die Brod ins türkische Lager brachten und dagegen Grünzeug
eintauschten ... bei Lebensstraffe verbothen", diesen Tausch zu wagen.
Schlechtes Brot war so ziemlich das letzte, was den verbitterten Städtern
überhaupt noch als Tauschmittel geblieben war.
Chronisten berichten
Albert Camesina schrieb in "Wien und seine Bewohner während der zweiten
Türkenbelagerung 1683" (in: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-
Vereines zu Wien, Bd. VIII, Wien 1865) u.a. über einen Studenten
"welcher einen Türken... mit einer Kugel durch den Kopf erlegt, nachmahls
den Cörper mit einer Helleparten durch die Palisaden an sich zog und weil die
Erfahrung gelehret, dass die Türken entweder zur Stärkung des Magens, oder
damit Christen, wenn sie todt geschossen wurden, keine sonderliche Beute
machen möchten, die Ducaten zusammen gerollter zu verschlucken pflegten, so
schnitt er den Türken den Leib auf und fand in seinem Magen sechs zusammen
gerollte Ducaten, den Kopff aber sonderte er von dem Rumpf ab, steckte ihn auf
eine lange Stange und trug denselben zum Spectacul seiner Ovation in der Stadt
öffentlich herumb".
Am 8. August wurde ein von seinem Herrn vom Kohlmarkt verjagter
"15 jähriger Junge, der sich als Spion in der Stadt herumtrieb, eingefangen...
dahero er gantz desparater Weise zum Türken hinüber gegangen... über solch
seine schändliche begangene That der Todt angekündigt worden".
Als knapp vor dem Fall der Stadt, mit Hilfe des polnischen und deutschen
Entsatzheeres, die türkischen Belagerer in die heillose, überstürzte Flucht
geschlagen werden konnten, wurden deren zurückgelassene Lager geplündert.
Und als es da nichts mehr zu plündern gab, knöpfte man sich die Befreier zwecks
Bereicherung vor, wie Sobieski in einem Brief klagte:
"Man plündert unser Gepäck; mit Gewalt nimmt man uns unsere Pferde, die
jenseits der Berge geblieben waren und nur mit genauer Noth wieder zu uns
kommen konnten. Einige von meinen Leibgardisten, die ich bei den türkischen
Kanonen gelassen hatte, bis diese gleich vertheilt wären, sind um ihre Mäntel,
Kleider und Pferde gekommen... Wir beweinen den Verlust unserer Pferde und
die Undankbarkeit derer, die wir gerettet".
Und wenig später:
"Da viele von den Unsrigen sich gegen die Stadt drängen, um einige Nahrung
daselbst zu finden, weil man im Felde vor Hunger stirbt, so hat der Commandant
von Wien Befehl gegeben, sie nicht hineinzulassen und auf sie zu feuern... Ich
setze mich heute in Marsch, um vielleicht einer größeren Hungersnoth entgegen
zu gehen, aber ich will mich von dieser Stadt Wien entfernen, wo man auf die
Unsern Feuer gibt".
Aus Wolfgang Pircher "Die belagerte Stadt", in "Stadtbuch Wien 1983"
Frieden im Land
Jeder Krieg hat bekanntlich neben seinen zahlreichen Toten, Invaliden und
anderen Opfern immer auch seine Kriegsgewinnler. Der Kaiser und sein Hofstaat
kehrten wieder zurück. Der Stadt-Administrator Daniel Fockhy begrüßte
"...den Kaiser in tiefster Ehrfurcht und sprach im Namen der Stadt mit
wenigen herzlichen Worten den Dank für die gnädige Unterstützung aus, die
Höchstderselbe der Stadt hatte angedeihen lassen und versicherte seine Majestät
der unverbrüchlichen Treue. Nachdem der Kaiser dem Dan. Fockhy für diesen
Gruss und für das heldenmüthige Benehmen der Bürgerschaft gedankt und
versprochen hatte, der Stadt seinen ferneren landesherrlichen Schutz angedeihen
lassen zu wollen, wurde der Stadtrath und das Stadtgericht zum Handkusse
zugelassen".
Georg Franz Kolschitzky, der aufgrund seiner Sprachkenntnisse und seines
Wissens über die kulturellen Bräuche der Türken von früheren Händlerfahrten in
den Orient als Spion Fürst Starhembergs zwischen den Linien pendelte, wußte
nach der Flucht der Belagerer die Gunst der Stunde zu nutzen: Er wußte um den
Wert der unbeachteten Säcke voller Kaffeebohnen und begründete mit diesen
Funden seine sagenhafte Karriere als "Erster Cafétier Wiens".
Ein findiger Bäckermeister, der den Halbmond der anstürmenden
Glaubenskämpfer verhöhnen wollte, wurde erfolgreicher Geschäftsmann durch
die Kreation des Kipferls zum Kaffee.
Und der sogenannte "kleine Mann"? Er reagierte seine Rachegelüste am
ehemaligen "Feind aus dem Osten" in der Form ab, indem er etwa seinen Hund
"Sultan" oder "Mustafa" rief.
Im Zuge des Wiederaufbaus der Vororte setzte in den folgenden Jahren auch
eine rege Bautätigkeit von Prachtgebäuden ein, mit denen die berühmtesten
Architekten der Zeit beauftragt wurden. Palais Liechtenstein, Prinz Eugens
Winterpalais, Palais Trautson, das Belvedere oder die Hofbibliothek.
Endlich fand man auch Zeit, der Pestopfer zu gedenken - 1693 erfolgte die
Einweihung der Pestsäule am Graben.
1668 wurde der "Burgfrieden" auf die Vorstädte ausgedehnt, ein Jahr zuvor
hatte man die erste öffentliche Straßenbeleuchtung Wiens installiert.
Und um den aufsteigenden Wohlstand (für wen?) zu demonstrieren, gab es im
Jahr 1689 die Einführung der "Sesselträger", also eine Art früher Innenstadt-
Taxis jener Zeit.
Um die Jahrhundertwende errichtete man endlich auch den schützenden
Linienwall rund um einen Teil der damaligen Vorstädte Wiens.
Die "neue Ordnung"
Der 7. Wiener Gemeindebezirk umfaßt heute die ehemaligen Gemeinden
Neubau, Neustift, Ulrichsberg, Schottenfeld und Spittelberg. Noch zur Zeit der
II. Türkenbelagerung reichten die Weingärten bis nach Neubau.
Nach den schrecklichen Erfahrungen der Spittelberger während der
Türkenkriege wurde das Dorf (neben einigen anderen Vororten) 1698 in den
"Wiener Burgfrieden" einbezogen. Neben dem Vorteil, ab nun bei kommenden
(Kriegs-) Gefahren auf den Schutz der Kaiserstadt rechnen zu können, bedeutete
diese Eingliederung in die Heimatstadt Wien das Abtreten der Steuereinhebung,
Markt- und Gewerbeaufsicht oder Unterordnung unter die Polizeigewalt der
Stadt, und zahlreiche andere Belastungen, die die Bevölkerung unter der
Bezeichnung "mit der Stadt leiden" zusammenfaßte.
Der neu geschaffene und erweiterte Rechtsbezirk Wien blieb in dieser Form,
mit wenigen Veränderungen, bis ans Ende des 19. Jahrhundert bestehen.
Um die "neue" Stadt wurde an der Stelle des heutigen "Gürtels" 1704 der
Linienwall errichtet. Allerdings nicht als Schutz gegen die immer weiter in den
Osten zurückgedrängten Türken, sondern aus Angst vor neuen möglichen
kriegerischen Auseinandersetzungen mit den mit Frankreich verbündeten
Ungarn, den "Kuruzen". Es handelte sich zunächst nur um einen vier Meter
hohen und breiten, rasch aufgeworfenen Erdwall, der als Abwehr gegen
umherschwärmende Reiterscharen errichtet worden war. Um 1723 wurden
überdies gemauerte Bastionen erbaut.
Aber erst die Gemeindeordnung von 1850 war die gültige und verbindliche
Rechtsordnung für die Stadterweiterung seit dem 13. Jahrhundert. Die Stadt
wurde dabei in Bezirke gegliedert, wobei Neubau damals der VI. Bezirk war. Bis
1874 wurde die Stadt auf 10 Bezirke ausgeweitet.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerungszahl Wiens
von 230.000 auf 430.000 Bewohner an. Um diese rapide Ausweitung der Stadt
wohnpolitisch zu bewältigen, stockte man zunächst möglichst viele Häuser auf.
Um Raum zu gewinnen, wurden 1857 die Befestigungsanlagen der Inneren Stadt
beseitigt. Anstelle der alten Stadtmauer entstand als Prachtboulevard die
Ringstraße mit ihren zahlreichen Repräsentationsbauten.
Aber auch diese Maßnahme genügte nicht, um die wachsende Wohnungsnot
zu beseitigen.
Gegen die Jahrhundertwende zu gab es in der Stadt schon um die 600.000
Einwohner. Die Leute aus den ärmeren Schichten mußten sich sogar die Betten
teilen (Bettgeher), was bedeutete, daß Betten schichtweise vermietet wurden.
1890 wurde schließlich auch der Linienwall geschleift und die heutigen
Bezirke X-XIX eingemeindet. Im Jahre 1900 entstanden zusätzlich der XX. und
XX1. Bezirk.
Das Kleinste Haus von Wien
Neben den Arbeitern der umliegenden Manufakturen siedelten sich auch
immer mehr Künstler, Bildhauer, Maler und Stukkateure in der Gegend des
Spittelbergs an. Amadeus Mozart pilgerte regelmäßig in die Vorstadt hinaus, zur
Pfarrkirche St. Laurenz (erbaut 1784 von Andreas Zach), um dort auf der
besonders schön klingenden Orgel zu spielen und zu komponieren.
An der Bezirksgrenze zur Josefstadt erinnert heute noch der Name
"Brillantengrund" an das Areal westlich vom Spittelberg und daran, daß hier
Perlmutt, (Fluß-) Perlen, verschiedene Edelmetalle und Edelsteine von
Juwelieren zu Schmuck verarbeitet worden waren.
Auf der Lerchenfelderstraße Nr. 16, die Mitte des 18. Jahrhunderts zu St.
Ulrich gehörte, fand bzw. erfand Johann Strasser durch Zufall eine Technik, Glas
herzustellen (Gleisglasschmelze), das wie Brillanten geschliffen werden konnte.
Als seine Frau und seine beiden Töchtern diese Entdeckung erstmals bei einem
Faschingsball präsentierten, wurde er noch während des Festes wegen des
Verdachtes des Juwelendiebstahles verhaftet. Das Mißverständnis wurde
aufgeklärt, die "Straß"-Steine wurden weltberühmt. Strasser war auch Pionier für
die von seinem späteren Schwiegersohn Peter Dollond gemachte Erfindung der
"anglischen Linsen". Während jedoch Dollond mit seiner Erfindung Millionär
wurde, starb Johann Strasser in den 90er-Jahren des 18. Jahrhunderts verarmt in
Paris (wo es die nach ihm benannte Rue de Strass" gibt). Ob die Französische
Revolution oder Spekulationen an seinem finanziellen Niedergang
verantwortlich waren, ist ungeklärt.
Diese uralte Tradition des Schmuckverarbeitens wird heute noch (bzw.
wieder) in der Uhrmacherwerkstätte Friedrich Schmollgruber im Kleinsten Haus
Wiens (erbaut 1872, ca. 10 m2 Grundfläche) fortgesetzt. Trotz seiner Winzigkeit
fällt das lindgrün gestrichene Barockhäuschen schon von weitem durch eine von
Meister Schmollgruber gestaltete, grün patinierte, riesige Uhr auf, die trotz ihrer
Modernität das hübsche Gesamtensemble in keiner Weise stört. Dieser Bau wirkt
wie ein außer Funktion gesetztes Wächter- oder Zöllnerhäuschen, das den
"Grenzübertritt" hinein in den Spittelberg kontrolliert, und könnte gewißermaßen
als das "Wahreichen" des Spittelberges angesehen werden.
Wenn man direkt vor dem Häuschen der Burggasse 3, Ecke Breitegasse steht
(ein Stich aus dem Jahr 1725 zeigt, daß diese Gasse damals noch eine unbebaute
Pappelallee war), und die Stadt-Information auf einer weißen Tafel liest, daß
man sich vor dem Kleinsten Haus der Stadt Wien befindet, dann an der Fassade
hinaufblickt, wundert man sich zunächst, denn das Haus scheint doch immerhin
zwei Stockwerke hoch zu sein.
Erst wenn man sich das Gebäude (was für eine pompöse Bezeichnung dafür)
von der gegenüberliegenden Straßenseite anschaut, sieht man, daß es so winzig
und schmal ist, daß man zuvor irrtümlicherweise schon beim Nachbarhaus
hinaufgeblickt hatte. Aber weshalb hatte man denn seinerzeit dieses Häuschen,
das sich wie ein eigenartiges architektonisches Versehen an die Rückseite der
ehemaligen Hofstallungen (für 600 Pferde) und den heutigen Messepalast
schmiegt (nach Plänen des älteren Fischer von Erlach erbaut und von dessen
Sohn 1725 vollendet), derartig klein gebaut? Hier stand einst ein anderes,
größeres Haus, informiert der Juniorchef. Als es notwendig war, die Burggasse
zu verbreitern, mußte man abreißen. In die dadurch entstandene Baulücke wurde
"Johann Meindl´s Uhrenfabrik, Lager von Schweitzer-Taschen-Uhren, Pariser
Bronce Wecker und Pendeluhren" errichtet.
Wenn man nach dem Staunen über die Entdeckung des Kleinen Hauses den
Mut aufbringt, den kleinen Uhrmacherladen der Familie Schmollgruber zu
betreten, wird man sodann noch einmal überrascht, wie es möglich sein kann,
daß der Raum innen dann unverhältnismäßig groß wirkt.
Des Rätsels Lösung?
Erst allmählich wird man gewahr, daß es einen Durchbruch zum Nachbarhaus
gibt, der fast das Ausmaß einer Wand des Kleinen Hauses hat, dessen Raum
Werkstatt und Ausstellungsraum in einem vereint. An den großen Tischen sitzen
die angestellten Uhrmacher über ihre Arbeit gebeugt. An den Wänden hängen
und auf Stellagen stehen wohl mehr als hundert Uhren. Jedes Stück eine
kunsthandwerkliche Kostbarkeit, die noch mit der Liebe zum Detail gefertigt
wurde ,und die meisten Objekte wären ganz sicher eine wertvolle Bereicherung
für das Wiener Uhrenmuseum.
Nostalgische Wehmut kommt sogleich auf, wenn man sieht, mit welch
großem Aufwand und grenzenloser Phantasie in früheren Zeiten ein Gegenstand
des Alltags hergestellt wurde, als beispielsweise eine Uhr noch ein wichtiger
(sehr teurer) Haushaltsgegenstand war, der zumindest ein Leben lang halten
mußte, fern der Wegwerfgesellschaft, die dem nur mehr die "Swatch-Kunst"
entgegenzusetzen weiß.
Der interessante Unterschied zum Uhrenmuseum in der Innenstadt besteht im
Schmollgruberhaus darin, daß man hier den fingerfertigen Handwerkern quasi
bei deren Restaurierungsarbeiten über die Schulter zuschauen kann, Einblick
erhält in das bizarr aussehende Wunderwerk einer Uhr, das besonders fasziniert,
wenn das Werkel nicht nur Sekunden-, Minuten- und Stundenangabe anzeigt,
sondern darüber hinaus Tag, Woche, Monat oder Mondumlauf mit einer
Genauigkeit registriert, wie es heutzutage kaum mehr beste Computerprogramme
anzugeben fähig sind.
Eine enge Wendeltreppe führt in den ersten Keller hinab, zu einem
wunderschönen Gewölbe, das als Ausstellungsraum für die hervorragenden
Juwelierarbeiten Herrn Schmollgrubers dient. Auch hier - jedes Stück ein
Kunstwerk. Das Wort "Modeschmuck" wäre für diese Arbeiten eine arge
Beleidigung.
Und die Wendeltreppe führt noch ein weiteres Stockwerk zum zweiten Keller
hinab. Wieder ein schönes, weiß getünchtes Gewölbe, das aber leider derzeit
nicht genützt wird (es wäre beispielsweise ein hübscher Veranstaltungsraum für
Lesungen, Liedermacherauftritten und andere Kleinkunstaktivitäten). Ein
vermauerter Torbogen läßt vermuten, daß es auch hier früher einen
unterirdischen Gang in Richtung Innenstadt gegeben haben mußte. "Aber
möglicherweise" gibt Schmollgruber junior zu bedenken, "war das aber auch nur
eine Toreinfahrt, denn früher begann hier ja wirklich ein Berg, der aufgrund des
neuen Straßenbaues aufgeschüttet wurde. Ich vermute eher, daß es im Haus auch
noch Stallungen gegeben hat, wo Fuhrleute ihre Tiere erstmals tränkten und
fütterten, bevor es weiter in Richtung Westen ging."
Tatsächlich ließ ein Simon Diebold im Jahr 1703, von Beruf "kaiserlicher
Torsteher" ein langgestrecktes, relativ großes Haus, das das Hauszeichen "Zum
kleinen, goldenen Lamm" trug, bauen. Um den (damals) steil ansteigenden Berg
die Breitegasse hinauf zu bewältigen, brauchten die Fuhrwerke zusätzliche starke
Zugtiere, die in diesem Haus bereit standen. Das Haus stand noch, bevor die
Hofstallungen (Messepalast) erbaut wurden. Dem Diebold folgten als
Hauseigentümer bzw. Mieter Handwerker, vor allem Schuster, weswegen das
Haus längere Zeit "das Schusterhaus" hieß.
Als man mit der Schleifung der Stadtmauern gleichzeitig die Straßen aus der
Innenstadt heraus verbreiterte, und am 25. November 1869 eine Tramwaylinie,
die vom Ring über die Bellariastraße, Burggasse, Breitegasse, Siebensterngasse
und Stiftgasse, hin zur Mariahilferstraße und weiter hinaus nach Schönbrunn
führen sollte, planen wollte, war dieses Haus aus verkehrstechnischen Gründen
im Weg. Die Wiener Tramwaygesellschaft kaufte das Haus und riß es nieder.
Die letzten Inhaber des alten Hauses waren Tuchhändler namens Gürtler.
Der übriggebliebene kleine Raum in der Ecke zwischen den Hofstallungen
war 14 m2 groß (bzw. klein). Ein häßlicher Fleck, zu klein, um verbaut werden
zu können.
Ein bis heute unbekannter Ingenieur schuf eine Stahlkonstruktion als Basis für
den heutigen einstöckigen Bau mit einem winzigen Laden zu ebener Erd, Lager
und Arbeitsraum im ersten Stock, der von der Firma Johann Meindl im Jahre
1874 als Uhrmacherladen eröffnet wurde.
Die Nachfolge der Fa. Meindl hat nun die Uhrmacherfamilie Schmollgruber
angetreten.
Liederliches Volk
Das enge Gassengewirr am Spittelberg entwickelte sich allmählich auch zu
einem berüchtigten und gefährlichen Huren- und Zuhälterviertel, beliebten
Treffpunkt für Soldaten, in dessen zahlreichen, zwielichtigen Lokalen es immer
wieder zu wüsten Schlägereien kam, und in das sich selbst die Stadtguardia nur
in starker Truppenstärke hineinwagte. Aber auch für die Fuhrleute, die Wien als
Ziel hatten, war hier meist der Ort für das letzte Nachtquartier vor ihrem nahen
Ziel.
Im "Taschenbuch für Grabennymphen auf das Jahr 1787" wird den Damen
des uralten Gewerbes folgender Rat erteilt: "In den Zeiten der Verfolgung waren
eure Schwestern freilich gezwungen, sich, wie einst die Freimaurer, auf dem
Spitalberg in Bier- und Weinkeller zu verkriechen; allein, danket es der Vorsicht,
daß ihr in Zeiten lebt, wo ihr eure Kunst ungehindert ausüben dürfet..."
An den Wohnungsfenstern hingen verschiedenfarbige Seidenbänder, die dem
Fremden wie dem Einheimischen schon von weitem - ähnlich wie der Buschen
vor den Heurigenschenken - die Käuflichkeit des "weiblich-leiblichen Genusses"
signalisierten.
Nach zeitgenössischen Berichten waren die Bäume rund um den Spittelberg
über und über mit Werbezetteln (mit Adresse, Spezialitäten und Tarifen) der
Damen bespickt, sodaß sie aus größerer Entfernung im Dämmerlicht wie
Birkenstämme glänzten.
Im "Verzeichnis der vorzüglichsten Kirchtäge wird den Prostituierten für den
Juli der Ratschlag gegeben:"...Den Sonntag nach Udalrikus, auf dem Spitalberg
und Neubau. Es geht hier sehr lustig zu, und ihr könnet gewis guten Fang
thun...".
Eines der bekanntesten Lokale (in denen man unter Aufzahlung von ein paar
Groschen auch einen Strohsack am Dachboden benützen durfte) war der "Saal
bei der Ente". Über diese Hurenkneipen notierte ein Zeitgenosse:
... daß man darauf allerlei liederliche Wirtshäuser passiret, worinnen die
leichtfertigsten Bubenstücke und Hurereyen nebst anderen abscheulichen
Sünden getrieben und begangen werden, allerlei Unziffer, garstige
Misthummeln, Mistbutten, Venusböck, kratzige und schäbige Muschen,
schädliche Nachteulen, Zigeuneradel, gemeiner Stadtauswurf,
Galanteriefräulein, und andere französische Frauenzimmer, so in der Stadt
schon ein Eisen abgerennet... treiben das Venushandwerk daselbst...
Am sogenannten "Schnepfenstrich" boten "für die kleine Börse" folgende
"Demimondlerinnen" ihre Dienste an: die Juker-Pepi, die Pracks-aufi-Kathl, die
Komfortabel-Resi, die Fiaker-Milli, die Rothe Ottilie, das Elephantenweibl, die
Dampfschiffsresl oder die Ziegelzupferzillerl...
Die "Anbandel"-Lokale der Prostituierten in Wien hatten vielsagende, besser
gesagt eindeutige Namen wie "Bei der neunfingerten steyrischen Gredl", "Zum
nackenden Kapauner", "Bei der angestrichenen Lulerl" oder "Zur wilden "Sau".
Die alten Spittelberger Hausnamen klangen vergleichsweise harmlos.
Laut Legende soll sich sogar der Kaiser einmal inkognito in einer der
Kaschemmen aufgehalten haben, um unerkannt und unbekannt ein bißl
"spechteln" zu können. "Durch dieses Thor im Bogen ist Kaiser Josef II.
geflogen", erinnert heute noch eine Inschrift über einem Torbogen in einem der
Restaurants in der Spittelberggasse, das zur damaligen Zeit auch noch ein
halbseidenes Lokal war und sich heute im Eigentum einer schlagenden
Burschenschaft befindet. Doch das Haus, in dem der Vorfall mit dem Kaiser
passiert sei, ist in Wahrheit inzwischen nicht mehr existent, wurde vor Jahren
abgerissen. Die angepaßte, kaiserfreundliche Chronik berichtete natürlich, daß
der Kaiser ganz in offizieller Mission unterwegs gewesen sei, um die üblen
Zustände des Spittelberges zu kontrollieren...
Zur Ehrenrettung des Viertels muß aber festgehalten werden, daß es im Wien
jener Zeit auch noch andere Hurenviertel in den Vorstädten bzw. ein emsiges
Treiben am Graben und rund um die Basteien gegeben hatte. Vor dem
Widmertor, dort, wo sich heute das Theater an der Wien befindet, gab es sogar
zwei "Frauenhäuser".
Aber der "Spittel" war zweifellos die berühmt-berüchtigste Hurengegend
Wiens. In den Extrazimmern und "Kammerln" bemühten sich die
"Bierhäuslmenschen" ihre Gäste, unter die sich zunehmend betuchte Bürger und
Söhnchen aus reichen Häusern mischten, ordentlich auszunehmen:
"Einer der berüchtigsten Orte, wo solcher Gastgeber
hausten, ist der unter den Pöbel sogenannte Spittelberg...
... Hier trittst du in ein Wirtshaus ein und hast
gleich fünf und mehrere Zofen in deiner und ihrer
Bedienung. Nachdem der Gast ein Horner Bier bestellt
hatte, kamen sofort Mädchen, mit Essen und einer vom
Wirt herbeigeschleppten Flasche Risoglio...
...Itzt sitzt die eine auf deiner Schoß,
die andere kneipt dir die Wangen, die dritte macht
geheime Seitengriffe, und wenn du allenfalls diese
Liebkosungen erwiedern willst, so steht dir ein
Extrazimmer zu Befehl. Ist nun solch Schäferstunde
vorbei, so mag der Kandidat sehen, wie er die Zeche
bezahlt, die das Vergnügen meist zehnfach überwiegt,
oder im Ermangelungsfalle dessen Uhr, Schnallen, ja
sogar seine Kleider zum Pfande hinterlassen..."
(Aus "Galanterien Wiens, auf einer Reise gesammelt" (1748)
Ende des 18. Jahrhunderts dürfte es in Wien mindestens 20.000 Dirnen
gegeben haben.
Besorgt stellte das "Wiener Extra Blatt" Ende Oktober 1873 fest:
"Man geht nicht fehl, wenn man behauptet, daß durchschnittlich in Wien auf
jedes Haus eine Gelegenheitsmacherin oder mindestens eine Dirne kömmt."
Am 27. Oktober 1874 veröffentlichte das "Extra Blatt" folgende Statistik:
"Nach derselben sind 6424 Prostituierte mit ´Gesundheitsbüchern´ versehen
und stehen unter ärztlicher und polizeilicher Controle. Nach der Ansicht der
Polizei leben jedoch in Wien außer den oberwähnten 6424 noch mindestens
12.000 Frauenzimmer von dem Erträgniß der freien Liebe, können jedoch nicht
controliert werden. Diese Mädchen arbeiten zumeist in Fabriken und werden
durch den geringen Arbeitslohn zu diesem ´Nebenverdienst´ getrieben. Von den
conscribierten Dirnen sind 5312 ledig, 902 verwitwet und 210 verheiratet. Die
jüngste unter denselben ist 15 Jahre, die älteste 47 Jahre alt."
Wien hatte zu jener Zeit etwa 650.000 Einwohner.
Als Joseph II., nachdem er die allgemeine "Preßfreiheit", also auch die
Erlaubnis für erotische Literatur, gewährt hatte, gebeten wurde, auch wieder
Bordelle zuzulassen, antwortete er darauf: "Was? Bordelle? Da braucht ihr über
Wien nur ein großes Dach machen zu lassen."
Als bekannt wurde, daß in Wien bereits ein Drittel der Wehrpflichtigen an
Syphillis erkrankt war, wurde der Ruf nach der Legalisierung der Prostitution
und der Einrichtung von Bordellen immer lauter. Für die Behörden war oft allein
die "aufreizende Kleidung" eines Mädchens Grund genug, um es festzunehmen.
Ein Wiener, der sich als "Praktischer Vokativus" auf einem Flugblatt
vorstellte, meinte unter der fettgedruckten Überschrift "Errichtung eines Bordell-
Hauses in Wien":
"Besser wäre es auf jeden Fall, derartige Häuser unter städtischer und
ärztlicher Aufsicht zu haben, als daß wir, wie Kaiser Josef sagte, über Wien nur
ein Dach auszuspannen brauchen, um ein großes Bordell fertig zu haben."
Als man endlich daran ging, Prostituierte nicht mehr per Gesetz zu verfolgen,
sondern behödlich zu registrieren (und ärztlich zu untersuchen), zählte man im
Jahr 1869 auf dem Spittelberg 56 "Lohnhuren". Die "Maison Kieninger" in der
Gutenberggasse 23 war eines der wenigen Bordelle Wiens und bestand bis zum
Ersten Weltkrieg.
Aber seltsam, je liberaler die Gesellschaft mit der "verderbten" Prostitution
umzugehen pflegte, um so rückläufiger wurde das Gewerbe. Nach dem Ersten
Weltkrieg gab es kaum mehr Prostitutierte "am Grund". Vereinzelt boten sich
jedoch noch Damen bis Ende der 60er-Jahre für eindeutige Dienste an.
Freuden & Mädchen
In derVorstadt Spittelberg waren die sogenannten Beiseln berühmt. Als
Schlupfwinkel von Dirnen waren bekannt: "Die Hollerstaude", "Küß den
Pfennig", "Der verlorene Sohn" etc. Es gab hier statt Wein nur Bier, das man als
Hornbier bezeichnete. Die Freudenmädchen saßen verführerisch angezogen vor
den Lokalen, trugen schneeweiße feine Strümpfe, farbige Schuhe, ein kurzes
farbiges Röckchen, schwarzes Korsett und eine goldene Haube. Bekannt wurden
die Beiseln auch durch die Spittelberger Lieder, eine Sammlung obszöner
Trinklieder. Wie es in diesen Animierkneipen zuging, schildert treffend ein
zeitgenössischer Bericht:
"Wann es einem Venusbuben zu wohl ist, so fällt er in das Netze und kehrt ein,
als dann mag er zusehen, wie teuer er seinen Vorwitz werde bezahlen müssen.
Bei erstem Eingang der Haustür laufft die Wirtin mit einer Masskandel in den
Keller, bringt vor eine ganze Maß drey Seitl von dem besten sechs Kreutzer
Wein, und rechnet dem Herrn Gast davor 8 Groschen, darauf fängt die Wirtin
zum ersten zu trinken an, schenkt sodann ein Glas der Musche oder Kostjungfern
ein, nach diesem saufft die Kupplerin, und endlich kommt es auch auf den Geist.
Kaum ist dieser erste Aktus vorbei, da nimmt die Wirtin abermal die halbleere
Kandl, schütt den Wein vor die Tür in einen alten Hafen, oder widerumb in das
Vass, und kommt mit einer frischen Maß Wein von der vorigen Gattung, mithin
werden sechzehn Groschen aufgeschrieben. Da nun die anderte Maß mit fünf
oder sechs Gläsl absoviert wird, geht man um die dritte und der Wein tragt
schon vierundzwanzig Groschen aus, ehe der Gast sich einmal recht in der
Stuben umgesehen hat, unterdessen fängt die Misteule oder die Jungfer mit dem
großen H an, ihre Ware auszulegen, setzt sich dem Gast auf den Schoß, und
macht nach ihrem gewöhnlichen Gebrauch allerhand akademische Stellungen,
umb das Venusfeuer recht aufzuwecken. Wenn dieses dann in einer dunklen
Hinterkammer gelöscht ist und der Gast noch zum Spenden einer opulenten
Mahlzeit animiert war, und wenn es dann endlich zum Zechenmachen kam, da ist
in einer Stund einem Buhler der Beutel um 13 oder 14 oder 15 Gulden geföget
und geleichtert."
Aus Joseph Richter "Die Freudenmädchen von Wien -
ein Bordellspiegel", München, 1982
Und Joachim Perinet schrieb 1788 in "Annehmlichkeiten in Wien" über den
Spittelberg: "Mir scheint dieser unterhaltliche Ort, der als Berg seiner Täler
wegen berühmt ist und seiner Hexen wegen Blochsberg genannt zu werden
verdiente, nur darum den Namen Spitalberg erlangt zu haben, weil er seine
Bewohner und Besucher gewöhnlich am Ende in das Spital zu bringen pflegte."
Hausnamen, Hausgeschichten
1785 gab es am Spittelberg in 138 Häusern 58 (nach anderen Angaben 56)
lizenzierte Schenken. Die Zahl ist schwer eruierbar, weil es auch viele nicht
registrierte Lokale gab, die nur über kurze Zeit schnellen Profit zu machen
versuchten. Die Lokale (bzw. Häuser) einer Gasse: "Zum blauen Hecht"
(Breitegasse 3), "Das große blaue Haus" (Breitegasse 7), "Zum großen wilden
Mann" (Breitegasse 12), "Zum schwarzen Rössel" (Breitegasse 13), "Blaue
Herrgott" (Breitegasse 17), "Zur grünen Rose" (Breitegasse 19). Auffallend ist,
daß die meisten Haus- bzw. Wirtshausnamen nach Tieren bezeichnet sind. Oft
führen einige die gleiche Tierart als Namen. Viele Lokale nennen sich "Löwe"
oder "Adler". Sie unterscheiden sich dann durch die Farbbezeichnung: "Zum
goldenen Löwen" (Gutenberggasse 18), "Der weiße Löwe" (Gutenberggasse 13);
"Zum weißen Adler" (Spittelberggasse 14), "Zum schwarzen Adler"
(Spittelberggasse 5), "Zum goldenen Adler" (Burggasse 2) usw.
Manche Häuser hatten kuriose Legenden, manchmal auch Sagen als Ursache
ihrer Geschichten. Eine bekannte Sage aus dem Neubau ist die vom ehemaligen
Wirtshaus "Zu den nassen Hadern" in der Zieglergasse. Dieser Name, der
durchaus doppeldeutig klingt, hat als Geschichte die, daß eines Morgens, als das
Lokal noch geschlossen war, drei betrunkene Soldaten gewaltsam eingedrungen
wären und weitersaufen wollten. Die Magd, die eben dabei war, den Boden
aufzuwischen, habe sich geweigert, den Betrunkenen noch etwas auszuschenken.
Als die Besoffenen nicht locker ließen und ihr gegenüber sogar noch zudringlich
wurden, habe sie aus dem Wasserkübel einen Fetzen genommen und die
Aufdringlichen damit in die Flucht geschlagen.
Größeres Rätsel gibt der Name "Küß den Pfennig" (Kirchberggasse 27) auf,
eines der berüchtigsten Lokale am Spittelberg. Dieser Name, der einerseits wie
"Verabschied dich hier von deinem Geld" oder auch obszön gedeutet werden
kann, wie "Küß meinen..." hat ebenfalls eine alte Wiener Sage als Begründung
für seinen Hausnamen. Allerdings hätte sich diese Geschichte im Haus "Zum
schwarzen Adler" in der Nähe des Rotenturmtores abgespielt. Da wollte laut
Sage der Sohn des Wirten eine arme Kellnerin heiraten. Der Wirt hatte eine
andere, bessere Partie für seinen Sohn in Aussicht. Zu der Zeit wollte sich ein
ärmlich gekleideter Mann im Adler einmieten. Der Wirt wollte ihm nichts
vermieten, doch die Kellnerin bürgte für ihn. Als nach geraumer Zeit der Wirt
die Zeche präsentierte, bezahlte der Fremde mit einem Pfennig. Wütend schmiß
der Wirt die Münze zu Boden und schrie: "So wahr dieser Pfennig nicht zu Gold
wird, soll mein Sohn auch nicht diese Magd heiraten!" Und siehe, das Geldstück
wurde zu Gold. Der Wirt ließ die beiden Jungen heiraten, erzählte fortan die
Geschichte vom Pfennig und küßte ihn dabei jedesmal. Der sonderbare Fremde
sei der berühmte Arzt Paracelsus (1493 - 1541) gewesen.
Sogenanntes Obszönes
Die Spittelberglieder
Marcuse sagte einmal, daß er einen
General in voller Wichs obszön finde,
worauf ich antwortete, daß das schon
wieder eine Diskreditierung des
Obszönen ist. Das Obszöne ist doch
das Klasse an der Sexualität!
Alfred Hrdlicka
Von 1812 bis 1830 entstand eine
handschriftliche Sammlung obszöner,
vulgärer, auch frauenfeindlicher Zoten,
aufgezeichnet von Friedrich Schlögl,
die einst berühmten, und noch bis
heute (obwohl sie schon lange nicht
mehr veröffentlicht wurden)
verrufenen "Spittelberglieder". Es sind
68 (meist) vierzeilige G´stanzeln, die
zur Melodie der "Hollastaudn" in den
Spittelberger Wirtshäusern gesungen
wurden. Diese deftigen Verse wurden
ursprünglich bei dem bekannten
Viennensa-Sammler Georg Eckl in
dessen Nachlaß aufgefunden (und ihm
daher lange Zeit auch zugeschrieben).
Diese Erotikasammlung war in einem
kleinen Schreibheft mit blauem Um-
schlag auf 13 Seiten niedergeschrie-
ben. Die Abschrift trug den Titel
"Curiosa" und fand unter diesem Titel
nach Drucklegung rasch in Wien - und
darüber hinaus im gesamten deutschen
Sprachraum große Verbreitung und
war vor allem bei den Männern Wiens
(aus allen Kreisen) begehrtes und oft
auch teuer bezahltes Sammelobjekt.
1. Die klan san man liaba
Als wia die Großn,
Sie san ja viel gschickta
Zum einillassn.
2. Laßts gehn d´alten Weiba,
Is a hellnarisch Gsind,
Bei der Arbeit ganz langsam,
Beim Schuastern ganz gschwind.
3. I mag di net liabn,
Hast gar an kurzn,
Du klengst ma net auffi
An d´ Nabelwurzn
4. Mei(n) Buberl geh weg
Und laß mi ungheit,
Sunst mach i di schmutzi,
I hab heunt mei(n) Zeit.
5. Mei(n) Schatz is ka(n) Hex
Und mei(n) Schatz is ka(n) Trud
Und es wachst ihr halt gleiwohl
Ka(n) Haar auf da Fud.
6. ´S Dirndl hat kane Dutteln,
´S Dirndl hat kan Bauch a
Und ´s Dirndl ha a kl(n)winzigs Ding,
Is net rauch a.
7. Büabl, wannst mi heunt willst
Und so geh nur hübsch gschwind,
Eh daß ma da Saft
Ausn Loch aussirinnt.
8. Die Wienerischen Menscha
Habn weiße Strümpf a(n),
Sie därfens net waschen,
Sie brunzens glei (a)n.
9. Und i und mei(n) Bruada,
Mir habens scho(n) im Brauch
Und mir gengan zun Madeln
Und kratzens am Bauch.
Vom Baucherl aufs Naberl,
Vom Naberl in d ´Haar
Und is s´ a weng sauba,
so pumpern ma s´ gar.
10. Du Dirnderl, hast ghört
Und dei(n) Fuderl is gschert.
Und du dalkata Narr,
Es is gstrotzt volla Haar.
11. Und wanns Dirnderl finsta schaut,
Kennt ma si aus:
Stehts rot in Kalenda;
Bua, heunt wird nix draus.
12. Du alte Rukunkel,
Du zahnluckerts Tier,
Hast viel Haar auf da Pumpel
Und kampelst di nia.
13. Mei(n) Schatz is a Bada,
A Bada muaß ´s sei(n),
Bald schlagt a ma d´Ada,
Bald spritzt a mar ei(n).
14. Dort enta da Dana (Donau)
Da sitzn zwa Schmid,
Der Ani bschlagt Schwänz
Der Andre bschlagt Füd.
15. Die schwabischen Menscha
Habn an narrischn Brauch
Und sie legn si aufn Bugl
Und vögeln aufn Bauch.
16. D´ Frau Wirtin is dick
Und wer hat ihrs denn ta(n)?
Zwa atriebne Nockerln,
A Nudl vora(n).
17. Bei da Gigaritschn,
bei da Gigaritschn
Aufn Kegelsta(n) san ma glegn
Und da hab i ihr mein Bonapartl
In die Hollapritschn einigebn.
18. Dort enta bei da Dana
Da hab i mein Schmid
Und da sitzn d´schön Menscha
Und waschn si d´Füd.
19. Greif ihr mitn Finga dra(n),
Fangts glei zum wischerln a(n)
Außa bein Schlitz
Und hat denno kan Spitz.
20. Und bei da Brotsitzerin
Da is eng a Menschl drin,
Im ersten Stock hats loschiert,
Aber itzt is ´s ruiniert.
21. Und i greif da net dra(n)
Und du bist mar alls z´alt,
Hast patzwache Dutteln
Und ´s Fuderl is kalt.
22. Uns sagst alleweil, sagst alleweil,
Es is dir alls z´groß
Und jetzt hastn ja drin
Auf an anzign Stoß.
23. Schasbock, Felleisen
Und a Brenneisen,
Und a Hufeisen und a Ribeisen,
Hab an Stoppelziaga
Und an Kugelziaga,
Auf da Fud an Schneck a.
24. Zipl net, zapl net,
Greif ma mein Nabel net,
Greif ma Mei(n) Ding net a(n),
San Krätzn dra(n).
25. Und auf da Ofnbank
Nimm i d´Nudlin d´Hand
Und aufn Kanape
Steht ma d´Nudl in d´Höh
Und auf da Bettlastiagn
Wirstn einikriagn,
Fud, Nudl, ja, an Papp a.
26. Geh, Madl, geh mit mir,
Zahl di a Hornabier;
Wannst duhast meinen Sinn,
Hastn scho(n) drin.
27. Tuan eini, tuan eini,
Tuan halt nit danebn
Und i bin an alts Dirnderl,
I muaß davo(n) lebn.
28. A so tua net so langsam,
Und so tua net so gschwind
Und wanns da wohltuat,
muaßt aufhörn,
Sunst macht mar a Kind.
29. ´s Dirnderl hat an weißn Bauch
Und an braun Fleck
Und sie ribelt die ganze Nacht,
Bringtn net weg.
30. I bin a Roßhandla,
Weit aba von Enns,
Hab a Rößerl vatauscht
Für a bluatsaubers Mensch.
Und mei(n) Muata hat gsagt,
Das muaßt lassn bleibn
Und du tatst mehr Menscha
Als Rößerln z´Haus treibn.
31. Kla(n) z´sammgschlagne
Glasscherbn
Und an Mitridat,
Das gibt ma mei(n) Büabl,
Daß ma ´s Schuastern net schadt.
32. Tua ma´n eini, tua ma´n eini,
Tua ma ´s zreissn,
Steck ma´n eini ins vordre Loch,
´s hintre ghört zum Scheißn.
33. Wikati, Wakiti,
´s Mensch hat a nakati;
Spitzbua, greif ihr net dra(n)
´s hat Krätzn dra(n).
34. Die Linzerischen Menscha
San volla Betrug,
Sie tragn falsche Duttln,
Ham ka(n) Haar auf da Fud.
35. Und i bin net von Linz
Und i bin net von Enns,
I bin von Margrethen
A Häfnkramermensch.
36. D´ Frau Wirtin bei da Lindn,
Die hats zu weit hintn
Und d´Frau Wirtin
beim schwarzen Turm
Hats zu weit vurn.
37. Mei(n) Schwaf is vurn zrissn,
Mei(n) Mensch hab i gnaht,
Hernach hab i ihr an Schlampn
Aus da Fotz aussazaht.
38. Mei. (n) Dirndl is kugelrund
Kann si net wendn,
D´ Dutteln habn 50 Pfund,
D´ Fud wägt an Zentn.
39. Da Pfarra z´ Rodau(n)
Hat in Hohlweg gschissn,
Hat´n Schulmasta gnuma
Zum Arschauswischn.
40. Katzl, schau mi nur a(n),
Magst mi net zu an Ma(n),
Hab an Beutl voll Saft
Und a Nudl voll Kraft.
41. Katzl, mach nur kan Narrn,
Laß da´s Loch weita bohrn,
Denn sunst brunzt di gar hart
Und es wachst da zviel Bart.
42. Da unten im Tal
Bei da Gartnplanka,
Da scheißn zwa Menscha,
Vafluachta Gstanka.
Die Klani die hat eng
In Arsch außigreckt
Bei der Glegenheit ha i ihr
In Finga einigsteckt.
43. I scheiß dir ins Gsicht
Und i brunz dir in d´ Augn,
Du kannst ma die Beberln
Vom Arsch abaklaubn.
44. Geh, leg di schö(n) zuacha
Und nimm ihn in d´Hand,
Er kann di net beißn,
Er hat ja kan Zahnd.
45. Mei(n) Bua hat a Nudl
Wia a Habakörndl
Und balds in die Fud kummt,
Wirds wia a Ochsenhörndl.
46. A Mensch wollt i pudern,
I hab mi net traut,
Drauf hab i mei(n) Nudl
Am Bam anighaut.
47. In Stadtgrabn hab i gschissn,
Wia Nudelwalcha dick,
Hab ma ´s Arschloch net zrissn,
Is dös net a Glück?
48. Jetzt kauf i mein Menschen
A Zangl um d´ Mitt,
Wanns a Andra will pudern,
Daß ´s ihm die Nudl azwickt.
49. Die steirischen Menscha
Die liegn aufn Klee,
Sie reckn von Weitn
Scho(n) d´ Haxn in d´ Höh.
50. Die ungrischen Menscha
Liegn da aufn Kauf,
Sie habn auf da Fotz
Lauta Sauborstn drauf.
51. D´ französischen Menscha
Sagn imma tout switt:
Nur her mit da Nudl,
Sie is ma net z´ dick.
52. Die Nudl, ´n Beutl,
An Fetzn dazua,
So lang d´ Fud net voll is,
So gebns gar ka(n) Ruah.
53. Die böhmischen Menscha,
Die habn den Brauch scho(n),
Sie greifn vorm Pudern
Den Beutl eh a(n).
54. Die böhmischen Menscha
Sagn allweil Dobre tak;
Sie lassn si pudern
Ins Maul und ins Gnack.
55. Die polnischen Menscha
San wia a Post-Roß,
Auf da Welt ist ihna
Ka(n) Nudl net z´ groß.
56. Die Frau Wirtin beim Becher,
Sie liegt auf da Bank,
Die steckt si in Finger in Arsch
Und brunzt ma in d´ Hand.
57. Die Frau Wirtin beim Becher,
Dös is a liabs Weib,
Sie reißt am an aba
Zum Zeitvertreib.
58. Und du hast ma ´s net glaubt,
Daß ´s ma kummt gar so gschwind,
So grif ma ur da her,
Wia die Stärk umarinnt.
59. Is dei(n) Schwanz no so groß,
Ja, so frag i nix drum,
Zwa können net eini,
Ana bringt mi net um.
60. O du mei(n) liaba Bua,
I bitt di, stöß zua
Und jetzt is ´s grad so guat,
Weils ma fest kuma tuat.
61. I gib da mei(n) Nudl,
Mein Beutl dazua,
Wann dei(n) Fud das alls frißt,
Hats ihr Lebitag gnua.
62. Liaba Plunzenlenzl
nimm die wohl in Acht,
Daß dir d´ Wachtersali
nix auf d´ Hosn macht;
Wannst von hintn puderst, bist du net
guat dra(n),
Steck ihr an Stoppl in Arsch,
daß s´ ned scheißn ka(n).
63. Jetzt tröpeln ma d´Dutteln,
Jetzt rinnt ma mei(n) Fud,
Jetzt laß i an drüba
Und wars glei a Jud.
64. Fiaka, Fleischhacka,
Ziegeldecka, Pflastera
Und siebn Maurapolier
San alle gangen zu ihr.
65. Wo san die schön Menscha,
Die ´d Fotz habn voll Haar?
Beim Peter Koch draust is ani
Im Bruckbierhaus a paar.
65. Du Spitzbua,
Wannst pudern willst,
Puder mi gschwind,
Bevor ma da Saft
Aus da Fotz aussarinnt.
67. So a gwiß Sardellngrüchl,
Dös is ma scho(n) ´s Liabsti,
Da steht ma glei da Schwaf auf,
Nimmts Kappl a(b) und grüaßt mi.
68. Und wann ma alls - sagt er,
Scho(n) gfalln tät - sagt er,
Und so gfallt ma - sagt er,
Nur dös net - sagt er,
Und daß d´ Fud - sagt er,
Hint beim Arschloch - sagt er,
Gar so naher - sagt er,
Wachsen tut.
Aus Giglleithner und Litschauer, Der Spittelberg und seine Lieder, Wien 1924
Die Keuschheitskommisäre
"In Wien war alles schön. Viel Geld und viel Luxus. Aber infolge der
Frömmelei der Kaiserin war es außerordentlich schwer, sich Cythereus Freuden
zu verschaffen, besonders für Fremde. Eine Legion erbärmlicher Spitzel, die man
mit dem schönen Namen Keuschheitskommissäre schmückte, waren die
unerbittlichen Verfolger aller Mädchen. Die Herrscherin besaß in bezug auf die
sogenannte illegitime Liebe nicht die erhabene Tugend der Duldsamkeit: fromm
bis zur Bigotterie, glaubte sie sich ein großes Verdienst vor Gott zu erwerben,
indem sie den natürlichsten Trieb beider Geschlechter auf das kleinlichste
verfolgte. Indem sie das Verzeichnis der Todsünden in ihre kaiserliche Hand
nahm, glaubte sie über sechs von ihnen hinwegsehen zu dürfen, um nur die
Wollust zu treffen, die ihr unverzeihlich schien. Zu allen Stunden des Tages und
in allen Straßen Wiens wurden alleingehende Mädchen, die oft nur ausgegangen
waren, um sich in Ehren ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verhaftet und ins
Gefängnis geschleppt. Es war eine Gemeinheit; denn wie konnte man wissen,
daß das Mädchen zu einem Mann ging, um sich trösten zu lassen, oder daß sie
auf der Straße einen Tröster suchte. Das war doch nicht so einfach. Ein Spion -
die Polizei bezahlte ganze Scharen von solchen - folgte ihnen von fern, und da
diese Halunken keine Uniformen trugen, konnte man sie nicht erkennen. Die
Folge war, daß man gegen jeden unbekannten Menschen mißtrauisch war. Wenn
ein Mädchen in ein Haus eintrat, wartete der sie verfolgende Spion unten an der
Tür, hielt sie an, sobald sie wieder herauskam, und nahm sie ins Verhör. Wenn
das arme Ding ein verlegenes Gesicht machte, wenn sie nur einen Augenblick
zögerte, eine Antwort zu geben, die den Spitzel befriedigte, brachte der Kerl sie
ins Gefängnis, nachdem er zunächst ihr alles Geld und allen Schmuck
abgenommen hatte: diese Wertgegenstände waren verloren, denn niemals gelang
es, ihre Rückerstattung zu bewirken. Wien war in dieser Beziehung eine wahre
Räuberhöhle, voll von privilegierten Spitzbuben...
... Um den Belästigungen zu entgehen, gab es für die Mädchen nur ein Mittel:
sie mußten gesenkten Kopfes und mit einem Rosenkranz in der Hand über die
Straße gehen: denn alsdann durfte das ekelhafte Gezücht sich nicht erlauben, so
ohne weiteres zu verhaften. Es wäre ja möglich gewesen, daß sie in die Kirche
gehen wollten, und in diesem Fall hätte Maria Theresia den Keuschheitskommissär hängen lassen."
Giacomo Casanova: Erinnerungen in "Unvergängliches Wien"
Das K.u.K. Patentamt
Als gegen die ausufernde Prostitution kein Einsperren, Haare scheren, zur
Strafe Straßen kehren und noch andere Repressionen nichts mehr nützten,
entstand in irgendeinem Amt die Idee, "am Grund" ein wichtiges Amt
einzurichten, in der Absicht, daß die hochrangigen Beamten, die dann dort ein-
und ausgehen, den "leichten Mädchen" gewissen Respekt einflößen und diese
Form von "Straßen-Verkehr" allmählich zugedrängt werden würde.
Also mietete man gegenüber der Stiftskaserne, Siebensterngasse 14, ein
Gebäude an, mit Eingängen in der Gutenberggasse und Spittelberggasse. Und am
1. Jänner 1899 nahm das K.u.K. Patentamt am Spittelberg seinen Dienst auf.
"Die Situation war grotesk. Wichtigtuende Beamte, schamerrötende
Stenotypistinnen des Amtes, Patentanwälte, Advokaten, Erfinder, Industrielle
und die sich heimisch fühlenden Diplomaten eilten durch die Gassen, die
mancher bis jetzt nur des Nachts kannte. Die ganze Monarchie, ja die ganze Welt
traf sich am Spittelberg. Natürlich nur am Patentamt, versteht sich. Wen
wundert´s, wenn ein Mädchen einen ihrer Freier wiedererkannte und ihm zurief:
"...Servus Schweindi, wos mochst denn du do..."
Die Peinlichkeit nahm den langsamen Lauf bürokratischer Erwägungen und
Entschließungen, ließ es aber trotz unleugsamer Situation zu keinen Änderungen
kommen..."
Otto Zeisenberger in "Lustbarkeiten am Spittelberg"
Der Autor erzählt weiter, daß eines Tages ein hoher Beamter des Kaiserlichen
Preußischen Patentamtes, auf die Frage nach dem K.u.K.-Amt seine
Auskunftsperson falsch verstanden hätte und so irrtümlicherweise in einem
Spittelberg´schen Bordell gelandet sei. Aber anstatt den Ort einfach wieder zu
verlassen, habe er, um sich zu beruhigen, erst einmal Wein bestellt, um dann
über die Wiener Schlamperei im allgemeinen und die Gefahren der Hurerei im
besonderen loszuschimpfen. Die Moralpredigt habe bis in die späten
Abendstunden gedauert und sei dem Mann recht teuer gekommen.
Am Tag darauf nahm der Skandal seinen Lauf, Beschwerden, Austausch von
Protestnoten, der Aktenberg wuchs, niedere Beamte wurden als Verantwortliche
pensioniert, höhere Beamte wegen ihres konsequenten Handelns befördert und
als Resümee wurde festgestellt, daß "...auf dem Spittelberg die Freudenmädchen
seit einiger Zeit in bedauerlicher Weise ihr Unwesen treiben..."
Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand die Prostitution "vom Grund", 1925
wurde das Patentamt im 7. Bezirk wieder geschlossen.
Bildbeschreibung Waldmüller
Ein Ölbild aus dem Jahr 1857 von Ferdinand G. Waldmüller 1793 - 1865)
illustriert in einer fast schon grotesken Weise die elenden Lebensbedingungen
des Alltags am Spittelberg jener Zeit. Der berühmte Biedermeiermaler und
"Meister des Lichtes" wird zu unrecht als "biedermeierlich" abqualifiziert. In
zahlreichen Werken stellt er geradezu in einem peniblen (Foto-) Realismus die
Armut des Vormärz und der Biedermeierzeit dar. Freilich wirken diese
Darstellungen - dem Trend der Zeit gemäß - oftmals wie Verklärungen einer
"fröhlichen Armut".
So auch im Bild Waldmüllers "Die Kinder armer Eltern werden von der
Gemeinde Spittelberg am Michaelitag mit Winterkleidern beteilt".
Die Szenerie dürfte in einer Amtsstube (in St. Ulrich?) spielen, denn auf der
Wand im Bildhintergrund hängen drei großformatige Ölbilder mit Porträts von
einer Frau und zwei Männern, wahrscheinlich angesehene Bürger (-Meister,
Wohlfahrtsstifter/in?). Die kahle Wand zur Rechten schmückt nur ein großes
Kruzifix.
Bildinhalt ist eine Kleiderausgabe an arme Kinder. Im Bildvordergrund
herrscht ein Gerangel von mindestens zwei Dutzend Kindern jeden Alters, die
zur Kleiderabgabe drängen. Im Bildhintergrund stehen und sitzen ebensoviele
Bürgersleute, in deren Mitte ein Pfarrer thront. Ein gut angezogener Mann mit
Backenbart überreicht ein Kleiderbündel und scheint zu erklären, daß er nicht
mehr geben kann. Fast jeder und jede der Bürger/innen lächelt selbstgefällig. Nur
zur linken steht ein weißhaariger Mann, der ernst und nachdenklich dreinblickt.
Rechts im Hintergrund befindet sich eine kleine Gruppe von Männern und
diskutiert: Wie man besser helfen oder wie man die Armut überhaupt abschaffen
könnte.
Die Kinder lachen glücklich. Manche haben schon ihre Geschenke erhalten
und entfernen sich zufrieden damit. Ein Mädchen im Vordergrund prüft die eben
erhaltenen Schuhe, ein anderes mustert beim Fenster kritisch die Qualität des
Stoffes der Kleidung, die sie erhalten hat. Eher links hinten sitzt eine
wohlbeleibte Bürgerin wie eine Matrone. Zu ihr drängen die Kinder von der
rechten Seite heran. Sie alle sind bloßfüßig. Erfreut zeigen sie mit ausgestreckten
Fingern zu der Frau hin: Seht hin, von dort kommt unser Glück!
Jene Kinder, die sich bereits vor den Knien dieser Frau drängeln, strecken ihr
die Händ wie kleine Bettler entgegen. Am rechten Bildrand im Vordergrund
stehen einige Frauen, die wohl die Mütter der mit Almosen beschenkten Kinder
sein dürften. Eine junge Frau wendet sich an die Matrone mit einem Ausdruck
als wollte sie sagen "wir brauchen mehr, viel mehr..." Hinter ihr eine ältere Frau,
aus deren Gesicht zu lesen ist, daß diese Almosenvergabe wohl auch nicht vor
der großen Not des Alltags zu Hause helfen kann.
Die Bevölkerungsexplosion
Nach der II. Wiener Türkenbelagerung setzte am Spittelberg und in den
anderen Wiener Vororten eine rege Bautätigkeit ein. Während sich im
benachbarten St. Ulrich die gesetztere Bürgerklasse etablierte, gab es am
Spittelberg ein eigenartiges Nebeneinander unterschiedlichster Berufsgruppen:
auffallend viele Künstler und Schauspieler, kleine Hofbedienstete, Hilfsarbeiter
und schlecht bezahlte Gruppen wie Schuhflicker, Seifensieder, Gerber,
Spaliermacher, Drahtmacher, Faßbinder- und zieher. 1778 gab es in der
Breitegasse (neben etlichen Wirten) folgende Hauseigentümer: zwei
Schuhflicker, je ein Vergolder, "Weltpriester", Tändler, Gürtler, Bäcker und ein
"Gebeißmacher". Das Haus Breitegasse 10, heute ein häßlicher Betonbau, das
sich "Haus der Bilder" nennt, hatte noch während der Zwischenkriegszeit das
Hauszeichen "Zu den drey Spulen", was auf einen textilverarbeitenden
Kleinbetrieb schließen läßt.
Um 1700 standen am Spittelbeerg 120 Häuser, von denen die meisten
Grundrisse und viele Mauern bis heute erhalten geblieben sind. Ein
Bebauungsplan von 1735 brachte wenig Veränderung. Die Häuser wurden nur
um ein oder zwei Etagen aufgestockt. Auf dichtem Raum gab winzige Innenhöfe
und keine Gärten.
1774 lebten 5184 Menschen in 138 Häuser zusammengedrängt. Zwischen
1779 und 1586 wuchs die Anzahl der Häuser von 138 auf 146, gleichzeitig nahm
die Bewohnerzahl um 1119 Personen auf 6003 zu. Pro Haus stieg die Zahl der
Mieter durchschnittlich von 37 auf 43 Personen. Mehr als 90 Prozent der
Wohnungen im Grätzel bestanden nur aus einem Raum. Die hygienischen
Verhältnisse waren grauenhaft, die alten Hausbrunnen wurden wegen neuerlicher
Seuchengefahr unbenutzbar.
Aber auch das war natürlich keine "Spittelberger Besonderheit". Man schätzt,
daß es zwischen 1900 und 1910 etwa 80.000 Bettgeher gegeben hatte, das waren
Leute, die gegen Miete Betten zum Schlafen während der Zeit benutzen durften,
da der Eigentümer in der Arbeit war. Die Zahl der Obdachlosen wuchs aufgrund
einer verfehlten Wohnungspolitik ins Unermeßliche.
Noch im November 1927 beschwerte sich ein anonymer Autor
(Originalmanuskript Bezirksamt Neubau), daß das Haus "Zum roten Engel", alte
Nummer 88, heute Spittelberggasse 17, in nur 123 m2 verbauter Wohnfläche
fünf Wohnungen umfaßte, aber damit noch lange nicht das kleinste Haus im
Gebiet sei. Dieses Haus wechselte von 1695 bis 1905 19 mal die Besitzer. Ihre
Berufe waren beispielsweise Tandler, Schuster, Chirurg, Schlosser, noch einmal
Tandler, Steinschneider, Goldspinner, Bandmachergesell, kaiserlicher
Zimmerputzer, Weinschänker, Wirt.
Wohnen in Wien um 1900
Flederwischgasse 5.
"1. Stock. Über eine Leiter, die eine Stiege sein soll, gelangt man in die
Wohnung. Das Zimmer ist 3,3 m lang, 1,8 m breit, 2 m hoch; 11,88 m2. Ein Bett
für zwei Personen. Das Fenster 25 cm hoch, 1 m breit, 20 cm vom Fußboden
entfernt. In der Wohnung ist ein eiserner Ofen in der Größe einer
Kaffeemaschine. Wasserleitung am Hof. Kanal mitten am Hof. 2 Aborte für 5
Parteien mit 18 Personen. Im Hof schlachten und rupfen Geflügelhändlerinnen
Geflügel, was im ganzen Hause einen fürchterlichen Gestank verbreitet. Im
Vorhaus, welches sehr lang ist, haben die Geflügelhändlerinnen totes und
lebendes Geflügel aufbewahrt. Der Mann verdient im Sommer als Zimmermaler
24 K, im Winter bei schönem Wetter 12 K. wöchentlich. Der Zins beträgt 14 K
monatlich."
Berggasse 35.
"Ebenerdig. Das Zimmer ist 5,5 m lang, 3,6 m breit, 2,2 m hoch; 43,56 m2. Im
Zimmer sind vier Betten, von sieben erwachsenen Personen und einem Kinde
bewohnt. Drei Personen schlafen auf der Erde. Im Zimmer sind zwei Fenster, 90
cm hoch, 80 cm breit und 1,1 m vom Fußboden entfernt. Die Wohnung ist bis zur
Höhe von 1,1 m feucht. Der Zins beträgt 20,40 K monatlich. Im Hause ist keine
Wasserleitung; das Dach vollständig defekt. Die zur Wohnung gehörige Küche
ist 4,5 m lang, 1,6 m breit; das Fenster nur 75 cm hoch und 35 cm breit."
"Nicht Gnade sondern Recht", Verlag des ÖGB, 1989, S. 56,57.
Tröpferlbad Mondscheingasse
"Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Profitstreben diktierte
Massenwohnbau, an dessen Strukturfehlern Wien bis heute leidet, kannte keine
Badegelegenheiten innerhalb des Wohnungsverbandes. Daher zeigte sich bald
das dringende Bedürfnis nach einer zeitgemäßten Version der mittelalterlichen
Badestuben. So entstanden die "Volksbäder" mit den Duschanlagen, die ihnen
den Namen "Tröpferlbad eintrugen. Die erste Einrichtung dieser Art wurde von
der Gemeindeverwaltung in der Mondscheingasse 9 im 7. Bezirk geschaffen. Bis
zur Jahrhundertwende entstanden 10 weitere Volksbäder in den Bezirken 2 bis
10, 14 und 16. Eine Statistik aus dem Jahre 1897 registriert die stattliche Zahl
von 1.014.000 Besuchern, davon knapp 20 Prozent Frauen..."
Aus Alfred Auer "Kurstadt Wien"
Die Schuhindustrie am Neubau
Eine realistische Schilderung der Heimarbeiter in der Schuhindustrie des
Jahres 1890 im Bezirk Neubau gibt Karl Renner:
"Im Bezirk Neubau war der Sitz einer größeren Zahl von
Schuhwarenerzeugern, damals ein blühendes Gewerbe, das seine Erzeugnisse in
großen Massen donauabwärts nach Ungarn und auf den Balkan verfrachtete. In
den Mußestunden strich ich die Straßen des Bezirks ab und fand die Firmen: da
waren nur große Versandgeschäfte ohne eigene Fabriken, das waren fast
durchaus Verleger, die das zugeschnittene Leder in Heimarbeit ausgaben. Diese
Heimarbeiter, die sogenannten "Sitzgesellen", lebten als Mieter in den elendsten
Hof-, Dach-, und Kellerwohnungen oder, wenn sie ledig waren, als Aftermieter
allein oder zu zweit in billigen Kabinetten...
Diese Heimarbeiter führten ein wahrhaft lichtloses, armseliges Dasein. Sie
arbeiteten vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht bloß mit jenen
Unterbrechungen, die ihnen das Bedürfnis ihrer Physis aufnötigte und stellten
aus dem übernommenen Material nach meiner damaligen Schätzung eine Unzahl
von Paaren schöner Damenschuhe in der Woche her, mit vergoldeten
Holzstöckeln und allerlei sonstiger Zier. Freitag abends und Samstag vormittags
gingen sie liefern und streiften den kärglichen Lohn ein. An Samstagen legten sie
sich meist zu Bett und schliefen durch bis Sonntag mittag. Nach dem Mittagessen
aber begaben sie sich in die ringsherum gelegenen Gasthäuser und tranken die
Sonntagnacht durch, schliefen dann wie Tote bis Montag vormittag, erwachten
in halber Alkoholvergiftung, arbeitsunfähig, heilten das heulende Elend durch
den Genuß von Hering und Bier und waren in der Regel erst wieder Dienstag
arbeitsfähig..."
Aus Karl Renner "An der Wende zweier Zeiten", Wien 1946 in "Glücklich ist wer vergißt...? - Das andere Wien um 1900",ed. Ehalt, Heiß, Stekl, Graz, Wien 1986.
Die Stiftskaserne
Wie ein riesiges, bedrohliches Wächterhaus steht die Stiftskaserne (Stiftgasse
2) mit einer Grundfläche, die größer als die des Spittelberges ist, dem
Altbauviertel gegenüber.
Das Grundstück (Ecke Mariahilfer Straße/Karl Schweighofer-Gasse) wurde
ursprünglich (zur "Laimgrube" gehörend) vom Hofkammerrat Johann Konrad
Richthausen, Freiherr von Chaos angekauft. Darauf errichtete von 1696 an ein
unbekannter Baumeister ein Stiftungshaus für Knaben aus ärmlichen
Verhältnissen, die im Falle des Ausbruchs von Epidemien hier untergebracht
werden sollten.
1681 wurde der gesamte Besitz mit einer Mauer umgeben, 1683 von den
Türken zerstört und im Jahre 1687 wieder instand gesetzt, 1696 wurde ein
eigenes "Spitalsstöckel" dazugebaut, 1693 erweitert und in den Jahren 1732 bis
1736 aufgestockt. Stiftungsverweser war zu dieser Zeit Johann von Moser, der
auch den Grundstein für die Stiftskirche legte.
1754 kaufte Maria Theresia Anna Felicitas Herzogin von Savoyen-Carignan
von der Chaosschen Stiftung einen hinter der Kirche gelegenen Grund und ließ
darauf ein zweistöckiges Haus errichten, das sie als Stiftung zugunsten Adeliger
widmete, die sich für den öffentlichen Dienst oder dem Dienst bei der Armee
entschieden.
1756 übergab sie die Anstalt Maria Theresia, die anordnete, daß das Institut
den Namen "Savoysche Akademie" tragen sollte. 1778 wurde es
verwaltungstechnisch mit dem Theresianum vereinigt, ab 1769 eine
Ingenieurakademie.
Nach der Niederschlagung der März-Revolution 1848, beschloß man in Wien
an strategisch wichtigen Plätzen neue Kasernen zu errichten, um mögliche
zukünftige Revolten schon im Keim ersticken zu können. Als einen der nach wie
vor strategisch bedeutendsten Standorte betrachtete man den Spittelberg.
Deshalb verlegte man die Ingenieurakademie nach Klosterbruck (Znaim) und
widmete das alte Stiftsgebäude in die Stifts- (militär-) Kaserne um. 1873 bis
1875 wurde der an der Mariahilfer Straße gelegene Mosertrakt nach Plänen des
Architekten Eugen Schweigel umgestaltet. Der sogenannte Sappeurtrakt und der
Mitteltrakt blieben Infanteriekaserne. 1875 wurde auch die
Infanteriekadettenschule hierherverlegt. 1898 kam diese in einen Neubau in
Breitensee, die technische Militärakademie übersiedelte 1904 nach Mödling.
Noch einmal soll der Spittelberg militärstrategische Bedeutung erlangen, noch
einmal sollte deswegen die Stiftskaserne eine markante bauliche Veränderung
erfahren: Im Innenhof der Kaserne entstand während der Zeit des Faschismus ein
häßlicher, monumentaler Betonklotz, einer der Wiener Flaktürme.
Die Revolution findet in der Stiftskaserne 1918 nicht statt
"Deutsch hatte sofort erkannt, daß ein blindes Vorgehen gegen die
Rotgardisten nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich gewesen wäre. Der
Zulauf der Soldaten zu dieser Organisation stieg stetig an, noch größer aber war
der Einfluß der Roten Garde auf die Stimmung der revolutionären Arbeiter und
Soldaten. Deutschs Ziel war nun, die Rote Garde in die Volkswehr einzugliedern,
um so wenigstens diese gefährliche Gruppe einer Befehlsgewalt zu unterwerfen.
Dieses Dilemma, in dem sich der Unterstaatssekretär befand, nutzte Leo
Rothziegel, der sich inzwischen zum geistigen Führer der Rotgardisten
aufgeschwungen hatte, sofort aus. Am 3. November stürmten ein Dutzend
Rotgardisten unter Rothziegels Führung das Arbeitszimmer Deutschs, verlangten
von diesem Waffen und eine Kaserne, da sie sonst Gewalt anwenden würden.
Deutsch geing sofort darauf ein und empfahl Rothziegel, die Rote Garde solle
doch in die Volkswehr eintreten, dann würde ihr Wunsch erfüllt. Rothziegel und
seine Männer zogen ab und brachten diesen Vorschlag ihren Kameraden zur
Abstimmung. Am 4. November brachte Rothziegel Deutsch die Antwort: Die
Rotgardisten erklärten, sich bei der Volkswehr anwerben zu lassen. Deutsch
überließ seinerseits der Roten Garde die Stiftskaserne als Quartier und
Werbelokal.
Damit hatte Deutsch einen wichtigen Schritt getan: die Rotgardisten,
Schrecken aller Haus-, Auto- und sonstigen Besitzenden, waren von der Straße
weggebracht. Sein nächstes Ziel war es, verläßliche Sozialdemokraten rasch in
die Rote Garde zu dirigieren, welche die radikalen Soldaten möglichst in Schach
halten sollten. Tatsächlich wurde schon am 3. November bei den
Sozialdemokraten gewählt.
Am 4. November 1918 begann dann die Rote Garde in der Stiftskaserne mit
ihrer Werbetätigkeit, und innerhalb von zwei Stunden wurden über tausend
Anmeldungen entgegengenommen. Diese neue Volkswehrabteilung war eine
bunt zusammengewürfelte Gesellschaft...
Kennzeichnend dafür ist, daß etwa hundert angeworbene Rotgardisten, kaum
daß sie ihre neuen Uniformen zugeteilt bekamen, die Stiftskaserne auch wieder
verließen und nie wieder gesehen wurden. Von den rund tausend angemeldeten
Soldaten des 4. November verblieben am 12. November 700, später fiel die Zahl
auf 400 Rotgardisten..."
Aus Hans Hautmann "Die verlorene Räterepublik",
Wien 1971
Widerstand am Neubau 1934 - 1945
Während der Zwischenkriegszeit verlagerten sich die wirtschaftlich relevanten
Industriezweige vom Bezirk Neubau zunehmend an den Stadtrand Wiens. Übrig
blieben (abgesehen von der nach wie vor florierenden Geschätsszone der
Mariahilferstraße) kleine Handwerksbetriebe, Geschäfte und vorwiegend alte
Menschen. Der Neubau galt (und gilt) als (klein-) bürgerlicher Teil Wiens, an
dem die Aufbruchstimmung des Roten Wien nahezu spurlos vorbeizugehen
schien. Zwar spielte die Stiftskaserne nach dem Zusammenbruch der Monarchie
für kurze Zeit eine gewisse, ja bedeutende revolutionäre Rolle, denn immerhin
befand sich hier der wichtigste Stützpunkt der "Roten Garden" unter Egon Erwin
Kisch und Leo Rothziegel, doch bald kehrte in die Gegend, nach der
zunehmenden Entmachtung der revolutionären Soldatenräte, wieder der
bürgerliche Alltagstrott ein.
Dementsprechend gering sind, im Vergleich zu den typischen
Arbeiterbezirken Wiens, daher Zeichen des Widerstands gegen Austro- aber
auch gegen Hitler-Faschismus. Aus dem Gebiet des Spittelberges und
Umgebung sind nur wenige nennenswerte antifaschistische Aktivitäten bekannt.
Als am 25. Juli 1934 die Nationalsozialisten durch einen Putsch an die Macht
kommen wollten, versuchte ein in die Umsturzpläne eingeweihter Polizeibeamter
zweimal die Behörden vor der Gefahr zu warnen. Zuerst im Café Weghuber
(das existiert heute nicht mehr) in der Museumstraße 5. Erfolglos. Die in der
Turnhalle der Stiftskaserne (Siebensterngasse 11) versammelten SS-Leute
marschierten ungehindert los.
In der Stiftskirche (Mariahilfer Straße 24) erinnert eine Gedenktafel an den
Offizier des Österreischischen Bundesheeres, Oberstleutnant Franz Heckenast
(geb. 1989), der am 15. Februar 1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde.
Heckenast hatte - als österreichischer Patriot - den Eid auf die Hitlerwehrmacht
verweigert. Außerdem hatten die Nazis ihm auch niemals vergessen wollen, daß
er Beisitzer im Prozeß gegen die natinalsozialistischen Dollfuß-Mörder gewesen
war.
Im Café Siller (Mariahilfer Straße 22, anstatt des alten Traditionskaffee-
hauses befindet sich hier heute ein McDonalds-Restaurant) fand am 9. März
1934, nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei, ein Treffen aktiver
Sozialdemokraten statt, die eine "Zentrale Fünfergruppe" als organisatorisches
Zentrum zum Aufbau einer neuen illegalen Organisation wählten. Daneben
wurde ein "Schattenkomitee", das aus einigen ehemaligen Redakteuren der
"Arbeiter-Zeitung" bestand, gewählt. Gemeinsam einigte man sich auf Vorschlag
Manfred Ackermanns, auf den neuen Parteinamen "Revolutionäre Sozialisten
Österreichs".
In der Schottenfeldgasse Nr. 60 befand sich das jüdische Bethaus des
Vereins "Neubau", das in der "Reichskristallnacht" am 10. November 1938
zerstört wurde.
Als am 15. Februar 1939 der 50jährige Bestand des Deutschen Volkstheaters
mit einer Festvorstellung von Grillparzers "König Ottkars Glück und Ende"
gefeiert wird, kommt es zu einer Demonstration gegen die neuen Machthaber.
Sie drückt sich bei dieser Vorstellung und wochenlang bei den folgenden
Aufführungen durch demonstrativen Beifall bei bestimmten Textpassagen aus.
Zum Beispiel bei "... da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil
und läßt den and´ren reden!" oder bei "... ich hab´s geschworen, geschworen
meinem großen, gnäd´gen Gott, daß Recht soll herrschen und Gerechtigket im
deutschen Land, und so soll´s sein und bleiben!"
Im Jahr 1941 führt die NSDAP im Gebäude der Hofstallungen - heute
Messepalast - die Ausstellung "Sowjetparadies" durch, die die Kriegshetze
gegen die Sowjetunion fördern soll. Eine Widerstandsgruppe der
Kommunistischen Jugend konstruiert eigene Brandplättchen für einen
Brandanschlag auf die Ausstellung.
In der Zieglergasse 46 wohnten die aus der Sozialistischen Arbeiterjugend
kommenden Stefanie (geb. 26. 12. 1908) und Hans Kunke (geb. 12. 12. 1906).
Nach dem Februar 1934 wurden beide Miglieder des Zentralkomitees der
Revolutinären Sozialistischen Jugend. 1938 wurden sie verhaftet. Hans Kunke
starb am 30. Oktober 1940 im KZ Buchenwald, Stefanie Kunke kam über die
KZs Lichtenburg und Ravensbrück nach Auschwitz, wo sie am 26. Dezember
1942 gestorben ist.
Rettung eines Viertels
Wer nur irgendwie konnte, versuchte - spätestens ab der Wende vom 19. zum
20. Jahrhundert - so rasch wie möglich, aus den ungesunden, winzigen
Substandardwohnungen des Spittelberges auszuziehen. In einem "Kehraus"
begann man am 15. Mai 1914 mit "... vereinten Bemühungen der Polizei, der
Bezirksvertretung und der Hausbesitzer ... den Spittelberg von seinen gewissen
Inwohnerinnen zu säubern..."
Zurück blieben in den mehr und mehr verfallenden Häusern alte Menschen,
arme Menschen, Gastarbeiter in Massenquartieren. Die Gegend verwahrloste
zunehmend. Aber auch diese Leute wollte man rasch aus den Häusern vertreiben,
denn ein ausländisches Konsortium führte schon 1914 Verhandlungen mit der
Gemeinde Wien und den Hauseigentümern, die alten Spittelberghäuser
niederzureißen, um sie durch profitablere Zinskasernen zu ersetzen. In zwei
großen Blocks sollten 50 "moderne" Neubauten entstehen. Doch der Krieg brach
aus, und es gab für die Kommune natürlich wesentlich schlimmere Probleme zu
bewältigen, als den Profitinteressen der Hausherren entgegenzukommen.
Nach dem II. Weltkrieg gab es neue Pläne, das gesamte Viertel zu schleifen.
Als dies zunächst von der "roten" Stadtverwaltung nicht gestattet wurde, gingen
die Hauseigentümer dazu über, aus ihren Wohnungen, nach in anderen Wiener
Bezirken bewährtem Muster, überbelegte Gastarbeiterquartiere zu schaffen und
die Wohnhäuser allmählich auf Abbruchreife herunterzuwirtschaften.
Den Denkmalschutz-Interessen, eine Vielzahl von architektonisch unbedingt
schützenswerten Häusern zu erhalten und zu renovieren, stand die Absicht von
Bau- und Immobilienspekulanten entgegen, in dieser hervorragenden Citylage
gute Geschäfte durch den Neubau von Büroblöcken auszubauen.
Dieser Kampf, Profitinteressen kontra Interessen der Öffentlichkeit, wurde
mit allen nur erdenklichen Mitteln ausgefochten. In den 70er-Jahren waren es vor
allem wieder einmal Künstler und Jugendgruppen, die gegen solche
Machenschaften ankämpften. Die Aktivisten der Aktion "Künstler für den
Spittelberg" besetzten und aktivierten leerstehende Geschäftslokale, Ateliers und
auch Wohnungen, die dem Verfall preisgegeben waren, renovierten sie
notdürftig und richteten Kunsthandwerkstätten, Webereien, Mal- und
Bildhauerateliers usw. ein.
Besonderes Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang die Besetzung des
Amerlinghauses, mit dem Ziel, hier ein Jugendzentrum einzurichten. Heute
beherbergt das Amerlinghaus neben dem (leider nur mäßig besuchten)
Bezirksmuseum eine Vielzahl von aktiven Gruppen und Initiativen, die sich
schon längst nicht mehr "nur" auf die sogenannte Jugendkultur reduzieren lassen.
Die Ausstellungen, Lesungen, Konzerte usw. im Amerlinghaus sind inzwischen
unverzichtbarer und wichtiger Bestandteil des täglichen Kulturgeschehens der
Stadt geworden.
Mit diesen Aktivitäten "von unten" wurde die Gemeinde Wien unter
Zugzwang gesetzt und sah sich endlich dazu veranlaßt, der Abbruchpolitik der
Spekulanten entgegenzuwirken, indem sie einen Großteil der betroffenen Häuser
einfach (meist zu unverschämt überteuerten Preisen) aufkaufte und die ganze
Gegend generalsanierte (klar, daß man nun in diesen "Gemeindewohnungen" der
jetzt nobelsten Art kaum mehr Arbeiter oder kleine Angestellte finden wird).
Und die Bauwirtschaft verstand es in kürzester Zeit, "umzudenken", aus den
neuen Anforderungen gute Geschäfte zu machen. Bezirkspolitiker, die ehemals
das lästige Viertel gerne schleifen wollten, disponierten zugunsten ihrer eigenen
Tasche um:
"1973 wird das Gebiet zur Schutzzone erklärt. In der Zwischenzeit haben
Spekulanten bereits Häuser gekauft. Auch eine bekannte Bezirksgröße, die
vorher für den Abbruch stimmte, erwarb flugs ein schönes Barockhaus in
Leibrente, um es später mit beachtlichem Gewinn an einen Antiqutätenhändler
zu veräußern. Aber was soll´s, wichtig war doch, dieses Juwel zu erhalten. Die
originalgetreue Renovierung im Geiste der Kulturdenkmalpflege schuf ein Bild
wie in den Tagen der Entstehung des Viertels..."
Aus "Lustbarkeiten am Spittelberg"
Allerdings sollten auch diese Renovierungsarbeiten, nicht nur in bezug auf
ihre oft zweifelhaften Ausführungen kritisch hinterfragt werden: eine
Fachzeitschrift für Architekten behauptet etwa, daß die Spittelberggasse 1 bis 19
durchgehend ein "Juwel" einer original erhaltenen Häuserzeile aus dem Barock
(bzw. Rokoko) sei.
Aus einem Manuskript November 1927 (das Original liegt am Bezirksamt
Neubau):
"... In der letzten Zeit ist nun das gegenüberstehende Haus Nr. 15
altersschwach geworden und mußte geräumt werden. Die Gemeinde Wien
brachte das Haus an sich und läßt es nun gegenwärtig (November 1927)
niederreißen. Ein Neubau ist vorläufig nicht geplant und so wird der Spittelberg
durch einige Zeit eine Lücke aufweisen. Als man mit der Demolierung begann,
schien es, als wollte das anstoßende Haus Nr. 17, durch fast zweieinhalb
Jahrhunderte mit ihm innig verbunden, mit seinem Nachbarn fallen und die
Demolierung mußte eingestellt werden. Das Sachverständigengutachten, das
anläßlich einer kommissionellen Besichtigung abgegeben wurde, lautete aber
dahin, daß unter Befolgung gewisser Sicherheitsmaßnahmen die Demolierung
fortschreiten könne und binnen weniger Wochen waren die letzten Reste des
Hauses verschwunden..."
Der Fotograf
Der Fotograf Herbert Bednarik hat die Häuser (jedes einzelne Haus!) und
Straßen des Spittelberges vor, während und nach den Renovierungsarbeiten in
den 70er- und 80er-Jahren fotografiert. Auf einer Stellage stehen rund ein
Dutzend Aktenordner mit seinen Bildern.
Einen Auswahlband mit 113 seiner besten Fotografien veröffentlichte er in
einem schön gestalteten Buch im Eigenverlag in einer Auflage von 500 Stück
("Spittelberg - das Dorf in der Stadt"). Es ist dokumentierte (Zeit-) Geschichte,
an der anschaulich wird, welches Flair noch vor ein paar Jahrzehnten der
Spittelberg hatte und wie innerhalb einiger Jahre das durchaus lobenswerte
Unternehmen des Wiederinstandsetzens der Spittelberghäuser alte Geschäfte,
alte Portale, alte Geschäftsschilder, schöne alte Fenster verschwinden und
zugleich zum Teil hübschen Kitsch erblühen ließ.
In diesem Fotoessay wird man daran erinnert, daß sich im Amerlinghaus eine
"Klavierbau- und Leihanstalt" befunden hatte, es in der Stiftgasse 33 ein
Spielwarengeschäft, daneben einen Laden für Kugelrollenlager gegeben hatte, in
der Gutenberggasse 27, "Zum grünen Dachl" existierte eine Fleischhauerei und
Selcherei, in der Kirchberggasse 27, Haus "Zum küss-den-Pfennig", hatte eine
Elisabeth Heinrich ihre Kunsthandlung. Am Haus Kirchberggasse Nr. 16 ("Zum
schwarzen Rössel") gab es ein ovales, naiv gemaltes Schild, das signalisierte,
was man im Geschäft kaufen konnte bzw. in einem kleinen Fenster daneben
ausgestellt war: Töpfe, Schöpfer ("Gatzen"), Vogelkäfige und andere
Haushaltswaren. Im engen Hof des Hauses gab es noch Pawlatschen, die dem
Renovierungseifer eines Architekten zum Opfer fielen. Die Bäckerei Zöchling in
der Burggasse bot "sämtliche Konditorei-Waren", "Mohn-, Nuß- und Topfen-
Beugel", "Wein- und Teebäckereien sowie allerfeinsten Zwieback", "Mehl und
Grieß aus den renommiertesten Dampfmühlen", "Molken, Kornbrot" und die
"Spezialität Erdäpfelbrot" an.
In dieser Reise in die nahe Vergangenheit wird man wieder daran erinnert, mit
welcher Liebe zum Detail Glaser und Stukkateure einst gearbeitet hatten, und mit
welch großer Sorglosigkeit Restaurateure viele Kleinigkeiten, die erst den
Charme eines Hauses ausgemacht hatten, vernichteten.
Der Melancholie des Verfalls, dem eigenartigen Reiz abgeblätterter
Hausfassaden ist die sterile Glätte der Neuzeit, Fenstern mit verzogenen
Holzrahmen sind wärmedichtende Plastikrahmen gefolgt.
Als Schlußbild dieser nostalgischen Fotoerzählung wählte der Fotokünstler
die Fotografie einer Bassena, einst Mittelpunkt des Haustratsches, Vorwand, um
beim Wasserholen zu streiten oder den Nachbarn endlich wieder einzuladen, zu
einer Zeit, als der anonyme Tod in Wien noch sehr, sehr selten war.
Karin Mack
Die Fenster zum Hof
Pawlatschen am Spittelberg
"Pawlatschen, dieser mundgerechte Wiener Ausdruck für Laubenberg
assoziiert weitere Vokabel: palavern, ratschen, tratschen; Begriffe, die das
verbale Kommunizieren zweier oder mehrerer Personen meinen, ein Sprechen in
emotional variablen Lagen, ein Erzählen von Tagesereignissen.
Mit der Pawlatschen verbindet sich aber noch einiges mehr: wilder Wein, der
mit der Zeit alle Stockwerke überzieht, blühende Oleander, Balkonkistln mit
bunten Blüten. Oder: das Trocknen von Wäschestücken auf dem Geländer; oder:
das Abstellen von vorläufig oder längerfristig nicht gebrauchten, nützlichen und
unnützen Gegenständen, als Kramuri. Wie man sieht, atmet das
Pawlatschenhaus eine gewisse Italianitá in seiner öffentlichen Privatheit und in
seiner privaten Öffentlichkeit. Seine typenmäßige Ausformung dürfte aus einer
Zeit stammen, in der das Wiener Kulturleben viele italienische Künstler anzog,
in der Renaissance und im Barock. Das gotische Wien war als Bollwerk gegen
die Anstürme östlicher Völkerschaften angelegt, innerhalb der Mauern drängten
sich Giebelhäuser, so hoch über die Erde, wie unter die Erde gebaut (Densig).
Im 16. Jahrhundert entstehen durch Zusammenlegung mehrerer Gebäude Höfe
mit und ohne Arkaden, "in denen bis zu etlichen hundert Personen wohnen"
(Kuchelberger). Mit der Bannung der Türkengefahr 1683 und dem Aufstieg der
Habsburger verändert sich das Gesicht Wiens gründlich. Neben einer Reihe von
Adelspalais entstehen neue Wohnhäuser für die Bevölkerung, angepaßt an die
Bedürfnisse eines aufstrebenden Handels und einer freieren Lebensform. Das
Pawlatschenhaus in seinem einfachen Typus mit an den Hoffassaden laufenden
Holzgängen, gefaßt von schmiedeeisernen Geländern und torbogenartigen
Verankerungen (z.B. am Spittelberg im 7. Bezirk zu sehen) und in seinem reicheren Typus mit in Arkaden laufenden Gängen, ist Ausdruck dafür. Handwerker und Kaufleute handeln zwar in ihrem Gwölb (Nestroy), doch die Kleinhändler vazieren in den Straßen und Höfen, wo sie die Waren mit ihren verschiedenen Kaufrufen anpreisen. Besen, Milch, Lavendel, auch die Abnehmer von Hausmüll gehören dazu, Raimunds Aschenmann z.B."
In "Wien - als Ausstellung betrachtet nach Zitaten von James Joyce",
Wien 1984
Theodor Kramer
Im Gäßchenviertel
Wo das Gewirr kurzer Gassen sich winklig verengt
und ihre Steinglut den Firnis der Schilder versengt,
schieben die Simse der uralten Häuser sich vor,
riechen die Mauern nach Schimmel, nach Essig das Tor.
Bucklig und mürb ist das Pflaster, die Läden sind klein,
eng sind die tiefen Gewölbe, erbärmlich der Wein;
fahl sind die Frauen, die über die Blechborde sehn,
wie die Reseden, die blühen und süßlich vergehn.
Immer sind aber die winzigen Schenken nie leer,
treibt es die Leute, die luftiger wohnen, noch her,
sind ihre Augen entzunden, die Ohren schon taub;
wer aus dem Staub kommt, liebt bis an sein Ende den Staub.
Schwarz sind die Scheiben vom Unrat der Fliegen verklebt;
aber dem Gast, der zu ihnen die Lider aufhebt,
greift es ans Herz, da er stumm seines eignen gedenkt:
was schon vergangen war, wird ihm aufs neue geschenkt.
Herb ist der Staub, der dem Seegras des Sofas entsteigt,
Staub, der den Gaumen ausdörrt, wenn der Abend sich neigt;
spachteldick deckt in der Wange die Schminke das Loch,
wie die Begierde sie schwindlig zum ersten Mal roch.
Schön tüncht die Gassen der blassen Begonien Schein;
andre sind breiter, gepantscht ist der saure Wein.
Groß ist die Stadt und verstaubt vor den Fenstern die Zier;
doch dem, der geht, schlägt das Herz und es schlägt ihm nur hier.
Aus der Sammlung "Buchsbaum im Lichthof" (1927-1938) in
"Gesammelte Gedichte, Band 3", Wien 1987.
Neues Leben im Grätzel
Heute zählen der Spittelberg und seine nähere Umgebung wohl zu den
begehrtesten (und daher wahrscheinlich auch teuersten) Wohngegenden in der
Wiener Innenstadt. Man nennt dieses Viertel auch gerne das "Dorf in der Stadt",
wenngleich sich hier unverhältnismäßig wesentlich mehr "Beiseln" befinden, als
dies ein normales Dorf verkraften könnte. Nur gibt es heute weit und breit keine
Freudenhäuser, auch keine Anbandellokale, keine schmuddligen Bars und
Nachtlokale mehr, sondern durchwegs von Studenten, Kulturinteressierten,
jungen Akademikern, sogenannten Auf- und Aussteigern und auch "braven
Bürgern" frequentierte "In"-Beiseln.
Aber halt! Aus einem kleinen Lokal der Spittelberggasse signalisiert rotes
Licht, das auf die Straße fällt, Halbseidenes. Ein Schildchen kündigt an: "The
first vienna art peep show". Der geile Voyeur tritt ein und wird enttäuscht, der
"wahre" Kunstfreund jedoch wird gewiß höchst erfreut sein. Im Stile einer Peep-
Show stellen T. Kuchazka Schmuck und Objekte, Michel Marrec Fotos aus. In
einem Begleittext wird der Besucher gewarnt: "Diese Ausstellung ist ein Protest
gegen die Art und Weise, wie und warum ´man´ heute Ausstellungen besucht.
Ein Teil der Besucher kommt, um sich mit Freunden zu treffen und ein wenig zu
plaudern. Für die gibt es heute Ohropax und Mundknebel..."
Es gibt jede Menge weiterer kleiner Galerien (eine der interessantesten und
engagiertesten dürfte wohl die "Galerie Reiffenstein, Spittelberggasse Nr. 28
sein, die trotz großer professioneller Führung in ihrem Programm nie in
vordergründigen Kommerz abgleitet, sondern mit großem Mut immer wieder
neue und relativ unbekannte Künstler präsentiert), Geschäfte, die Kunsthandwerk
oder Naturkost feilbieten, mit einem Wort - eine Gegend, die biedermeierliche
Sehnsüchte "nach besseren Zeiten" hochkommen lassen könnte denn hier ist
auch der Greißler immer noch nicht "ausgestorben". Auf den Gassen grüßen sich
die Leute, denn zumindest die "Einheimischen" scheinen einander zu kennen
(wogegen sich in den Wohnblocks der Randbezirke nicht einmal mehr die
Nachbarn kennen), und auffallend ist, daß es trotz der hohen Dichte an
Gastronomiebetrieben zwischen den Wirtsleuten ebenfalls in vielen Fällen gute
Beziehungen zu geben, ja, sogar Freundschaften zu geben scheint, denn die
Wirtsleut´ eines Lokals sind oft gute Gäste im Café nebenan und umgekehrt.
Aber trotz all des bunten Treibens ist der Spittelberg eine relativ ruhige Gegend
geblieben (mit Ausnahme der Zeit des "Spittelberger Weihnachtsmarktes"), die
zur Freude der Anrainer von Touristenhorden noch kaum entdeckt wurde. Trotz
der Vielzahl an Lokalen ist es auch an lauen Sommerabenden, an denen hunderte
Leute durch die Gäßchen schlendern und in den Schanigärten einkehren, immer
noch relativ ruhig, fehlt es an Lärm und Radau und Schickeria.
Der Theaterbezirk
Von 1888 - 1896 wurde an der Adresse Neustiftgasse 1 von Ferdinand Fellner
dem Jüngeren und Hermann Helmer das "Deutsche Volkstheater" erbaut. Die
Absicht bestand darin, eine echte Volksbühne, deren Publikum ohne ersichtliche
Rangunterschiede gleiche (bzw. ähnliche) Möglichkeiten des Besuches haben
sollte, zu schaffenn. Auf dem großflächigen Auditorium wurden zwei nach oben
ansteigende Parkettreihen errichtet, von denen auch von der letzten Reihe aus
gute Sicht auf die Bühne bestehen sollte. Das Haus ist heute im Besitz des
Österreichischen Gewerkschaftsbundes, geleitet wird es derzeit von "Prinzipalin"
Emmy Werner.
Im Renaissancetheater, Neubaugasse 36, spielt das "offiziöse" Theater der
Jugend (Kundenverkehr Neubaugasse 38). Es bietet Jugendlichen von der
Volksschule bis zur Hochschule und Lehrkräften auf Abonnentenbasis 5 - 15
Theater- und Konzertvorstellungen pro Spieljahr.
Galt diese Bühne noch bis vor wenigen Jahren als Negativbeispiel dafür, wie
man Kindern und Jugendlichen die Lust auf Theater abgewöhnt, hat sie derzeit,
seit der ehemalige Literaturverantwortliche der Stadt Wien, Dr. Reinhard Urbach
die Leitung des Hauses übernommen hat, mehr "Biß" und zeigt sich wesentlich
mutiger.
Mag aber auch sein, daß die rege Wiener Kindertheaterszene mit ihren zwar
mindersubventionierten, doch meistens spannenden und unkonventionellen
Produktionen die "beamteten" Theatermacher gehörig unter Druck gesetzt hatte.
Derzeit kann man jedenfalls mit dem Ergebnis des "Theater der Jugend"
zufrieden sein...
In der Seidengasse Nr. 13 wirkte bis Ende der 90er-Jahre nahezu 20 Jahre
lang mit unterschiedlichem Erfolg das "Dramatische Zentrum". Zahlreiche
Schauspieler, Autoren, Regisseure und andere Theaterarbeiter hatten hier die
Chance, zu lernen, oft auch ihr "Gesellenstück" vor einer an Theater
interessierten Öffentlichkeit auf die Bühne zu bringen. Ein Großteil der
sogenannten "Freien Theatergruppen", aber auch spätere "Stars" hatten hier
begonnen. Freilich, während der zwei bis drei letzten Jahre seines Bestehens war
das "Dramatische Zentrum" ziemlich inaktiv geworden. Es gab die üblichen
Querelen zwischen den Gruppen, abnehmendes Interesse von Seiten des
ehemaligen Leiters der Initiative, aufgrund andauernder Auseinandersetzungen
mit den Behörden (meist wegen zu weniger Subventionen) usw. usf. Doch
anstatt sich im Kulturamt oder Ministerium neue Konzepte zu überlegen, ließ
man das "Dramatische Zentrum" einfach "sanft entschlafen". Leider.
Ungewöhnlich für den Österreichischen Kulturbetrieb ist es, daß aus einer
Situation dennoch etwas Neues, Kreatives und Produktives entstehen kann.
Das Literaturhaus
Beim "1. Österreichischen Schriftstellerkongreß" (6. bis 8. März 1981) sagte
Bruno Kreisky in seiner äußerst knappen Begrüßung der Autoren kurz und
bündig: "Wenn Sie aber, meine Damen und Herren, etwas erreichen wollen,
dann kann ich Ihnen nur einen Rat geben: Organisieren Sie sich! Dann werden
Sie vieles von dem erreichen, was Sie sich vorstellen."
Gut gebrüllt, alter Löwe, doch je elender die Lebensverhältnisse von
Menschen sind, um so schwieriger ist es, sie von der Notwendigkeit einer
Organisation zu überzeugen. Trotzdem gelang es, von diesem
Schriftstellerkongreß ausgehend, die "Interessensgemeinschaft Österreichischer
Autoren" als relativ gut funktionierenden Dachverband der Vielzahl an
Autorengruppen und Schriftstellergruppen- oder Cliquen zu reaktivieren.
Einer dieser erreichten Erfolge (unter anderem der) IG Autoren war (und
bleibt) zweifellos die Errichtung des Literaturhauses in der Seidengasse 13, also
an jener Adresse, an der über lange Zeit das "Dramatische Zentrum" gewirkt
hatte. Es wurde nach der Neuadaptierung im September 1991 eröffnet.
Das Literaturhaus ist derzeit Heimstatt (wie man so sagt) nicht nur der IG
Autoren, sondern außerdem die Übersetzungsgemeinschaft, die Stückebörse,
außerdem beinhaltet es eine Osteuropa-Dokumentation-Abteilung, wo seit 1990
möglichst umfassend Bücher, Zeitungen und Zeitungsausschnitte gesammelt, die
kulturpolitischen Veränderungen in Osteuropa dokumentiert, aber auch Kontakte
zu Kulturschaffenden aus diesen Ländern hergestellt werden.
Die erst 1993 eingerichtete "Österreichische Exilbibliothek" dokumentiert die
österreichische Literatur des Exils und der Emigration seit 1933.
Die Dokumentationsstelle verwaltet eine (für jeden zugängliche) Bibliothek
mit 30.000 Büchern und 200 Zeitschriften. Die Zeitungsausschnittsammlung zur
österreichischen Literatur umfaßt derzeit über 550.000 Artikel und wächst
jährlich um etwa 20.000 neue Einheiten.
Außerdem werden hier Handschriften und Nachlässe, Teilnachlässe bzw.
Sammlungen von Autoren wie Boris Brainin, Hermann Broch, Theodor Kramer,
Jakov Lind, Robert Neumann, Joseph Roth, Ernst Waldinger, Franz Werfel und
vielen anderen aufbewahrt.
Besonders interessant und einmalig ist der Bestand selbst angefertigter und
mitgeschnittener Audio- und Videoaufnahmen (von denen die ersten aus den
60er-Jahren stammen).
Außer einer lebendigen Veranstaltungs- und Ausstellungstätigkeit, der
Herausgabe der Zeitschriften "Autorensolidarität" und "Ü wie übersetzen",
wurden im Haus bisher in der Reihe "Zirkular" mehr als 40 Publikationen, in
Dreijahresabständen das Handbuch "Literarisches Leben in Österreich" und
neuerdings ein Stückebörsekatalog herausgegeben.
In memoriam Jura Soyfer
In der Spittelberggasse 10-12 bewährt sich nun auch schon seit mehr als zehn
Jahren, trotz nicht enden wollender Querelen mit den Kulturbeamten von
Gemeinde und Ministerium und trotz Bettelbeträgen an öffentlichen
Subventionen, das Jura-Soyfer-Theater, das mit seinem Repertoire nicht nur an
den 1939 im Alter von 28 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus verstorbenen
Dichter und Dramatiker Jura Soyfer erinnert, sondern auch etwa Nestroy fern
jeder Volksdümmlichket präsentiert und immer noch versucht, jedem Zeitgeist
zuwider - politisches, politisierendes Theater zu machen. Es ist wohl typisch für
die Kulturpolitik Wiens, zeigt die Verlogenheit eines nur an diversen Ge- und
Bedenktagen praktizierten antifaschistischen Auftrages der Behörden, wenn
ausgerechnet das Theater, das an Jura Soyfer erinnert, von den offiziellen Stellen
sukzessive "ausgehungert" wird.
Jura Soyfer, geboren am 8. 12. 1912 in Charkow, Sohn russischer Emigranten,
wurde 1927/28 Mitglied der Sozialistischen Mittelschüler, 1929 beginnt er beim
politischen Kabarett der Sozialdemokratischen Partei mitzuarbeiten. 1930
erscheinen erste Texte im "Schulkampf" und in der "Arbeiter-Zeitung". 1931
maturiert Jura, inskribiert Deutsch und Geschichte an der Universität Wien, ab
Dezember des Jahres beginnt er regelmäßig in der "Arbeiter-Zeitung" zu
publizieren. 1932 "Tippeltour duch Deutschland"; Reportagen darüber (vor allem
über den Aufstieg der Nationalsozialisten) in der "Arbeiter-Zeitung". Im Februar
1934 ist auch Soyfer auf Seiten der Arbeiter zu kämpfen bereit, doch an seiner
Sammelstelle gibt es weder Waffen noch Instruktionen. Er schließt sich der
illegalen KPÖ an und beginnt sein Romanfragment "So starb eine Partei". 1936
werden seine Theaterstücke "Weltuntergang" und "Der Lechner Edi schaut ins
Paradies" im ABC und "Literatur am Naschmarkt" uraufgeführt. 1937 folgen die
Stücke "Astoria", "Vineta", "Broadway-Melodie 1492". Er wird wegen
kommunistischer Betätigung verhaftet und ins Landesgericht eingewiesen. Am
17.2. 1938 wird er aus dem Gefängnis entlassen und erlebt noch 25 Tage in
Freiheit. Am 13. 3. wird er an der Schweizer Grenze verhaftet und ins
Polizeigefängnis Innsbruck eingeliefert. Am 23. 6. 1938 wird er ins
Konzentrationslager Dachau überstellt (im Sommer entsteht sein berühmtes
"Dachau-Lied"). Im September 1938 wird er nach Buchenwald transportiert, wo
er als Leichenträger arbeiten muß. Bei dieser Tätigkeit infiziert er sich
schließlich und stirbt in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1939 an Typhus.
1947 publiziert einer der Verlage der KPÖ einen Auswahlband mit
Theaterstücken von Jura Soyfer, in den 60-er-Jahren wird ein weiterer
Auswahlband seiner Werke publiziert. Und dann wird er nahezu vergessen, bis
in der DDR eine Soyfer-Renaissance eingeleitet wird. Erst 1984 erscheint sein
Gesamtwerk im gewerkschaftseigenen "Europaverlag".
Theater m.b.H.
Wenn in Wien eine Bühne überhaupt noch die Bezeichnung "Kellertheater"
verdient, dann ist es ganz sicher die Theater m.b.H. in der Zieglergasse 25. Man
geht zunächst durch Haustor und Hauseingang und kommt in einen typischen
Haushof von Häusern aus der Jahrhundertwende. Dann steigt man eine enge
Treppe zum Theater hinab, tritt ein und ist doch überrascht über den geräumigen,
relativ hohen Bühnenraum.
Allerdings hat der Begriff "Kellertheater" den Beigeschmack des zwar
interessanten, engagierten, gut gemeinten, aber doch nicht ganz so
professionellen Theaters. Selbstbewußt informiert die Gruppe, die sich 1983
unter der Leitung von der Schauspielerin und Regisseurin Johanna Tomek und
dem Bühnen- und Kostümbildner Werner Schönolt zusammenfand:
Beweisen wollte man die Machbarkeit eines Theaters der engagiert-
provokanten Inhalte und raffiniert-klaren Form unter grundsätzlicher
Zuwendung zum Publikum.
1. Abgrenzung: gegenüber dem institutionellen (Klein- und Mittelbetrieb)
sowie dem nicht institutionellen Theater durch die Behauptung von
Professionalität.
2. Abgrenzung: gegenüber dem institutionellen Theater durch Engagement,
Flexibilität, Parteilichkeit.
3. Abgrenzung: gegenüber dem institutionellen Theater und gegenüber
theatralischen Randbereichen wie Performances, Collagen,
Nummernprogrammen durch Verbindlichkeit, Straffheit und Verzicht auf
selbstgefällige Attidüden.
Entschiedener als jedes österreichische Theater und jede freie Gruppe
engagiert sich das Theater m.b.H. für Gegenwartsdramatik. Alle bisherigen
Produktionen waren Ur- bzw. Erstaufführungen von Stücken zeitgenössischer
AutorInnen und wurden mit Prämien von Bund und Gemeinde ausgezeichnet...
... Das jeweilige Stück spielt die "Hauptrolle". Der Schwerpunkt liegt auf
Stücken, die dezidiert gegenwärtige Gesellschaftsverhältnisse analysieren.
Theater m.b.H. ist seinem Konzept, professionelles, engagiertes, politisches
Theater zu machen, beharrlich treu geblieben.
Seit 1989 arbeitet das Ensemble nun "im Keller", einem auch architektonisch
sehr klug angelegter Raum. Das dichte Programm beinhaltet Produktionen von
Ayschylos, H.C. Artmann, über Joseph Brodsky, Edward Bond, Gustav Ernst
oder Michael Köhlmeier bis Christoph Hein oder Christa Wolf. Mit großem Mut
wagt es die Gruppe aber auch, sich mit noch nicht so bekannten Autoren
auseinanderzusetzen, ihr Werk auf der Bühne zu realisieren.
Das Filmhaus
Die neueste kulturelle Einrichtung am Spittelberg ist nun das seit vielen
Jahren von den Filmschaffenden geforderte "Filmhaus". 1991/92 wurde es auf
Initiative des Österreichischen Filminstituts in einem revitalisierten Fabrikstrakt
im Gebäudekomplex Spittelberggasse, Schrankgasse, Stiftgasse eingerichtet. Ziel
des Hauses soll es nun sein, ein Zentrum für alle Bereiche - Produktion,
Förderung, Verwertung usw. - des österreichischen (ohnedies ziemlich
"unterentwickelten") Filmschaffens zu sein.
Auf rund 1.000 m2 sind nun in der ehemaligen "Osram"-Lampenfabrik
sämtliche, für den österreichischen Film relevanten Institutionen an einem Ort
zusammengefaßt. Zudem ist noch der Österreichische Kulturservice im Haus
untergebracht.
Außerdem gibt es einen Kinosaal (120 m2), der "alle Stückeln spielt":
Das FILMHAUS-KINO ist das einzige Kino in Österreich, das 35 mm- und 16
mm-Filme kontinuierlich mit seperatem Magnetton vorführen kann und zwar
derzeit auf bis zu zwei Bändern pro Akt, die direkt im Kinosaal gemischt werden
können. Die Projektionsfläche ist durch bewegliche Horizontal- und
Vertikalblenden begrenzt, es können also sämtliche Formate auf volle
Leinwandhöhe bzw - breite projiziert werden. Das Filmhaus-Kino wird als
qualitätsvolles Repertoirekino geführt, mit täglich mehrmals wechselndem
Programm, das Filme in Zusammenhänge stellt - Hommagen, Retrospektiven.
Tagsüber werden Rohschnittvorführungen, Festivalsichtungen und
Pressevorführungen stattfinden. Der Betreiber und Pächter ist das Wiener
Stadtkino.
Aus einem Filmhaus-Pressetext
Man darf auf die Versprechungen des 99-Sitze-Kinos bereits gespannt sein,
denn selbst auf die Güte des Popcorn-Automaten will der Betreiber, Fanz
Schwartz, achten: "Wir haben das, was es hier in Österreich gibt, ausprobiert -
da kannst du Stroh essen und wirst glücklicher. Ich brauche einen bestimmten
Mais, ich brauche ein bestimmtes Salz, und ich brauche ein bestimmtes Fett, war
die Antwort. Also das Popcorn, das wird toll..."
Aus Falter 41/94
All diese Vorankündigungen klingen vielversprechend und der Großteil der
österreichischen Filmschaffenden setzt große Hoffnungen in das Projekt. Doch
die Versäumnisse auf dem Gebiet der Filmförderungen während der letzten Jahre
(Jahrzehnte) waren wohl so groß, daß jene Produktivität der Zwischenkriegszeit,
als von 1918 - 1930 in Österreich über 700 Filme produziert wurden, nur schwer
wieder erreicht werden wird.
Amerlinghaus
Als sich in den 70er-Jahren Architekten, Künstler und Altstadtfans zur
"Interessensgemeinschaft Spittelberg" mit dem Anliegen, den kostbaren
Altbaubestand des Spittelberges vor der Spitzhacke zu retten,
zusammenschlossen, war es von anfang an eine Absicht der Gruppe, mit ihrem
Engagement nicht eine fragwürdige Altstadtrevtilasierung einzuleiten, wie es die
Gemeinde Wien einige Jahre zuvor bei der Instandsetzung des Blutgassenviertels
in der Innenstadt vorexiziert hatte. Aus der Blutgasse und Umgebung hatten die
Stadtväter nämlich eine teure Luxusghettosanierung durchgeführt, um
Millionären schönen Wohnraum in einem hübschen Teil der Stadt in Citylage zu
verschaffen.
Um einer derartigen Entwicklung von vorneherein entgegenzuwirken,
entwickelte sich rasch die Idee, im Wohnviertel gleichzeitig "ein Haus für alle",
ein lebendiges Kommunikations- und Kulturzentrum zu fordern.
Um diese Forderung besser gegenüber der Stadtverwaltung durchsetzen zu
können, lud man im Sommer 1975 im leerstehenden, desolaten Haus "Zu den
drei Herzen", dem Geburtshaus des Biedermeiermalers Friedrich Amerling
(1803-1887), zu einem viertägigen Fest, das dann von etwa dreitausend
Menschen besucht wurde. Im Anschluß an das Fest wird das Haus besetzt. Doch
die Reaktion der Öffentlichkeit (Medien, Nachbarschaft) ist durchwegs positiv.
Nach einer Woche nimmt die Stadtverwaltung die Verhandlungen mit der IG
Spittelberg über eine zukünftige Nutzung des Gebäudes auf.
Im April 1978 wird das renovierte Amerlinghaus,Stiftgasse 8, offiziell in
Betrieb genommen. Im Spätherbst 1980 kommt es zu einer neuerlichen
"Besetzung" durch Teile der sogenannten Burggartenbewegung. Die
Jugendlichen kritisieren Mängel des Selbstverwaltungskonzeptes des Hauses,
können aber gleichzeitig keine praktikablen Alternativen entwickeln.
Dennoch wird im Anschluß ein neues Modell einer
"Mitarbeiterselbstverwaltung" erarbeitet, das, mit geringen Abänderungen, noch
bis heute funktioniert. Seither gibt es im Vereinsvorstand auch keinen Vertreter
der Gemeinde mehr. Dies bleibt auch ein ständiges Argument der bürgerlichen
Parteien, um die Initiativen des Amerlinghauses finanziell "ausbluten" zu lassen.
Schon seit Jahren bleiben die Gemeindesubventionen eingefroren, was in der
Realität einer jährlichen Budgetkürzung gleichkommt.
Heute kritisiert man am Haus einerseits, daß seine Aktivitäten bereits zu
etabliert wären, andere argwöhnen den Platz noch immer als Ausgangspunkt
gefährlicher Subkulturen: "Alle haben recht... Gleichgeblieben ist die
Überzeugung von der Notwendigkeit, alternativer gesellschaftlicher und
kulturpolitischer Strategien und Projekte und daß es Plätze geben muß, an denen
sich solche entwickeln können..." (Pressetext Amerlinghaus)
Angelo Soliman
Das Haus "Zum Mohren" soll laut Traude Neisser, der Wirtin des Café "Zum
Schwarzen Mohren", angeblich an seinen ehemaligen Besitzer, Angelo Soliman
erinnern, einen Mann, der, obwohl er lange Zeit Sklave (oder Diener)
österreichischer Adeliger gewesen war, es dennoch zu erstaunlicher Berühmtheit
und auch ansehnlichem Wohlstand gebracht habe.
Über ihn berichtet der Bibliothekar und Schriftsteller Konstantin Wurzbach
(1818 - 1893) in seinem 60-bändigen "Biographisches Lexikon des Kaisertums
Österreich":
"... geboren im Lande Pangusitlong in Afrika im Jahre 1720, gestorben zu
Wien 21. November 1796".
Nach anderen Quellen sei Soliman 1721, 1725 oder 1726 geboren,
wahrscheinlich im Land der Gallas im heutigen Äthiopien.
Angelo Solimans abenteuerliches Leben allein wäre außerordentlich genug,
um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden, doch die traurige Groteske, die
um ihn nach seinem Tod geschah, war beispielsweise für einen Herzmanovsky-
Orlando der Stoff, um darüber sogar ein Lustspiel (?!) zu schreiben. Solimans
Schicksal ist eine Geschichte des ganz normalen Rassismus und der
Menschenverachtung, wie sie als Tradition in dieser Stadt und in diesem Land
leider als üble Tradition bis heute ungebrochen fortlebt.
Laut Wurzbach war Soliman der Sohn eines afrikanischen Fürsten aus dem
Geschlecht der Mmadi Make. Als er sieben Jahre alt war, wurde sein Dorf von
einem verfeindeten Stamm überfallen, die Eltern getötet und er selbst als Sklave
verkauft.
Nach einer Odyssee durch verschiedene Länder und Häuser landete er als
Geschenk einer reichen Marquise aus Messina, die ihn wiederum von einem
Sklavenhändler erworben hatte, schließlich als Page beim Fürsten Johann Georg
Christian Lobkowitz, der von 1729 bis 1732 als General-Feldwachtmeister der
Österreichischen Truppen in Italien stationiert war. 1732 war er Gouverneur von
Sizilien und verteidigte 1733 Messina volle sieben Jahre lang gegen die
spanischen Belagerer.
Es ist anzunehmen, daß der junge Mann bei seiner (wahrscheinlich
zwangsweisen) Taufe auch seinen neuen Familiennamen - Soliman - verpaßt
erhielt. Wohl als späte Revanche gegen Sultan Soliman II., der 1529 ein
gewaltiges Heer von 300.000 Mann gegen Wien geführt hatte und, trotz der nicht
einmal 20.000 wehrfähigen Stadtverteidiger, nach ein paar Wochen Belagerung
wieder den Rückzug antreten mußte. Einem jungen schwarzen Sklaven nun den
Namen des geschlagenen Sultans zu geben, war wohl eine nachträgliche
Verhöhnung des berühmten türkischen Herrschers, so wie es überhaupt "zum
guten Ton" des versnobten Adels gehörte, wenn möglich einen "Hausmohren" zu
holen, mit dem man in der Öffentlichkeit stets großes Aufsehen erregen konnte.
Wurzbach beschreibt Soliman als
"...von mittlerer Größe, schlank und schön gebaut und selbst seine
Gesichtszüge besaßen eine sonst Negern nicht eigene Schönheit..."
Wurzbach weiter: "... So wuchs er im Hause des Fürsten heran, war sein
steter Begleiter auf Reisen und im Felde, kämpfte in Schlachten heldenmüthig an
des Fürsten Seite, und trug denselben, wenn er im Kampfe verwundet worden,
auf seinen Schultern aus dem Schlachtgetümmel. So bildete sich Soliman bald
zum tapferen Krieger und erfahrenen Officier..."
Als Lobkowitz 1755 starb, ging Soliman testamentarisch, obwohl in der
K.u.K-Monarchie keine Leibeigenschaft mehr herrschte, an den Fürsten Joseph
Wenzel Liechtenstein als Kammerdiener und "hochfürstlicher Liechtensteinscher
Hausoffizier" über "und wurde mittelbar Schutzgeist der Unglücklichen und
Bedrängten, deren Bittgesuche und Memoranden er jederzeit dem Fürsten
vorlegte und, während er für sich selbst nie etwas bat, seine Bitten auf das
wärmste für fremdes Unglück einlegte..." (Wurzbach).
Nachdem er sich gegen den Willen des Fürsten mit einer Bürgerlichen, der
verwitweten Frau von Christiani, geborene Kellermann, am 6. Februar 1768 in
der Stephanskirche verheiratet hatte, wurde er ob dieses "Ungehorsams" sofort
aus dem Adelshaushalt entlassen, obwohl es einen Zusatz zur Eintragung im
Standesregister folgenden Inhaltes (in latein) gegeben hatte: "Diese Ehe darf auf
Anweisung des Kardinalerzbischofs niemandem mitgeteilt werden."
Im Trauungsbuch war eingetragen worden:
"Der Wohledle Herr Angelo Soliman, Mohr in Diensten des durchlauchtigsten
Fürsten Wenzel von Liechtenstein, geboren in Africa von nichtkatholischen
Eltern; er selbst ist Katholik und ledig ... Der Gatte beschwor außerdem, daß er
kein Sklave sei..."
Der Buchautorin und Tratschtante des Hofes, Karoline Pichler (1769 - 1843),
zufolge, aber auch bei Solimans Biographen Wilhelm Bauer, könnte man sowohl
bei Lobkowitz, als auch bei Wenzel Liechtenstein homoerotische Interessen an
Soliman für nicht ausgeschlossen halten:
"Prinz Lobkowitz ... fühlte ebenfalls eine innige Neigung gegen den
liebenswürdigen Knaben. Er bat die Marquise wiederholt, ihm den Negerpagen
zu überlassen. Ihre Liebe zu Angelo stritt lange mit der Klugheit, die ihr riet,
sich dem kaiserlichen General durch dieses Geschenk zu verbinden."
In diesem Zusammenhang wirkt Angelos Entlassung aus dem Dienst wie eine
Rache aus Eifersucht. Karoline Pichler:
"Kaiser Joseph, der sehr viel Anteil an Angelos Schicksal nahm und ihn
öffentlich auszeichnete, indem er mehr als einmal auf Spaziergängen sich an
seinen Arm hing, verriet eines Tages, ohne die Folgen zu ahnen, Angelos
Geheimnis an den Fürsten. Dieser ließ ihn alsbald rufen, stellte ihn zur Rede,
und als Angelo nicht leugnete, daß er verheiratet sei, kündigte er ihm die
Verbannung aus seinem Haus an und strich ihn gleichfalls aus seinem Testament
aus..."
(In der Zeitschrift "Das Tribunal" Nr. 108, 1926 gibt es einen Artikel mit dem
Titel "Kaiser Josephs schwarzer Freund"; im Prager Tagblatt vom 30. 10. 1931
eine Geschichte mit dem Titel "Ein Neger - Mozarts Freund").
Es gibt in den Unterlagen zur Lebensgeschichte Solimans immer wieder
Hinweise darauf, daß Angelo leidenschaftlicher und außerdem ausgezeichneter
(Schach-) Spieler gewesen sein soll. Und so soll er bei der Krönung Joseph II. in
Frankfurt am Main 1765 (in allen Unterlagen zu Soliman wird als Krönungsjahr
beharrlich 1764 angegeben) mit dabei gewesen sein und bei einem Spiel 20.000
Dukaten gewonnen haben.
Dieses Vermögen soll nun die ökonomische Basis dafür gewesen sein, seiner
Frau Magdalena am 15. 7. 1768 die Bauparzelle für das später entstandene
"Mohrenhaus" im 3. Wiener Gemeindebezirk "bei den Weißgerbern" (damals
lautete die Adresse Kirchengasse, heute Löwengasse) zu kaufen. Soliman lebte
als relativ junger Pensionist, ging viel spazieren, widmete sich hauptsächlich
Gartenarbeiten und der Betreuung seiner Weinfelder. Aber schon im Jahr 1778
mußte das Haus wegen der großen finanziellen Probleme der Familie wieder
verkauft werden.
1779 wurde die Tochter der Solimans, Josephine, geboren.
Nach dem Tod des kinderlosen Joseph Wenzels (1781) stellte dessen Neffe
und Erbe, Franz Joseph Liechtenstein, Soliman gegen ein ansehnliches
Jahresgehalt wieder ein. Er hatte nun die Aufgabe, den Sohn des Fürsten, Alois,
zu unterrichten. Unter anderem sprach Soliman angeblich perfekt französisch,
italienisch und deutsch, hatte außerdem Latein- und Englischkenntnisse.
(Es stellt sich die bisher ungeklärte Frage, wo die Familie Soliman zwischen
1778 und 1781 gewohnt hat: Vielleicht Burggasse 19, dem "Haus zum
Schwarzen Mohren"?)
1783 wurde Angelo Soliman in die Freimaurerloge "Zur wahren Eintracht"
aufgenommen, deren Mitglieder Persönlichkeiten wie Ignaz Edler von Born
(Mineraloge, 1742 - 1781), der Forscher, Politiker und Literat Georg Friedrich
Forster (1754 - 1795), der Arzt und Reformer des österreichischen
Sanitätswesen, Johann Peter Frank (1745 - 1821), die Musiker und Komponisten
Josef Haydn und Leopold Mozart, der Maler und Kupferstecher Jakob
Schmutzer oder der Universitätsprofessor, Humanist und Journalist Josef von
Sonnenfels (1732 - 1817) waren. Auch der Kaiser hielt gute Beziehungen zu den
Freimaurern, von denen er etliche Ideen für seine Reformpläne übernahm. Für
die Loge war die Aufnahme Solimans wohl ein Zeichen ihrer
Toleranzbereitschaft und Humanität gewesen.
Zu jener Zeit, spätestens nachdem in Deutschland Friedrich der Große in
Hamburg 1737 in eine Freimaurerloge aufgenommen worden war, und diesem
Beispiel auch andere Monarchen, Adelige, vor allem Intellektuelle und sogar
religiöse Würdenträger gefolgt waren, bedeutete die Mitgliedschaft in einer
Freimaurer-Loge gleichzeitig gesellschaftliche Anerkennung, zu der es jedoch -
wie im folgenden Kapitel beschrieben wird - weiterhin einigen Mutes bedurfte.
Am 18. 9. 1786 starb Solimans Gattin Magdalena im Alter von 52 Jahren an
"Faulfieber und Nierenverschwürung" im Haus Herrengasse 130. An dieser
Adresse soll damals das Palais der Liechtensteins gewesen sein. Andererseits
trug die heutige Neustiftgasse damals zwischen Glacis und Kirchengasse den
Namen Herrengasse.
1791 übersiedelte Soliman zusammen mit seiner Tochter in das Haus der
Liechtensteins, Freyung 165. Am 21. November 1796 starb Angelo Soliman an
einem Schlaganfall auf offener Straße. Als letzte Adresse wird angegeben:
Freyung 165 (heute das HausFreyung 9, in dem das Kunstforum untergebracht
ist). Er hinterließ seine Tochter Josefa, die den Sudhüttenmeister Eduard Freiherr
von Feuchtersleben in Aussee geheiratet hatte. Er war der Stiefbruder des zu
seiner Zeit berühmten Philosophen und Poeten Ernst von Feuchtersleben (der
sich wegen der Niederschlagung der Märzrevolution 1848 das Leben nahm).
Laut "Sperrs=Relation, Toden=Fall" hinterließ Soliman bei seinem Tod 35
Gulden an Bargeld, Hausgerät im Wert von 68 Gulden, 3 Kaftane und einen
Überrock. Er hinterließ weder Haus noch Grundstück. Demgegenüber Schulden
bei verschiedenen Leuten: einmal 300 Gulden; 50 Gulden und einige weitere
kleinere Beträge (Spielschulden?).
Es gibt mittlerweile auch die Spekulation, daß Soliman schon zur damaligen
Zeit (als das nicht selbstverständlich war) seinen Leichnam seinem Freund aus
der Freimaurerloge, Hofrat von Mayer, seit 1795 Direktor des Allgemeinen
Krankenhauses, zwecks anatomischer Experimente als Gegenleistung von
offenen Schulden überlassen wollte.
Obwohl es auch immer wieder vom Kaiser Franz II. Bemühungen gab,
Soliman wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten in seinen Dienst zu
bekommen, sah er jedoch in ihm scheinbar in erster Linie bloß einen exotischen
Abkömmling einer fremden "Rasse". Und dieser Umstand war es dann auch, daß
es für Angelo Soliman nach seinem Tod noch ein halbes Jahrhundert lang keine
"Ruhe in Frieden" geben sollte. Denn Franz II., der in seiner Politik zunächst im
Kampf gegen mögliche "jakobische Revolutionen" eine seiner Hauptaufgaben
sah, fühlte sich nach seinem Verständnis auch zur "Förderung der Wissenschaft"
berufen (durchaus im Begreifen von "Wissenschaft" von vielen "Gelehrten" jener
Zeit).
Exkurs: Franz II. und seine Angst vor der Revolution
Nach der Zeit des aufgeklärten Absolutisten Kaiser Joseph II. (1765 - 1790)
und dem kurzen Intermezzo Leopolds II. (1790 - 1792), dem "hochbefähigten
Herrscher", der "durch seine kluge Politik die Monarchie vor der drohenden
Auflösung bewahrt und ihren Bestand aufs neue gesichert" hatte (Erich Zöllner,
Das Werden Österreichs, Wien 1975, S. 174) folgte nun die restaurative Ära
Franz II. (1792 - 1835).
Das Mitglied der Freimaurer, Angelo Soliman, war in seinem 73. Lebensjahr,
als Franz II. die Krone übernahm.
Alle "geheimen Verbrüderungen, die von "aufgeklärten Geistern" sehr gerne
besuchten Freimaurerlogen, und sonstigen derartigen Zusammenkünfte wurden
von der Polizei nachdrücklich überwacht. Wenn auch die Teilnehmer, oft
angesehene Bürger und Adelige, im einzelnen keinen Verdacht erweckten, so
blieb doch nicht unbekant, daß dort über die politischen und sozialen
Verhältnisse, auch des eigenen Landes, ein reger Gedankenaustausch stattfand.
Am Anfang der 90er-Jahren kam es zwar einige Male zu Verhaftungen, doch
konnte in keinem Falle glaubwürdig nachgewiesen werden, daß es sich
tatsächlich um staatsgefährdende Umtriebe gehandelt hatte.
In diesen Jahren nahm die Bevölkerung Wiens stetig zu, ein Umstand, der der
Regierung mißfiel, weil er nur verstärkter Zuwanderung zuzuschreiben war (in
den neunziger Jahren französische Emigranten, später vor allem proletarische
Elemente, die vom Land in die Fabriken strömten). Der Polizeichef sah in der
Steigerung der Einwohnerzahl lediglich eine Ansammlung von Gesindel, das
man unter militärischem Druck halten mußte, wollte man nicht ebenfalls eine
Revolution heraufbeschwören. Unter dem Eindruck solcher Überlegungen
wurden auf wirtschaftlichem Gebiet Maßnahmen getroffen, die sich in keiner
Weise begründen ließen.
Die Furcht der Staatsgewalt vor den "Jakobinern" ist nur schwer verständlich,
weil sich an verschiedenen Beispielen immer wieder zeigte, daß die Anhänger
der Lehren der Französischen Revolution - wenn man ihr Vorhandensein schon
zugeben will - gegenüber der Masse loyaler Staatsbürger eine verschwindende
Minderheit bildeten. Vor allem fehlte eine umfassende Organisation, mangelte es
an revolutionärer Propaganda. Aber es war ein so umfangreicher Polizeiapparat
ins Leben gerufen worden, die Zensur begann immer unduldsamer zu werden
und die öffentliche Meinung war derart aufgeputscht, daß man endlich die immer
wieder ausgesprochenen Befürchtungen durch eine Verhaftungswelle
rechtfertigen mußte.
So wurde im Sommer 1974 bekanntgegeben, daß es gelungen sei, eine
weitverzweigte umstürzlerische Organisation aufzudecken.
Hebenstreits Tod
Die bekanntesten Namen der im Sommer verhafteten "Aufwiegler" und als
umstürzlerische Jakobiner Verdächtigten waren der Polizeioberleutnant Franz
von Hebenstreit und der Magistratsrat Josef Prandstätter. Außerdem Professor
Andreas Freiherr von Riedel, der kaiserliche Rat Franz Gotthardy, der Direktor
der Tierärztlichen Hochschule Professor Gottlieb Wolstein, der Kaufmann Josef
Hackel und der junge Graf Hohenwart und ein Verwandter des Wiener
Erzbischofs.
Hinter solchen Namen würde man wohl kaum Aufstand und Revolution
vermuten, mag aber sein, daß die Verhafteten Mitglieder einer Freimaurer-Loge,
oder vielleicht auch nur einer Diskussionsrunde waren, die Kritik an den
veränderten Verhältnissen übte.
Der Prozeß dauerte mehrere Monate lang, ohne daß die Bevölkerung konkret
darüber informiert wurde, wessen man die Gruppe überhaupt beschuldigte.
Schließlich wurden die Urteile gefällt:
Franz von Hebenstreit wurde als angeblicher "Rädelsführer" der Gruppe zum
Tod durch den Strang verurteilt.
Alle anderen wurden - teils zu jahrzehntelangen - Kerkerstrafen verurteilt.
In der Öffentlichkeit war man über die ungewohnte Härte des Strafausmaßes
überrascht. Immerhin war unter Joseph II. die Todesstrafe offiziell abgeschafft
worden: Die Strafe wurde bloß als "Abschreckung" und Warnung gegenüber der
Bevölkerung, sich irgendwie zu organisieren, verstanden.
Als die Verhafteten auf dem Hof am Pranger standen, zeigte es sich, daß sie
sicher keinen Anhang unter den Wienern hatten, denn keinerlei
Sympathiekundgebungen erfolgten. In einer derart lethargischen Atmosphäre,
wie sich das Wien des Franz II. darbot, war keine reale Gefahr für eine mögliche
Erhebung (durch die Unterprivilegierten) abzusehen.
Allerdings nahmen kritische Stimmen gegen die Art der Prozeßführung und
gegen die Verurteilung zu. Immer mehr wurde erkannt, daß es sich bei dieser
repressiven Demonstration durch die Polizeigewalt nur um ein Politikum
gehandelt haben konnte.
Aber all diese kritischen Stimmen waren zu schwach, um die Ausbreitung des
Spitzelsystems rechtzeitig zu verhindern, das bald das gesamte politische,
wirtschaftliche und kulturelle Leben der nachjosephinischen Zeit in sämtlichen
Bereichen durchdrang.
Zudem drohte aus dem Westen bald ein neuer, ungemein gefährlicher Feind
auf seinem scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug durch Europa, der schon bald
Wien und das Habsburgerreich überrennen wird: Napoleon Bonaparte.
Doch zu diesem Zeitpunkt war Angelo Solimans grausiges Schicksal längst
besiegelt - und war böse Wirklichkeit geworden...
Abgehäutet, ausgestopft und ausgestellt
Wurzbach: "So geachtet Soliman im Leben war, so konnte er im Tode doch
nicht einem den Menschen an und für sich entwürdigenden Schicksal entgehen.
Er wurde nämlich ausgestopft und plastisch in seiner natürlichen Gestalt im
Wiener Naturhistorischen Museum aufgestellt, wo er im vierten Stockwerke in
einer besonderen, nicht Jedermann zugänglichen Localität zu sehen war..."
Auf Wunsch und Befehl von Kaiser Franz II. wurde die Leiche Angelo
Solimans nach seinem Tod, durch eine (bislang nicht eruierbare) List in seinen
Besitz gebracht und gegen die - vom Erzbischof Wiens und anderen geistlichen
Würdenträgern unterstützten - Proteste der Familie, dem Bildhauer Franz Thaller
übergeben, damit er den Toten in einer Wagenremise des K.u.K.-
Hofbibliotheksgebäude für des Kaisers naturwissenschaftliche Sammlung
ausstopfe. Wenn man Herzmanovsky-Orlando glauben wollte, wäre Soliman
sogar noch zu seinen Lebenszeiten von den Plänen des Kaisers über seine spätere
"Verwendung" informiert gewesen, und hätte noch selbst alles in seiner Macht
stehende zu unternehmen versucht, sei sogar zum Papst nach Rom gepilgert, um
dies zu verhindern. Er blieb mit seinen zahlreichen Interventionen bekanntlich
jedoch erfolglos.
Soliman wurde "nackt mit einem Federgürtel um den Lenden", übrigens
zusammen mit drei anderen ausgestopften Menschen, unter der Bezeichnung
"Repräsentaten des Menschengeschlechts" ausgestellt. Der Direktor des
Naturalienkabinetts Abbé Simon von Eberle ließ auch den verstorbenen Mulatten
Pietro Michaela Angiola, der, in der kaiserlichen Menagerie von Schönbrunn
Tierwärter war, durch den Präparator Filippo Agnello ausstopfen.
Der mit 38 Jahren im Spital der Barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt
1808 verstorbene schwarze Gärtner Josef Hammer wurde durch den Bildhauer
Wimmer für des Kaisers Sammlerleidenschaft ebenfalls "über Holz gespannt"
und vom bekannten Wiener Anatom Fitzinger als "eine der vollendetsten
Leistungen dieser Art" gelobt. Fitzinger über den Bildhauer Thaller: "Seine
Leistung übertraf jede Erwartung, denn Gestalt sowohl als Gesichtszüge waren
ein getreues Abbild des lebenden Originals, von welchem Thaller unmittelbar
nach dem Tode einen Gipsabzug genommen hatte."
1798 schenkte Maria Caroline, Königin von Neapel, ein ausgestopftes
sechsjähriges Mädchen dieser makabren Sammlung, die neben einem
Wasserschwein und mehreren Sumpfvögeln dem schaulustigen Publikum gezeigt
wurde.
Im Verlauf der Revolutionsereignisse von 1848 geriet das Dach der
Augustinerkirche am 31. Oktober in Brand; das Feuer griff auf den Dachstuhl
des anschließenden Naturalienkabinettes über und vernichtete es. Im
Brandrapport über die "sehr erheblichen Verluste" werden auch die "vier
menschlichen Stopfpräparate" erwähnt.
Die große Frage, wie die Leute des Franz II. in den Besitz der Leichnams
Angelo Solimans gekommen sind, bleibt bis heute unbeantwortet. Man weiß, daß
Solimans Tochter den pietätlosen Plan des Kaisers um jeden Preis vereiteln
wollte. Eine äußerst makabre Erklärung dafür, wie die Leute des Herrsches an
sich gebracht hätten, bietet ein "Volksstimme"-Artikel aus dem Jahr 1983, in
dem die "Grätzer Zeitung vom 9. Dezember 1796 zitiert wird:
"In der verflossenen Woche sollte der verstorbene Mohr, Angelo Soliman,
ausgegraben und für das Naturalienkabinett, seiner Schönheit wegen
ausgeschoppt werden... Es wurde aber keine Leiche gefunden. Das Weib des
Totengräber sagte aus, sie hätte den Schwarzen, mit zwey Fackeln in der Hand,
zur Mitternachtszeit über die Gottesacker-Mauer springen sehen..."
Soliman dürfte also zunächst wirklich begraben worden sein. Demzufolge
wäre dann wenige Tage später das Grab geöffnet worden sein, um an seinen
Leichnam zu können. Der Kaiser als Leichenfledderer.
Diskussion an der Theke über Mumien
"Wer sagt denn, daß das Ausstopfen und Ausstellen des Soliman als eine
Pietätlosigkeit gedacht war?" gibt ein Stammgast im "Café zum Schwarzen
Mohren" zu bedenken: "Haben sich nicht auch die Habsburgerischen Herrscher
mumifizieren lassen, und auch wenn sie als Tote nicht zu sehen sind, bleiben sie
ja irgendwie bis heute noch in der Kapuzinergruft ausgestellt. Kann es nicht sein,
daß man dem Soliman, nach damaliger Ansicht, durch diese Präparation
eigentlich zu einem ´ewigen Leben auf Erden´ verhelfen wollte? Ist die Technik
und Durchführung des Mumifizierens nicht in vielen Kulturen - bis in unser
Jahrhundert - ein Zeichen des Respekts und der Hochachtung gegenüber dem
Verstorbenen gewesen? Und andererseits: ist das Ausstellen der
blutdurchtränkten Kleidungsstücke des Franz-Ferdinand im Wiener Arsenal
pietätvoll? Was empfinden Touristen anderes als Sensationslust, wenn sie die
mumifizierten Leichen in der Michaelergruft begaffen?"
Zweifellos ist der Kult des Konservierens von Toten für eine ferne Nachwelt,
in der es einer entwickelten Medizin vielleicht sogar möglich sein könnte, Tote
ins Leben zurückzuholen, bis in unsere, angeblich aufgeklärte Zeit erhalten
geblieben.
Während Genosse Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin (1870-1924) vor
seinem Tod nicht ahnte, daß seine äußere Hülle bis in die heutigen Tage als
Ausstellungsstück erhalten bleiben sollte, planten diese Möglichkeit des "der
Nachwelt ewig Verbleibens" sowohl sein Nachfolger Josef W. Dshugaschwili,
genannt Stalin (1879-1953) als auch sein chinesischer Schüler Mao Zedong.
Den Traum vom "ewigen Leben" auf Erden hegen heute noch alljährlich
tausende US-Amerikaner, die sich um teures Geld eingefroren in Spezialsärgen
aufbewahren lassen, aber auch etwa 300 Österreicher werden nach ihrem Tod
konserviert und in Spezialsärgen in Gruften bestattet.
Als im Falle Solimans seinerzeit das fürsterzbischöfliche Konsistorium, nach
wütendenen Interventionen von Tochter Josepha Soliman, mit einer Petition
gegen die Zurschaustellung des Opfers protestierte, dann nur deshalb, weil es
wegen der öffentlichen Ausstellung nackter Haut und deren Wirkung auf Sitte
und Moral besorgt war: "Es ist bei kultivierten Völkern allgemein Sitte, ja, der
Wohlstand und die Schamhaftigkeit fordern es, daß die Blöße menschlichen
Körpers dem Auge nicht bloßgestellt, sondern im Leben von Kleidern, nach dem
Tode aber von der Erde bedeckt wird..." und wetterte gegen die "Befriedigung
des lüsternen Auges und die Neugier, die durch die Aufstellung eines Mohren als
einer schönen Rarität erzielt werden soll..."
"Objekt" der Kunst, Literatur und Werbung
Angelo Soliman muß zu seiner Zeit in Wien in vieler Hinsicht eine
"Sensation" gewesen sein, und bot daher Anlaß für Legendenbildungen,
Gerüchte und war erst recht ein begehrtes Motiv für Kulturschaffende. Er wurde
von mehreren Künstlern seiner Zeit abgebildet. Der Journalist Malte Olschewski
in "wien aktuell (1/2, 1977):
"Es muß also um das Jahr 1755 gewesen sein, als Angelo seinen Dienst im
Haus Liechtenstein antrat. Die Chronisten sind sich nicht einig, welcher Dienst
das nun eigentlich war... Liechtenstein war eine Art Altwiener Snob. Wenzel fand
es schick und als "dernier cri", wenn in der hohen Gesellschaft ein schwarzer
Kammerdiener um ihn herumscharwenzelte. Somit hielt er sich Angelo als
Modeartikel, als Marotte. Es war damals ganz einfach "in", einen
Kammermohren zu haben. Und so taucht Angelo Soliman auch auf etlichen
Ölgemälden auf, die das Haus Liechtenstein in Auftrag gab. Einmal ein feuriges
Pferd bändigend, das andere Mal mit einem Stock über den Platz am Hof gehend
und das dritte Mal, von Canaletto gemalt, seinem Herrn vor dem Palais
Liechtenstein Limonade servierend..."
Der italienische Vedutenmaler Canaletto der Jüngere (eigentlich Bernardo
Bellotto, 1720 - 1780), der sich zu jener Zeit in Wien aufgehalten hatte (bevor er
nach Dresden als Hofmaler übersiedelte), schuf um 1760 mit dem oben
genannten Werk ein eher dilettantisch gemaltes Bild: Rechts im Vordergrund
steht Soliman in unterwürfiger Haltung, bewundernd und scheu zu seinem Herrn
aufblickend. Er bietet ihm auf einem Tablett Getränke an. Obwohl er damals um
die 40 Jahre alt gewesen sein mußte, wirkt er wie ein kleines, schmächtiges
Kind, das Wenzel an Größe nicht einmal bis an die Brust reicht. Sein Kopf ist
mit einem Turban bedeckt, das Gesicht im Profil ein dunkler Fleck, aus dem
wulstige Lippen auch farblich hervorstechen. Soliman wirft auf dem Bild nicht
einmal einen Schatten. Die Schatten des übrigen Szenarios im
Liechtensteinschen Skulpturengarten sind je nach Figur unterschiedlich gemalt,
so als ob sie während eines ganzen Tagesablaufes je nach Stand der Sonne
hingeworfen worden wären. Wenzels Schatten dürfte am Vormittag, die Schatten
der vor ihm Männchen machenden Spiel-Hündchen am frühen Nachmittag
gemalt worden sein. Die Figuren des Skulpturengartens im Hintergrund haben
lange Schatten der Abendsonne usw.
Fürst Wenzel Liechtenstein hat auf dem Bild einen wuchtigen Körper, der auf
unverhältnismäßig schlanken Füßen steht, sein Kopf wirkt abnormal klein, die
Arme etwas zu kurz geraten. Arrogant, herrschsüchtig und eitel blickt er vom
Soliman weg, weist mit einem undefinierbaren kurzen Stab in eine Richtung
(oder ferne Schlacht aus seiner Erinnerung?) - und man ahnt nicht, was er sieht,
wem er eigentlich etwas zeigen will. Doch nicht dem Soliman! Vielleicht den
beiden Hündchen?
Die in Zeitungsartikeln am meisten verwendete Darstellung Solimans ist ein
Schabblatt von Johann Gottfried Haid (44 x 31,4 cm, entstanden um 1750), ein
naturalistisches Portrait eines jungen Mannes in Herrscherpose und wieder mit
Turban (im Hintergrund Pyramiden!).
Die populärste Abbildung des "Diener und kaffeebraunen" Soliman begegnet
uns noch heute im Alltag des Stadtbildes: Eine ehemalige Kaffeefirma, heute ein
internationaler Lebensmittelkonzern und gleichnamige Bank, wählte schon im
vergangenen Jahrhundert seine Figur, um mit dem "typischen" Profil eines
Afrikanerjungen, das auch heute immer noch werbewirksame Firmenemblem zu
kreieren. Derzeit läuft von dieser Firma eine Fernsehwerbung, auf der ein
Schwarzer aus Papier auf Pappkarton affichiert, fast in gleich demütiger Haltung
wie auf Canalettos Bild, einem bekannten Schauspieler Kaffee darbietet...
Die Skulptur des "Mohren" am Haus Burggasse 19, eine Steinskulptur von
einem unbekannten Bildhauer, ca. 1 Meter hoch, sei angeblich eine verkleinerte
Nachbildung Solimans, wie er seinerzeit im Museum ausgestellt gewesen war.
Dies ist allerdings nur schwer vorstellbar. Mag sein, daß Soliman in einem
derartigen Kostüm dem Publikum gezeigt worden war, doch der Körper und erst
recht Gesicht wirken für einen 76-jährigen eindeutig zu jugendlich. Eine
originalgetreue Kopie der Skulptur aus Holz ist übrigens im Café aus
allernächster Nähe zu begutachten.
Und natürlich war das Schicksal Solimans immer wieder oft verwendete,
"dankbare" Vorlage für viele Schriftsteller.
Beispielsweise erinnert Gerhard Roth in seinem Essay "Der Narrenturm" (in
"Eine Reise in das Innere von Wien - Die Archive des Schweigens", Frankfurt
am Main, 1991) an ihn.
Die berühmteste, allerdings wenig schmeichelhafte Verewigung dürfte er
(trotz angeblicher Freundschaft) wohl bei Wolfgang Amadeus Mozart und
Johann Joseph Schikaneder (1748 - 1812) als Mohr Monostatos in der
"Zauberflöte erfahren haben.
Die Figur Solimans kommt in Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" vor
und war für Fritz Herzmanovsky-Orlando Thema mehrerer Posa- und
Theaterarbeiten.
Exkurs: Über "Neger" und "Mohren"
Die Verachtung gegenüber dunkelhäutigen Menschen zeigt sich sogar auf der
Speisekarte der typischen Wiener Küche. Natürlich darf auch im Café "Zum
Schwarzen Mohren" nicht der beliebte, süße und wohlschmeckende "Mohr im
Hemd" fehlen: 80 g Butter, 80 g zerlassene Schokolade, Vanillezucker und 40 g
Zucker schaumig rühren, 5 Dotter nach und nach dazugeben. Eiklar mit 40 g
Zucker zu steifem Schnee schlagen und mit 80 g geriebenen Nüssen und 20 g
Semmelbrösel unter die Buttermasse ziehen. Die Masse in vorbereitete Formen
füllen und langsam (ca. 30 Minuten) im Wasserbad gar werden lassen; auf
Dessertteller stürzen, mit warmer Schokoladesauce übergießen und mit einem
Tupfer Schlagobers verzieren.
Aber schon in der Wiener Kinderstube wird auf gar nicht so subtile Weise der
Rassismus arglos gelehrt: wer fürchtet sich vor´m schwarzen Mann?
Im "Struwelpeter" fallen übermütige Kinder ins Tintenfaß und müssen zur
Strafe Schwarze sein.
In Wilhelm Buschs "Fipps der Affe" fängt Fips den "Neger" am Nasenring
und "...Jetzt biegt der den langen Ast,/ Bis er den Ring der Nase faßt./ Dem
Neger wird das Herze bang,/ die Seele kurz, die Nase lang./ Am Ende gibt es
einen Ruck,/ Und oben schwebt der Nasenschmuck..." endet die
Kindergeschichte grausam und blutig.
Felix Saltens Buch "Wurstelprater" wird mit einer Fotoserie illustriert, in der
selbstverständlich auch der Watschenmann nicht fehlen darf. Auf diesem Foto ist
deutlich zu erkennen, daß zur damaligen Zeit der Watschenmann nicht nur
auffällig wulstige Lippen, sondern außerdem dunkle Gesichtsfarbe hat.
Es gab auch Buden, in denen man mit Stoffbällen Hüte von Papiermaché-
Köpfen schießen konnte. Selbstverständlich war auch immer ein Schwarzer
(weiters ein Mann mit krummer Nase, einer, der wie ein Roma aussah, einer mit
Verbrechervisage usw.) dabei, dem man zum allgemeinen Gaudium auf den
Kopf schießen konnte (Anfang des Jahrhunderts engagierte man in den
Südstaaten der USA Schwarze tageweise in fahrenden Vergnügungsparks für
Buden, damit sie sich als lebende Objekte für derartige Spiele hergaben).
Da dauert es wohl nur mehr ein paar Jahre, bis man sich folgendermaßen
öffentlich äußert: "Man kann doch nicht alle hereinlassen, auf einmal sind gar
die Neger in der Überzahl herinnen. Und wenn wir jetzt die Polacken
hereinlassen, Polen sagt man, und alles andere... Hier 50.000 Juden anzusiedeln
, wie ich das gehört habe von Zilk, das ist unmöglich. Ich war im Krieg überall.
Ich hab sie in Gallizien kennengelernt, ich hab sie in Rußland kennengelernt.
Die würden sich wundern, wenn die Peikelesjuden würden herumrennen in
Wien."
Ein FPÖ-Funktionär im ORF-Inlandsreport, 9. 11. 1989.
Österreichischer Alltag heute
In der Mai-Nummer 1992 der Zeitschrift "Wiener" berichtet Gerald Teufel über
die Leiden von Tony und Angelika: "... einigen Nachbarn gefällt das Paar
überhaupt nicht. Denn Tony wurde in Nigeria geboren: Ein anonymer Anrufer
meldete sich bei Angelika Scheers Dienststelle: "Die Negerhur schlaft bei uns im
Gemeindebau mit an deppaten Neger. Wissen Sie das eigentlich?"
Der ORF erhält einen Brief, in dem behauptet wird, daß Angelika Scheer einen
Gewerbeschein für einen Bordellbetrieb habe und eine Wäscherei für Afrikaner
betreibe.
Die MA 52 will das Paar kündigen, es kommt zu einer Gerichtsverhandlung,
bei der Hausbewohner aussagen:
"Ich selbst bin gar nicht mehr hinuntergegangen in der Nacht, wenn es lauter
war, weil ich mir gedacht habe, ich lasse mich nicht von drei mit Schlagringen
bewaffneten Schwarzen zusammenschlagen... Ich habe allerdings nie einen
Schlagring bei der Beklagten oder deren Lebensgefährten gesehen oder irgend
eine andere Waffe..."
Eine andere Zeugin: "Allerdings, wenn sie schlafen, dann ist es etwas leiser.
Aber sonst benimmt der Mann sich wie im Busch..."
Ein Zeuge: "Auch läuft die WC-Spülung ununterbrochen, es sei denn, sie läuft
nicht. Dann riecht man Exkremente bis nach oben, um uns zu ärgern."
Die Richterin frägt eine Zeugin nach dem Motiv ihrer Wut: "Was mich stört?
Daß eine einzelne Person eine Zweizimmerwohnung bekommen hat..."
...Die Cousine von Klaus Sulzenbacher, das Fotomodell Johanna Sulzenbacher,
28, und ihr farbiger Halbbruder Michael, 23, wurden in einem Innenstadtlokal
schwer mißhandelt. Die Staatspolizei ermittelt.
Begonnen hat alles mit einer harmlosen Auseinandersetzung mit einer
Kellnerin im "Kleinen Café" am Franziskanerplatz in der City. "Dann ist
plötzlich ein Betrunkener ins Lokal gekommen und hat sich als Geschäftsführer
vorgestellt. Als er mich angepöbelt hat, hat mein Bruder gesagt, daß er mich in
Ruhe lassen soll", erzählt Johanna Sulzenbacher. Der Betrunkene zu Michael:
"Stell di, gemma auße!"
"Rund 20 Gäste beobachteten das und lachten", erzählt Johanna. Er
schmimpfte weiter und schlug auf das Model ein. Als sie bat, die Polizei zu rufen,
kam es zur Schlägerei. Etwa ein Dutzend gut gekleideter Gäste rief: "Ausländer
raus, raus!" und stürzte sich auf Michael. "Sie schlugen ihn mit einem Sessel
nieder, zerrten ihn auf die Straße und rissen ihm büschelweise Haare aus." Mit
Füßen traten sie auf ihr Opfer ein. Dann gingen sie auf Johanna los. Sie erlitt
eine Beckenprellung, ihr Bruder eine Gehirnerschütte-rung und Prellungen.
Bevor die Polizei kam, rannten die Täter weg...
Kurier, 3. 10. 1992
Feind, Diener, Sexprotz - Fallbeispiele
"Für den Neger wie für andere primitive Völker sind Geschlecht und Religion
die beiden wichtigsten und miteinander verbundenen Hauptquellen des Lebens."
Henry Moore
Durch die (nicht nur österreichische) Kunstgeschichte ziehen sich die
Beispiele von diskriminierenden Darstellungen von Schwarzen.
1) Im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian (Kaiserzimmer) fallen zwei
wunderschön gearbeitete, je 126 cm hohe Leuchterhalter aus Lindenholz auf. Es
sind zwei bummelige Mohrenknaben in devoter Haltung zum Licht aufschauen,
die da - dienend - den Weg seit 1729 zu leuchten haben. Der Meister dieses
Werkes war der Bildhauer (und Marktrichter) Leonhard Sattler (gest. 17. 10.
1744 in St. Florian).
2) Kupferstich von J.J. Lidl: "Damenkarussell in der Winterreitschule der
Wiener Hofburg am 2. Jänner 1743" (Wien, 453 x 333, Österreichische
Nationalbibliothek). Bildtext:
"Gründliche Vorstellung des von Ihrer zu Hungarn und Böheim Königl.
Majestät etc. ... den 2.ten Jan. lauffenden 1743 Jahres mit verschiedenen
vornehmsten Damen alhier in Wienn sehr prächtig gehaltenen Frauen
Carrousels."
Das Bild zeigt
"Das Stechen auf Türken und Mohrenköpfe resp. Figuren, eine beliebte
Unterhaltung bei großen höfischen Festen, war eine letzte Erinnerung an die
Turniere des Mittelalters; je zwei reitende und fahrende ´Quadrillen´, diese mit
Lanzen, jene mit Pistolen bewaffnet, rangen um den Sieg."
Aus "Jakob Prandtauer und sein Kunstkreis", Wien 1960.
3) Auf dem Gebiet der Literatur beschrieb Robert Musil (1880 - 1942) in "Der
Mann ohne Eigenschaften"ein eher unsympathisches Bild von Soliman. Soliman
wird als eine Klischeedarstellung von einem "wilden Schwarzen",
unbeherrschten und arbeitsscheuen Lustmolch dargestellt. Freilich war Robert
Musils eigentliche Absicht im Roman (unter anderem auch) mit dem Mittel der
Satire, die Morbidität der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zu beschreiben.
Dennoch wird man auch bei diesem weltberühmten, herausragenden Werk nicht
den Eindruck von praktiziertem, unterschwelligen Rassismus los.
Robert Musil
(Auszüge aus dem "Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 79)
Soliman liebt
Soliman, der kleine Negersklave, oder auch Negerfürst ... erzählte fürchterlich
viel von hin und her reisenden Kurieren und geheimnisvollen Personen, die im
Hotel bei seinem Herrn ein und aus gingen, und erklärte sich bereit, einen
afrikanischen Fürsteneid darauf abzulegen, daß er die geheime Bedeutung
entdecken werde; der afrikanische Fürsteneid bestand darin, daß Rachel ihre
Hand zwischen den Knöpfen seiner Joppe und seines Hemdes auf seine nackte
Brust legen sollte, während er die Beteuerung aussprechen und mit seiner
eigenen Hand Rachel das gleiche tun würde wie sie ihm; aber Rachel wollte
nicht...
Die kleine Rachel kauerte vor dem Schlüsselloch, ihr schwarzes Kleid spannte
sich um Knie, Hals und Schultern, Soliman kauerte in seiner Livree neben ihr
wie eine heiße Tasse Schokolade in einer dunkelgrünen Schale, und zuweilen
hielt er sich mit einer schnellen, einen Augenblick ruhenden, dann sich bis auf
die Fingerspitzen mit zärtlich zögernd schließlich auch diese loslösenden
Bewegungen der Hand an Rachels Schulter, Knie oder Rock fest, wenn er das
Gleichgewicht verlor. Er mußte kichern, und Rachel legte ihre kleinen weichen
Finger auf die prallen Polster seiner Lippen.
Soliman fand übrigens das Konzil nicht interessant, im Gegensatz zu Rachel,
und drückte sich von der Aufgabe, gemeinsam mit ihr die Gäste zu bedienen, wie
er nur konnte. Er zog es vor, mitzukommen, wenn Arnheim allein Besuch machte.
Dann mußte er freilich in der Küche sitzen und warten, bis Rachel wieder frei
war, und die Köchin, die sich am ersten Tag mit ihm so gut unterhalten hatte,
wurde ärgerlich, weil er seither beinahe stumm geworden war. Aber Rachel
hatte niemals Zeit, lange in der Küche zu sitzen, und wenn sie wieder ging,
erwies die Köchin, die ein Mädchen in den Dreißig war, Soliman mütterliche
Freundlichkeiten. Er duldete sie eine kleine Weile mit seinem hochmütigsten
Schokoladengesicht, dann pflegte er aufzustehn und so zu tun, wie wenn er etwas
vergessen hätte oder suchte, richtete nachdenklich seine Augen zur Decke sehen
wollte; die Köchin erkannte dieses ungeschickte Theater schon, sobald er nur
aufstand und das Weiße der Augen herauskugelte, aber aus Ärger und Eifersucht
tat sie so, als ob sie sich nichts dabei dächte, und Soliman gab sich schließlich
auch gar nicht mehr viel Mühe mit der Darstellung, die bereits wie eine
abgekürzte Formel war, bis zu dem Augenblick, wo er auf der Schwelle der
hellen Küche stand und mit möglichst unbefangenen Gesicht noch eine kleine
Weile zögerte. Die Köchin sah nun just nicht hin. Soliman glitt wie ein dunkles
Bild in dunkles Wasser mit dem Rücken voran ins finstere Vorzimmer, lauschte
überflüssigerweise noch eine Sekunde und begann dann plötzlich mit
phantastischen Sprüngen auf Rachels Spur durch das fremde Haus zu setzen.
Sektionschef Tuzzi war niemals daheim, und vor Arnheim und Diotima
fürchtete sich Soliman nicht, weil er wußte, das sie nur füreinander Ohren
hatten. Er hatte sogar einigemal den Versuch unternommen, etwas umzuwerfen,
und war nicht bemerkt worden. Er war Herr in allen Zimmern wie ein Hirsch im
Walde. Das Blut drängte wie ein Geweih mit achtzehn dolchscharfen Sprossen
aus seinem Kopf. Die Spitzen dieses Geweihs streiften Wände und Decke. Es war
Haussitte, daß in allen Zimmern, wenn sie nicht augenblicklich nicht benützt
wurden, die Vorhänge zugezogen wurden, damit die Farben der Möbel nicht
unter der Sonne litten, und Soliman ruderte durch das Halbdunkel wie durch
Blätterdickicht. Es machte ihm Freude, das mit übertriebenen Bewegungen
auszuführen. Sein Trachten war Gewalt. Dieser von der Neugierde der Frauen
verwöhnte Knabe hatte in Wahrheit noch nie mit einer Frau verkehrt, sondern
nur die Laster der europäischen Knaben kennen gelernt, und seine Begierden
waren noch so ungesänftigt von Erfahrung, so ungezügelt und nach allen Seiten
brennend, daß seine Lust nicht wußte, ob sie sich in Rachels Blut,, in ihren
Küssen oder in einem Erstarren aller Adern in seinem Leib stillen solle, sobald
er die Geliebte erblicke.
Wo immer sich Rachel auch verbarg, tauchte er plötzlich auf und lächelte
über seine gelungene List. Er schnitt ihr den Weg ab, und weder das
Arbeitszimmer des Herrn noch Diotimas Schlafzimmer war ihm eilig; er kam
hinter Vorhängen, Schreibtisch, Schränken und Betten hervor, und Rachel brach
jedesmal beinahe das Herz ab, über solche Keckheit und beschworene Gefahr,
sobald sich irgendwo das Halbdunkel zu einem schwarzen Gesicht verdichtete,
aus dem zwei weiße Zahnreihen aufleuchteten. Aber sobald Soliman der
wirklichen Rachel gegenüberstand, überwältigte ihn die Sitte...
... als er nahe daran war, loslassen zu müssen, weil seine Knabenkraft gegen
Rachels Widerstand nicht ausreichte, die sich mit dem ganzen Gewicht ihres
Körpers aus dem Griff seiner Hände zog, beugte er sich besinnungslos nieder
und biß wie ein Tier in den Arm des Mädchens.
Rachel schrie auf, mußte den Schrei zurückhalten und stieß Soliman ins
Gesicht.
Aber in diesem Augenblick standen ihm schon die Tränen in den Augen, er
warf sich auf die Knie, preßte seine Lippen an Rachels Kleid und weinte so
leidenschaftlich, daß Rachel fühlte, wie die heiße Nässe bis auf ihre Schenkel
drang. Sie blieb ohnmächtig vor dem Knienden stehn, der sich an ihren Rock
klammerte und den Kopf an ihrem Leib vergrub. Sie hatte noch nie im Leben ein
solches Gefühl kennengelernt und strich Soliman leise mit den Fingern durch
den weichen Draht seiner Haarbüschel.
Dichtung und Wahrheit
Auch Herzmanovsky-Orlando (1877 - 1954), der, obzwar ihm Sympathien für
die Nazis nachgesagt wurden, einer drohenden Ausbürgerung durch die
Nationalsozialisten nur durch freiwilligen Emigration nach Malcesina am
Gardasee entgehen konnte, in bizarren Dramen und Prosatexten radikal-satirisch
die deformierte Lebensform der K&K-Monarchie anprangerte, schrieb
vermutlich im Jahr 1935 über Angelo Soliman "eine Gangsterkomödie aus dem
Biedermeier in 11 Bildern", die Groteske "Apoll von nichts oder Exzellenzen
ausstopfen - ein Unfug".
Den Autor muß Leben, Sterben und das weitere Schicksal Solimans so sehr
berührt und beschäftigt haben, daß er über dieses Thema sogar mehrere
Theaterfassungen (aber auch eine Erzählung und ein Romanfragment) verfaßte.
Während an Musils Figur mit der des "historischen" Soliman fast gar nichts
übereinstimmt, außer Name und der Umstand, daß "der Mohr" Soliman in Wien
bei Adeligen angestellt war (nicht einmal die Zeit der Handlung trifft zu, denn
Musils Roman spielt um und nach der Jahrhundertwende), "stimmt" bei
Herzmanovsky-Orlando wenigstens die "Grundhandlung" mit den historisch und
aktenmäßig belegbaren Fakten überein, wenngleich der Autor im Detail seiner
Phantasie freien Lauf läßt. Außerdem ist die Soliman-Geschichte für ihn nur eine
Art "Aufmacher", um den eine Fülle weiterer grotesker Geschichten gewoben
werden.
Friedrich Torberg (umstrittener Herausgeber Herzmanovsky-Orlandos Werk,
der die Texte des Autors sehr, sehr "frei" umgeschrieben hatte) notierte über
dieses Stück kritisch: "Dieses ´skandalöse Begebnis aus dem alten Wien´, wie
Herzmanovsky es in einem der Untertitel nennt, hat schon verschiedentlichen
Niederschlag gefunden und ist Gegenstand einer sorgfältig dokumentierten
Monographie von Dr. Wilhelm A. Bauer, die 1922 unter dem Titel ´Angelo
Soliman, der hochfürstliche Mohr´ bei Gerlach und Wiedling (Wien) erschienen
ist. Herzmanovsky hat Bauers Arbeit vermutlich nicht gekannt, sondern wird
wohl eher auf Grund seiner eigenen Forschungen und seiner eigenen
schöpferischen Bedürfnisse vorgegangen sein (was ja bei ihm durchaus üblich
war)..."
Und weiter: "... daß er mit dieser Geschichte einen einmaligen,
unvergleichlich ergiebigen Stoff in der Hand hatte, muß ihm klar gewesen sein...
Uns wiederum ist klar, daß Herzmanovsky nicht durch Zufall auf diese
Geschichte verfallen ist, daß sie in ihrer abseitigen und abgründigen Skurillität
geradezu danach schreit, von Herzmanovsky gestaltet zu werden..."
In der abenteuerlichen, satirischen Version Herzmanovsky-Orlandos liest sich
Angelo Solimans Geschichte folgendermaßen:
Herzmanovsky-Orlando
APOLL VON NICHTS
oder
EXZELLENZEN AUSSTOPFEN -
EIN UNFUG
(ein Auszug)
"...Vor vielen Jahren wurde im innersten Afrika ein ganz junges Knäblein, der
Sohn eines Mohrenkönigs, von Sklavenhändlern geraubt. Sein Vater fiel im
Kampfe, und damit war das Söhnchen automatisch zum Thronerben des
Königreichs Pangutsiglang geworden... Das unglückliche Kind wurde durch eine
Marseiller Firma nach Messina verschachert. Dort gewann es der in Sizilien
kommandierende Feldmarschall Fürst Georg Lobkowitz gelegentlich einer
animierten Partie Tarock, verlor es aber wieder an einen anderen Matador
dieses Spiels, den Prinzen Wenzel Liechtenstein, der ihm einen angesagten Pagat
ultimo auf heimtückische Weise abstach. Der beneidenswerte Gewinner nahm
den kleinen Soliman - so hieß der hohe Knabe - auf seine Güter mit, ließ ihn an
der Militärakademie studieren und machte ihn zum Erzieher der fürstlichen
Söhne. Soliman, ein Zwitter aus einem Spielgewinn und einem
pensionsberechtigten Würdenträger, kam nach Wien. Hier erregte der schmucke,
leider noch heidnische Jüngling das Wohlgefallen Maria Theresiens und
gelangte im Tausch gegen ein Porzellan-Service in Allerhöchsten Besitz. Es war
der sehnlichste Wunsch der frommen Monarchin und des ganzen Hofes, Soliman
dem Schoße der alleinseligmachenden Kirche zuzuführen. Nach langem
Widerstreben gab der schwarze Königssohn nach und empfing in der heiligen
Taufe den Namen Angelo, genauer: Wenzel Angelo, natürlich auf Alois
abgekürzt. Dies geschehen, setzte die Kaiserin alles daran, ihrem Schützling, der
alsbald zum Kammerherrn avanciert war, eine passende Lebensgefährtin zu
suchen. Sie fand eine solche in der Person einer ihrer Hofdamen, einer
emigrierten polnischen Aristokratin, deren Urgroßvater einmal dreiviertel
Stunde lang König von Polen gewesen war - also gewiß first set, wie Sie mir
zugeben werden. Der Bund wurde mit einer Tochter gesegnet, die später den
Freiherrn von Feuchtersleben heiratete...
So weit wäre alles schön und gut. Leider sollte sich später ein wahrer Strom
von Wermut über die angesehene Familie Solimans ergießen.
Nachdem die gütige Kaiserin gestorben war, eröffnete man ihr hohes
Testament und fand unter den zahlreichen Kodizillen von höchsteigener Hand
auch eines, über das man allgemein erschrak. Verfügte es doch klipp und klar,
daß Soliman nach seinem Tode auszustopfen und dem kaiserlichen
Naturalienkabinett einzuverleiben sei. Offenbar hatte die alternde Monarchin
das Testament lange nicht mehr gelesen, so daß dieses Kodizill, das noch aus der
Service-Tauschzeit stammte, ihrem Gedächtnis entschwunden war - und da stand
es nun, ein Kaiserwort, dran sich nicht drehn noch deuteln ließ. Auch der eitle,
verwöhnte Höfling Angelo erfuhr davon und setzte alle Hebel in Bewegung, um
das ihm zugedachte Fortleben nach dem Tode von sich abzuwenden. Er reiste
vom Reichskammergericht in Wetzlar zum Heiligen Stuhl - vom Heiligen Stuhl
zum Reichsdeputations-Hauptausschuß in Regensburg - umsonst. Man hatte
überall nur ein teilnahmsvolles Achselzucken für ihn. So starb er nach einem
verbitterten Lebensabend in tiefem Gram und warf sich noch auf dem Totenbette
ruhelos hin und her. Als dann die betrübten Hofärzte, zusammen mit dem
Hofschinder und assistiert von den Obmännern der Gerberinnung in Trauerflor,
ihr schmerzliches Amt beendet hatten, wurden die kunstvoll ausgestopften
Überreste Solimans - im Kammerherrnfrack und mit allen Orden geschmückt -
dem Naturalienkabinett übergeben. Doch wehrte sich der Direktor desselben, ein
gewisser Eberle, gegen diese Neuakquisition, die durch ihr Kostüm die
Einheitlichkeit der Sammlung störte. Er ließ den Verewigten durch den
Hofbildhauer Thaller auf eine mehr das nationalafrikanische Element betonende
Art umpräparieren ... und der ehemals gefeierte, geistreiche Mann, der Intimus
eines Sonnenfels und Lessing, schmückte nunmehr - den Bogen in der Hand, mit
Federschmuck und Lendenschurz angetan - die zoologische Abteilung.
Die Proteste der angesehenen Familie Solimans gegen dieses pietätlose
Vorgehen blieben vergebens. Stellten sich doch alle rechtlich Denkenden streng
auf die Seite der Erfüllung eines letzten Willens, und selbst wenn Recht und
Gerechtigkeit gebeugt worden wären - die Amtsstelle hätte sich niemals von
ihrem Standpunkt abbringen lassen. Zudem hatte der Direktor die ganze Gelehrtenwelt für sich; sogar ein Brief Humboldts bestärkte ihn, das Richtige getroffen zu haben. Und alljährlich am Allerseelentag konnte man beobachten, wie die dicht verschleierte Witwe am Sockel ihres ausgestopften Gatten zwei angezündete Kerzen befestigte. Man brachte es höherenorts denn doch nicht
übers Herz, ihr diesen feuergefährlichen Totenkult zu verbieten, und gab ihr
später stillschweigend zwei Hofpompiers bei, die mit umflorten
Spitzenmundstücken der stillen Feier beizuwohnen hatten...
... Bis eines Tages etwas geschah, was enormes Aufsehen machte und die
maßgebenden Stellen in lebhafte Unruhe versetzte. Man schrieb genau das Jahr
1800, als aus dem Novembernebel des Allerseelentages eine glänzende
Kavalkade auftauchte und sich dem Gebäude des Naturalienkabinetts im
spanischen Schritt näherte. Es war eine Abordnung des polnischen Adels, der
inzwischen festgestellt hatte, daß der schwarze Königssproß mit einem ihrer
Königshäuser versippt gewesen war. Bald erfüllte der Hufdonner einer Fantasia
den stillen Josefsplatz. Dann drangen die Herren ins Naturalienkabinett und
exekutierten, die entblößten Säbel mit schwarzem Krepp umwickelt, einen
feierlichen Trauer-Krakowiak vor der hohen Mumie... Seine Majestät Franz II.
nahmen jedoch diese Huldigung vor dem Abkömmling eines fremden, von ihm
nicht anerkannten Fürstenhauses sehr ungnädig auf und verordneten durch
Hofdekret die Überstellung des staatsgefährlichen Präparates in eine Bodenkammer der Hofbibliothek.
Und dort, in dieser Bodenkammer, trieben im Jahre 1809 französische
Soldaten ihre Allotria mit der unersetzlichen Reliquie und vernichteten sie
vollends. Die Witwe, Polin von königlichem Geblüt, konnte die Schmach nicht
überleben. Sie stürzte sich aus dem Fenster..."
In "Lustspiele und Ballette", Georg Müller Verlag, 1979
"Alles nicht wahr..."
informiert die Schriftstellerin und Mitarbeiterin des Amerlinghauses Christa Stippinger (sie ist im Rahmen der Arbeit des Hauses übigens besonders für Ausländerprob-leme engagiert), "das Haus in der Burggasse hat ganz sicher nicht dem Angelo Soliman gehört!"
Was? Immerhin sollte das Manuskript "Zum Schwarzen Mohren" schon in drei Tagen in Druck gehen...
"Ich arbeite schon seit Jahren an einem Roman über Angelo Soliman -hoffentlich werde ich mit dieser Arbeit je fertig - , ich habe dazu wohl so ziemlich alles an Material gesichtet, das dafür derzeit noch verfügbar ist. Ich habe mir sogar einen teueren Prachtband über die Liechtensteins aus Liechtenstein schicken lassen. Die Liechtensteins haben im Palais Liechtenstein im 9. Bezirk, bzw. in dem Haus an der Freyung, in dem heute das Kunstforum untergebracht ist, gewohnt. Als der Soliman vom alten Fürsten aus dem Dienst entlassen worden war, hat er sich ein Haus bei den Weißgerbern im 3. Bezirk gekauft. Das Haus stand angeblich dort, wo heute die Radetzkyschule untergebracht ist..."
Und warum heißt das Haus in der Burggasse 19 "Zum Mohren"?
"Das weiß ich leider auch nicht. Es gab ja im Wien jener Zeit sicher mehrere Schwarze. Damals war es beim Adel und den reichen Bürgern sozusagen
´Mode´, sich einen ´Mohren´ als Diener zu halten. Vielleicht hat einem von ihnen das Haus gehört, weswegen es später diesen Namen erhalten hat. Der
Soliman war wegen seines Schicksals bloß der bekannteste Schwarze. Deswegen nehmen halt die Leute automatisch an, daß ihm das Haus Burggasse gehört haben müsse..."
Zurück ins Café "Zum Schwarzen Mohren" und den Stammgästen diese Neuigkeit mitgeteilt. Sofort beginnt eine heftige Diskussion, werden zahlreiche neue Spekulationen angestellt: "Der war ja angeblich ziemlich reich, ein
angesehener Wiener Bürger, weswegen sollte er nicht mehrere Häuser besessen
haben?"
"Hier war ja ein bekanntes Hurenviertel. Es heißt, daß der Angelo Soliman ein
arger Lüstling gewesen sein soll. Vielleicht hat er hier regelmäßig verkehrt?"
"Vielleicht...?" Ja vielleicht.
Es ist alles nicht wahr, alles nur Sage und Legende ohne gültige Beweise.
Doch zum eigenen Trost: die Recherchen um die Geschichte des Hauses "Zum
Mohren" und über Angelo Soliman haben eine Fülle von Wahrheiten über die
Geschichte einer Stadt, eines Grätzels, der Art und Weise, wie das "goldene
Wienerherz" mit Fremden, Unbekannten, Schwarzen und Türken im Laufe der
Zeit umzugehen pflegte und es immer noch tut, zutage gebracht.
Widerruf?
Bei einem Telefonat bestätigt Frau Dr. Elfriede Faber die letzte Information,
daß Angelo Soliman sein Haus im 3. Bezirk besessen habe. Immerhin ist sie
Historikerin, hat bereits für das Bezirksmuseum Neubau (zusammen mit Otto
Zeisenberger) die Broschüre "Lustbarkeiten am Spittelberg" herausgegeben und
bereitet derzeit einen Bezirksführer für den 7. Bezirk vor.
Sie schlägt mir vor, daß wir uns am nächsten Tag treffen sollten, um diese
offenen Fragen zu klären. Sie leitet derzeit das Archiv des Bezirksmuseums des
8. Bezirk.
In der Zwischenzeit treffe ich noch einmal die "Mohren"-Wirtin Traude
Neisser: "Nein, es stimmt, daß der Soliman hier gelebt hat. Alle berufen sich auf
den Conte Corte, der ein Buch über die Kaiserin Sisi geschrieben hat (gemeint ist
Egon Caesar Conte Cortis Buch ´Elisabeth´, Wien 1934), das ganz sicher nicht
als wissenschaftlich zu bezeichnen ist. Sie hat ja auch einen Schwarzen angestellt
gehabt und der Conte Corti hat in diesem Zusammenhang auch von einem
´hochköniglichen Mohren´ aus früheren Zeiten berichtet, der als Tierpfleger in
Schönbrunn gearbeitet, und ein Haus im 3. Bezirk besessen hätte (das müßte
demnach Pietro Michaela Angiola gewesen sein - d. Autor). Der Soliman soll mit
dem auch während der Zeit, als er bei den Liechtensteins nicht mehr angestellt
war, gut befreundet gewesen sein. Der Herr Dr. Keller vom Kartographischen
Institut hat mir vor rund 15 Jahren aber dezidiert gesagt, daß hier das Haus,
Burggasse 19, dem Angelo Soliman gehört haben muß!"
Treffen mit Frau Dr. Elisabeth Faber im Archiv des Bezirksmuseum im 8.
Bezirk (Schmiedgasse 18). Sie schaut in einem Nachschlagwerk nach: Ja, das
Haus hat schon früher "Zum Mohren" geheißen. Der markante Mohr oberhalb
der Hauseinfahrt sei allerdings damals auf einem Sims an der Ecke des Hauses
gestanden. Außerdem gibt sie zu bedenken, daß sie gelesen habe, daß Soliman
auch Felder, namentlich Weingärten, bestellt habe. Die hat es aber an der
Weißgerberlände nicht gegeben. Aber bis zum Rand der Spittelbergsiedlung gab
es damals noch Weingärten... Frau Dr. Faber gibt noch auf einige offene Fragen
Antworten, empfiehlt weitere Bücher als Quellenmaterial und verabschiedet sich
mit der Ehrmahnung: "Daß mir aber alles, was in dem Buch stehen wird, auch
richtig ist, denn sonst wird es von Historikern, die sich mit dem Thema
beschäftigen, in der Luft zerrissen..."
Und so endete vorläufig eine Reise kreuz und quer durch Wien, auf der Suche
nach der Geschichte von Angelo Soliman, dem Spittelberg und Umgebung, bei
einer Historikern, die an der Theke des Café "Zum Schwarzen Mohren" bei
einem Gespräch mit Künstlern und Historikern mit der Frage nach dem
Hausnamen der Burggasse Nr. 19 begonnen hatte.
Noch einmal von vorne
Sollte es nicht vollkommen egal sein, ob nun Angelo Soliman in der
Burggasse lebte oder nicht? Was, wenn es die Heimstatt des schwarzen
Tierpflegers Pietro Michaela Angiola war? Wäre das nicht viel logischer, wenn
der wahrscheinlich arme Proletarier Angiola in diesem verruchten Viertel
gewohnt hätte, denn der hochfürstliche Soliman? Es ist bekannt, daß vom 2.
Türkenkrieg etliche Teilnehmer des osmanischen Heeres in Wien
zurückgeblieben sind. Vielleicht hatte sich einer von ihnen hier eingenistet? Oder
vielleicht war dem Ururgroßvater des ehemaligen Bäckers im Haus die
Konditoreien-Kreation "Mohr im Hemd" eingefallen?
Vielleicht, ach vielleicht...
Aber je mehr Fragen sich stellen, umso größer wird der Wunsch die
Antworten zu finden. Nur Wien scheint plötzlich voll Mohren und Neger zu sein.
Allein im 2. Wiener Gemeindebezirk gibt es eine Kleine und eine Große
Mohrengasse, dazu noch eine Negerleingasse...
Der erste Hinweis ist in der Broschüre "Lustbarkeiten am Spittelberg" zu
finden. Über sechs Seiten sind Auszüge aus dem "Fassionsbuch" vom Spittelberg
aus dem Jahr 1785 abgedruckt. Von 57 Gastwirtschaften jener Zeit sind
nebeneinander "Conskript", Hausnummer und Gasse, der Name von Wirt und
Hausschild und die Anzahl bzw. Zustand der dazugehörigen Räumlichkeiten und
in welcher Höhe die Miete dafür war.
Doch weder ein "Haus zum Mohren" noch die Burggasse 19 bzw.
Spittelberggasse 19 sind hier zu finden.
Die Beamten im Wiener Stadt- und Landesarchiv sind äußerst hilfsbereit und
verstehen ihr Fach, wissen eine Vielzahl von zusätzlichen Literaturhinweisen
und besorgen schließlich sogar das "Fassionsbuch" aus dem Jahr 1785, ein
dicker, in einer Art Kurrent handgeschriebener, für einen Laien nicht
enzifferbarer Foliant. Es ist außerdem nicht nachvollziehbar, nach welchem
System in dem Buch seinerzeit die Häuser erfaßt worden waren.
Das "Verzeichnis in der K.K. Haupt=Residenz Stadt Wien samt den dazu
gehörigen Vorstädten und Gründen" aus dem Jahr 1796" (Solimans Todesjahr)
informiert:
"Vorstadtgrund Spitalberg.
Diese Vorstadt fanget an außer dem Burgthore, liegt sehr hoch. Indem dieser
Grund einstens lange vom Spital abhieng, so hat diese Vorstadt, die weil sie
gleichsam auf einem Berg liegt, vom Spital und Berg den Namen angenommen.
Allda sind 138 Häuser."
Aber da! Einem Josef Mayerhöfer gehörte in diesem Jahr das Haus "Zum
Mohren". Allerdings hatte das Haus die Adresse Fuhrmannsgasse 89. Ich kenne
nur in der Josefstadt eine Gasse gleichen Namens.
Auf einer Landkarte Wiens aus dem Jahr 1785 sind die Häuser des
Spittelberges aus der Vogelperspektive zu sehen. Zwischen Breitegasse und
Kirchberggasse ist die Burggasse wie wir sie heute kennen, durch ein
langgezogenes, schmales und seltsam verwinkeltes Haus geteilt, an den Seiten
des Hauses führen extrem schmale Gäßchen vorbei. Etwa bis zur Burggasse 21
ist die Burggasse breit, dann wird sie wieder eng usw. Eine Fuhrmannsgasse ist
nicht zu entdecken.
1795 gehörte das Haus einem Anton Ziegler, 1776 dem Bäcker Johann Daller
(in der Burggasse 19 gab es doch auch einen Bäcker?).
Dem anfangs erwähnten Josef Mayerhöfer gehörte das Haus zumindestens
noch bis 1834. Im Jahr 1929 heißt der Besitzer Max Mayerhöfer. Als Adresse ist
nun Burggasse 19 angegeben. Auch in der Gemeinde "St. Ulrich" gab es ein
Haus "Zum Mohren", Adresse: Herrengasse 130. Es ist die selbe Anschrift, an
der Solimans Frau, Magdalena, 1786 gestorben ist! 1778 war als Eigentümer der
Taglöhner Josef Föstl eingetragen. Zwei Jahre zuvor gehörte es noch Alois Fürst
von Liechtenstein, dem Neffen und Erben Wenzel Liechtensteins, der zwei Jahre
nach dem Tod seines Onkels im Jahr 1781 Soliman wieder im
Liechtensteinschen Haus einstellte. Als das Haus Herrengasse 130 noch dem
jungen Fürsten gehörte lautete die Adresse Spitalbergergasse 229.
Von 1755 bis Februar 1768, bis er gefeuert worden war, lebte Angelo Soliman
beim Wenzel Liechtenstein. Am 15. Juli 1768 kaufte er für seine Frau das Haus
bei den Weißgerbern. Zwei Jahre später mußten die Solimans ihr Haus wieder
verkaufen. Wo wohnten sie von 1770 bis 1783, als Soliman wieder im Haus
Liechtenstein arbeitete?
Mit großer Wahrscheinlichkeit bestand das heutige Haus Burggasse 19 früher
aus zwei Häusern. Kann es sein, daß das seinerzeitige Haus Spitalbergergasse
229 (Herrengasse 130) heute die Spittelberggasse 19 ist?
Als Soliman bei Wenzel Liechtenstein arbeitete, hatte er da auch im Haus des
Fürsten gewohnt oder stellte ihm der Alte ein billiges Loch in einer
abgewirtschafteten Gegend zur Verfügung? Zweifellos hatte der Alois eine
sozialere Einstellung als der Wenzel Liechtenstein. Durchaus vorstellbar, daß er
einem seiner Leute, in diesem Fall dem Taglöhner Josef Föstl, das Haus
Herrengasse (Spitalbergergasse 229) als Ausgedinge überlassen hat? Dies wären
zwar alles Erklärungen dafür, weshalb das Haus heute noch "Zum Schwarzen
Mohren" heißt, aber warum hatten es der "hochfürstliche Mohr", der
Freundschaften zu den höchsten Kreisen pflegte, und sein Chef es dann
zugelassen, daß seine Frau in dem üblen Haus in übler Gegend sterben mußte?
"Eines kann ich versichern", sagt ein Stammgast vom Café "Zum Schwarzen
Mohren", in diesem Haus hat 100%-ig die Tochter des Angelo Soliman einst
gewohnt, ich hab da nämlich einmal Unterlagen bei einem Freund von mir
gesehen, vielleicht könnte ich sie noch beschaffen...?
Zeittafel 1720 - 1796
1720: Angelo Soliman wird geboren.
1722: Johann Lukas v. Hildebrandt stellt das Wiener Belvedere fertig.
Wien wird Erzbistum. Schuhknechtrevolte.
1726: Die Hofbibliothek wird von Fischer v. Erlach (Sohn) fertiggestellt.
1730: Pietro Antonio Metastasio wird Hofdichter.
1733 - 1738: Polnischer Erfolgekrieg.
1736: Am 21. April stirbt Prinz Eugen von Savoyen.
1737 - 1739: Der letzte Türkenkrieg.
1739: Aufstellung des Donnerbrunnen am Neuen Markt.
1740 1742: Erster Schlesischer Krieg.
1742: Friede von Berlin.
1742: Auf dem Rennweg in Wien wird ein Waisenhaus eröffnet.
1744 - 1749: Umbau von Schloss Schönbrunn.
1745:
Franz Stephan von Lothringen, Gemahl Maria Theresias, wird in Frankfurt zum
Kaiser gekrönt.
1748: Friede von Aachen.
1753 - 1756: Bau eines neuen Universitätsgebäudes.
1754: Erstmalige Volkszählung: 175.000 innerhalb des Linienwalls.
1756 - 1763: Der Siebenjährige Krieg.
1762: Tod der Kaiserin Elisabeth von Rußland.
1763:
Friede von Hubertusburg zwischen Österreich und Preußen.
Erste Bandfabrik in Penzing.
1766: Joseph II. gibt den Prater dem Volke frei.
1770: Allgemeine Numerierung der Häuser.
1771: Eröffnung der Normalschule.
1772: Einführung der "Klapperpost".
1775: Der Augarten wird freigegeben, die Gloriette erbaut.
1776:
Abschaffung der Folter in Österreich.
Joseph II. erhebt das Burgtheater zum "Deutschen Nationltheater".
1777/78: Bayrischer Erbfolgekrieg.
1781: Preßfreiheit und Toleranzedikt. Eröffnung des Leopoldstädter Theaters.
1782: Klosteraufhebungen, Erstaufführung der "Entführung aus dem Serail".
1783: Joseph II. konstituiert den Magistrat.
1784: Das Armenhaus wird zum Allgemeinen Krankenhaus umgewandelt.
1788: Eröffnung des Theaters in der Josefstadt.
1790: Haydn ist in Wien, Hardtmuth erfindet den Graphitstift.
1791: Die "Zauberflöte" wird im Freihaustheater aufgeführt.
1794: Hebenstreit wird als "Jakobiner" zum Tode verurteilt.
1795: Kaiserliche Verordnung verbietet die Errichtung neuer Fabriken in Wien.
1796:
Tod von Zarin Katharina der Großen
Angelo Soliman stirbt am 21. November 1796.
Spittelberger Gassen
Der Spittelberg ist durch die Burggasse geteilt. Alte Spittelberger sprachen
daher vom Gebiet von der Burggasse hinauf zur Siebensterngasse vom "Oberen"
Spittelberg, hinab zur Neustiftgasse war des "Untere Spittelberg".
Die Burggasse führte aus der Vorstadt über das Glacis zur Hofburg, bevor die
Bellariastraße angelegt wurde.
Die Breitegasse war im Vergleich zu den engen Gäßchen der Umgebung
ungewöhnlich breit und führte ursprünglich von der Burggasse bis zur
Mariahilferstraße. Als die Stiftskaserne 1850 vergrößert wurde, erhielt der
engere Teil der Gasse den Namen "Karl-Schweighofer-Gasse" (nach einem
Piano- und Klavierfabrikanten aus dem Bezirk, geb. 1839, gest. 1905).
In der Faßziehergasse wohnten viele Faßbinder, außerdem beherbergte sie den
Sitz der Faßziehergenossenschaft. Die "Faßlzieher" waren die Transporteure der
Wein- und Bierfässer.
Die Gardegasse ist nach der Ungarischen Garde, die im Palais Trautson (in
dem heute das Justizministerium residiert) untergebracht war, benannt.
Die Gutenberggasse ist nach einem Hof benannt, der im 14. Jahrhundert "Zum
Guten Hof" hieß, den die Mutter des Erfinders der Buchdruckerkunst Johannes
Gensfleisch, recte Gutenberg, als Heiratsgut in die Ehe mitbrachte.
Die Kirchberggasse erinnert an den Wolf von Kirchberg (gest. 1498), ein
Pächter von Gründen in der Vorstadt Spittelberg.
Die Museumstraße ist nach dem Kunst- und Naturhistorischen Museum
(erbaut von 1871 - 1882) benannt.
Die Neustiftgasse soll daran erinnern, daß hier schon 1413 der Vorort Neustift
urkundlich erwähnt wurde.
Schrankgasse: Dr. Johann Ferdinand Schrank (1830 - 1881) war
Hochschulprofessor, Vizebürgermeister von Wien, Gemeinderat und
Abgeordneter zum Reichstag.
Siebensterngasse: Nach einem Hausschild "Zu den Sieben Goldenen Sternen",
das heute am Haus Nr. 13 angebracht ist.
Sigmundgasse: Nach dem Schottenabt Sigmund Schultes (1801 - 1861), der
im 7. Bezirk wirkte.
Die Spittelberggasse ist nicht nach einem Spital aus dem Bezirk benannt,
sondern nach den ehemaligen Grundherren vom Bürgerspital, die hier
ursprünglich den Weideplatz für ihre Tiere hatten.
Die Stiftgasse ist nach dem ehemaligen Stiftungshaus des Hofkammerrates
Johann Konrad Richthausen, Freiherr von Chaos benannt, das zur Erziehung von
Buben aus armen Verhältnissen gedacht war, seit 1850 die Stiftskaserne.
Zitterhofgasse: Ambros Zitterhofer (1824 - 1894) war Pfarrer von St. Ulrich
und Kapitularpriester des Schottenstiftes.
Verwendete Literatur:
Alfred Auer, Kurstadt Wien, Wien/München 1985
Helmut Andics, Begegnung an der Donau, Wien/München 1978
Wilhelm Busch, Sämtliche Werke Bd. 2 (Hg. Rolf Hochhuth) Gütersloh
Herbert Exenberger, Antifaschistischer Stadtführer Wien, Wien 1985
Elfriede Faber/Otto Zeisenberger, Lustbarkeiten am Spittelberg, Wien
Giglleithner und Litschauer, Der Spittelberg und seine Lieder, Wien 1924
Georg Gottlob, Edvin Turkopf, Die Katakomben von St. Stephan, Wien 1973
Brigitte Hamann, Elisabeth - Kaiserin wider Willen, Wien 1982
Hans Hautmann, die verlorene Räterepublik, Wien 1971
Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Gesammelte Werke, Lustspiele und Ballette,
München/Wien 1957
Kurt M. Jung, Weltgeschichte, Berlin 1977
Wolfgang Lauber, Wien - Stadtführer durch den Widerstand, Wien 1987
Theodor Kramer, Gedichte, Band 2, Wien, 1987
Robert Musil, Gesammelte Werke, Band 1, Reinbeck, 1978
Ernst Nöstlinger, Servus Wien, Wien/München 1981
Pezzl Johann "Skizze von Wien", ed. Gustav Gugitz, Anton Schlosser, Wien
1923
Joseph Richter, Die Freudenmädchen von Wien - ein Bordellspiegel, München,
1982
Christof Reinprecht, Fünf Jahre Amerlinghaus, (Eigenverlag) Wien 1983
Gerhard Roth, Eine Reise in das Innere von Wien - Die Archive des Schweigens,
Frankfurt am Main 1991
Felix Salten, Wurstelprater, Wien/München/Zürich/Innsbruck 1973
Emerich Schaffran, Kunstlexikon, Wien/Stuttgart 1950
Jura Soyfer, "Szenen und Stücke", Wien, 1984
Wolfgang Wenng, Freimaurerei, eine Philosophie der Menschlichkeit,
Münster 1987
Konstantin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich
Erich Zöllner, Das Werden Österreichs, Wien 1975
Bürgersinn und Aufbruch - Biedermeier und Aufbegehren in Wien 1815 - 1848,
Ausstellungskatalog 1988
Die Freiheit zu sehen wo man bleibt, ed. Gerhard Ruiss und
Johannes A. Vyoral, Wien 1981
Die schönsten Lieder Österreichs, ed. Hartmann Goertz, Gerlinde Haid, Wien 1979
Lexikon der Weltliteratur, ed. Dietrich/Kindermann, Wien 1951
Österreich - sozial 93/94, Wien 1992
Traum und Wirklichkeit, Wien 1870-1930, Wien 1985
Stadt-Buch Wien 1983 - Ein Almanach, Wien, 1983
"Nicht Gnade sondern Recht", Verlag des ÖGB, 1989, S. 56,57.
Wien, Polyglott-Reiseführer, München 1981/82
Zu Besuch in Wien, Stadtführer, Wien 1962
Sagen aus Wien (Hg. Emil Nack), Wien 1973
"Wien - als Ausstellung betrachtet nach Zitaten von James Joyce", Wien 1984
Wien - Stadt der Kultur, Stadt des Sports, Jahrbuch 1993, Wien
Zeitungen:
Kronen-Zeitung, 2. 10. 1994, S. 30, 31
Kurier, 3. 10. 1992
Sonntag-Standard, 23. 10. 1994, S. 4
Wien aktuell, Heft 1/2, 1977
Wien - Ansichten einer Stadt Nr. 1, Wien 1987
Wien - Ansichten einer Stadt Nr. 2, Wien 1988
VIDO 8/9, "Rassenhass", Wien 1992
Volksstimme Nr. 37/15. September 1994, S. 19
Volksstimme 1982 (Wochenendbeilage, Kopie, genaues Datum unbekannt)
Weitere Quellen:
Bezirksmuseum Neubau (1070 Wien, Stiftgasse 8)
Unveröffentlichtes Manuskript über die Geschichte des 7. Bezirkes (mehrere
Autoren, zum Teil unbekannt), liegt am Bezirksamt Neubau auf.
Wiener Stadt- und Landesarchiv
Berichte von Bezirksbewohnen.
Dank
an alle, die dieses Projekt durch
Mitarbeit, mit Interviews oder auch
finanziell unterstützt haben.
Von den zahlreichen Freunden die
mitgeholfen haben, diese Arbeit zu
realisieren sollen (in Vertretung von
vielen anderen) genannt sein:
Die Familie Neisser
Johanna Fölserl &
Herr Kommerzialrat Franz Peterlin
der Geduld und Hilfe von Margit
und alle Freunde des
"Künstlerstammtisches"
Für wissenschaftliche Beratung:
Herbert Bednarik
Dr. Elisabeth Faber
(Bezirksmuseum Josefstadt)
Den Kollegen des Stadt- und
Landesarchivs der Stadt Wien
& den Firmen:
DER AUER (Grafik)
Zipfer-Bier
Lavazza-Kaffee
Weingut Lobner
Appel-Textil
Uhren-Schmollgruber
BMfUK
Kulturamt der Stadt Wien