Der Klavierspieler
eine Geschichte von Joerg Erdmann (für Manja, die wässrige Lilie)
Manfred haßt seinen Job. Jeden Abend, außer sonntags, spielte er in diesem Restaurant. Jeden Abend, seit 7 Jahren. Es ist ein sehr teures, edles Restaurant. Einige wären stolz darauf, hier spielen zu dürfen. Er war es auch. Damals. Vor 7 Jahren. Aber zwischen damals und heute liegen eben 7 Jahre. 7 Jahre voll edler, schöner, reicher Menschen, gepflegter Diskussionen, großer Deals und vieler kleiner Kriege.
As time goes by ... spielt er und weiß genau, es ist 8 Minuten nach 10. Jeden Abend das selbe Programm, jedes Lied zur selben Zeit. Zwei Geschäftsleute lachen auf am Tisch 12. Sie trinken auf einen Geschäftsabschluß. Sie lachen lauter, als man dies hier erwarten würde. Doch man ist hier in der Upper Class. Also entweder schaut man pikiert oder ignoriert dies.
Manfred kennt sie alle. Er kennt nicht die Personen beim Namen, noch hat er alle schonmal gesehen. Aber er kennt die Typen. Die Menschen, die hier essen und trinken sind keine wirklichen Menschen für ihn. Es sind verschiedene Hüllen für ... ja, für was eigentlich. Manfred hat in ihre Augen gesehen. 7 Jahre lang hat er nun schon in ihre Augen gesehen. Und durch die Augen hindurch direkt in ihre Seele. Und was er fand war sehr erschütternd. Trauer, Wut, Frustration, Leere. Man sieht hier Hüllen für Leere. Und darum sind es keine wirklichen Menschen für ihn.
Diese Menschen hier haben es geschafft, sie sind ganz oben. Auf ihren Visitenkarten steht Vorstandsmitglied oder CEO, sie tragen Viertausend-Dollar-Anzüge und fahren teure Autos. Sie können sich alles kaufen und sind doch nie zufrieden. Sie haben Wohlstand gefunden und Menschlichkeit verloren. Die Fähigkeit zu fühlen, zu lieben, zu trauern, verletzt zu werden und doch wieder zu vertrauen. All dies haben sie nicht mehr.
Manfred sieht dies alles in ihren Augen. Er kann sie in Ruhe beobachten, da er von ihnen nicht wahrgenommen wird. Manfred gehört zu Einrichtung des Restaurants. Er ist halt der Klavierspieler. Er ist nicht Manfred.
Warum tut er sich das an? Früher, als er jung war, voller Energie, voller Träume, voller Ambitionen, da wollte er Musiker werden. Heute ist er Klavierspieler. Manfred erinnert sich wie er damals seine ersten gekauften Platten hörte, wie er Musik aus dem Radio mitschnitt und sich über Moderatoren ärgerte, die nicht bis zum Ende des Liedes warten können. Er erinnert sich, wie er Klavierunterricht nahm. Wie er mit geschlossenen Augen spielte und dieses ganz spezielle Gefühl fühlte. Wie er Karin einen musikalischen Heiratsantrag machte. Damals liebte er das Klavierspielen. Musik, das war ... das war alles, nicht in Worte faßbar.
Was war passiert? Das Leben war passiert. Etwas war mit ihm passiert, er war Opfer seines Lebens und hatte bei genauerer Betrachtung eigentlich keine Ahnung, wie er in seine jetzige Situation geraten war? Wo hatte es angefangen? Als er das Hausboot verkaufte? Als er diesen Job annahm? Bei seiner Scheidung? Als er aus dem Altbau auszog? Aber das waren doch alles Sachzwänge! Er konnte doch nie anders! Oder?
Manfred wurde bewußt, dass sein Leben genauso leer war wie das der ganzen Hüllen hier im Restaurant. Die ganze Traurigkeit seiner beschissenen Existenz wurde ihm bewußt. 7 lange Jahre.
Manfred kennt das Gefühl. Jeder hier kennt es. Und alle sind stark genug, es beiseite zu schieben und nicht drüber nachzudenken. Weiterleben als Sieg der Hoffnung über die Vernunft.
Ein Paar betritt das Restaurant, was nicht hierher gehört. Sie sind elegant gekleidet wie alle hier und sie sind Geschäftsleute, das merkt man. Sie bestellen teures Essen und trinken edlen Wein. Wie alle hier. Aber irgendwas ist anders. Sie sind nicht so seriös, nicht so stylish, nicht so kalt. Seine Augen strahlen, wenn er sie anschaut und ihr Lächeln ist echt. Man spürt etwas zwischen ihnen.
Als Manfred ein langsames romantisches Lied spielt, fangen die beiden an ineinander verschlungen zu tanzen. Einfach so, in einem Restaurant. Und das Schlimme ist: Sie denken nicht mal daran, dass man sowas einfach nicht macht. Jeder der sie betrachtet, die ganzen pikierten Gäste, jeder spürt: Es ist ihnen egal. Sie tanzen. Sie lieben sich. Sie lieben die Musik. Sie lieben das Leben.
Manfred liebt seinen Job.
(c) by Joerg Erdmann (webmaster@joerg-erdmann.de), Wiedergabe und Vervielfältigung nur mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis.
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