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In
der Bibel des Zitatensammlers, Büchmanns »Geflügelten Worten«, kommt
Goethe auf etwa die gleiche Seitenzahl wie sein Dichterfreund Schiller.
Das ist verwunderlich. Schließlich wurde Schiller nur 45 Jahre alt,
Goethe dagegen 82: Immerhin standen Goethe mehr als doppelt so viele
Schaffensjahre zur
Goethes Werk sperrt sich offenbar dagegen, als Zitat vereinnahmt und
eingesperrt zu werden in einem vielleicht leeren Pathos des Zitats.
Während die Worte von Schillers Idealismus in jede Richtung ge- und
missdeutet werden kann und zu jedem Zweck ge- und missbraucht werden
kann, ist der Realismus Goethes in der unmittelbaren Anschauung verankert.
Trotzdem - oder gerade deswegen - ist Goethe der Klassiker der deutschen
Literatur schlechthin. Goethe ist zu einer Symbolgestalt man könnte
auch sagen: Kultfigur der deutschen Geistesgeschichte geworden.
Doch hinter dieser Symbolgestalt droht das Bild des Menschen Goethe
zuweilen zu verblassen. Jugendzeit.
Frankfurt (1749-1771) Goethe
wurde am 28. August
1749 als Sohn des Juristen und Stadtschultheißen Johann Caspar Goethe
(1710-1782) und seiner Frau Katharina Elisabeth (geb. Textor, 1731-1808)
in Frankfurt am Main geboren. Goethe wuchs in einem vermögenden und
kultivierten Elternhaus auf und erhielt Privatunterricht von Hauslehrern.
In seiner Jugend wurde er Augenzeuge bedeutender historischer Ereignisse,
wie der Unruhen des Siebenjährigen Krieges und der Krönungsfeierlichkeiten
für Joseph. II.
1764. Bereits in frühen Jahren traten die intellektuellen, dichterischen
und schauspielerischen Begabungen Goethes hervor, der jedoch auf Wunsch
des Vaters die juristische Laufbahn einschlug und 1765 bis 1768 in
Leipzig Rechtswissenschaften studierte. In
philosophischen und literaturgeschichtlichen Vorlesungen (u. a.
bei Christian Fürchtegott Gellert und Johann Christoph Gottsched)
kam er außerdem mit Gedankengut und Poetik der Aufklärung und Empfindsamkeit
(Lessing, Klopstock) in Berührung und nahm Unterricht bei Adam Friedrich
Oeser, dem Leiter der örtlichen Zeichenakademie und Freund Johann
Joachim Winckelmanns. 1765
nahm er das vom Vater bestimmte Jurastudium an der Universität Leipzig
auf. In diese Zeit fällt erste
wichtige erotische Begegnung (mit Käthchen Schönkopf, der Tochter
seiner Wirtsleute), außerdem entstanden mehrere
Gedichte im Ton des Rokoko, erlebnisgeprägte Bekenntnislyrik und Oden
sowie dramatische. Versuche in den Formen des zeitgenössischen Theaters.
Eine lebensgefährliche Krankheit ab Juni 1768 zwang ihn zur Rückkehr
ins Elternhaus; Während seiner durch
Rückfälle verzögerten Genesung geriet Goethe unter den Einfluss der
Stiftsdame Susanna Katharina von Klettenberg, einer Freundin seiner
Mutter, die ihn zur Beschäftigung mit dem Pietismus anregte. 1770
erschienen seine ersten Gedichte in Buchform. Im
selben Jahr übersiedelte er nach Straßburg, wo er seine juristischen
Studien wieder aufnahm Straßburg bedeutete in vieler Hinsicht einen
völligen Neubeginn. Nicht nur dass er hier ernsthaft studierte (allerdings
nicht die wenig geliebte Juristerei, sondern vorwiegend Medizin und
Staatswissenschaft), nicht nur dass ihm der Anblick des
die Augen öffnete für die zu seiner Zeit noch verpönte gotische
Architektur in Straßburg lernte er auch Menschen kennen, die für
seine weitere Entwicklung von wegweisender Bedeutung waren: Johann
Gottfried von Herder, Johann Heinrich Jung-Stilling und Jakob Michael
Reinhold Lenz. Daneben
lenkte den Blick nun
auf Werke Shakespeare, Ossian und antiker Dichter (Homer, Pindar).
Am 4. August 1771 schloss Goethe sein Studium mit dem Grad
eines Lizentiaten der Rechte ab und kehrte nach Frankfurt zurück.
Die
Geniezeit: Sturm und Drang (1771-1775) Im
August 1771 eröffnete Goethe eine Kanzlei in Frankfurt, beschäftigte
er sich weiterhin intensiv mit der Literatur, so schrieb er bereits
1771 die programmatische Rede "Zum Schäkespears Tag" und
als ersten großen dramatischen Wurf die Urfassung des Götz von Berlichingen
mit der eisernen Hand. (gedruckt 1832).
1772
ging Goethe ans Reichskammergericht nach Wetzlar, um als Praktikant
seine juristischen Kenntnisse zu erweitern. Hier befreundete er sich
mit dem Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner und dessen
Braut Charlotte Buff. Seine Sympathie für Lotte steigerte sich zur
maßlosen Leidenschaft, so dass er bereits im September wieder nach
Frankfurt zurückkehrte, um die Spannungen nicht eskalieren zu lassen.
Diese Erfahrung einer aussichtslosen Liebe verarbeitet er in seinem
zweiten großen Werk, dem Roman Die Leiden des jungen Werther (1774).
Mit diesem Roman und dem Drama Götz von Berlichingen, das im selben
Jahr in der zweiten, überarbeiteten Fassung erschien, erreichte der
erst 24-jährige Goethe der mit einem Schlag
literarischen Ruhm. Nicht minder berühmt wurden seine Hymnen
aus dieser Zeit, (Wanderers Sturmlied,
Prometheus, Ganymed, An Schwager Kronos), die das Lebensgefühl
des Sturm und Drang widerspiegeln. 1774
verlobte sich Goethe mit Lili Schönemann, der sechzehnjährigen Tochter
eines Frankfurter Handelsherrn. Obwohl die Verbindung anscheinend
sehr glücklich war, fürchtete Goethe die Enge eines bürgerlichen Lebens
in häuslicher Glückseligkeit. Er suchte
der bedrängenden Situation auf einer Reise in die Schweiz zu entfliehen
und löste 1775 schließlich die Verlobung. Das
erste Weimarer Jahrzehnt (1775-1786)
Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein, wo er mit nur einer
längeren Unterbrechung, seiner Italienischen Reise bis zum Ende
seines langen Lebens blieb. In der kleinen Stadt mit ihren 6000 Einwohnern
versammelte Herzogin-Mutter Anna Amalia, die Mutter des gerade mal
achtzehn Jahre alten Herzogs Karl August, zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten
des deutschen Geisteslebens. Neben anderen Intellektuellen der Zeit,
hatte sie schon Christoph Martin Wieland
als Prinzenerzieher an ihren Hof gezogen. In literarischen
Gesprächsrunden, musikalischen Zirkeln und dergleichen bot sich dort
ein Begegnungsfeld des aufgeklärten Adels mit dem gebildeten Bürgertum,
das in dieser Art einmalig in Deutschland war. Nach der Ankunft Goethes,
der rasch zum hohen Staatsbeamten aufrückte (1776 Geheimer Legationsrat,
1779 Geheimer Rat, 1782 Leiter der Finanzkammer), sollte sich die
künstlerisch-wissenschaftliche Geselligkeit der Stadt umso reicher
entfalten.
Goethes nach anfänglichen Vorbehalten gefasster Entschluss, in Weimar
zu bleiben, wurde nicht zuletzt durch seine Bekanntschaft mit Charlotte
von Stein gefördert, Die Begegnung mit ihr war für die persönliche
Entwicklung Goethes das bedeutendste Ereignis dieses Lebensabschnitts.
Unter dem Einfluss der sieben Jahre älteren, hochkultivierten Hofdame
streifte er viel vom Genie-Gehabe seiner Sturm-und-Drang-Phase ab.
Er löste sich vom rigorosen Subjektivismus seiner Jugend und setzte
an seine Stelle das Ziel einer gemeinschaftsdienlichen Humanität. Seine
Aufgaben und Pflichten wurden unterdessen immer größer, so übernahm
er u. a. die Oberaufsicht über den Ilmenauer Bergbau, der sein
Interesse an mineralogischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien
wieder aufleben ließ (Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären,
1790; Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochnes 1784). Doch
wiederum kündigte sich eine seelische Krise an - wohl weil Goethe
spürte, wie er seine Kräfte zwischen Verwaltungsarbeiten und dem oberflächlichen
Hofleben verzettelte. Auch die Aussichtslosigkeit seiner Beziehung
zur Frau von Stein machte ihm seinen Aufenthalt am Hof zunehmend unerträglich.
So bat er den Herzog um Urlaub auf unbestimmte Zeit und brach, ohne
selbst der Vertrauten Charlotte ein Wort über seine Pläne zu verraten,
am 3. September 1786 heimlich zu seiner großen Italienreise auf.,
die der Bildung und Erholung dienen sollte.
Italienische
Reise (1786-1788) Die Umstände dieser ersten italienischen Reise (1786-1788) sind ausführlich in den für Charlotte von Stein geführten Tagebüchern dokumentiert. Der Weg des Dichters, der inkognito als Maler Möller reiste, führte zunächst über den Gardasee und Verona nach Vicenza, wo er die Bauten Andrea Palladios bewunderte. Nach kurzen Aufenthalten in Padua, Venedig, Bologna und Florenz erreichte er im Oktober Rom, sein eigentliches Ziel. In Italien, wo er sich wie er selbst sagt zum ersten und einzigen Mal wirklich zu Hause fühlte, beeindruckte ihn vor allem die Antike; Kunst und Architektur der Renaissance und des Barock beachtete er kaum. Goethe
zeichnete in Italien viel und pflegte intensiven Umgang mit den dort
lebenden deutschen Malern, vor allem mit Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
und mit der zu ihrer Zeit hochberühmten Angelika Kauffmann. Naturwissenschaft
und Literatur vergaß er dabei allerdings nicht: In Palermo glaubte
er, die Ur-Pflanze entdeckt zu haben, daneben widmete er sich seine
literarischen Projekten (Egmont, Tasso,
Faust, Iphigenie). Das südliche Klima, die reichen Kunstschätze und
das freie Ausleben seiner künstlerischen Neigungen ließen Goethe diese
Reise als Wiedergeburt und sonderbare Hauptepoche seines Lebens erfahren.
Weimar,
zweite Phase. (1788 - 1794) 1790
veröffentlichte er die abgeschlossene Erstfassung des Faust (Faust.
Ein Fragment) und reiste erneut nach Italien, um die Herzogin-Mutter
Anna Amalia von dort nach Weimar zurückzubegleiten. Diese zweite Italienreise
(Bozen, Verona, Venedig) stand im Zeichen ausgiebiger Kunst- und Naturstudien
und war belastet von der zeitweiligen Trennung von Christiane und
seinem Sohn August. Seine Aufgaben als weimarischer Staatsbeamter
konzentrierten sich nach seiner Rückkehr vor allem auf die künstlerischen
und wissenschaftlichen Belange. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildete
die Universität Jena; besonders aber entsprach seiner Neigung das
Amt des Direktors des 1791 gegründeten Weimarer Hoftheaters, das er
zu einer der führenden Bühnen in Deutschland machte. 1792
erlebte er als Begleiter Karl Augusts den 1. Koalitionskrieg
(1792-1797) der Österreicher und Preußen gegen die Franzosen, die
ihre revolutionären Ideen jetzt kriegerisch durchzusetzen versuchten,
und wurde Augenzeuge der Kanonade von Valmy. Goethe war sich nach
eigener Aussage bewusst, dass hier eine neue Epoche der Weltgeschichte
anbrach, doch sah er die französische Revolution - anders
als Wieland, Klopstock, Herder oder Schiller - von Anfang an mit
Skepsis: Sie widersprach seiner Idee von einer allmählichen Entwicklung
in Natur und Geschichte. Ende 1793 begann eine fünf Jahre andauernde Phase intensiver Homer-Studien, während der er Teile der Ilias und Odyssee übersetzte. Das
Jahrzehnt mit Schiller (1794-1805) 1794.
Zwanzig Jahre waren vergangen, seit Goethes Werther im Druck erschienen
wat, und so viel er inzwischen auch geschrieben hatte, kaum mehr etwas
war wieder wirklich populär geworden, und vergleichsweise Weniges
davon ist später in den Kanon der klassischen Literatur eingegangen.
Seine naturwissenschaftlichen Forschungen, die trotz origineller Ideen
und frappierender Funde letztlich Dilettantismus blieben, haben ihn
viel Kraft und Zeit gekostet. Jetzt aber geschah etwas, das nur vergleichbar
ist mit Goethes Herder-Begegnung in Straßburg: Er lernt Friedrich
Schiller kennen.
Das heißt, flüchtig gekannt hatten sie sich schon seit einigen Jahren
von einer kurzen Begegnung in Jena, doch mochten sie einander nicht
besonders. Doch eines Tages, im Anschluss
an eine Tagung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft am 20. Juli
1794, kamen sich die beiden Dichter in einem Gespräch näher.
Schiller war 35, also zehn Jahre jünger, hatte u. a. mit Die Räuber
und Kabale und Liebe seinen persönlichen Sturm und Drang nachgeholt,
war dann durch die Lektüre Kants zu einer inneren Wandlung gelangt;
er war, viel mehr als Goethe, ein philosophischer Kopf. Schiller ging
von der Idee aus, Goethe kam von den Anschauungen her. So waren sie
diametrale Gegensätze, konnten sich aber gerade dadurch ergänzen.
Schiller war fortan ein häufiger Gast in
Goethes Haus und übersiedelte 1799 ganz nach Weimar. In der Zusammenarbeit
der beiden Dichter entwickelte sich der an Antike und Renaissance
orientierte Stil der Weimarer Klassik.
Ein Jahrzehnt dauerte diese Zusammenarbeit, in der Goethe und Schiller
ihre klassische Ästhetik in gegenseitiger Befruchtung entwickelten,
eine Ästhetik, die ein Jahrhundert lang in Deutschland die Geister
beherrscht hat. Auch wo neue Positionen gesucht wurden zuerst in
der Romantik geschah dies immer in Auseinandersetzung mit den Weimarer
Dioskuren. Mit dem Tod Schillers im Mai 1805 endete jäh diese fruchtbarste
Phase in Goethes Leben. Er bedeutete eine
schmerzliche Zäsur. Weimar,
letzte Phase. (1805-1832) Von
Mai bis Oktober 1815 unternahm Goethe eine ausgedehnte Reise durch
das Rhein-, Main- und Neckargebiet, auf der er mit zahlreichen Persönlichkeiten
des politischen und geistigen Lebens Bekanntschaft schloss (Freiherr
vom Stein, Joseph von Görres, Wilhelm und Jakob Grimm, Johann Peter
Hebel u. a.).
Wieder verliebte sich der alte Goethe in Marianne von Willemer, die
Tochter eines Frankfurter Bankiers. Wer glaubt dies sei seine letzte
Geliebte des Greises gewesen, irrt: Sie galt der neunzehnjährigen
Ulrike von Levetzow, die er 1823 in Marienbad kennenlernte Mit
fortschreitendem Alter zog sich Goethe vom literarischen Betrieb und
vom Weimarer Gesellschaftsleben zurück (1827 Niederlegung der Hoftheaterleitung),
widmete sich seiner umfangreichen naturkundlichen Sammlung und brachte
eine Werkausgabe letzter Hand auf den Weg, die 1827 bis 1830 bei Cotta
erschien. Der (gemäß seiner Weisung erst 1832 postum veröffentlichte)
zweite Teil des Faust und die Fortsetzung des Wilhelm-Meister-Komplexes
mit den Wanderjahren (begonnen 1807, erschienen 1821-1829) haben die
offene Form sowie die Ereignis-, Stoff- und Motivfülle gemeinsam.
Goethes letzte Lebensjahre sind erfüllt von der Arbeit an Wilhelm Meisters Wanderjahren, der Italienischen Reise, seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit, vor allem aber an Faust, der Tragödie zweiter Teil, den er 1831 abschloss. Ihn wollte er als sein poetisches Vermächtnis ansehen. Mein ferneres Leben, sagte er zu Eckermann, kann ich nunmehr als reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue. Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Haus am Frauenplan und wurde an der Seite Schillers in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.
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